Pracht (und Schmutz) am selben Ort: Tag des offenen Denkmals 2021 macht Widersprüche sichtbar

Industriegeschichte Dortmunds: das ehemalige Hoesch-Gelände ist heute ein Museum.

Heute sieht es klein aus. Auf dem Weg zum Museumseingang gibt es „nur“ zwei Häuser, die neue (helles Haus) und die alte Hoesch-Verwaltung (Backstein-Gebäude). Der Blick durch das Tor lässt die Größe des ehemaligen Stahlwerks zumindest erahnen. Im Eck das Pförtner-Haus (links im Bild). Die Firma Hoesch in Dortmund, das war wie Thyssen-Krupp in Essen: ein großer Arbeitgeber, der für Vielbeschäftigung sorgte – aber auch für viel Dreck und Lärm. An drei Standorten, in Dortmund West, heute die Huckarder Straße und UnionGewerbeHof, in der Stadt Hörde im Süden (heute ein Stadtteil von Dortmund) und eben im Dortmunder Norden an der Westfalenhütte wurde Stahl produziert. Um 1840 kam Albert Hoesch aus der Eifel (Düren) nach Dortmund und baute nach und nach sein Unternehmen aus. Man kann sich heute gar nicht mehr vorstellen, daß das heutige ehemalige Firmengelände mal Ackerland war und zu einem großen Stahlwerk wurde. Durch das Tor kann man auf einen Teil des ehemaligen Werksgeländes sehen, das heute noch teilweise von ThyssenKrupp genutzt wird (ein Kaltwalzwerk und eine Abteilung für Oberflächentechnik).

Tor neben dem Pförtnerhaus am Werksgelände Hoesch Westfalenhütte. Fotos: A. Steger

Wenn auch nicht so imposant wie die Villa Hügel in Essen, so wirken die Gebäude imposant und es werden Widersprüche deutlich. Große, geräumige Gebäude mit Verzierungen, die Eindruck machen sollten, die Herrschaft des Firmeninhabers manifestieren sollen, auch Ehrfurcht wecken oder einschüchtern sollten. Die Wohnungen für die Arbeiter aber waren in kleinen Häusern eingerichtet. Die Arbeitersiedlungen waren ebenfalls auf dem Firmengelände, aber nicht direkt neben dem Eingang.

Neben dem Pförtnerhaus und dem ersten Verwaltungsgebäude (Backsteinbau) die Villa eines leitenden Angestellten (dort steht heute das helle Haus, das ThyssenKrupp noch teilweise nutzt). Man wollte als Chef oder Stellvertreter des Chefs immer alles im Blick haben (anders als heute, wurde im Vortrag betont). Als Arbeiter und Bewohner der kleinen Häuser der Arbeitersiedlung muss es schon beeindruckend gewesen sein, bei Ankunft vor der Schicht diese großen Bauten vorf sich zu haben, während man selbst in kleinen Wohnungen leben muss. 12-Stunden-Schichten, immer von 6 Uhr morgens bis 6 Uhr abends, dann wieder bis 6 Uhr morgens. Leider auch heute in manchen Berufen immer noch Realität; gesund für den Menschen war und ist das nicht. Von Arbeitsschutz wie Lärm-/Hitzeschutz etc. am Arbeitsplatz ganz zu schweigen. Das Stahlwerk Hoesch brachte vielen Dortmunder-/innen Lohn und Brot, aber auch viel Dreck und Umweltverschmutzung, Verletzungen und Krankheit, auch den Tod. Der Lärm im Stahlwerk muss auch in der Umgebung des Firmengeländes, unerträglich gewesen sein. Diesen Eindruck gewinnt man, wenn man Berichte über die Zeit im 19. Jahrhundert liest.

Gegenüber neben der Straße, die eigentlich die Fortsetzung der Stahlwerkstraße ist, sieht man rechts neben der Straße nur eine Wand (im Hintergrund rechts). Hier soll ein neues Wohnquartier entstehen. Auch durch diese Absperrung entstand bei mir der Eindruck, daß das alles nicht so groß ist. Die Größenangabe habe ich mir nicht gemerkt, wer hier mit offenen Augen unterwegs ist, bekommt aber zumindest einen Eindruck der Größe der ehemaligen Firma Hoesch.

Rechts neben der Straße (hinten rechts) entsteht auf dem ehem. Firmengelände Hoesch ein neues Wohnquartier.

Das Pförtner-Haus ist heute der Museumseingang. Hier musste jeder Arbeiter vorbei, das Tor im Inneren (heute nicht mehr vorhanden) wurde immer nur zu Schichtwechsel für ein paar Minuten geöffnet. Marke von der Wand nehmen und auf zum Arbeitsplatz. Jeder Mitarbeiter hatte eine Marke. Wenn eine fehlte, wurde ein Suchtrupp losgeschickt. Diese Praxis soll heute auch noch bei Feuerwehren üblich sein. Es wird, auch mit modernen Arbeitsschutzmaßnahmen, immer Berufe geben, deren Ausübung mit Gefahren verbunden ist.

