„…vom LKW übersehen“ – Ride of Silence erinnert an getötete Radfahrende im Straßenverkehr

Am 3. Mittwoch im Monat Mai findet der Ride of Silence statt. An diesem Tag gedenken Radfahrerinnen und Radfahrer den im Straßenverkehr getöteten Radlerinnen und Radlern. Am 16.05.2018 waren es in Dortmund rund 20, in Essen rund 70 Teilnehmer-/innen. Beim Anblick der Ghostbikes, die an den Unfallstellen aufgestellt werden, kamen mir einige Gedanken, die ich im folgenden formuliere.

„Radfahrer(in) vom LKW übersehen“, diesen Satzteil mußte man in den vergangenen Monaten sehr oft in Polizeiberichten lesen. Beim Rechtsabbiegen hat der Radverkehr zwar oft grün an der Ampel, doch der abbiegende LKW-Fahrer denkt wohl oft gar nicht daran, dass nicht nur der motorisierte Verkehr abbiegen will. Der „Tote Winkel“ wird oft als Ursache aufgeführt. Ob dieser aufgrund fortgeschrittener Technik wie z. B. Abbiege-Assistenten noch existiert, darf bezweifelt werden.

Fakt ist: jede-/r tote Radfahrende ist eine und einer zuviel! Die Politik ist dringend aufgefordert, Abbiegeassistenz-Systeme gesetzlich vorzuschreiben – denn daran wird in vielen Speditionen und Fuhrunternehmen gespart. Freiwillig läßt kaum jemand sowas einbauen. Ah und da wären noch die zusätzlichen Spiegel, die man benutzen kann – oder sind die dafür am Fahrzeug, dass der Beifahrer und Fahrer jeweils seine Schönheit im Spiegel bewundern kann?

Auch wenn jeder Unfall wütend macht: Bis auf die Unfallflüchtigen wird es keinem LKW-Fahrenden egal sein, dass sie oder er einen Radfahrenden totgefahren hat. Es wäre zu einfach, nur die Bestrafung des motorisierten Verkehrsteilnehmers/der Verkehrsteilnehmerin zu fordern.

Ansprache von Norbert Paul von VeloCityRuhr an der Kreuzung Mallinckrodtstraße/Schützenstraße in Dortmund. Hier wurde ein 11-jähriger Schüler im November 2017 durch einen rechtsabbiegenden LKW getötet.

Im Februar 2018 starb eine 13-jährige Schülerin in Essen… in ganz Deutschland sind schon mehrere radfahrende Kinder getötet worden. Es verwundert, dass noch niemand deshalb auf die Straße ging, um zu protestieren. Wenn man sich die Empörung und Wut bei einer Straftat wie Kindesentführung ansieht… was dem Täter (meist, nicht immer männlich) an den Hals gewünscht wird und mit welchem Druck die Ermittlungsbehörden zurecht kommen müssen… Die Niederlande wären heute noch ein Autoland wie Deutschland, wenn nicht einmal die Eltern protestiert hätten: „Stoppt das Morden unserer Kinder!“ Damit wandten sie sich gegen das Verhalten der motorisierten Verkehrsteilnehmer-/innen.

 

Fakt ist auch: indirekt wird in vielen Polizeiberichten den Geschädigten eine Mitschuld gegeben. Das ist nicht nur unverschämt, das ist ein Skandal. Victim blaming – es beschämt die, die ohnehin am meisten zu leiden haben. Es heißt dann oft, die verletzenden Radfahrenden wären nicht aufmerksam genug gewesen oder hätten keinen Helm getragen – letzteres ganz unabhängig davon, welches Körperteil verletzt wurde. In den Niederlanden werden deutsche Radfahrende mit ihren Styropor-Halbkugeln zu Recht ausgelacht. Wann, WANN ENDLICH geht das in die Hirne der Deutschen ein, dass Fußgänger-/innen und Radfahrer-/innen mehr Platz brauchen, und nicht der Autoverkehr noch eine Spur u.a. bekommt??? Wenn mehr Platz ist neben einem abbiegenden LKW ist, kann der/die Radfahrende weiter rechts fahren und wird somit von vornherein eher von den LKW-Fahrenden wahrgenommen.

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An der Bornstraße in Dortmund: Ghostbike für einen 58-jährigen Radfahrer. Mahnmal für alle Verkehrsteilnehmer-/innen.

Man kann dazu auch einwenden: Warum Abbiegeassistenten in LKWs als gesetzliche Vorgabe wollen, anstatt gleich ein Fahrverbot für LKWs in den Städten fordern?

Die Schwierigkeit ist: ein Supermarkt, der in der Innenstadt oder im Umkreis der Innenstadt ist, läßt sich schlecht mit noch sovielen Lastenrädern und Anhängern beliefern. Ganz ohne die LKWs wird es nicht gehen – sehr wohl aber mit den technischen Einrichtungen, die auf Radfahrende und Fußgänger* aufmerksam machen. Und auf einen großen Markt „auf der grünen Wiese“ vor der eigentlichen Stadt, den man mit dem Rad nur schlecht erreichen kann, den will kein radfahrender Mensch haben.  Außerdem braucht es bei jedem motorisiertem Verkehrsteilnehmer* ein Bewußtsein für den Radverkehr: wenn man mit einem Zweirad rechnet beim Abbiegen, verhält man sich anders.

Das wahre Problem in den Städten, vor allem im Bereich in und um die Innenstadt ist der MIV, der motorisierte Individualverkehr Sie verstopfen die Wege und parken alles zu. In der Betenstraße kommt es oft zu Stau, weil ein Parkplatz für die Blechkiste gesucht werden muß. Oftmals sitzt nur 1 Mensch in einem Viersitzer oder gleich einem SUV. Auch Jeeps bis zu diesem furchtbaren „Hammer“ oder wie das Fabrikat heißt, war schon in Dortmunds Innenstadt zu entdecken. Wäre der Autobesitzer gerade anwesend gewesen, als ich sein Monster passierte, hätte ich ihn gefragt, in welchen Krieg er denn ziehen wollen. Pardon, aber sowas hat nur was im Militärbereich, nicht im Privatbereich verloren!

Und wollen nicht Autofahrer-/innen auch gute Luft zum Atmen? Leider fällt niemand sofort oder bald tot um, nachdem die Stickoxide eingeatmet wurden. Sonst würde die Politik sofort handeln, anstatt wie der Bundesverkehrsminister (be)Scheuer(t) der Autoindustrie erneut in den Arsch zu kriechen. Niemand kann sich schließlich eine Glasglocke über den Kopf stülpen. Auch der Bundesverkehrsminister nicht.

Ah ja, und bevor jetzt das Protestgeschrei losgeht, von wegen, man würde in seiner/ihrer persönlichen Freiheit beschränkt, wenn Fahrverbote erlassen werden: Auch die Autofahrenden haben was davon: Wenn weniger Autos auf den Straßen sind, gibt es weniger Stau und bessere Luft. Wenn der Nahverkehr ausgebaut wird, wird er attraktiver für die Alltagswege. Wenn die Radfahrenden mehr Platz bekommen – was natürlich auf Kosten des Autoverkehrs geht – gibt es weniger Autos auf den Straßen, also auch weniger Stau. Und wenn die Verkehrsinfrastruktur für Radfahrende besser wird, dann wagen sich mehrere Leute für ihre Alltagswege zur Arbeit, zum Kindergarten, zur Schule etc. auf das Rad – weil sie sich sicher fühlen können. Es geht NICHT um den Ausflugsverkehr mit dem Rad am Sonntag oder in den Ferien, es geht um die täglichen Wege, die jede-/r von uns zurücklegt.

Als Radfahrerin könnte ich übrigens jeden Tag in Protestgeschrei ausbrechen: Radwege sind zugeparkt, voller Müll, v.a. Glasscherben, Wege sind zu schmal oder voll von Schlaglöchern. Stattdessen soll ich mein Maul halten und „um die Falschparker herum“ fahren. Blöd nur, dass das „mal schnell ausschwenken auf die Fahrbahn“ gefährlich ist.  Seltsam, wenn man  aus dem vorbeifahrenden Auto heraus angeschrieen wird, man solle auf dem Radweg fahren (den es oft nur theoretisch auf Schildern gibt). Wenn das so ist: demnächst gebe ich Autofahren auch Anweisung, wie sie zu fahren haben. Die werden sich bestimmt freuen – haha.

Es geht mir nicht darum, eine Gruppe, in diesem Fall die motorisierten Verkehrsteilnehmer-/innen zu hassen. Es geht auch nicht darum zu sagen: Radfahrende sind die besseren Menschen. In jeder Gruppe der Gesellschaft gibt es Idioten und Idiotinnen. Radfahrende sind keine Engel, Autofahrer-/innen auch nicht. Es geht darum, dass die Städte endlich aufhören, eine Autostadt zu sein und den Menschen wirklich Lebensraum sind. Den Dreck machen nunmal die motorisierten Fahrzeuge – deshalb muß der MIV (nicht Einsatz- und Lieferfahrzeuge) RAUS AUS DER STADT.

 

Beim Ride of Silence am 16.05.2018 wurde ein neues Ghostbike in Lünen aufgestellt. Zahlreiche Teilnehmer-/innen, die nicht mit der Gruppe Radfahrender aus Dortmund gekommen waren, zeigen das Interesse an diesem traurigen Ereignis.

