Wo geht´s hin, Masterplan Mobilität 2030?

Es ist voll im Foyer des Dortmunder Rathauses an diesem Dienstag abend (25. Juni 2019). In der Mitte sind Stühle aufgestellt, rundherum gibt es Schautafeln und Tische zu verschiedenen Themen wie z. B. „Öffentlicher Raum“, „Fußverkehr und Barrierefreiheit“ , „Radverkehr“ u.a. Die Stadt Dortmund veranstaltet wieder eine sogenannte „Dialogveranstaltung“, bei der Bürger-/innen ihre Vorschläge, Kritik, Anregungen oder Lob für die Verkehrsinfrastruktur in Dortmund äußern können. Und davon gab es sehr viel, vor allem viel Kritik. Die Stadtverwaltung will jedoch nicht nur Kritik entgegennehmen, sie will auch über den Stand der Planungen des „Masterplans 2030“ informieren. Die Zielkonzepte dieses Plans sind hier erläutert.

Anne Berndt und ihr Kollege von der Stadtverwaltung erklären am Stand „Öffentlicher Raum“ die einzelnen Felder, die mit Fotos und Texten auf dem Tisch angeordnet sind. Wo fühlt man sich unsicher, weil die Straße so eng ist, dass man als Radfahrerin knapp überholt wird? Wo fehlt ein barrierefreier Zugang zur Haltestelle für Menschen mit Rollatoren? Solche Fragen bringen die Teilnehmer-/innen am Tisch auch in Rage: Radfahrer seien doch so rücksichtslos gegenüber Behinderten, würden sich nicht an Verkehrsregeln halten. Anne Berndt weist die beiden Streithähne darauf hin, dass hier jetzt kein Platz für deren Konflikt sei – es gehe um allgemeine Kritik oder Lob und Anregungen für den Masterplan Mobilität 2030. Auf der Schautafel hinter dem Tisch mit Fotos und Texten von Plätzen und Straßen von Dortmund (und zum Vergleich aus anderen Städten) ist ein Stadtplan zu sehen. Rote Klebepunkte für Gefahrenstellen, grüne Punkte für Orte, an denen man sich gerne aufhält, können an diesem Stadtplan vergeben werden. Am Ende sieht man: Rot überwiegt. Auch die Stadt Dortmund wurde nicht für Fußgänger-/innen und somit für Menschen gebaut, sondern für Autos. Es gibt kaum einen Platz, der nicht wirklich autofrei ist, so dass Kinder gefahrlos laufen und spielen könnten. Selbst vor einem Park gibt es Stellplätze für Autos, denn der Park muss mit dem Auto angefahren werden, um darin spazieren zu gehen, zu grillen oder zu spielen. Absurd. Am zu weiten Anfahrtsweg kann es aber nicht liegen, dass die Nutzung von genau dem Verkehrsmittel, das am meisten Dreck macht, unabdingbar erscheint.

Der Borsigplatz, Einmündung Brackeler Straße. Als Radfahrerin hat man wegen der kurzen Ampelschaltung nicht viel Zeit, um queren zu können. Foto: eigene Aufnahme.

Beispiel Borsigplatz. In der Mitte befindet sich eine Grünfläche, die mit Bäumen umrandet ist. die Grünfläche kann aber, außer bei Festveranstaltungen, nicht betreten werden. Die Straßenbahn durchquert den Platz, um die Grünfläche brüllt tags und nachts der Verkehr. Zwei Fahrspuren hat der motorisierte Verkehr, für den Radverkehr bleibt eine kümmerliche Spur von nicht mal 1,50 m Breite und einer unzuverlässigen Fahrradampel. Oft genug wird man als Radfahrende abgedrängt, oft genug auch aus dem Auto heraus beschimpft und bedroht. Obwohl Fahrräder längst keine Billigware mehr sind, werden Menschen mit diesem Fahrzeug als „arm“ und ihr Gefährt als „minderwertig“ betrachtet. Ein Trugschluß. In vielen gesellschaftlichen Schichten dieses Landes ist immer noch die Überzeugung verbreitet „wenn du ein Auto hast, dann hast du es geschafft.“ Traurig, dass diese Denke, die schon mein Vater, ein Nachkriegskind, hatte, immer noch nicht passé ist. Schlechte Luft durch zuviele Autos und ihre Abgase, Blechkisten, die öffentlichen Raum besetzen, als ob es ihr Privatbesitz wäre – und das im kinderreichsten Stadtteil Dortmunds. Wie wäre es, die Parkplätze am Borsigplatz und in den Nebenstraßen (fast) komplett zu streichen und Platz für Sitzbänke, Sandkästen und andere Spielflächen zu schaffen? Würde das den sonst ach so geachteten Kindern nicht gut tun? Wollen nicht die meisten Eltern nur das Beste für ihre Kinder? Offensichtlich nicht, wenn man sich die täglichen Massen an Blechkisten ansieht, die nicht nur durch Dortmund rollen und die meiste Zeit nur herumstehen.

Der Borsigplatz, Durchfahrtstrecke der Straßenbahn von der Oestermärsch aus. Rund um den Platz gibt es schon ein paar Sitzbänke, auf denen nicht nur Saufkumpanen sitzen – dennoch besitzen Autos mehr vom Borsigplatz als Menschen. Foto: A. St.

Auch für den Fußverkehr ist am Borsigplatz nicht wirklich Platz. Der Fußweg um den Borsigplatz herum ist vergleichsweise eng, oft verschmutzt und die Querung der Zufahrtsstraßen nicht immer mit Ampeln abgesichert. Falls es, wie an der Brackeler Straße (Bild weiter oben) eine Lichtsignalanlage gibt, muss man als Radfahrer* oder Fußgänger* erst ‚betteln‘, damit am sicher bei Grün die Brackeler Straße queren kann. Hier sind die Prioritäten klar verteilt, seit über 30 Jahren und das bei fortschreitendem Klimawandel. Eigentlich weiß das doch jede-/r, sollte man denken, dass dies nicht sinnvoll für eine gute Zukunft ist. Aber auf seine eigenen Gewohnheiten, die eigene Bequemlichkeit, die man von seinem/ihrem „Personenkraftwagen“ hat, verzichten? Niemals!

Bei der Dialogveranstaltung wurden viele tolle Vorschläge gezeigt, was auch in anderen Städten möglich gemacht wurde: Parkplätze wurden gestrichen, das Zufahrtsrecht für den Autoverkehr aufgehoben. Es sind Plätze entstanden, wo sich die Anwohner-/innen begegnen können, weil dort nun Parkbänke zum Verweilen einladen und man dort mit Rad, Roller u.ä. fahren kann, Kinder haben Platz zum spielen. Was so schön aussieht, wurde oft hart erkämpft, denn: der öffentliche Raum ist rar und man muss dem motorisierten Verkehr Platz wegnehmen, um Platz für Menschen statt Autos zu schaffen. All die schönen Pläne der Stadtplanung nützen leider wenig bis nichts, wenn die Politik sie nicht umsetzt, weil sie kleinlaut Angst hat, Wählerstimmen, die leider oft Autofahrerstimmen sind, zu verlieren.

„Die Verkehrswende kommt, weil der Klimawandelt nicht geht“

davon ist Wolfgang Aichinger von der Agora Verkehrswende, einer gemeinnützigen GmbH, die zur Stiftung Mercator gehört, überzeugt. Bei der Dialogveranstaltung zum „Masterplan Mobilität 2030“ ist er als Redner und Impulsgeber geladen. Einige Zuhörer-/innen sehen sich in seinen Worten bestätigt, sie brauchen fast keinen Impulsgeber mehr. Er beklagt, dass sich seit 1990 nichts getan habe, um 40% Emissionen einzusparen, wie es die Bundesregierung geplant hatte.

Bei der Verkehrswende geht es nicht darum, Menschen mit Auto zu diskreditieren. „Verkehrswende“ meint, dass sich radikal und umfassend unser Mobilitätsverhalten ändern muss. Wenn Parkplätze wegfallen, müssen andere Möglichkeiten der Mobilität geschaffen werden. Aichinger dazu: „Die Verkehrswende gelingt mit der Mobilitäts- und Energiewende.“ Er nennt ein paar Bereiche, die besser verbunden oder/und ausgebaut werden müssten: im öffentlichen (Nah-)verkehr das Umland mit der Stadt, eine Neugestaltung des öffentlichen Raums in der Stadt (s. Beispiel Borsigplatz). Die aktuelle Instrastruktur vermittele eine Ungleichheit. Wie wahr. Fazit: „Es wurde zu wenig für den Rad- und Fußverkehr getan.“ Das sei auch bei den Preisen so: In München sind die Parkgebühren seit 2004 gleich geblieben, dagegen steigt der Preis für eine Fahrkarte im Nahverkehr um 40-60%. Absurd.