Das Pförtnerhaus von Hoesch, links im Bild. Mit dem Torbogen soll es 1 Einheit bilden.
Das Pförtnerhaus von Hoesch, links im Bild. Mit dem Torbogen soll es 1 Einheit bilden. Jeder Arbeiter
musste zu Schichtbeginn am Pförtner vorbei gehen.

Links sind große Fenster zu sehen, diese Häuserfront war zuerst offen gewesen. Dies waren Arkaden, unter denen man sich z. B. bei Regen unterstellen konnte. In diesem Gebäude war der Eßsaal. Die Angehörigen der Arbeiter, die zum Mittagessen den Henkelmann vorbei brachten, konnten dort auf diese warten (dass mir jemand Essen in die Arbeit bringt, das ich nicht bezahlen muss, das möchte ich auch mal erleben..) Funktionalität und Form in einem vorhanden, diesen Eindruck von Architektur kann man hier gewinnen.

Das Motto des Tages des offenen Denkmals 2021 war „Schein und Sein.“ Sind Gebäude nur dafür da, schön zu sein? Oder haben sie auch eine Funktion? Bei der Führung zur Architektur des Hoesch-Geländes spielte die Funktion der Gebäude immer eine Rolle, so mein Eindruck, auch wenn die Schönheit, die Ausgestaltung der Fassade nicht zu kurz kam. Keine aufwendigen Blumenornamente, keine Putten oder anderen Figuren – aber dennoch Elemente, die die Hauswand zieren. Das helle Gebäude ist die neue Verwaltung ab 1912 erbaut. Heute wird es noch vom Nachfolger ThyssenKrupp, genutzt. Manche sprechen auch von einer feindlichen Übernahme, die in den 1990er Jahren stattgefunden haben muss.

Blätteronament am Hoesch-Verwaltungsgebäude ab 1912.
Blätteronament am Hoesch-Verwaltungsgebäude ab 1912.

Hoesch ließ seine Häuser im Stil des Historismus erbauen, einem Stilmix aus verschiedenen Baustilen vergangener Jahrhunderte. „Euch fällt auch nichts neues ein“ könnte man frech sagen. Oder den Architekten* vorwerfen, sie würden nur Kitsch schaffen. Mein Eindruck auf dem ehemaligen Hoesch-Gelände, soweit zugänglich, der nur einer von außen sein konnte, war: hier wurde mit keinem Stil übertrieben, es gibt ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Zierde und Funktionalität. Hier und da hätte sogar ein Blumenornament zu mehr Schönheit beigetragen.

Es war interessant, sich einmal nur mit der Architektur der Häuser auf dem Hoesch-Gelände zu befassen. Unverständlich aber bleibt, weshalb die Firma Thyssen-Krupp zu diesem besonderen Tag ihr Verwaltungsgebäude nicht für eine Führung geöffnet hatte. Offenbar ist ThyssenKrupp dieses kulturelle Erbe zu schwer, der „Aufwand“ zu groß, eine kleine Besucher*innengruppe in Begleitung des Werkschutzes wenigstens für 15 oder 20 Minuten das schöne Treppenhaus betrachten zu lassen. Wir standen als Besucher*innen nur vor dem Museum herum, konnten Fassaden und Bilder betrachten. So informativ der Vortrag war – die ehrenamtlichen Mitarbeiter-/innen sind sehr engagiert in ihrer Arbeit – so war es doch enttäuschend, nur ein Bild des prächtigen Treppenhauses zu sehen. Wie eine Zeitreise muss es sein, dort verweilen zu dürfen! Deshalb ein Appell an die Firma Thyssen-Krupp: lassen Sie uns Kulturinteressierte wenigstens an einem Tag des offenen Denkmals in Ihr Gebäude. Ihre Schreibtische interessieren uns nicht. Wir möchten nur das Treppenhaus sehen.

Verwaltung ThyssenKrupp ehem Hoesch. Darin das prächtige Treppenhaus.
Verwaltung ThyssenKrupp ehem Hoesch. Darin das prächtige Treppenhaus. Das Vordach war zuerst noch viel imposanter, der Eingang so gestaltet, daß Kutschen vorfahren konnten.

Informationen zum Hoesch-Museum Dortmund hier.

Informationen zum heutigen Eigentümer ThyssenKrupp in Dortmund hier.

Die Stiftung Denkmalschutz präsentiert sich hier.

Industriegeschichte Dortmunds: das ehemalige Hoesch-Gelände ist heute ein Museum.
Industriegeschichte Dortmunds: das ehemalige Hoesch-Gelände ist heute ein Museum.

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