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„Sie sind gerade verstorben.“

Eine quadratisch aufgestellte Tischreihe, dahinter Menschen, die einer Pressekonferenz gleich zum Publikum in der Mitte sprechen. „Wir müssen Ihnen mitteilen, dass Sie gerade gestorben sind.“ Wichtig wirken sie, die Sprecherinnen und Sprecher, wenn auch nicht hochmütig.

Ein absurder, deshalb lustiger Satz. Wer tot ist, bekommt doch nichts mehr mit. Oder doch? Was geht hier vor? WO sind wir hier eigentlich?

Nur 1 Stunde dauert das Theaterstück After Life von Thorsten Bihegue, gespielt vom Dortmunder Sprechchor. Die Begrüßung „Sie sind gerade verstorben“ ist absurd und verwirrend,  das „Firmenlogo“ After Life wirkt grotesk. Was ist das für eine seltsame Gemeinschaft, die hier die Neuankömmlinge = das Publikum begrüßt? Was ist das für ein Ort, an dem es keine Liebe und keine Angst mehr gibt? Ein luftleerer Raum wie das Weltall, nur ohne Weltraumschrott?

After Life ist nach einem Film entstanden, dessen eingeblendeten Namen und Regisseur ich vergessen habe. Name dropping ist nun auch unwichtig. Wichtig sind die Erinnerungen, die man mit ins Jenseits nimmt; wer keine hat, der muß an dieser seltsamen „Firma“ After Life teilnehmen, die alles firmenartige inne hat: eine Frauenbeauftragte, ein Fundbüro, und – Besonderheit: jemand, der die verlorenen Seelen aufsammelt, eine andere katalogisiert die Träume.  Das ist berührend. Die Erinnerungen von 2 Personen werden erzählt. Und als Zuschauer-/in ist man nicht gelangweilt  oder genervt wie in der U-Bahn, wenn wildfremde ihre intimsten Dinge erzählen müssen, nach denen man nicht gefragt hatte. Das ist das ‚Faszinierende am Theater.

Niemand weiß, was nach dem Tod kommt. Umso wichtiger ist es, sich darüber Gedanken zu machen, was  danach sein könnte. After Life berührt auf besondere Weise: mehr nachdenklich als amüsiert bleibt man als lebende Theaterbesucherin zurück. Bei manchen Dingen reicht es, wenn man sich erinnern kann. Doch bei den Menschen, von denen man sich nicht verabschieden konnte und die zu früh gestorben sind – weil es die Familienmitglieder verweigerten oder Krieg und Verfolgung unmöglich machten- wünscht man sich die griechisch-antike Sage von Persephone und Demeter ins eigene Leben. Auch wenn es keine Wiederbelebung mehr geben kann: wenigstens einmal im Monat, überhaupt nur noch einmal ins Totenreich hinabsteigen können, um einem lieben Menschen Adé zu sagen. Um das zu erzählen, was man so gern gesagt hätte, was der grausige Tod aber verboten hat.

Denn im luftleeren Raum bei After Life zu sein, ohne Angst zwar, aber auch ohne Liebe…ohne Alterungsprozeß… auch das hält kein Mensch lange aus, ohne wahnsinnig zu werden.

Sehr positiv ist auch, dass das Thema Tod und Leben  in After Life abseits von religiösen Kontexten betrachtet wird.

Danke an das Theater Dortmund /Schauspiel für dieses Stück. Es ist toll, auch mal Laien, also Dortmunder Bürgerinnen und Bürger auf der Bühne zu sehen. Viel Handlung gibt es in After Life nicht – und dennoch wird es nie langweilig und man versteht den Text. Durch das Sprechen im Chor entfaltet sich eine ganz andere Wirkung: die Worte wirken deutlicher, wie mit Nachdruck gesprochen.

Die Website vom Theater Dortmund zu After Life : https://www.theaterdo.de/detail/event/19029/

 

 

Sehnsucht nach draußen

Dank des Klimawandels sind die die Winter wärmer geworden. Der Mensch ist eines der wenigen, wenn nicht das einzige Lebewesen, das so dumm ist, seinen eigenen Lebensraum zu zerstören.

Doch „wärmer“ heißt nicht, daß es für das Radfahren nun besser wäre im Winter. Im Gegenteil. „Wärmer“ heißt oft: einstellige Plusgrade und dazu Regen, kalter Regen. Früher war mit Sicherheit nicht alles besser, aber: bei minus 3 Grad Celsius läßt sich besser radfahren. Ich erinnere mich heute noch gerne an eine Radtour im Winter durch das Fürther Land in meiner alten Heimat in Mittelfranken/Nordbayern. Es lag Schnee, die Straßen waren aber frei, nur hier und da mußte man wegen Glatteis aufpassen. Und als Krönung war es auch noch ein sonniger Tag gewesen. Trockene Kälte läßt sich viel besser aushalten. Man muß sich gut einpacken, aber: dann friert man nicht mehr.

Anders bei dieser verfluchten Nässe, die heute immer wieder vom Himmel kam. Manche-/r mag einwenden: „Ja warum fährst du heute überhaupt Fahrrad?“ – Ganz einfach: weil ich Lust darauf hatte, endlich wieder richtig zu fahren und nicht wie im Alltag das nervige „Stop-and-Go“ im Straßenverkehr (der oft genug ein Kampf mit uneinsichtigen anderen Verkehrsteilnehmer-/innen ist) erleben zu müssen.

Außerdem hatte ich die letzten 3 Tage Film- und Videokurs gehabt. War interessant, wir hatten auch mal draußen gedreht, z. T. bei schönstem Wetter. Doch beim Rumstehen und Kamera einstellen, Set einrichten etc. frieren bald die Hände – und irgendwann auch mal der Rest.

Es sollte nur eine kleine Runde werden: Von der Jahrhunderthalle in Bochum zum Tetraeder in Bottrop. Ich fluchte, weil es schon bei Ankunft am Bochumer Hauptbahnhof regnete. Die netten Herren von der Radstation versorgten meine Reifen mit der nötigen Luft. Am Rathaus Bochum wartete ich unter dem Vordach den Regen ab (ersten Müsliriegel essen, für´s Mittagessen kochen & machen war noch keine Zeit gewesen).

Dann aber los auf die Erzbahntrasse!

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Schon von weitem hörte man laute Rufe, vermischt mit anderen Geräuschen. Spielte heute der VfL Bochum? Es hörte sich so an, als ob das Feiervolk direkt auf der Trasse unterwegs wäre… aber das Faschingsgedöns kam von der Ortschaft herüber, die man nur in der unmittelbareren Entfernung sieht (etwa auf der Höhe: wenige hundert Meter hinter der Erzbahnbude -diese ist auf dem Bild nicht mehr zu erkennen).

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Doch statt Feiern und „Gwerch“ (Menschenmassen und Gewühle auf den Straßen) genoß ich heute lieber tiefer gehende Gedanken…

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…und schaue links und rechts vom Weg, was dort ist.

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Und wie immer im Ruhrgebiet geht´s vorbei an Industriegebäuden. Das ist die Firma, die jetzt mit einem schon großen Stahlkonzern fusionieren wird. Die Gewerkschaftsmitglieder haben zugestimmt.

 

Die Erzbahntrasse wird – so habe ich es verstanden- dann zum EmscherParkWeg ab der Zoom-Brücke. Sie ist die weißfarbene Schwester der roten Erzbahnschwinge, die nach der Jahrhunderthalle Bochum die Gahlensche Straße überspannt. Hier an der Zoom-Brücke taucht das erste Mal der Wegweiser zum Tetraeder in Bottrop auf. Es ist seltsam, daß im „Radroutenplaner NRW“ keine Wegweisung über die Trassen erfolgt!

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Nach Bottrop geht´s aber unterhalb der Brücke entlang des Rhein-Herne-Kanals weiter… und leider mußte wieder Regen einsetzen. Richtig schön heftig. also Gamaschen wieder an… nach ca. 10 Minuten etwa war der Spuk wieder vorüber.

 

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Die Wegbeschaffenheit läßt, kaum hat man die Erzbahntrasse verlassen, sehr zu wünschen übrig… und das Rad wurde wieder schön dreckig.

 

Eine Rakete, auf deren Abflug man vergeblich wartet.

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Entlang des Kanals sieht man immer wieder Industrie oder Häuserbaustellen. Im Hintergrund auf dem linken Bild sind fertige Reihenhäuser zu erkennen – eines so  langweilig wie das andere. Wer will dort bitte so abgelegen wohnen?  Dagegen wirken die Backstein-Ruinen fast schön. Was das wohl mal war, direkt am Kanal?

 

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Im Hintergrund sehen Sie ungewollte Schleichwerbung verkehrt herum für einen Heizungshersteller. Das gehört zu den Impressionen am den Rhein-Herne-Kanal.

 

Bei aller ekelhaften Naßkälte sind die Lichtspiele des Himmels an diesem Tag beeindruckend. Überirdische Zeichen künden von der Zukunft….