„Technik allein hilft nicht“

Aber nein, das Auto braucht nicht komplett verschwinden, das Elektroauto sei die Lösung, so wird oft arguementiert, auch von offizieller Seite des Bundesverkehrsministeriums. „Förderung Elektromobilität“ ist ein Thema, um den Klimawandel anzugehen. Schön, wenn es nicht mehr stinkt, wenn man als Radfahrer* oder Fußgänger* unterwegs ist in der Stadt. Aber huch, warum ist es immer noch so eng? Weil auch ein E-Auto Platz braucht, genauso viel wie ein Diesel oder Benziner. Laut dem Verkehrsforscher Wolfgang Aichinger werden 20 bis 30% der Fläche für den „ruhenden Verkehr“, also parkenden Fahrzeugen, verbraucht. 97% der Zeit ist Stehzeit, in der das Auto gar nicht gebraucht und gefahren wird. 90% sind parkende Autos, gerechnet von der gesamten Flotte.

„Niemandem Mobilität verwehren, aber beim ruhenden Verkehr gibt es Ineffizienz im öffentlichen Raum“

Ein nachhaltiger Stadtverkehr ist nicht nur Klimaschutz: die Luftqualität und die Verkehrssicherheit wird verbessert, weil weniger Fahrzeuge mit Emissionen unterwegs sind. Das bedeutet auch: weniger Lärm, Gesundheitsförderung, Quartiersbelebung und – welch Erstaunen bei manchen Einzelhändlern: Wirtschaftsbelebung. Denn wer zu Rad oder Fuß unterwegs ist, sieht wirklich, was in den Schaufenstern ist und kauft ein. Wieso viele Einzelhändler* wie in Essen-Rüttenscheid immer noch glauben, dass mit einem Verbot des motorisierten Individualverkehrs auf der „Rü“ ihr Geschäft und das Leben im Stadtteil zugrunde gehe, bleibt ein Rätsel.

Hier soll sich Rad- und Fußverkehr den Platz teilen. Geht nur nicht gut, weil aus der Fußgänger-Einkaufszone meist viele Leute auf diese Strecke strömen. Foto: A. St.
Fast übersehen: das „Umleitungsschild“, mit dem Radfahrer* auf den Bürgersteig entlang des Königwalls geschickt werden. Sehr unklug. Foto: A.St.

Ein Blick zu den Nachbarn im Süden zeigt genau diesen Effekt. Wolfgang Aichinger nennt als Beispiel die Stadt Wien. Weil die Parkplätze reduziert worden waren, war diese Straße als Druchgangsstraße für Autofahrer* unattraktiv geworden. Den Hauseigentümern* ist das so wichtig, dass sie diese Maßnahme finanziert hätten, die Stadtverwaltung musste nur die Planung übernehmen. Die Folge: es gab mehr Einkäufe in den Ladengeschäften. Kein Bürgerkrieg, kein Konkurs. Welch Wunder, das auch in Essen und Dortmund, z. B. in der Kaiserstraße möglich wäre. Mit dem Rad dort einkaufen zu wollen, ist immer noch eine Schlingerfahrt zwischen parkenden Blechkisten, um irgendwo zu parken. Fahrradparkplätze? Fehlanzeige. Nur vor dem kleinen Supermarkt gibt es Abstellbügel. Die Firma mit den vier roten Buchstaben tut was für ihr „grünes, nachhaltiges“ Image, das sie in der Werbung proklamiert.

Die Kaiserstraße in Dortmund. Zwar für Radfahrer* befahrbar, aber wo man hier von der Straße zu den Geschäften kommen soll und wo man sein Rad abstellen soll… ob das der Geist des Oberbürgermeisters oder Tiefbauamtleiters weiß? Foto: A. St.

Auch Stadtplaner Aichinger weiß, dass Händler* immer noch glauben, dass der KfZ-Verkehr wichtiger als der Rad- und Fußverkehr sei. Dabei leide aber die Nachbarschaft, wenn viel motorisierter Verkehr rolle und keine Kreuzung sicher für den nicht-motorisierten Verkehr zu queren sei. Der öffentliche Raum habe nicht nur als Begegnungsort eine wichtige Rolle, sondern diene auch als Ausgleich für Mieter*, die nur eine kleine Wohnung haben. In Krefeld gebe es ein Beispiel: Spielplatz vor Straße. In Wien wirkt ein Straßenumbau der Aufhitzung von Gebäuden im Sommer entgegen, indem die Straße zur „kühlen Meile“ wird: https://derstandard.at/2000101313349/Die-Wiener-Zieglergasse-wird-zur-kuehlen-Meile

Der Kampf um den öffentlichen Raum ist natürlich nicht neu. Parken von motorisierten Fahrzeugen ist und war meistens umsonst, wer dafür zahlen soll, ist oft verärgert oder gar wütend. Für Aichinger haben auch Falschparker Werte vergessen, die es wieder durchzusetzen gilt. Diesen Autobesitzern* ist oft genug nicht bewußt, was sie mit ihrem Fehltritt anrichten. „Einfach vorbei gehen“ oder mit dem Rad vorbei fahren birgt oft große Gefahr, vom fließenden Verkehr erfasst und verletzt zu werden. Und ein Kinderwagen oder Rollator kann leider nicht hochkant vorbei geschoben werden, weil parkende Autos nur nur 1 m Gehwegbreite lassen . Parken im öffentlichen Raum ist Privatisierung des öffentlichen Raums – und das muss laut dem Verkehrsforscher der Agora Verkehrswende, Wolfgang Aichinger, gestoppt werden.

Was tut die Stadt Dortmund?

Man kann nicht behaupten, die Stadt Dortmund würde gar nichts für den Rad- und Fußverkehr tun. Es gibt zumindest einen Fahrradbeauftragten der Stadt. Der Oberbürgermeister fährt meist mit dem Rad zur Arbeit, es gibt ein paar wenige passable, wenn auch nicht gute Radwege. Der Kirchentag wurde als so positiv für den Rad- und Fußverkehr hervorgehoben. Tatsächlich war die Innenstadt für die Zeit vom 19.6. bis zum 23.6.19 weitgehend autofrei, auch manche Kreuzung am Innenstadtring, dem „Wall“ war gesperrt. Aber das war eine temporäre Maßnahme, die bis auf ein paar maulende Autofahrer* niemand verärgert hat. Wenn es eine dauerhafte Maßnahme wäre, dann wäre das Geschrei groß, mancher sähe sogar den Untergang Dortmunds in nicht-sportlicher Sicht voraus.

Es ist positiv, dass es solche Dialogveranstaltungen überhaupt gibt, dass die Bürger-/innen gehört werden. Positiv ist auch, dass das „Machen“ für alle Akteure, dem Tiefbauamt, der Planersocietät und der Stadtverwaltung im Vordergrund steht. An Ideen und Plänen mangelt es auch nicht, wie die vielen Schautafeln und Bilder von anderen Städten oder kleinen, erfolgten Maßnahmen in Dortmund zeigen. Anne Berndt von der Stadtverwaltung, die am Stand „Öffentlicher Raum“ mit den Besuchern* spricht, sagt: „Das muss dann die Politik machen.“ Ein Stadtratsbeschluss muss her – und das dauert. Am besten man packt den Oberbürgermeister und die Stadträtinnen und Stadträte alle auf mehrere Lastenräder – und dann ab nach Kopenhagen. Dort können sie sich ansehen, wie gute, menschenfreundliche Stadtplanung geht. Übrigens: die Dänen haben mit dieser Planung gerade dann angefangen, als die Stadt pleite war, der Ausbau für den Autoverkehr zu teuer gewesen war. Das war vor 20 oder 30 Jahren so. Hier in Deutschland wurde schon seit 30 und mehr Jahren nichts, bzw. sehr wenig für den Rad- und Fußverkehr getan.