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Auch wenn kein Regenschauer mehr einsetzte: die Füße waren nun wirklich kalt, die Hosenbeine trotz Gamaschen, die ich zeitweise auch mal abgenommen hatte, naß. Geradeaus am Kanal wäre ich wohl weiter nach Bottrop zum Tetraeder gekommen. Es nervte schon, daß ich diese Strecke nicht mehr schaffen würde. Bei Naßkälte kann jeder Kilometer eine Plage statt eine Freude sein. Also folgte ich dem EmscherRadweg weiter. Seltsam nur, daß dieser erst über eine Brücke (es muß in der Nähe der „Zoom-Erlebniswelt“ gewesen sein) und auf der andren Seite des Flusses wieder zurück führte. In Sichtweite war wieder ein Industriegebiet, Straßennamen waren aber leider nicht auszumachen. Nach ein paar hundert Metern aber sah man am Eingang des Industriegeländes Rad-Wegweiser. Kein Hinweis mehr auf den Tetraeder, der ist wohl nur über den Kanal erreichbar. Na gut, dann wird eben nach Gelsenkirchen gefahren… den Schwenk zum Nordsternpark sparte ich mir (gibt´s da was Sehens- oder Besuchenswertes?) und fuhr Richtung Innenstadt, mitten durch das „böse Blau“ des bestimmten Stadtteils hindurch.

Eine Brücke, die unter Denkmalschutz steht… wow. Straßenname: „An den Sumtener Brücken.“

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Es war leider kaum möglich, die Brücke im ganzen zu fotografieren….

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Ach ja, ein Radwegweiser führte direkt zum Stadion. Mir ist Fußball ziemlich egal, nur eins sei hier bemerkt: Ihr grausliges Bier können sie selbst trinken, die sogenannten „Blauen.“

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Auf der Fahrt durch Gelsenkirchen entlang der häßlichen, weil mehrspurigen Autostraße (Kurt-Schumacher-Straße) und Berliner Brücke, deren „gemeinsamer Rad- und Fußweg“ ein Witz ist, wurde ich erstaunlicherweise nicht wütend angehupt. Ich  kam vor der „Flora“ an. Dann kurz das MiR (www.musiktheater-im-revier.de ) gegrüßt… und dann nicht ganz zufrieden mit der S2 nach Haus gefahren. Wenigstens war ich heute mal für ca. 2 Stunden draußen gewesen.

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Die Emscher an den Sumtener Brücken in Gelsenkirchen.

 

 

 

Wenn der Ball nicht mehr rollt.

Diese Reportage ist eine Abschlußarbeit des Seminars „Narrative Darstellungsformen“ meines Studiums des Musikjournalismus an der TU Dortmund. Jede Reportage wurde unter dem Moto „anders leben“ gestaltet. Menschen, deren Alltag anders verläuft als wie es viele gewohnt sind, werden hier portraitiert.

Wenn der Ball nicht mehr rollt

Die Sporthalle der Martin-Luther King-Gesamtschule in Dortmund-Dorstfeld. Helles Neonlicht, graue Wände und eine Spielstand-Tafel „Heim – Gäste“ in Halle 1. Regelmäßig gibt es hier Sportangebote für Menschen mit Behinderung – so auch heute. In kleinen Gruppen reden Leute miteinander, begrüßen sich. Keine Eile, alles wird nacheinander erledigt. Eine Rollstuhlfahrerin regt sich über Taxifahrer auf, die den Rollstuhl beim Einladen in ihr Taxi kaputt machen würden. In der Ecke packt ein anderer seinen Badminton-Schläger aus und grummelt vor sich hin, dass jemand die Sachen auf seiner Tasche abgelegt habe. Manuel ist gerade erst mit seiner Mutter gekommen. Seine Augen stehen weit offen, die Hände zittern auch vor Aufregung.

Manuel hat eine sehr seltene Krankheit – die Muskelschwundkrankheit Tay-Sachs. Den Betroffenen lähmt sie nach und nach. Mit Sport und Willenskraft stemmt sich Manuel gegen sein unabwendbares Schicksal. Nicht einfach für einen ehemaligen Leistungssportler.

Noch vor ein paar Jahren sah alles anders aus. Manuel zeigt Fotos von damals: Ein Bild zeigt einen schlanken jungen Mann in weißen Hosen, Poloshirt und weißer Baseball-Cap. Er hält einen rechteckigen Gegenstand aus Metall in den Händen, die Trophäe des Gewinners vom Golf-Cup in der Region. Er lächelt in die Kamera. Mit dem Golfspiel hat es Manuel bis zu mehreren Meistertiteln gebracht.

Nachdem er das Golfspielen mit 18 Jahren aufgeben musste, hat er lange nach einem passenden Sport gesucht, denn: er wollte weitermachen: „Auch wenn ich nicht mehr laufen kann, musste es doch was für mich geben.“ Die Badmintion-Trainerin Petra Opitz hatte Manuel bei der Messe „RehaCare“ in Düsseldorf kennengelernt. Beim Rollstuhl- und Behindertensport in Dortmund-Dorstfeld trainiert er nun seit Oktober 2016 jeden Montagabend Badminton.

Gleich wird das Training losgehen. Ein „Fußgänger“ wie die Menschen, die keinen Rollstuhl brauchen hier genannt werden, schiebt ein Gestell mit kleinen Rollen vor sich her, darauf eine Schlägertasche. Er stoppt und montiert mit geschickten Griffen auf jede Seite des Gestells einen schräg stehenden Reifen. „Das ist der Sport-Rollstuhl. Der hat im Gegensatz zum Alltags-Rollstuhl eine größere Reifengröße, 26 bis 28 Zoll“ statt 24 Zoll. Und er ist wendiger und kippsicherer.“ Manuel stützt sich von seinem Alltags-Rollstuhl (auch „Rolli“ genannt) hoch und wechselt schnell und behände in den Sport-Rolli. Über dem Schoß wird ein Klettband festgeschnallt, damit der Spieler oder die Spielerin während des Spiels nicht aus dem Rollstuhl fallen kann.

Dann ertönt plötzlich die laute Stimme der Trainerin Petra Opitz. Die Unterhaltungen verstummen, Fußgänger-/innen und Rollstuhlfahrer-/innen setzen sich in Bewegung: Einmal rund herum in der Halle. Manuel atmet schwer, seine Hände versuchen, die Räder schneller zu bewegen. Nach ein paar Runden Aufstellung in einer Reihe: Auf Kommando von Petra Opitz sollen sich alle Sportler-/innen vor- und rückwärts bewegen. „Hey, ihr da vorne lauft in die falsche Richtung!“ Petra Opitz´ Stimme ist laut und fordernd. Die Schuhe der Fußgänger-/innen quietschen, Gesichter röten sich, ein paar Sportler-/innen atmen schwerer. Manche werfen den Kopf zur Seite, machen ein missmutiges Gesicht, andere wirken erwartungsfroh. Jetzt sind die Arme dran; auf Kommando ist je eine andere Armhaltung gefragt „..für Euer kognitives Training.“ sagt Opitz. – Eine Rollstuhlfahrerin grinst. „Wenn Petra die Leute knechten will, dann macht sie das“. Einige beginnen zu lachen.

In der Turnhalle werden nun mehrere Netze aufgespannt, sodass vier Spielfelder nebeneinander entstehen. Spielbeginn: Auf der linken Hallenhälfte spielen nur Rollstuhlfahrer-/innen, auf der anderen gibt es eine gemischte Besetzung. „Wir machen keinen Unterschied, warum jemand im Rollstuhl sitzt. Ob Schlaganfall, Querschnittslähmung, Muskelschwund, wir definieren uns über den Sport“, sagt Petra Opitz. Aber bei manchen Behinderungen frage ich mich schon, was der liebe Gott sich dabei gedacht hat.“ Bei Manuel hat ein Gen-Defekt die Tay-Sachs-Erkrankung hervorgerufen. Alle Fähigkeiten wie Gehen, Stehen oder Laufen funktionieren immer weniger, je mehr die Krankheit voranschreitet. Medikamente gibt es nicht, eine Heilung ist nicht möglich. Durch den Sport kann Tay-Sachs nur aufgehalten werden.

Verlauf, Diagnose und Symptome von Tay-Sachs sind nach ihren ‚Entdeckern‘ benannt. Der britische Augenarzt Warren Tay und der US-amerikanische Neurologe Bernard Sachs dokumentierten im Jahr 1881 bzw. 1898 erstmals dieses Krankheitsbild.

Von der Muskelschwund-Art „Tay-Sachs“ sind nur 13 Familien in Deutschland betroffen. Birgit Hardt vom Verein „Hand in Hand gegen Tay-Sachs und Sandhoff“ schätzt aber, dass es auch eine Dunkelziffer gibt. „Ich weiß von einem Fall in unserer Nähe, diese Leute wollen gar nicht mehr rausgehen. Die Ärzte dürfen uns nichts sagen… Und wenn man dann nur noch zuhause bleibt… dann ist eigentlich schon Ende.“ Sie und ihr Mann wollen ein bundesweites Netzwerk aufbauen, auf die se unheilbare Krankheit aufmerksam machen, aufklären, Lobbyarbeit betreiben. Eine „europäische Familienkonferenz“ hat es schon gegeben. „Wir wären fast in 2 oder 3 Studien reingekommen, aber: – sie macht eine Pause – wir sind zu wenige.“ Sie klingt verärgert. Der Biochemiker Konrad Sandhoff ist einer der wenigen, die Forschung zu den beiden Krankheiten Tay-Sachs und Morbus Sandhoff betreiben. Dazu hat er die Gehirne toter Kinder untersucht und 1968 das erste Mal dazu publiziert. In Nervenzellen des Kleinhirns fehlt ein Enzym, das, vereinfacht gesagt, die Zellen bei gesunden Menschen „reinigen“ würde. Weil bei Tay-Sachs- und Morbus-Sandhoff-betroffenen Personen dieses Enzym fehlt, bilden sich in den Zellen Ablagerungen, die Zellen sterben im Laufe der Zeit ab. Da das Kleinhirn für die Koordination des Bewegungsapparates zuständig ist, macht sich die Krankheit durch Lähmungen oder gestörte Bewegungsabläufe bemerkbar. Eine Behandlung ist auch deshalb schwierig, weil mögliche Medikamente die Blut-Hirn-Schranke überwinden müssten. Die Aktivistin Birgit Hardt und ihre Mitstreiter-/innen hoffen auf eine Gentherapie von Professor Tim Cox der Universität Cambridge, bei der Vektoren des Gens umprogrammiert werden sollen, damit es keine Mutation mehr gibt, bzw. diese keine Auswirkungen mehr hat. Frühestens im Jahr 2018 könnte es eine Behandlung gegen Tay Sachs oder Morbus Sandhoff geben.

Zurück in der Sporthalle der Martin-Luther-King-Gesamtschule Dortmund-Dorstfeld. Ein surrendes Geräusch, tock – tock – tock. Flink rollen die Rollstuhlfahrer dem Federball nach. Mit einer Hand am Rad, mit der anderen Hand am Schläger. Die Bälle fliegen höher und weiter – und die Spieler treffen. Es ist ruhiger in der Halle als am Anfang, die Sportlerinnen und Sportler konzentrieren sich, Spannung liegt in der Luft. Eine schnelle Drehung mit dem Rollstuhl – Peng! macht es auf dem Schläger. Die Rollstuhlfahrer in der ersten Hallenhälfte gehören zum Leistungskader der Rollstuhl-Badminton-Spieler. Sie werden am Wochenende zu einem Wettbewerb nach Hannover fahren, zwei der Sportler später sogar zu den Paralympics.

In der 2. Hallenhälfte geht es lauter zu; hier wird hauptsächlich zum Spaß und zur Freude an der Bewegung gespielt; im Doppel oder Einzeln. Jede-/r freut sich, mal ein Match zu gewinnen; aber am wichtigsten ist allen die Freude am Sport. Spieler kommentieren häufiger die Spielzüge, plaudern kurz miteinander. Manuel spricht kaum, sein Mund steht offen, die Augen aufmerksam nach vorne oben gerichtet, von wo der Ball kommt – doch dann landet das Spielgerät wieder neben seinem Rollstuhl. Seine Mitspielerin ermuntert ihn, weiterzumachen. Seine Mundwinkel gehen nach unten, er wirkt missmutig. Aufschlag, er schlägt den Federball gegen das Netz. „Komm, macht weiter, du schaffst das!“ Wieder Aufschlag. Er lächelt – und trifft den Ball.

Wer als Fußgänger-/in mit Rollstuhlfahrer-/innen Badminton spielt, sollte ein paar Dinge beachten: Rollis brauchen mehr Platz, um zu agieren. Nicht jeder Ball kann immer so leicht getroffen werden; man muss ertragen können, dass ein Ball daneben geht und somit ein Punkt verloren geht. „Wir sind ein Team und deshalb verliere ich auch mal mit dir“, fasst Trainerin Opitz die Verhaltensregeln für Fußgänger-/innen zusammen beim Badminton-Spiel zusammen.

Dann Rundlauf: Alle Spielerinnen und Spieler stellen sich in einer Reihe auf, auf jeder Spielfeldhälfte in gleicher Anzahl. Aufschlag, danach rennt der vorne stehende Spieler auf die andere Seite des Spielfeldes, stellt sich hinten in der Reihe an. Manuels Arme bewegen sich hektisch. Er versucht, pünktlich vorne zu sein, holt weit mit seinem Arm aus, um den Ball zu treffen. „Ihr lauft alle außen rum, nur Manuel darf unter dem Netz durchrollen.“ Und weiter geht’s! Petra Opitz feuert die Spieler-/innen an. Das Spiel wird schneller, manchmal wird auch gelacht, wenn man den Ball nicht trifft. Der zweite Rollstuhlfahrer ist flinker als Manuel.

Während des Trainings wechseln die Spielpartner das Feld. Jetzt spielt Trainerin Petra mit Manuel. Er zittert leicht. Petra sieht ihn freundlich und fordernd an, motiviert ihn. Der Ball fliegt zu Manuel, er hat offene, aufmerksame Augen. Tock – tock- tock – mindestens fünfmaliger Ballwechsel. Das Spiel läuft plötzlich flüssiger als vorher mit der anderen Spielpartnerin. Manuel grinst und lacht. Einmal reißt er die Arme in die Höhe: er hat gewonnen. „Noch 10 Minuten“ ruft die Trainerin. „Spielen wir noch eins?“ fragt Manuel. „Klar!“ Am Ende sagt er: „das geht ganz schön in die Arme. Aber es macht auch großen Spaß.“

Zu Hause stehen Manuels Beine anschließend o-förmig auseinander und zittern leicht. Manuel muss sich am Treppengeländer zur Haustür festhalten. Nur mühsam kann er die wenigen Treppenstufen hinaufsteigen, weil er die Knie nicht richtig biegen kann.. „Als das losging, war ich 18. Aber wir wussten noch nicht, was es eigentlich ist. Ich habe mich immer schwerer getan, zu laufen, habe dann Hilfsmittel benutzt. Mit 22 Jahren musste ich mir dann eingestehen, dass ich nicht mehr selbständig laufen und das Gleichgewicht nicht mehr halten kann.“

Eine lila Tischdecke, eine silberfarbene Schale mit Deko-Sternen, eine durchsichtige Kugelvase mit gelben Rosen. Gepflegt und ordentlich ist es hier, ein gemütliches normales Zuhause möchte diese Familie haben.

Am Tisch sitzen Manuel, seine Mutter und ein Gast. Schwarzes Ledersofa neben dem Tisch vor einer Fensterfront, die den Blick auf den Garten frei gibt. Ein großer LED-Fernseher, mehrere Glasvitrinen. In einer kleineren schmalen Vitrine an der Wand sind Golfbälle. Manuel strahlt, als sein Blick darauf fällt. Die Golfbälle sind seine Erinnerungen an gewonnene Meisterschaften.

Heute kann Manuel ohne jedes Hilfsmittel nur ein paar Schritte gehen, keinen Golfball mehr schlagen. Seine Mutter berichtet von der Schwierigkeit, von Ärzten überhaupt einmal ernst genommen zu werden. „Das geht soweit, dass sie dir vorwerfen, du würdest dir das alles nur einbilden.“ Sie macht eine wegwerfende Handbewegung. Seit ein paar Jahren haben sie nun eine Ärztin im Uniklinikum Essen gefunden, die Manuel „in die Forschung aufgenommen habe.“ Jetzt muss nur alle 3 Jahre eine CT- oder MRT-Untersuchung gemacht werden um zu sehen, was sich im Gehirn verändert hat. Die Untersuchungen in den ersten Jahren nach Ausbruch von Tay-Sachs waren schmerzhaft gewesen, Manuel hatte sich davor gefürchtet. Der Abbau im Körper ist nicht unbedingt schmerzhaft, geht aber schleichend und unaufhaltsam voran.

Von der Missachtung durch Ärzte kann auch Birgit Hardt vom Verein „Hand in Hand gegen Tay-Sachs und Sandhoff“ berichten. Das Ehepaar Hardt hat einen 8jährigen Sohn, der unter Tay-Sachs leidet. Wenn es bei Kindern in einer normalen Entwicklung vorwärts geht, läuft die Entwicklung bei Tay-Sachs-Kindern rückwärts. „Die Kinder wachsen normal auf, lernen Laufen, Sprechen und alles, was ein Kind sonst auch lernt. Mit drei Jahren ging es dann bei unserem Dario los; das Laufen ging immer schwerer, er konnte kaum mehr das Gleichgewicht halten, die Sprache wurde immer verwaschener.“ Birgit Hardt seufzt schwer, ist aber um Sachlichkeit bemüht. An der Sporthochschule Köln konnte Dario dann Übungen mit einer Vibrationsplatte, wie es sie auch in einem Fitnessstudio gibt, machen. „Das hat geholfen, seine Muskeln dennoch zu aktivieren. Und das ist der Grund, weshalb er heute noch laufen kann, auch wenn man ihn dabei an der Hand führen muss. Außenstehenden ist oft nicht klar, dass eine Behinderung beim Laufen nicht gleich Rollstuhlbenutzung heißen muss. „da werde ich von Passanten schon mal gefragt, wo der Rollstuhl sei.“ Man muss immer was tun.“ Sport ist wichtig – so wie beim Badminton-Spieler Manuel.