Michael Frehn von der Planersocietät, die mit der Stadtverwaltung den „Masterplan Mobilität 2030“ erarbeitet, erläutert den aktuellen Stand der Verkehrsinfrastruktur in Dortmund. beim Radverkehr hätte es in den letzten Jahren eine Steigerung gegeben. In Hamburg seit der Anteil von 9% im Jahr 2002 auf 15% im Jahr 2017 gestiegen. 2013 waren es in Dortmund mickrige 6%, was am großen Unsicherheitsgefühl vieler Radfahrenden liege. Eine Unsicherheit, die täglich mitfährt. Wenn man auf einer ohnehin engen Straße wie der Oestermärsch fährt, die noch dazu Straßenbahnschienen führt, braucht man Mut – das sollte man für´s Radfahren eigentlich nicht brauchen müssen, sondern nur für’s Bergsteigen oder Höhlenklettern!

Zugeparkt, eng und noch voll von vier Schienen: die Straße Oestermärsch in Dortmund.

Oder auch die seit Monaten nicht existente Radverkehrsführung an der Baustelle Dortmunder U/Königswall. Man überlebt als Radfahrerin eigentlich nur, wenn man sich an der roten Ampel vor die Autos stellt, weil man dann von allen anderen gesehen und wahrgenommen wird. Der von der Straße getrennte, sonst benutzungspflichtig Radweg ist von der Baustelle besetzt. Am Eck Schmiedingstraße/ Königswall war ein Haus abgerissen worden – das ist also folglich keine 1-Tages-Baustelle.

Königswall/Kreuzung Schmiedingstraße von einer Verkehrsinsel aus.Wo die Baumreihe an der Kurve beginnt, beginnt auch die Gefahrenzone für Radfahrer*, weil die Baustelle keine Wegeführung für diese hat. Foto: A. St.

Laut Fehn habe es bei den Verkehrsunfällen eine Stagnation gegeben, sie läge bei 10 Toten pro Jahr, 40% seien davon Radfahrende und Fußgänger*. Schwierig dabei ist, dass zwischen den beiden Gruppen nicht differenziert wird, zumindest bei seinem Vortrag nicht. Schwerverletzte gäbe es 290 pro Jahr. Auch die Schulwegsicherheit spiele eine Rolle. Dass dabei aber endlich konkrete Maßnahmen gegen Elterntaxis und für eine andere Mobilität der Kinder ergriffen werden, erwähnte der Verkehrsplaner leider nicht. Und bitte bei den „präventiven Maßnahmen“ auf Helmkampagnen und Wahnwesten-Aktionen verzichten, denn: die machen die Straßen nicht sicherer, weil immer noch sichere, breite Wege, am besten getrennt von dem Autoverkehr, nur für Radfahrende und Fußgänger fehlen! Nur wenn man den Autos mindestens eine Spur streicht, wird der Schulweg sicherer! Und auch der Weg für alle anderen nicht-motorisierten Verkehrsteilnehmer!

Verkehrsplaner Michael Fehn gestand zu Ende seines Vortrags ein, dass der stehende PKW-Verkehr wachse, was auch an der Fehlsteuerung der Stadtverwaltung gelegen habe: Die Straße ist ein billiger Parkraum, billiger als das Parkhaus. Deshalb wolle man das Bewohnerparken ausweiten. Aber mal ehrlich: ist das als so schön und sicher benannte Kreuzviertel mit seinen Jugendstilvillen und -häusern wirklich schön, wenn bald jede Straße immer so zugeparkt ist?

Sonnenstraße im Kreuzviertel, auch immer gut zugeparkt. Die Einbahnstraße ist für Radfahrende in der Gegenrichtung frei gegeben. Aber dennoch: zu eng für Radfahrende. Foto: A. St.

Fazit: Liebe Stadtverwaltung, denken Sie doch mal darüber nach, ob man noch mal und noch mal ein Fahrzeug zulassen muss. Warum funktioniert das Carsharing so schlecht? Warum muss jede-/r, nicht nur im Kreuzviertel ein eigenes Auto besitzen? Sind die alle fußkrank? Wohl kaum! Auch wenn es hier und da schöne Ecken im Kreuzviertel gibt: das Radfahren und laufen macht dort genauso wenig Spaß wie in der Nordstadt, am Borsigplatz. Weil es zuviele Autos gibt. Viel zu viele. Sagt auch ein Fachmann hier.

Weitere Informationen:

Luftbelastung in NRW, auch Stadt Dortmund:

https://www.lanuv.nrw.de/umwelt/luft/immissionen/aktuelle-luftqualitaet/

Der Luftreinhalteplan der Stadt Dortmund: https://www.dortmund.de/de/leben_in_dortmund/umwelt/umweltamt/immissionsschutz/luft_luftreinhaltung/luftreinhaltung/index.html

Die Seite der Agora Verkehrswende: https://www.agora-verkehrswende.de/

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Fliegen auf 2 Rädern will gelernt sein

Ein Sitz, kein Sattel. Die Polsterung sieht aus wie ein grober, dunkelgrauer kratzender Putzschwamm beim Geschirrspülen. Ein langes Rohr, dass das kleinere Vorderrad mit dem größeren Hinterrad verbindet, läuft unter dem Sitz hindurch.. Und wo ist der Lenker? Ah so, der läuft unter dem Sitz durch, die Griffe schauen links und rechts vom Sitz hervor. Das ist der Grundaufbau eines Liegerades. Genau, deshalb liegt man mehr, als man sitzt, während man Rad fährt. Die Beine in der Waagrechten nach vorne über dem kleinen Vorderrad auf den Pedalen. Sieht seltsam aus,  klingt verrückt, ist es auch und das beste: es funktioniert. Aber man braucht Geduld, es zu lernen.

Vor ca. 10 Jahren bin ich schon mal Liegerad gefahren. Ein Nürnberger ADFC-Kollege hatte mich auf diese außergewöhnliche Fahrradgattung aufmerksam gemacht, einmal war ich mit ihm auf der Spezialradmesse (SPEZI) in Germersheim im Süden von Rheinland-Pfalz. Ich hatte Geschmack an dieser Art des Radfahrens gefunden: man kann schnell beschleunigen, es macht riesen Spaß, der Gegenwind braucht die Fahrerin nur noch wenig zu kümmern. Der ganze Beckenbereich ist entspannter, weil man mit seinem Gewicht nicht auf den Sattel drückt.  Mit dem ausgeliehenden FLUX C 500 erlebte ich Fahrspaß pur, ein richtiger Rausch hatte mich ergriffen. Doch leider war es vor ca. 10 Jahren Herbst gewesen, ich hatte das nasse Laub auf dem Weg vergessen  – und wusch! flog ich hin. Das Gute am Liegerad: man kann nicht tief fallen. Das schlechtes: es gut dennoch weh. Die ganze Beinseite war blau und geprellt.

Es hatte große Mühe gemacht, das FLUX C 500 damals auszuleihen: ich mußte mit dem Zug erst nach Ansbach fahren, das bedeutete hin und zurück mehree Stunden Fahrt. Und dann das vergleichsweise schwere Liegerad in den Zug hieven, der noch so häßliche alte Klapptüren hatte…

Von damals habe ich nur Bilder von einem entwickelten Film, die (noch) nicht digitalisiert sind.

Der Traum vom Liegerad-Fahren blieb, aber Geld, eins zu kaufen, hatte ich keins. Wenn man es einmal gelernt hat, will man nie wieder absteigen.

Heute, 10 Jahre und zwei Umzüge in eine andere Stadt später ergibt es sich, dass ich im Monat nicht nur eine Critical Mass mitfahren kann. Hier und da gibt es nette Kontakte, man findet Gleichgesinnte. In Gelsenkirchen gibt es offenbar eine Liegerad-Szene, die ganz fußballfern und über Stadtgrenzen hinweg ihre Leidenschaft pflegt. G. mit seinem gelben Velomobil (ein Liegerad mit Verkleidung rundherum, sieht lustig aus und ist super schnell!) ist einer davon. Weil ihm der Arzt irgendwann auch das Rennradfahren verbot, fährt er Liegerad. Einige Exemplare, darunter auch ein Dreispurer (Scorpion von HP Velotechnik) besitzt er nun schon. Und mir versprach er, dass ich eins leihen könne. Hey cool, endlich nach 10 Jahren wieder Liegerad fahren!

Von einem Kollegen aus eben dieser Stadt hatte ich mir schon Ausflugstips geben lassen, was ich alles sehen könnte: Schloß Berge, Schloß Horst… (nein, das „böse“ Stadion der „Blauen“ steht nicht auf meiner Sightseeing-Liste 😀 ) ich malte mir einen ruhigen Freitag nachmittag aus, der evtl. sogar mit der Critical Mass in Bochum enden könnte. Im Gegensatz zu Nürnberg und Ansbach, der Region Nordbayern sind die Städte im Ruhrgebiet sehr nah beieinander. Bochum sollte also bis abends erreichbar sein.