Drei Formen von Tay-Sachs sind bisher bekannt: die infantile, die juvenile und die adulte Form. Nach Ausbruch der Krankheit bleiben den Betroffenen nur wenige Jahre. Symptome können Epilepsie, Schluckprobleme und Erblinden sein, müssen aber nicht in ihrer Gesamtheit auftreten. Die infantile Form von Tay-Sachs tritt am häufigsten auf und beginnt schon im 6. Schwangerschaftsmonat. Die juvenile Form macht sich zwischen dem 2. und 5. Lebensjahr bemerkbar, je später Tay-Sachs auftritt, desto milder ist der Verlauf. Symptome wie Ataxie (fehlende Koordination der Bewegungen) und Schreckanfälle können auftreten. Seh- und Hörvermögen können erhalten bleiben, wenn dieser Muskelschwund nicht vor dem 5. Geburtstag ausbricht. Die adulte Form taucht meist mit Ende 20 auf.

Der Elektromotor surrt leise zu den Pedalbewegungen. Manuel sitzt auf einem Stuhl, vor sich ein Gestell das aussieht wie ein halber Ergometer, ein halber „Heimtrainer“ ohne Sattel und Sattelstütze. Die Füße stecken in einer Art Schalen, das sind die Pedale, die Füße mit Klettbändern festgeschnallt. Oben ist eine Art Lenker mit Geschwindigkeitsanzeige. „Damit trainiere ich die Beinmuskeln. 30 Minuten lang, einmal pro Tag. Radfahren kann ich nicht, da würde ich zu schnell aus der Puste kommen.“ Er sieht zufrieden aus, lächelt. „Diese Bewegung ist entspannend für mich.“ Keine Hektik mehr, keine Sorge, etwas nicht mehr rechtzeitig zu erreichen, keine Angst mehr, dass etwas nicht mehr gelingen könnte. Zu Hause ist Manuel gesprächiger als in der Turnhalle, spricht flüssiger, erzählt gerne von sich und seiner Familie. Durch seine Krankheit sind viele Freundschaften zu Bruch gegangen, manche haben ihn als Chauffeur für Discobesuche ausgenutzt oder gar „abgefüllt.“ „Solche Freunde brauche ich dann nicht. Ich habe derzeit auch keine Freundin, denn die müsste mich so akzeptieren, wie ich bin.“ In der Fachhochschule, wo er nun im 2. Semester Betriebswirtschaft studiert, sind die Leute höflicher, freundlicher und hilfsbereiter. Und vor allem nicht so oberflächlich.

Nebenan ist sein eigener privater Bereich. Auf den ersten Blick wirkt Manuels Zimmer wie das eines jeden jungen Menschen: Ein Bett, ein Schreibtisch in der Ecke, ein Fernseher, eine PlayStation auf dem niedrigen Schrank vor dem Fernseher. In einem Halbkreis aufgereiht stehen neben der PlayStation volle Cola-Dosen mit den Logos aller Bundesliga-Vereine. „Ich liebe Fußball. Nur RB Leipzig fehlt. Und ich bin BVB-Fan. Aber ich finde es mies, was der BVB mit den Behinderten macht. Wenn ich eine Karte wollte, müsste ich 10 Jahre warten.“ Behindertengerechte Zuschauerplätze im Westfalenstadion sind rar.

Auf der Fensterbank überraschen ein paar Deko-Äpfel in bronze-glänzender Farbe. Manuel lacht. „ich bin Apfel-Fan“ und zeigt sein Handy. Mit dem kann er auch den Fernseher und das Licht aus- und anschalten. Deko-Äpfel im Zimmer eines 25-jährigen sind schon was Außergewöhnliches.

Beim Sofa fehlen die Sitzpolster, darauf liegen mehrere Fernbedienungen, Kopfhörer und eine Tasse mit Naschzeug. Es ist der einzige unordentliche Platz im Zimmer. Nur eines ist außergewöhnlich: der 2. Rollator. „Damit ich den vom Erdgeschoss nicht immer mit hochnehmen muss.“ Weil Treppensteigen für Tay-Sachs-Betroffene sehr schwierig ist, benutzt Manuel einen Treppenlift. „Den mussten wir selbst bezahlen. Genauso wie das Trimm-Dich-Rad und das Ladesystem fürs Auto. Das ist eine Frechheit. Und dabei sind wir privat versichert.“ Sein Auto hat er so umbauen lassen, dass er ein elektrisch betriebenes Ladesystem für den Rollstuhl zur Verfügung hat und beim Fahren alle Hebel mit der Hand bedienen kann. Am Lenkrad ist ein Handknauf für sicheres Lenken, rechts daneben ein zusätzlicher Hebel. „Die Beine habe ich nicht mehr so gut unter Kontrolle, deshalb habe ich jetzt auch Handgas.“ Mit dem Auto fährt er zu den Vorlesungen in der Fachhochschule Dortmund. „Mit dem Zug kann ich nicht fahren, weil der Hauptbahnhof Dortmund nicht behindertengerecht ist.“ Seit Jahren fehlen dort die Aufzüge.

Der Kofferraum des Scoda Roomster ist fast voll. Ein Metallgestänge rechts, das ist Ladesystem, waagrecht das Gestell des zusammengeklappten Rollstuhls. Der Kofferraum ist mit dem Rollstuhl voll beladen.

Wenn Manuel unterwegs ist, braucht er den „e-motion-Rollstuhl.“ Der elektrische Antrieb erfolgt zu 70%, den Rest muss Manuel selbst bewältigen. Der Alltagsrollstuhl wird durch Austausch der Räder zum e-motion-Rollstuhl. „Der wiegt dann mal locker 60 Kilo. Deshalb brauche ich auch das Ladesystem am Auto.“ Seine Mutter wird nicht müde, sich über die Krankenkasse zu beschweren, was sie alles nicht genehmige. „Dabei hat die Professorin in Essen einige böse Briefe geschrieben.“ Sie sieht dabei ausdruckslos aus, der Ärger ist aber dennoch anzumerken.

Auch Parken sei ein Problem. Manuel hat den Ausweis für den Behindertenparkplatz, dennoch darf er sich oft dumme Bemerkungen anhören, ob er denn wirklich zum Parken berechtigt sei. Sie rege sich nicht mehr auf, sage nichts mehr, meint seine Mutter. Ihre Mundwinkel gehen nach unten. Manchmal könne man echt denken, es gäbe nur Idioten.

Manuel sitzt wieder am Tisch mit der lilafarbenen Tischdecke, die Falten wirft. Seine Mutter spielt mit dem Gast, den sie beruflich betreut, Karten. Manuels Alltag hat sich in den letzten Jahren stark verändert, der Alltag läuft nicht mehr so glatt und reibungslos wie vor dem Ausbruch von Tay-Sachs, aber er sieht nach vorn. Das Studium gibt ihm Zuversicht, dass es weitergeht, das Badminton-Spiel macht ihm Spaß. „Aufgeben werde ich nie. Und ich möchte so gern mal wieder im Stadion beim BVB sein.“ Das Leben: es geht weiter, auch wenn der Golfball nicht mehr ins Loch rollt.

Robert Gernhardt: Die Geburt. Weihnachten mal anders

Dieses Jahr wäre ein toller Autor 8o Jahre alt geworden:Robert Gernhardt. Im Gegensatz zu Eugen Roth sind seine Texte nicht nur witzig, sie haben auch keinen erhobenen Zeigefinger. Nichts wird moralisch überhöht und kritisiert, sondern mit feiner Ironie kritisiert. Das erfordert bei manchem und manchem natürlich etwas Denkleistung. Und Denken ist anstrengend, manch gewonnene Erkenntnis ist nicht unbedingt angenehm.

Ein Interview zu Robert Gernhardts Komik:

http://www.deutschlandfunkkultur.de/80-geburtstag-von-robert-gernhardt-komik-als-lustgewinn.1008.de.html?dram:article_id=403059

 

Auch zu WEIHNACHTEN hat sich Robert Gernhardt geäußert. Oder doch nicht? Bei dem vielen Kitsch ist das Gedicht „Die Geburt“ ein sehr gutes Stück Kunst und Lyrik. 😀

 

Die Geburt

Als aber in der finstern Nacht

die junge Frau das Kind zur Welt gebracht,

da haben das nur zwei Tiere gesehn,

die taten grad um die Krippen stehn.

 

Es waren ein Ochs und ein Eselein,

die dauerte das Kindlein soklein,

das da lag ganz ohne Schutz und Haar,

zwischen dem frierenden Ehepaar.

 

Da sprach der Ochs: „ich geb dir mein Horn.

So bist du wenistens sicher vorn.“

Da sprach der Esel: „Nimm meinen Schwanz,

auf daß du dich hintenwehren kannst.“

 

Da dankte die junge Frau, und das Kind,

empfing Hörner vorn und ein Schwänzlein hint.

Und ein Hund hat es in den Schlaf gebellt.

So kam der Teufel auf die Welt.

 

aus: Robert Gernhardt. Reim und Zeit. Gedichte. Reclam-Verlag, S. 103.

 

Wie ich mir Weihnachten wünsche

..und das nicht nur im Jahr 2o17.

Dieser Kommentar wurde auch in der Sendung „Heiligenmorgen“ am 24.12.2o17 von 9-12 Uhr auf eldoradio* UKW Dortmund 93.o und http://www.eldoradio.de gesendet.

Weihnachten? – Nein danke!

Schneebedeckte Hügel, kleine Häuschen in einem Tal, eine Kirche, geschmückte Weihnachtsbäume im und am Haus, so stellen sich viele Weihnachten vor. Dazu traditionelles Essen, meist Braten, viele Geschenke und alle sind freundlich und gut zueinander.

Störgeräusch

Aber so ist Weihnachten nicht. Erst recht nicht dort, wo ich aufgewachsen bin. „Zuhause“ ist das für mich schon lange nicht mehr.

Der Heiligabend lief jedes Jahr nach dem selben Schema ab:

Morgens aus dem eigenen Waldgrundstück einen Baum holen. Keine schöne Tanne mit weichen Nadeln, nein eine kratzige Fichte. „Picea abies“, wie das Kraut in der botanischen Fachsprache heißt, ist auch noch „Baum des Jahres 2017. Dieses häßliche Ding! Dann zuhause schmücken, Mittag essen… danach mußten wir Kinder ins Bett, weil das Christkind und meine Mutter in geheimer Mission im Wohnzimmer zugange waren. Um 17 Uhr war Pflichttermin: Gottesdienst. Und nicht nur einer.

Gut, das gemeinsame Schmücken vom Baum hat auch mir Spaß gemacht. Und sicher hat mir auch das eine oder andere Geschenk gefallen. Aber immer diese Gier, mit der sich alle auf die Geschenke stürzten, zum Kotzen. Und warum, warum immer so ein Theater ums Essen?  Wird hier für die Bundeskanzlerin gekocht?? -“Neeein, hier fehlt noch etwas Sahne!“ – „Spinnst du, da kommt doch kein Essig rein!“ – „Mußt du wieder die Tischdecke vollsauen?!“ – „nein, pass auf! Die Zuckerdose fällt gleich in die Schüssel!“ 

 Zum Essen daheim kamen immer noch die Verwandtenbesuche. Ständig ist man im Streß: weil man immer zum Gottesdienst rennen muß (und wehe, man kommt zu spät), weil man kochen und den Saustall in der Küche wieder aufräumen muß (und wehe, es bleibt auch nur ein Krümel Dreck auf der Arbeitsplatte) oder weil man selbst essen muß. Selbst freundlich vorgetragene Kritik  darf nicht vorgebracht werden: aber nein, niemals! Jedes noch so verbrannte oder einfach ungeliebte Essen (Rote Bete – bääääh!) muß gelobt werden. Ebenso dürfen Geschenke nicht zurückgegeben werden, auch wenn man die pinke Bluse am liebsten verbrennen würde.

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Weihnachten, das stelle ich mir anders vor. Weg von der Verlogenheit, daß alles immer perfekt sein muß. Weg von dem Zwang, zur Kirche zu gehen. Wenn man nicht mehr an den angeblich existierenden Gott glaubt: warum soll ich dann zur Kirche gehen? Nur, um auf dem Land „gesehen“ zu werden und „mein Ansehen“ zu wahren?

Mein Weihnachten würde so aussehen: im Freundeskreis sich treffen, gemeinsam essen. Das erfordert schon auch Organisation und Vorbereitung, aber wenn mal der Salat nicht so gelungen ist – dann wird das in der Runde zwar gesagt, aber es ist keine Katastrophe. Nach dem Essen muß auch nicht gleich hektisch aufgeräumt werden, weil am nächsten Tag schon die nächste Fressrunde – äh das Festessen mit den Verwandten ansteht. Stattdessen kann man einfach noch schön zusammen sitzen und sich unterhalten, Bier trinken. Echte Zuwendung, echter „Friede auf Erden“, wie er in der Weihnachtsbotschaft ständig herausposaunt wird, der ist dann möglich. Weil keine und keiner ständig mit Äußerlichkeiten beschäftigt sind. Und wer mag, der trifft sich am 2. Weihnachtsfeiertag zum Spaziergang oder einer kleinen Radtour. Das wäre mein Weihnachten.

Aber leider denken viele hier immer noch traditionell. Deshalb bleibe ich an Weihnachten alleine.

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Seit Jahren marode: die Rad-Infrastruktur im Stadtgebiet Dortmund. 1. Kinder- und Jugendsternfahrt macht auf Gefahren für Radfahrer-/innen aufmerksam.

Eigentlich war nur geplant, als Ordnerin bei der Jugendsternfahrt heute am Sonntag, den 10. September 2017 in Dortmund dabei zu sein. Was heute jedoch zu hören war, ist so sagenhaft, daß es eines Kommentars bedarf. Denn die getroffenen Aussagen sind so von Unwissenheit und Gedankenlosigkeit geprägt, daß es jeden vernünftigen Menschen verägert und wütend macht. Diese Aussagen wurden auch nicht von irgendwelchen zufällig befragten Passanten getroffen, sondern von Amtspersonen. Genau diese sollten sich eigentlich genauer überlegen, WAS  sie sagen. Unreflektiert oder einseitig irgendwas daherreden, das kann gerne am Stammtisch gemacht werden – aber nicht bei einer Kinder- und Jugendsternfahrt. Erwachsene haben immer noch eine Vorbildfunktion für die Heranwachsenden.

26 Räder wurden gezählt, schade, daß es nicht mehr waren. Auch waren mehr Erwachsene als Kinder dabei. Es hatte auch Zubringer-Routen gegeben, d.h. man trifft sich im Stadtteil an einem vorher bekanntgegebenen Punkt und ein-/e Tourenleiter-/in führt dann die Gruppe zum offiziellen Startpunkt. Schade, aus einigen Stadtteilen kam außer den Tourenleiter-/innen niemand mit. Der ADFC Dortmund hatte das ganze vorbereitet, die ADFC-Jugend war der Ausrichter dieser Sternfahrt. Für ihre Arbeit und Organisation an dieser Stelle ein Lob – allerdings wäre es sinnvoll, beim nächsten Mal über eine andere Vorgehensweise nachzudenken, wie man für die Sternfahrt wirbt. Allein die zeitweise dunklen Wolken waren heute nicht für die mangelnde Anzahl an Teilnehmer-/innen für die Sternfahrt verantwortlich. Es blieb während der gesamten Sternfahrt trocken.

Um 14 Uhr startete die Kinder- und Jugendsternfahrt der Radfahrjugend des ADFC Dortmund am Fritz-Henßler-Haus. Zu meiner Verwunderung fuhren 5 (später 6) Polizei-Motorräder mit, vorneweg ein Polizeiauto. Motorräder sind ja noch ok, weil es Zweiräder sind. Auch bei der Critical Mass in Nürnberg fährt die Polizei mit Motorrädern mit. Aber warum ein Polizeiauto vorne? Sehr glaubwürdig ist das nicht.  Warum fährt niemand von der Fahrradstaffel der Polizei Dortmund mit?

Auf Nachfrage wurde mir gesagt, daß die Fahrradstaffel nur 7 Beamt-/innen inne habe. Sie seien heute alle im Einsatz. Naja, das kann man als Zivilistin jetzt nicht nachprüfen. Polizisten und Polizistinnen auf Fahrrädern wären wesentlich glaubwürdiger und gleichberechtigte Teilnehmer-/innen gewesen. Bei der Critical Mass Essen vergangenen Herbst war die Fahrradstaffel auch mal dabei gewesen und hatte ein positives Fazit der Tour gezogen. Also, geht doch.

Während der Sternfahrt gab es am Hauptbahnhof, im Kreuzviertel am Theodor-Fliedner-Heim und am Jugendamt Aktionen und Kundgebungen. Die Jugendfeuerwehr zeigt die Rettung eines Verletzten, die Naturfreundejugend veranstaltete ein Quiz zum Wissen über Verkehrsregeln.Die Kinder- und Jugendsternfahrt soll auch Spaß machen und nicht nur Protest sein. Die Forderungen der Radfahrjugend stand auf Stoffbannern geschrieben und wurde von den Kindern und Jugendlichen an den einzelnen Stationen hochgehalten: „radfreundliche Ampelschaltungen,“ „Weg mit Pollern, denn sie zerstören Leben“ „gute Fahrradparkplätze statt Felgenbrecher“ u.a. war darauf zu lesen. Diese Forderungen der ADFC-Jugend können nur unterstützt werden. Aber werden sie von der Stadt Dortmund und der Polizei auch ernst genommen?

 

Und natürlich wurden alle diese Forderungen von den Verantwortlichen mit einem verständnisvollem Lächeln zur Kenntnis genommen; man sei ganz der Meinung der Kinder und Jugendlichen. Schöne Symbolpolitik. Toll.

Was danach von seiten der Polizei und später dem Jugendamtsleiter folgte, war jedoch sagenhaft: anstatt sich der Probleme des Radverkehrs WIRKLICH! anzunehmen, wurde wieder mit der unseligen Helmdiskussion begonnen. Ich habe eigentlich keine Bock mehr auf diese Diskussion. Ja genau! Wir Radfahrerinnen und Radfahrer haben diese verdammte Symbolpolitik, die nur an den Symptomen herumdiskutiert und nur punktuell Linderung bringt anstatt die Ursachen zu bekämpfen, gründlich satt!