Doch Fahrräder sind eigenwillig. Fast wie echte Pferde auch, sagen sie nicht zu jeder und jedem sofort „ja.“ G. stellte das Rahmenrohr so ein, dass ich mit den Beinen bequem die Pedale vorn an der Spitze erreichte. Ich dachte, ich kann es noch…. aber immer wieder kippte ich um. Es ist genau so, als wenn man Radfahren lernt: der Kopf kapiert, dass man das Gleichgewicht halten kann, aber der Körper braucht länger, um es zu kapieren. „Du mußt die Beine oben halten, lenken und treten, lenken und treten!“ sagte G. immer wieder. Er feuerte mich an, schob an – und irgendwann konnte ich das erste Stück, den kurzen Radweg entlang der U-Bahn-Haltestelle frei fahren. Juhuu! Die Gelsenkirchener Jugend, die an der Haltestelle abhing, hatte an diesem Nachmittag eine besondere Unterhaltung 😉

Nach ein paar technischen Schwierigkeiten konnten wir abends dann losfahren. Ich wollte es noch bis nach Bochum zum Hbf schaffen, von dort aus mit dem Zug nach Haus fahren. G. schob wieder an – mit Gepäck radeln am Liegerad war noch mal eine ganz andere Herausforderung – und ich fuhr auf der Trasse, vorbei an der Zeche Consol los. Wieder war er da, der Rausch der Geschwindigkeit. Und G. hinter mir plötzlich verschwunden.

Ich freute mich, merkte aber auch, wie erschöpft ich war. Ich habe dann unfreiwillig heftig angehalten, es ist nichts passiert, der Untergrund war ja weich und außer mal umkippen ist nichts passiert. Ich glaube, ich hatte auch etwas Muffensausen bekommen, weil der Weg an dieser Stelle kurz vor der A42 so ist wie der, an dem ich vor 10 Jahren mit dem Flux C 500 gestürzt war: es geht auf jeder Seite schön bergab. Arrgh. Ich machte erst mal Rast, denn ich hatte immer nur etwas, aber nie sehr viel gegessen. Ich war tagsüber ungewollt immer wieder müde, obwohl ich morgens das Gefühl gehabt hatte, ausgeschlafen zu sein.

Ich merkte: ich muß Geduld mit mir selber haben, mal tief durchatmen – dann kann ich wieder losfahren und es klappt auch.

An der Kreuzung, an der es zur Autobahn 42 rein und auf der anderen seite zur Zoom Erlebeniswelt geht, legte ich mcih wieder hin. Ein Autofahrer, der an der Ampel wartete, fragte sogar, ob ich Hilfe brauche. Sehr freundlich, wow, das überraschte mich.

Ich war verwirrt, WO es weiterginge… ich merkte, dass ich richtig k.o. war. Zuerst wollte ich zur Zoom E. fahren, doch dann sah ich die Zufahrt zur Trasse. Ich schob das Rad runter, dann hieß es: aufsteigen und wieder losfahren… wie einfach das auf dem „Hochrad“ (so nennt der ADFC-Kollege aus Nürnberg immer die Fahrräder) doch ist!

Ich war immer noch unsicher, doch ich fuhr los. Und hui, nach ein paar Versuchen, einmal Fluchen und tief Druchatmen klappte es!

Allerdings merkte ich auch, dass mein Kopf und Nacken irgendwie keine passende Position hatten. Das Fahren hätte so schön sein können, wenn ich nicht die ganze Zeit das Gefühl gehabt hätte, dass die Kopfhaltung nicht stimmt und ich eine unangenehme Verspannung spüre. Ich fuhr eine ganze Weile, die Schaltung zickte manchmal, aber im großen und ganzen funktionierte es. Wenn mir jemand entgegen kam, war ich nicht mehr so panisch. Allerdings, wenn zwei nebeneinander fahren, das macht mich immer noch unsicher.

Später dann, auf dem Weg Richtung Erzbahnbude gibt es immer wieder Brücken, die hone Wände links und rechts des Weges haben. Ich dachte auch erst, dass mir die Zäune auf den Brücken Sicherheit geben.

Da gibt es doch das mehrere hundert Meter lange Stück als Brücke, bei dem links und rechts Metallwände sind, danach erreicht man die Erzbahnbude. Langsam überwog der Gedanke: „Warum tue ich mir das an?“ vor „Liegeradfahren macht Spaß.“ Zwei Schlaumeier kamen mir entgegen, nebeneinander, und das bei der relativ engen Brücke. Ich schaffte es noch, ihnen zuzurufen, sie mögen doch bitte hintereinander fahren, ich glaube sie taten es auch, aber zusammen mit der Erschöpfung verlor ich den Mut und fuhr gegen die Wand. Juhu, auch das Knie angehauen und noch mehr Prellungen (aber keine offenen Wunden). Ich war wütend und genervt, aber ich hatte keine Kraft mehr, zu fluchen (auch wenn es notwendig gewesen wäre). Die beiden entshculdigten sich, ich erklärte ihnen die Sache, sie fragten, ob sie helfen könnten… nun, was sollten sie auch tun, ich war froh, dass sie mir überhaupt zuhörten.

Die Erzbahnbude hatte noch offen, ich fragte nach Kaffee, der war verständlicherweise aus. Ein Eis füllte meinen Zuckerhaushalt auf. Aber nachher merkte ich: heute kann ich mit diesem Rad nicht mehr fahren. J., der soeben die Bude geschlossen hatte, war plötzlich neben mir und meinte, er würde mir ein Taxi rufen. Ich hatte keine Lust, die restlichen 6 km bis zur Jahrhunderthalle zu schieben!

Das ist echt eine Gelsenkirchen-Woche: Montag war ich bei der CM, heute kam ich so schnell aus GE nicht raus, weil Julian mich zu einer Kreuzung in GE begleitete. Nach mehreren Telefonaten wußten die Taxifritzen endlich, WO sie hinkommen sollten. Es hat mich schon gewurmt, 23 € für ein Taxi ausgeben zu müssen, um nach Bochum Hbf zu kommen. Aber gut, das war eben ein Notfall…. Und wie ich zu Julian sagte: „man muß nicht gleich Bungee-jumping machen, aber wenn man sich gar nichts traut, ist das Leben elend langweilig.“

Das Liegerad passte gut in den Zug und in den Aufzug. Was ich sonst nie mache, habe ich heute gemacht: ich bin mit der U-Bahn die eine Station ab Hbf zu der Station  gefahren, von der aus die Ux99 zu mir nach Hause fährt.

An den Beinen habe ich viele Veilchen, das rechte Knie tut noch etwas weh, beugen geht, wenn auch mit leichten Schmerzen. Dennoch bin ich froh, es heute mich getraut zu haben, Liegerad gefahren zu sein. Ich war heute morgen erneut  mit Frust aufgewacht. Irgendwas muß man tun, sich aufmachen… Der Lenker sollte nach unten gebogen sein, damit beim Sitzen, ohne dass ich fahre, der Lenker nicht gegen die Beine drückt. Aber wenn man umonst ein Liegrad nutzen kann, motzt man nicht. Jede-/r hat eben einen anderen Körper, G. paßt auf dieses Liegerad eben besser drauf.Das Liegerad bleibt die nächsten Tage erst mal im Stall, abgesperrt.  Aber ich werde wieder losfahren – bis ich so sicher bin wie auf dem „Hochrad.“

Mein herzlicher Dank gilt G., seine Geduld bei der Liegerad-Fahrschule ist unbezahlbar. Er hat an mich geglaubt und mich immer wieder angefeuert. Meine Mutter hätte nur ständig panisch geschrieen, weil alles ach so gefährlich ist (deshalb, meine Damen, zuhause bleiben und sich einschließen – haha!) Und danke an J. und die Erzbahnbude für die Hilfe, damit ich ohne Streß und sicher nach Hause kam.

 

 

 

 

 

 

 

Stadtradeln eröffnet – mit Überraschung

Gestern fand die Auftaktveranstaltung zum STADTRADELN in Essen statt. Einige Städte machen mit, Dortmund glänzt mal wieder mit Abwesenheit. Das ist sehr, sehr traurig. Die Gründe dafür sind mir unbekannt; ein allgemeines Desinteresse und eine 2012 bei der CM fahrradFEINDLICH auftretende Polizei tat viel dazu, dass der Radverkehrsanteil rapide gesunken ist. Glückwunsch, Stadt Dortmund. Doch Sturheit siegt, deshalb fahre ich auch nach der Begegnung mit eben dieser miesen Sorte von Polizisten (wenn auch nicht bei der CM) im Mai 2017 weiterhin Rad. Und weil Sturheit siegt, gibt es auch wieder eine Critical Mass Dortmund.