Glauben Sie ernsthaft, Polizei und der Herr Jugendamtsleiter, daß ein Helm Kinder und Jugendliche – und auch die Erwachsenen – ernsthaft im Alltags-Radverkehr komplett schützt???

Sehen Sie nicht, wie schmal die Radwege sind, in welchem miesen Zustand (Oberfläche marode, Rillen, uneben wegen Baumwurzeln, verdreckt durch Glasscherben etc.)??? Merken Sie nicht, daß es diese schlechten Wege sind, die das Radfahren in Dortmund gefährlich machen?

Merken Sie nicht, daß dem Autoverkehr seit Jahrzehnten eine Vorrangstellung eingeräumt wird, sprich: dass die meisten Straßen nur für Autos gebaut sind und werden? Dass diese Vorrangstellung dazu führt, daß Autofahrer-/innen eine Narrenfreiheit verspüren und somit Radfahrer-/innen zu eng überholen, schneiden, unachtsam die Autotür aufreißen, so daß man dagegen fährt, die Fahrradwege so selbstverständlich zuparken, als ob es ein ausgeschriebener Parkplatz wäre???

DAS SIND DIE WAHREN URSACHEN FÜR DIE GEFAHREN, die radfahrende Kinder und Jugendliche in Dortmund bedrohen! Mit dem Tragen eines Helms kann man diesen Gefahren nicht begegnen.

Der VCD (Verkehrsclub Deutschland) macht ebenfalls darauf aufmerksam: https://www.vcd.org/themen/radverkehr/helmpflicht/

Andere Länder – ich glaube, eins ist sogar der direkte Nachbar des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen und hat noch eine Monarchie – lachen über uns Deutsche, die sich freiwillig eine häßliche Styropor-Kugel auf den Kopf stülpen. Dort trägt kaum jemand Helm, denn es ist schlicht und einfach nicht notwendig. Wer sich sicher auf der Straße und im Stadtverkehr fühlen kann weil sie oder er nicht befürchten muß, daß man vom Autofahrer (oder der Autofahrerin) wieder abgedrängt, aus dem offenen Fenster heraus beleidigt und angeschrien wird, der oder die braucht keinen Helm!

Wir Radfahrerinnen und Radfahrer wollen wie alle Bürger-/innen eine lebenswerte Stadt, bei der wir Zweiradfahrer ohne Motor gleichberechtigt sind. Ein Großteil von uns hat keinen Bock mehr, immer dem Autoverkehr das von den „Motorsportfreunden“ empfundende Vorrecht auf Platz und Existenz einzuräumen. Das Ende unserer Geduld ist ERREICHT. Nicht umsonst gibt es den Allgemeinen Deutschen Fahrradclub ADFC, die Initiative VeloCityRuhr, Bündnis RadFairkehr und IbikeNürnberg (beide letztere in Nürnberg ansässig), die Critical-Mass-Bewegung (> http://www.itstartedwithafight.de & http://itstartedwithafight.de/critical-mass-deutschland/ )

 

Wohlgemerkt: ich bin nicht gegen den Fahrradhelm an sich, aber dieses ständige, gebetsmühlenartige Verkünden des Helms als Allheilmittel gegen alle Gefahren für Radfahrerinnen kotzt mich gewaltig an. Den Kindern wurde heute ein völlig falsches Bild vermittelt: mit dem Helm allein bist du sicher. Eben nicht. Es sind die schlechten Wege, die Arroganz, die Aggressivität und die Ungeduld vieler Autofahrer-/innen, die Kinder und Jugendliche – und alle radfahrenden Menschen – in Dortmund und anderswo gefährden.

Ein Teilnehmer und Bekannter von mir trägt aus Überzeugung Helm – aber es fällt ihm nicht ein, mir ständig erzählen zu müssen, ich solle auch einen tragen. Fahrradhelm zu tragen ist die eine eigene freie Entscheidung – und keine Pflicht.

Es ist absolut nicht nachvollziehbar, weshalb bei der Station am Polizeipräsidium nur über der Helm als sinnvolles Mittel für Verkehrssicherheit angepriesen wurde. Die Krönung erfolgte dann noch dadurch, daß der Polizeibeamte Sch. die Angebote für Fahrradhelme bei Discounter-Supermärkten als preisgünstige Modelle empfahl. (Dass der Verkehrsunterricht für die Grundschüler-/innen zu erwähnen und zu würdigen ist, steht außer Frage).

Aha. Und die Polizeiuniformen werden bei C&A bestellt. Ich dachte bisher immer, daß der Polizeidienst körperlich so anstrengend sein kann, daß die Jacke und Hose mehr aushalten müßten als nur einen einfachen Schlag mit Händen oder Beinen. Die Polizei glaubt doch nicht ernsthaft, daß ein Helmmodell vom Discounter seinen Zweck – dem Schutz des Kopfes (und nur des Kopfes, nicht den Schutz von Armen, Beinen oder überhaupt des Körpers!)- erfüllen kann?!?

Es ist schon klar: die Polizei kann die Verkehrsinfrastruktur nicht zu einer radfreundlichen Umgebung machen. Das ist die Aufgabe der Stadtverwaltung. Was die Polizei aber tun kann: sich mehr – oder überhaupt! – sich mit den Belangen von Radfahrer-/innen befassen! Eine Teilnehmerin nahm das Angebot, Fragen an die Polizei zu stellen, an. Die Antwort auf ihre Frage war kurzsichtig und nur eine Ausrede. Sie war für einen begangenen Fehler von 2 Streifenpolizisten gemaßregelt worden. Dabei ging es nicht darum, daß sie ihren Fehler nicht einsehen wollte; es ging um die Art und Weise, wie die beiden Beamten mit ihr umgegangen waren: sie ließen die Radfahrerin, nachdem sie diese angehalten hatten nicht ausreden , hörten ihren Argumenten nicht zu, machten sie nur runter. Toll gemacht. So stärkt man das Ansehen der eigenen Behörde. Glückwunsch. Und dann noch Geldstrafe androhen. Man hatte grad den Eindruck, die beiden hätten Spaß an ihrer Maßregelung. Hätten die Beamten sich auch nur genauer die Stelle Kreuzung Bornstraße/Heroldstraße angeschaut hätten sie gemerkt, wie schlecht die Verkehrsführung für Radfahrer-/innen dort ist. Kein-/e! Autofahrer-/in würde es dulden, große Umwege fahren zu müssen! Auch wir Radfahrer-/innen haben das Recht, zügig und sicher zum Ziel zu kommen! Wehe es ist mal eine Umleitung… sofort beschwert sich ein Autofahrer. Und wir Radfahrer-/innen sollen das Maul halten. Nee, bestimmt nicht!

Sich die Verkehrsführung genau ansehen, das würde konkret heißen: breiterer, sicherer Übergang der Herolstraße über die Bornstraße für Fußgänger-/innen UND RADFAHRER-/INNEN. Genügend lange Ampelschaltungen damit man als Radfahrer-/in nicht unfreiwillig mit den manchmal sehr langsamen Fußgänger-/innen ins Gehege kommt. Wegen ein paar Schnarchnasen hat auch ein Radfahrer weder Lust noch Zeit, in der Mitte auf der Vekehrsinsel zusätzlich warten zu müssen. Und im übrigen sind wir nicht der emotionale Mülleimer für niemanden, auch nicht für Polizisten. Im o.g. Fall konnte man den Eindruck gewinnen. Es war wie ein Machtmißbrauch: anstatt sich mit der Sache wirklcih zu befassen, wird eine Radfahrerin beschuldigt. Dabei hat sie sich höflich verhalten – was von der Polizei ja gefordert wird. Leider war die Reaktion unverschämt, unhöflich und von Nichtwissen und Gedankenlosigkeit geprägt. Das erzeugt statt Achtung nur Wut für diese Polizeibeamten beim Bürger.

Es geht dabei nicht darum, die Polizei im gesamten zu diskreditieren. In anderen Situationen hat diese Radfahrerin und Bürgerin gute Erfahrungen mit der Polizei Dortmund gemacht.

Zwei Sternfahrt-Teilnehmerinnen und Erzieherinnen machten auf die miese Verkehrssituation an ihrem Arbeitsort, der Kindertagesstätte am Theodor–Fliedner-Heim, aufmerksam. Zu kurze Ampelschaltungen, Autofahrer-/innen, die sich nicht an Geschwindigkeitsbegrenzungen halten, gefährden das Leben nicht nur der Kinder (meist unter 3 Jahren), sondern auch die der Senioren im Theodor–Fliedner-Heim.  Seit 6 Jahren ärgern sich die Erzieherinnen schon über diese Verkehrssituation. Passiert ist bisher – nichts. Dabei sind Kinder (und Jugendliche) der Gesellschaft doch angeblich soviel wert: wenn die Nachricht einer Kindesentführung oder gar Mord die Runde macht, ist die Welle der Empörung groß, die/der Täter-/in muß gar Morddrohungen fürchten. Die Gefahr, von einer Blechkiste getötet zu werden, wird offensichtlich stark unterschätzt….