STADTRADELN, das ist eine Aktion des KlimaBündnisses, ein Zusammenschluß verschiedener Kommunen. Diese Aktion soll Menschen dazu ermutigen, statt mit dem Auto öfter mit dem Rad im Alltag zu fahren und Radelkilometer zu sammeln, möglichst viele sollen zusammenkommen. Ein paar Preise gibt es zu gewinnen, das wichtigste aber ist: CO2 und Stickoxide vermeiden, denn: Fahrräder stinken nicht und sorgen damit für eine bessere Luft in den Städten. (www.stadtradeln.de) .

Los ging es um 13 Uhr am Willy-Brandt-Platz Essen,  Ziel war der Revierpark Gelsenkirchen-Nienhausen. Insgesamt wirkte die Teilnehmer-/innenzahl auf mich klein; einer der Organisatoren meinte, dass das am „langen Wochenende“ von Fronleichnam liegen würde.

Zuerst plauderte ich mit Freunden immer wieder mal über u.a. den Tierklinikbesuch ihres Katers und anderes. Zu meiner Überraschung fragte mich dann eine der Organisatoren*, ob ich „absperren“ könne. „Du meinst corken?“ fragte ich. „Ja klar.“ Mache ich bei der Critical Mass ja auch.

Wer nicht weiß, was die „Critical Mass“ ist und was „corken“ bedeutet, hier findet man Infos dazu am Beispiel der CM Bochum. Die Verhaltensregeln sind weltweit die selben.

http://www.urbanradeling.de/?page_id=305

 

Also kurz von den Freunden verabschiedet und so weit es ging, nach vorne gefahren. Nicht alle Autofahrenden sind so weitsichtig, dass sie stehenbleiben und abwarten, ob vielleicht doch noch Radfahrende kommen, wenn die Radfahrer-Gruppe eine Straße quert.  Dann wird „gecorkt,“ d.h. Radfahrer-/innen stellen sich quer auf die Straße, damit alle sicher diese Straße überqueren können. Wenn die Ampel für Autofahrer* schon rot ist, ist es einfacher, weil die Fahrzeuge dann schon stehen. Viele beharren auf ihr Recht, wenn die Ampel auf Grün springt und fahren los, weil gerade eine Lücke in der radfahrenden Gruppe entstanden ist. Dabei vergessen viele, dass § 27 der STVO der radfahrenden Gruppe Vorrang gewährt, wenn es mindestens 16 Teilnehmer-/innen sind. Bei der Auftaktveranstaltung zum STADTRADELN waren es mehrere hundert Radfahrer-/innen, die Zahl 16 also gut übertroffen.

Auch wenn es, erst recht aufgrund der herrschenden Aggressivität im Straßenverkehr schwer fällt: wer corkt, soll ruhig bleiben und freundlich zu den Autofahrenden sein.

Das war heute auch nicht das Ding, es gelang mir gut, freundliche Blicke zu den Blechkisten zu senden. Ein anderes Erlebnis war es, das mich verwirrte und auch ärgerte.

Kurz vor dem Zielpunkt corke ich die Zufahrtsstraße zum Revierpark. Nicht nötig, mag man denken, ist doch alles ruhig hier. Das Wetter ist zumindest trocken heute. Doch weil viele mit dem Auto dort hin fahren, ist reger Verkehr. Plötzlich spüre ich eine Berührung am Rücken. Nicht so furchtbar wie damals auf den elenden Dorffesten, auf denen ich als Teenagerin von mindestens 10 Jahre älteren Idioten belästigt und mißhandelt wurde (Frauen sind eben nur Ware, keine Menschen, die es zu achten gilt, so deren Überzeugung), aber spürbar. „Fahr weiter, ich corke hier“ sagt er laut. Ich sehe ihn erstaunt an. Ruhig erwidere ich ihm: „nein, ich corke, das ist so ausgemacht mit S. von den Organisatoren.“ Der Typ wirkt überrascht, ist sprachlos. So recht kann er das nicht glauben, dass ich das mache. Eine Ablösung war nicht vorher besprochen und abgemacht worden, deshalb bleibe ich. Nach einer kurzen Weile zieht er ab.

Nichts besonderes, dieses Erlebnis?

Doch.

Es zeigt erneut: einer Frau wird vieles nicht zugetraut, was als „typisch“ oder doch „eher männliche Aufgabe“ gilt. Corken heißt Absichern der Straße zugunsten der Gruppe, mit der man durch die Stadt radelt. Der Beruf „Sicherheitskraft“ wird meist immer noch mit dem Geschlecht „Mann“ in Verbindung gebracht, auch wenn Polizistinnen und Soldatinnen längst ihren Dienst tun. In den Köpfen ist das leider immer noch nicht angekommen, unsere Gesellschaft ist leider immer noch patriarchalisch aufgestellt. Die meisten Chefposten sind mit Männern besetzt. Seltsam, dass genau die, die so gern auf Sachlichkeit und sachlicher Kritik beharren, beim Thema Geschlecht und Aufgabe/Beruf plötzlich so unsachlich werden.

Während meines Studiums in Jena hatte ich ein Seminar zum Thema „Beruf und Geschlecht“ bei Prof. Dr. Sylka Scholz. ( http://www.soziologie.uni-jena.de/Arbeitsbereiche/Qualitative+Methoden+und+Mikrosoziologie/Mitarbeiter_innen/Prof_+Dr_+Sylka+Scholz.html )

Wem wissenschaftliche Texte zu mühsam sind:  ein aktueller Titel des Künstlers Danger Dan bringt es treffend auf den Punkt, wie furchtbar Zuschreibungen aufgrund des Geschlechts sind.

Danger Dan von der AntilopenGang mit „Sand In Die Augen.“

Aus Fairnessgründen bitte die Musik selbst kaufen, damit alle. Künstler-/innen davon leben können.

Gender und das Thema Radverkehr haben eben doch miteinander zu tun. Auch wenn manche-/r das nicht wahrhaben will.

In den vergangenen Tagen hatte es auf der Facebook – Seite eines Lastenrad-Herstellers, den ich sehr schätze, einen neuen Pinnwandeintrag gegeben. Eine Neuheit von Lastenrad mit Namen „Mrs (Markenname). Ich stutzte zunächst wegen der Farbe: der Rahmen war rosa. „Die Farbe ist nicht Euer Ernst“ kommentierte ich. Dazu die Bezeichnung „Mrs“ mit dem Markennamen des Lastenrades. Auerla. Lieber Lastenrad-Hersteller, da hast du leider nicht nachgedacht.

Eine Diskussion ergab sich, viele konnten meine Kritik nicht verstehen, rosa sei doch nur eine Farbe. Mein Einwand, dass es leider nicht so sei, das könne man auf den Seiten von http://www.pinkstinks.de nachlesen, wurde ignoriert. Mir wurde sogar „Polarisierung“ von einem CM-Mitfahrer, den ich für sein Engagement bei der CM sehr schätze, vorgeworfen. Das macht mich traurig. Er gehört wohl zu der Gruppe Männer, die Jack Urwin in seinem sehr lesenswerten Buch „Boys don´t cry“ die „Lads“ nennt. Das sind Typen, die grundsätzlich schon für Gleichberechtigung von Frauen und Männern sind, aber dann doch wieder in die alten Verhaltensmuster fallen. Bei einer CM in Ostwestfalen, die wir mal gemeinsam besuchten, hatte ein CM -Mitfahrer wieder einen chauvinistischen Spruch geklopft, für den er sogar von seiner Freundin gerügt wurde. Es ist zu befürchten, dass er es wieder tut.

Ich habe nicht erwartet, dass alle, die sich für den Radverkehr einsetzen, voll informiert sind, was die Themen Sexismus, Geschlechterungerechtigkeit und Feminismus angeht. Dennoch ist es traurig, auf soviel Unverständnis zu stoßen. In Augsburg gibt es einen „Clitoris-Ride“, was die CM Essen auf ihrer Facebook-Seite nannte und fragte, wie man das finde. Finde ich gut, dass dazu diskutiert wird. Auch in der Fahrrad-Gemeinschaft haben meist Männer das Sagen, bzw. sind sie es, die als Vertreter der Radlobby auffallen, in Erscheinung treten. Es ist erfreulich, dass beim ADFC NRW ein Frauennetzwerk existiert und es auch weibliche Blogger gibt wie Juliane Schumacher https://radelmaedchen.de/ und diese sind auch bitter notwendig.

Denn bei Produkten & Geschlecht polarisieren, das tut schon die Spielwarenindustrie. Bei Produkten für Erwachsene geht dieser Sexismus munter weiter: Frauen sollen mal schön nur die rosafarbenen Produkte, die auch noch teurer sind kaufen („gender pricing“), Männer bitte nur die blauen. Und wehe, ein Mann möchte ein rosa T-Shirt tragen (der muß doch schwul sein! – „schwul“ =schlecht). Eine freie Auswahl ist da nicht oder kaum mehr möglich. Wer solche Produkte schafft, der sorgt auch dafür, dass sich das Denken der Menschen zementiert: es geht nicht mehr um die freie Wahl von Produkten, es geht auch nicht mehr um Gleichberechtigung aller Geschlechter, nein: es geht wieder nur darum, Unterschiede aufzuzeigen und festzumachen, die keine sind. Gewinnmaximierung auf Kosten der Gleichberechtigung.

Leider ist das auch mt dem rosa Lastenrad so, wenn der Hersteller dieses Rad „Mrs ….“ nennt.  Ich fragte in den Kommentaren auch „gibt es denn auch einen Mr (Markenname)….“ in blau? Eben nicht. Echte Wahlfreiheit ist nicht an Farben gebunden! Deshalb freut es mich, wenn ein Mann (der nicht mal schwul ist, haha), gern rosa Sachen trägt, ganz einfach, weil es ihm gefällt und er sich damit wohl fühlt. Ich selbst mußte mir diese Freiheit erst erkämpfen, weil Mutter und Schwester ein Rosa-/Pink (und Lila)-Diktat bei der Kleidung hatten. Das macht mich heute noch wütend, auch als mein Bruder forderte, ich solle doch kein blaues T-Shirt anziehen.

Eine Anmerkung noch: Gerade weil -oh wie es mich schon beim Blick in ein Schaufenster im Ostenhellweg Dortmund graust – also wenn die Industrie schon beim Spielzeug alles in qietschrosa „für Mädchen“ packt, ist eine Wahlfreiheit nicht mehr möglich. Denn denkt doch mal weiter: „rosa Prinzessin„, was bedeutet das, selbst wenn das Mädchen, das nicht nur zum Karneval mal Prinzessin war (dafür reicht schon entsprrechender Haarschmuck), längst Teenagerin und dann Erwachsene ist? Es ist an ein bestimmtes Verhaltensmuster geknüpft, wie Frauen zu sein haben: zurückhaltend, ja nicht laut, immer höflich, freundlich und – ganz wichtig: gut aussehend. Männer dagegen haben immer erfolgreich zu sein, Kleidung und Aussehen, naja, nicht so wichtig. Jemanden bestimmte Verhaltensmuster aufgrund des Geschlechts zuzuschreiben, ohne es sachlich begründen zu können, das ist Sexismus. Und den finde ich einfach nur zum Kotzen.

Es gibt keine sachliche Begründung dafür, dass Frauen/Mädchen nur rosa und pink tragen dürfen und sich so oder so verhalten sollen. Das selbe gilt für Männer und die Farbe Blau. Und es gibt keinen Grund dafür, dass Frauen, nur weil sie Frauen sind, bestimmte Berufe nicht ausüben könnten. Das selbe gilt auch für Männer. Ich freue mich sehr, dass ein Sportkollege Grundschullehramt studiert: es braucht dringend ein männliches Vorbild für die Kinder.

Deshalb habe ich mich über das rosa Lastenrad aufgeregt. Und über den Typen, der mir nicht zugetraut hatte, dass ich  beim Stadtradeln corken kann.

 

 

 

 

 

 

 

 

„…vom LKW übersehen“ – Ride of Silence erinnert an getötete Radfahrende im Straßenverkehr

Am 3. Mittwoch im Monat Mai findet der Ride of Silence statt. An diesem Tag gedenken Radfahrerinnen und Radfahrer den im Straßenverkehr getöteten Radlerinnen und Radlern. Am 16.05.2018 waren es in Dortmund rund 20, in Essen rund 70 Teilnehmer-/innen. Beim Anblick der Ghostbikes, die an den Unfallstellen aufgestellt werden, kamen mir einige Gedanken, die ich im folgenden formuliere.

„Radfahrer(in) vom LKW übersehen“, diesen Satzteil mußte man in den vergangenen Monaten sehr oft in Polizeiberichten lesen. Beim Rechtsabbiegen hat der Radverkehr zwar oft grün an der Ampel, doch der abbiegende LKW-Fahrer denkt wohl oft gar nicht daran, dass nicht nur der motorisierte Verkehr abbiegen will. Der „Tote Winkel“ wird oft als Ursache aufgeführt. Ob dieser aufgrund fortgeschrittener Technik wie z. B. Abbiege-Assistenten noch existiert, darf bezweifelt werden.

Fakt ist: jede-/r tote Radfahrende ist eine und einer zuviel! Die Politik ist dringend aufgefordert, Abbiegeassistenz-Systeme gesetzlich vorzuschreiben – denn daran wird in vielen Speditionen und Fuhrunternehmen gespart. Freiwillig läßt kaum jemand sowas einbauen. Ah und da wären noch die zusätzlichen Spiegel, die man benutzen kann – oder sind die dafür am Fahrzeug, dass der Beifahrer und Fahrer jeweils seine Schönheit im Spiegel bewundern kann?

Auch wenn jeder Unfall wütend macht: Bis auf die Unfallflüchtigen wird es keinem LKW-Fahrenden egal sein, dass sie oder er einen Radfahrenden totgefahren hat. Es wäre zu einfach, nur die Bestrafung des motorisierten Verkehrsteilnehmers/der Verkehrsteilnehmerin zu fordern.

Ansprache von Norbert Paul von VeloCityRuhr an der Kreuzung Mallinckrodtstraße/Schützenstraße in Dortmund. Hier wurde ein 11-jähriger Schüler im November 2017 durch einen rechtsabbiegenden LKW getötet.

Im Februar 2018 starb eine 13-jährige Schülerin in Essen… in ganz Deutschland sind schon mehrere radfahrende Kinder getötet worden. Es verwundert, dass noch niemand deshalb auf die Straße ging, um zu protestieren. Wenn man sich die Empörung und Wut bei einer Straftat wie Kindesentführung ansieht… was dem Täter (meist, nicht immer männlich) an den Hals gewünscht wird und mit welchem Druck die Ermittlungsbehörden zurecht kommen müssen… Die Niederlande wären heute noch ein Autoland wie Deutschland, wenn nicht einmal die Eltern protestiert hätten: „Stoppt das Morden unserer Kinder!“ Damit wandten sie sich gegen das Verhalten der motorisierten Verkehrsteilnehmer-/innen.

 

Fakt ist auch: indirekt wird in vielen Polizeiberichten den Geschädigten eine Mitschuld gegeben. Das ist nicht nur unverschämt, das ist ein Skandal. Victim blaming – es beschämt die, die ohnehin am meisten zu leiden haben. Es heißt dann oft, die verletzenden Radfahrenden wären nicht aufmerksam genug gewesen oder hätten keinen Helm getragen – letzteres ganz unabhängig davon, welches Körperteil verletzt wurde. In den Niederlanden werden deutsche Radfahrende mit ihren Styropor-Halbkugeln zu Recht ausgelacht. Wann, WANN ENDLICH geht das in die Hirne der Deutschen ein, dass Fußgänger-/innen und Radfahrer-/innen mehr Platz brauchen, und nicht der Autoverkehr noch eine Spur u.a. bekommt??? Wenn mehr Platz ist neben einem abbiegenden LKW ist, kann der/die Radfahrende weiter rechts fahren und wird somit von vornherein eher von den LKW-Fahrenden wahrgenommen.

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An der Bornstraße in Dortmund: Ghostbike für einen 58-jährigen Radfahrer. Mahnmal für alle Verkehrsteilnehmer-/innen.

Man kann dazu auch einwenden: Warum Abbiegeassistenten in LKWs als gesetzliche Vorgabe wollen, anstatt gleich ein Fahrverbot für LKWs in den Städten fordern?