An der Station beim Jugendamt war zu bemerken, daß der Leiter dieses Amtes zwischen Alltags- und Reiseverkehr mit dem Rad nicht zu unterscheiden weiß. Auch er lobte die Kinder ausschließlich dafür, daß sie Helme trugen. Er betonte, daß seine Behörde sich für die Belange von Kindern einsetze. Letzteres ist zweifelsohne zu würdigen. Nach der Logik des Helmtragens müßte meine Generation – noch vor 1990 geboren – nahezu ausgestorben sein. In den 1980er und 1990er Jahren dachte niemand an einen „Fahrradhelm.“

Aber bitte, warum kommt der Jugendamtsleiter mit dem Skifahren in seiner Freizeit daher, wenn es um die Frage geht, ob man im ALLTAGSverkehr Helm trägt oder nicht??? Es ist ein riesen Unterschied, ob im ich im Alltag mit dem Rad unterwegs bin oder ob ich (Rad-)Sport in meiner Freizeit betreibe! Wie ein anderer Teilnehmer heute richtig sagte: „ich will im Alltag sicher unterwegs sein können, ohne mich panzern zu müssen.“ Daraufhin fiel dem Jugendamtsleiter und Helmfreund nichts mehr ein. Beim ADFC Nürnberg besteht z. B. nur bei Mountainbiketouren Helmpflicht. Der Grund liegt klar auf der Hand: hier handelt es sich um Sport, um die Fahrt in unebenem Gelände, das mehr und echte, weil andere Gefahren birgt als der Straßenverkehr. Bei Rennradtouren empfiehlt sich auch das Tragen eines Helms. Aber wegen ein paar Kilometer zur Arbeitsstätte oder zum Einkauf? – Nee!

 

Daher noch einige Forderungen an den Jugendamtsleiter und manche Damen und Herren in Uniform, oder sagen wir mal, Tips, die heute ausgeblieben sind:

  • setzen Sie sich, wenn Sie als Polizeibeamter/in nicht der Fahrradstaffel angehören, öfter mal auf´s Rad und fahren Sie durch die Stadt. Was spüren Sie, was fällt Ihnen auf? Wie reagieren die Autofahrer-/inne auf Sie als Radfahrer-/in?
  • >>> Na, mal wieder unfreiwillig über Glasscherben gefahren?  >>> Plötzlich überrascht gewesen, weil der Radweg – noch dazu benutzungspflichtig – ohne Vorwarnung endet und man plötzlich ungeschützt auf der Fahrbahn steht? >>>Einem herannahendem Auto (das eher selten die vorgeschriebenen 50 km/h fährt) fast einen „Kuß“ an die Breitseite gegeben? >>> Plötzlich gewundert, daß eine Blechkiste den – meist benutzungspflichtigen Radweg ,den Sie gerade befahren, versperrt?

Eine Aktion gegen Falschparker als freundlicher Hinweis. Danke an den VCD. Diese einfache Karte löste bei der Ablage auf die Windschutzscheibe sogar schon Wutgeschrei aus, als ob man den heiligen Sportwagen zerkratzt hätte.

  • Achten Sie verstärkt darauf, wie Autofahrer-/innen sich gegenüber Radfahrer-/innen verhalten. Auch wenn es in der Radfahr-Zunft Chaoten gibt: die meisten Unfälle werden durch den motorisierten Verkehr verursacht. Wir Zivilisten, die wir Radfahrer-/innen nunmal sind, dürfen es nicht, aber die Polizei dürfte es: die Raser, Drängler, Radweg-Blockierer (die „nur mal schnell Zigaretten holen wollen – interessanterweise sind es meist Männer), die Brüller und Schreier, die Radfahrer-/innen bedrohen:  festhalten.
  • Und dann: In einen Raum setzen, zum Schweigen bringen – und sie zwingen, daß sie uns Radfahrer-/innen zuhören.
  • Radfahrer-/innen sollten dabei vorne stehen und den „motorsportfreunden“ mit ruhigen Worten und einer Präsentation erklären, warum sie wie gefahren sind und warum es – tatsächlich oder scheinbar – zum Konflikt mit den anwesenden Autofahrer-/innen gekommen ist.  Auch wenn noch nicht wirklich was passiert ist, selbst nicht ein kleiner Lackschaden, ist die Situation im alltäglichen Straßenverkehr so aufgeheizt, daß selbst ein ruhiger sachlicher Ton nicht mehr beim Gegenüber ankommt. Na dann…. braucht sich kein Autofahrer/keine Autofahrerin mehr wundern, wenn die Wut bei radfahrenden Menschen steigt und steigt.
  • In Berlin ist die Situation schon so weit eskaliert, daß Radfahrer-/innen sich nicht mehr an Regeln halten. Irgendwann hat man keine Geduld mehr. Es werden immer mehr Menschen, die erkennen, daß man mit dem Rad die meisten Alltagswege zurücklegen kann. Und nun fordern sie ihr Recht, ihre Gleichberechtigung auf den Straßen. Das heißt für Berlin UND DORTMUND: man muß dem Autoverkehr Platz wegnehmen! Denn bisher hat der radfahrende Mensch viel zu wenig Platz! Leider sind viele Lokalpolitiker-/innen dazu nicht mutig oder nicht willens genug. Auch die erfolglose Suche nach Bauingenieur-/innen bei der Stadt Dortmund spielt eine Rolle, wie zu erfahren war.

 

  • Hören Sie zu, bevor Sie verurteilen oder beurteilen. Die beiden o.g. Beamten im Mai an der Kreuzung Herold-/Bornstraße waren leider nicht fähig dazu. Meistens sind Radfahrer-/innen einsichtig, weshalb sie einen Fehler gemacht haben sollen. Keine-/r macht gern oder aus Mutwillen Fehler. Aber an vielen Stellen ist die Verkehrsführung so beschissen – man muß es so deutlich sagen – dass man Fehler machen muß. Ja, Sie haben richtig gelesen! Wenn der benutzungspflichtige Radweg mit Glasscherben voll ist fahre ich NICHT darauf, wenn es nur eine Fußgängerampel gibt, obwohl es eine im FAHRRADSTADTPLAN eingezeichnete Route ist, fahre ich verdammt noch mal dort entlang!
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  • An dieser Stelle sei bemerkt: Radfahren heißt nicht rasen, sondern fahren, also die Fußgänger-/innen leben lassen und ihnen ein Existenz- und Platzrecht gewähren.

 

  • Dringend: eine Änderung in der Fahrschullehrer-Ausbildung! Wie oft wird man selbst von Fahrlehrern angeschrien und wie ein lästiges Insekt behandelt daß sie am liebsten tot schlagen möchten. Und dazu eine verpflichtende Nachschulung von bereits ausgebildeten Fahrlehrern, damit sie die Belange des Radfahrers/der Radfahrerin nicht nur kennenlernen, sondern diese ihnen auch bewußt werden!

 

Nach all diesen Erfahrungen – ich fahre schon seit über 20 Jahren 99% meiner Alltags- und Reisewege mit dem Rad – kann ich mich über unser Land nur wundern. Deutschland = Fahrrad-Entwicklungsland. Als ob Piech, Zetsche & Co. sich über den Bau und Verkauf von Postkutschen  statt Autos Gedanken machen. Und die „Pferde“ heißen dann „Opel Kadett“, „VW Touran“, „Mercedes C-Klasse“, „Audi TT“ usw. Ah ja. Seltsam nur, daß dann keine Pferdekacke auf den Straßen rumliegt. Dafür gibt es jede Menge unsichtbaren Feinstaub, der die Menschen immer kränker macht. Ist eben nicht sofort und nicht so deutlich sichtbar, als wenn jemand droht, an Ebola zu krepieren oder mit einer Waffe zu schießen. Angeblich sind allen doch die Kinder und Jugendlichen bei der Sternfahrt in Dortmund heute so wichtig… warum gibt es dann keine radikalen Verändungen und Verbesserungen in der Fahrradinfrastruktur? Fahrräder machen weder Dreck noch nehmen sie soviel Platz weg wie die immer größer und wuchtiger werdenden Autos (SUV und ähnlicher Unsinn in der Stadt). In den meisten Blechkisten sitzt nur ein Mensch, der durch die Stadt fährt. Und das bei mind. 4 Sitzplätzen. Ganz schön effizient und sinnvoll.

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Der Helm soll´s richten mit der Sicherheit. Tut er aber nicht. Was wirklich schützt ist eine fahrradfreundliche Verkehrsinfrastruktur. Und die ist eben komplizierter und aufwendiger als die Bestellung von x Helmen. Darüber freut sich nur der Hersteller, aber es nützt kein-/eRadfahrerin wirklich.

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Für bessere Luft, erst recht in den Städten: die Forderung des ADFC Nordrhein-Westfalen. https://www.adfc-nrw.de/fahrradland-nrw.html

 

Zur Situation Autofahrer-/innen und Radfahrer-/innen:

Was nicht nur Kinder und Jugendliche beim Radfahren schützt und was nicht:

http://www.zeit.de/mobilitaet/2017-06/radfahren-grossstadt-strassenverkehr-gefahren-bloggerin-interview

Und auf dem Blog: http://www.radelmaedchen.de

http://www.fr.de/panorama/verkehrssicherheit-fahrradhelm-hilft-aber-a-1347657

http://fahrradzukunft.de/25/motorisierte-gewalt/