Die Schwierigkeit ist: ein Supermarkt, der in der Innenstadt oder im Umkreis der Innenstadt ist, läßt sich schlecht mit noch sovielen Lastenrädern und Anhängern beliefern. Ganz ohne die LKWs wird es nicht gehen – sehr wohl aber mit den technischen Einrichtungen, die auf Radfahrende und Fußgänger* aufmerksam machen. Und auf einen großen Markt „auf der grünen Wiese“ vor der eigentlichen Stadt, den man mit dem Rad nur schlecht erreichen kann, den will kein radfahrender Mensch haben.  Außerdem braucht es bei jedem motorisiertem Verkehrsteilnehmer* ein Bewußtsein für den Radverkehr: wenn man mit einem Zweirad rechnet beim Abbiegen, verhält man sich anders.

Das wahre Problem in den Städten, vor allem im Bereich in und um die Innenstadt ist der MIV, der motorisierte Individualverkehr Sie verstopfen die Wege und parken alles zu. In der Betenstraße kommt es oft zu Stau, weil ein Parkplatz für die Blechkiste gesucht werden muß. Oftmals sitzt nur 1 Mensch in einem Viersitzer oder gleich einem SUV. Auch Jeeps bis zu diesem furchtbaren „Hammer“ oder wie das Fabrikat heißt, war schon in Dortmunds Innenstadt zu entdecken. Wäre der Autobesitzer gerade anwesend gewesen, als ich sein Monster passierte, hätte ich ihn gefragt, in welchen Krieg er denn ziehen wollen. Pardon, aber sowas hat nur was im Militärbereich, nicht im Privatbereich verloren!

Und wollen nicht Autofahrer-/innen auch gute Luft zum Atmen? Leider fällt niemand sofort oder bald tot um, nachdem die Stickoxide eingeatmet wurden. Sonst würde die Politik sofort handeln, anstatt wie der Bundesverkehrsminister (be)Scheuer(t) der Autoindustrie erneut in den Arsch zu kriechen. Niemand kann sich schließlich eine Glasglocke über den Kopf stülpen. Auch der Bundesverkehrsminister nicht.

Ah ja, und bevor jetzt das Protestgeschrei losgeht, von wegen, man würde in seiner/ihrer persönlichen Freiheit beschränkt, wenn Fahrverbote erlassen werden: Auch die Autofahrenden haben was davon: Wenn weniger Autos auf den Straßen sind, gibt es weniger Stau und bessere Luft. Wenn der Nahverkehr ausgebaut wird, wird er attraktiver für die Alltagswege. Wenn die Radfahrenden mehr Platz bekommen – was natürlich auf Kosten des Autoverkehrs geht – gibt es weniger Autos auf den Straßen, also auch weniger Stau. Und wenn die Verkehrsinfrastruktur für Radfahrende besser wird, dann wagen sich mehrere Leute für ihre Alltagswege zur Arbeit, zum Kindergarten, zur Schule etc. auf das Rad – weil sie sich sicher fühlen können. Es geht NICHT um den Ausflugsverkehr mit dem Rad am Sonntag oder in den Ferien, es geht um die täglichen Wege, die jede-/r von uns zurücklegt.

Als Radfahrerin könnte ich übrigens jeden Tag in Protestgeschrei ausbrechen: Radwege sind zugeparkt, voller Müll, v.a. Glasscherben, Wege sind zu schmal oder voll von Schlaglöchern. Stattdessen soll ich mein Maul halten und „um die Falschparker herum“ fahren. Blöd nur, dass das „mal schnell ausschwenken auf die Fahrbahn“ gefährlich ist.  Seltsam, wenn man  aus dem vorbeifahrenden Auto heraus angeschrieen wird, man solle auf dem Radweg fahren (den es oft nur theoretisch auf Schildern gibt). Wenn das so ist: demnächst gebe ich Autofahren auch Anweisung, wie sie zu fahren haben. Die werden sich bestimmt freuen – haha.

Es geht mir nicht darum, eine Gruppe, in diesem Fall die motorisierten Verkehrsteilnehmer-/innen zu hassen. Es geht auch nicht darum zu sagen: Radfahrende sind die besseren Menschen. In jeder Gruppe der Gesellschaft gibt es Idioten und Idiotinnen. Radfahrende sind keine Engel, Autofahrer-/innen auch nicht. Es geht darum, dass die Städte endlich aufhören, eine Autostadt zu sein und den Menschen wirklich Lebensraum sind. Den Dreck machen nunmal die motorisierten Fahrzeuge – deshalb muß der MIV (nicht Einsatz- und Lieferfahrzeuge) RAUS AUS DER STADT.

 

Beim Ride of Silence am 16.05.2018 wurde ein neues Ghostbike in Lünen aufgestellt. Zahlreiche Teilnehmer-/innen, die nicht mit der Gruppe Radfahrender aus Dortmund gekommen waren, zeigen das Interesse an diesem traurigen Ereignis.

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Sehnsucht nach draußen

Dank des Klimawandels sind die die Winter wärmer geworden. Der Mensch ist eines der wenigen, wenn nicht das einzige Lebewesen, das so dumm ist, seinen eigenen Lebensraum zu zerstören.

Doch „wärmer“ heißt nicht, daß es für das Radfahren nun besser wäre im Winter. Im Gegenteil. „Wärmer“ heißt oft: einstellige Plusgrade und dazu Regen, kalter Regen. Früher war mit Sicherheit nicht alles besser, aber: bei minus 3 Grad Celsius läßt sich besser radfahren. Ich erinnere mich heute noch gerne an eine Radtour im Winter durch das Fürther Land in meiner alten Heimat in Mittelfranken/Nordbayern. Es lag Schnee, die Straßen waren aber frei, nur hier und da mußte man wegen Glatteis aufpassen. Und als Krönung war es auch noch ein sonniger Tag gewesen. Trockene Kälte läßt sich viel besser aushalten. Man muß sich gut einpacken, aber: dann friert man nicht mehr.

Anders bei dieser verfluchten Nässe, die heute immer wieder vom Himmel kam. Manche-/r mag einwenden: „Ja warum fährst du heute überhaupt Fahrrad?“ – Ganz einfach: weil ich Lust darauf hatte, endlich wieder richtig zu fahren und nicht wie im Alltag das nervige „Stop-and-Go“ im Straßenverkehr (der oft genug ein Kampf mit uneinsichtigen anderen Verkehrsteilnehmer-/innen ist) erleben zu müssen.

Außerdem hatte ich die letzten 3 Tage Film- und Videokurs gehabt. War interessant, wir hatten auch mal draußen gedreht, z. T. bei schönstem Wetter. Doch beim Rumstehen und Kamera einstellen, Set einrichten etc. frieren bald die Hände – und irgendwann auch mal der Rest.

Es sollte nur eine kleine Runde werden: Von der Jahrhunderthalle in Bochum zum Tetraeder in Bottrop. Ich fluchte, weil es schon bei Ankunft am Bochumer Hauptbahnhof regnete. Die netten Herren von der Radstation versorgten meine Reifen mit der nötigen Luft. Am Rathaus Bochum wartete ich unter dem Vordach den Regen ab (ersten Müsliriegel essen, für´s Mittagessen kochen & machen war noch keine Zeit gewesen).

Dann aber los auf die Erzbahntrasse!

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Schon von weitem hörte man laute Rufe, vermischt mit anderen Geräuschen. Spielte heute der VfL Bochum? Es hörte sich so an, als ob das Feiervolk direkt auf der Trasse unterwegs wäre… aber das Faschingsgedöns kam von der Ortschaft herüber, die man nur in der unmittelbareren Entfernung sieht (etwa auf der Höhe: wenige hundert Meter hinter der Erzbahnbude -diese ist auf dem Bild nicht mehr zu erkennen).

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Doch statt Feiern und „Gwerch“ (Menschenmassen und Gewühle auf den Straßen) genoß ich heute lieber tiefer gehende Gedanken…

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…und schaue links und rechts vom Weg, was dort ist.

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Und wie immer im Ruhrgebiet geht´s vorbei an Industriegebäuden. Das ist die Firma, die jetzt mit einem schon großen Stahlkonzern fusionieren wird. Die Gewerkschaftsmitglieder haben zugestimmt.

 

Die Erzbahntrasse wird – so habe ich es verstanden- dann zum EmscherParkWeg ab der Zoom-Brücke. Sie ist die weißfarbene Schwester der roten Erzbahnschwinge, die nach der Jahrhunderthalle Bochum die Gahlensche Straße überspannt. Hier an der Zoom-Brücke taucht das erste Mal der Wegweiser zum Tetraeder in Bottrop auf. Es ist seltsam, daß im „Radroutenplaner NRW“ keine Wegweisung über die Trassen erfolgt!

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Nach Bottrop geht´s aber unterhalb der Brücke entlang des Rhein-Herne-Kanals weiter… und leider mußte wieder Regen einsetzen. Richtig schön heftig. also Gamaschen wieder an… nach ca. 10 Minuten etwa war der Spuk wieder vorüber.

 

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Die Wegbeschaffenheit läßt, kaum hat man die Erzbahntrasse verlassen, sehr zu wünschen übrig… und das Rad wurde wieder schön dreckig.

 

Eine Rakete, auf deren Abflug man vergeblich wartet.

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Entlang des Kanals sieht man immer wieder Industrie oder Häuserbaustellen. Im Hintergrund auf dem linken Bild sind fertige Reihenhäuser zu erkennen – eines so  langweilig wie das andere. Wer will dort bitte so abgelegen wohnen?  Dagegen wirken die Backstein-Ruinen fast schön. Was das wohl mal war, direkt am Kanal?

 

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Im Hintergrund sehen Sie ungewollte Schleichwerbung verkehrt herum für einen Heizungshersteller. Das gehört zu den Impressionen am den Rhein-Herne-Kanal.

 

Bei aller ekelhaften Naßkälte sind die Lichtspiele des Himmels an diesem Tag beeindruckend. Überirdische Zeichen künden von der Zukunft….

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Auch wenn kein Regenschauer mehr einsetzte: die Füße waren nun wirklich kalt, die Hosenbeine trotz Gamaschen, die ich zeitweise auch mal abgenommen hatte, naß. Geradeaus am Kanal wäre ich wohl weiter nach Bottrop zum Tetraeder gekommen. Es nervte schon, daß ich diese Strecke nicht mehr schaffen würde. Bei Naßkälte kann jeder Kilometer eine Plage statt eine Freude sein. Also folgte ich dem EmscherRadweg weiter. Seltsam nur, daß dieser erst über eine Brücke (es muß in der Nähe der „Zoom-Erlebniswelt“ gewesen sein) und auf der andren Seite des Flusses wieder zurück führte. In Sichtweite war wieder ein Industriegebiet, Straßennamen waren aber leider nicht auszumachen. Nach ein paar hundert Metern aber sah man am Eingang des Industriegeländes Rad-Wegweiser. Kein Hinweis mehr auf den Tetraeder, der ist wohl nur über den Kanal erreichbar. Na gut, dann wird eben nach Gelsenkirchen gefahren… den Schwenk zum Nordsternpark sparte ich mir (gibt´s da was Sehens- oder Besuchenswertes?) und fuhr Richtung Innenstadt, mitten durch das „böse Blau“ des bestimmten Stadtteils hindurch.

Eine Brücke, die unter Denkmalschutz steht… wow. Straßenname: „An den Sumtener Brücken.“

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Es war leider kaum möglich, die Brücke im ganzen zu fotografieren….

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Ach ja, ein Radwegweiser führte direkt zum Stadion. Mir ist Fußball ziemlich egal, nur eins sei hier bemerkt: Ihr grausliges Bier können sie selbst trinken, die sogenannten „Blauen.“

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Auf der Fahrt durch Gelsenkirchen entlang der häßlichen, weil mehrspurigen Autostraße (Kurt-Schumacher-Straße) und Berliner Brücke, deren „gemeinsamer Rad- und Fußweg“ ein Witz ist, wurde ich erstaunlicherweise nicht wütend angehupt. Ich  kam vor der „Flora“ an. Dann kurz das MiR (www.musiktheater-im-revier.de ) gegrüßt… und dann nicht ganz zufrieden mit der S2 nach Haus gefahren. Wenigstens war ich heute mal für ca. 2 Stunden draußen gewesen.

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Die Emscher an den Sumtener Brücken in Gelsenkirchen.

 

 

 

Seit Jahren marode: die Rad-Infrastruktur im Stadtgebiet Dortmund. 1. Kinder- und Jugendsternfahrt macht auf Gefahren für Radfahrer-/innen aufmerksam.

Eigentlich war nur geplant, als Ordnerin bei der Jugendsternfahrt heute am Sonntag, den 10. September 2017 in Dortmund dabei zu sein. Was heute jedoch zu hören war, ist so sagenhaft, daß es eines Kommentars bedarf. Denn die getroffenen Aussagen sind so von Unwissenheit und Gedankenlosigkeit geprägt, daß es jeden vernünftigen Menschen verägert und wütend macht. Diese Aussagen wurden auch nicht von irgendwelchen zufällig befragten Passanten getroffen, sondern von Amtspersonen. Genau diese sollten sich eigentlich genauer überlegen, WAS  sie sagen. Unreflektiert oder einseitig irgendwas daherreden, das kann gerne am Stammtisch gemacht werden – aber nicht bei einer Kinder- und Jugendsternfahrt. Erwachsene haben immer noch eine Vorbildfunktion für die Heranwachsenden.

26 Räder wurden gezählt, schade, daß es nicht mehr waren. Auch waren mehr Erwachsene als Kinder dabei. Es hatte auch Zubringer-Routen gegeben, d.h. man trifft sich im Stadtteil an einem vorher bekanntgegebenen Punkt und ein-/e Tourenleiter-/in führt dann die Gruppe zum offiziellen Startpunkt. Schade, aus einigen Stadtteilen kam außer den Tourenleiter-/innen niemand mit. Der ADFC Dortmund hatte das ganze vorbereitet, die ADFC-Jugend war der Ausrichter dieser Sternfahrt. Für ihre Arbeit und Organisation an dieser Stelle ein Lob – allerdings wäre es sinnvoll, beim nächsten Mal über eine andere Vorgehensweise nachzudenken, wie man für die Sternfahrt wirbt. Allein die zeitweise dunklen Wolken waren heute nicht für die mangelnde Anzahl an Teilnehmer-/innen für die Sternfahrt verantwortlich. Es blieb während der gesamten Sternfahrt trocken.

Um 14 Uhr startete die Kinder- und Jugendsternfahrt der Radfahrjugend des ADFC Dortmund am Fritz-Henßler-Haus. Zu meiner Verwunderung fuhren 5 (später 6) Polizei-Motorräder mit, vorneweg ein Polizeiauto. Motorräder sind ja noch ok, weil es Zweiräder sind. Auch bei der Critical Mass in Nürnberg fährt die Polizei mit Motorrädern mit. Aber warum ein Polizeiauto vorne? Sehr glaubwürdig ist das nicht.  Warum fährt niemand von der Fahrradstaffel der Polizei Dortmund mit?

Auf Nachfrage wurde mir gesagt, daß die Fahrradstaffel nur 7 Beamt-/innen inne habe. Sie seien heute alle im Einsatz. Naja, das kann man als Zivilistin jetzt nicht nachprüfen. Polizisten und Polizistinnen auf Fahrrädern wären wesentlich glaubwürdiger und gleichberechtigte Teilnehmer-/innen gewesen. Bei der Critical Mass Essen vergangenen Herbst war die Fahrradstaffel auch mal dabei gewesen und hatte ein positives Fazit der Tour gezogen. Also, geht doch.

Während der Sternfahrt gab es am Hauptbahnhof, im Kreuzviertel am Theodor-Fliedner-Heim und am Jugendamt Aktionen und Kundgebungen. Die Jugendfeuerwehr zeigt die Rettung eines Verletzten, die Naturfreundejugend veranstaltete ein Quiz zum Wissen über Verkehrsregeln.Die Kinder- und Jugendsternfahrt soll auch Spaß machen und nicht nur Protest sein. Die Forderungen der Radfahrjugend stand auf Stoffbannern geschrieben und wurde von den Kindern und Jugendlichen an den einzelnen Stationen hochgehalten: „radfreundliche Ampelschaltungen,“ „Weg mit Pollern, denn sie zerstören Leben“ „gute Fahrradparkplätze statt Felgenbrecher“ u.a. war darauf zu lesen. Diese Forderungen der ADFC-Jugend können nur unterstützt werden. Aber werden sie von der Stadt Dortmund und der Polizei auch ernst genommen?

 

Und natürlich wurden alle diese Forderungen von den Verantwortlichen mit einem verständnisvollem Lächeln zur Kenntnis genommen; man sei ganz der Meinung der Kinder und Jugendlichen. Schöne Symbolpolitik. Toll.

Was danach von seiten der Polizei und später dem Jugendamtsleiter folgte, war jedoch sagenhaft: anstatt sich der Probleme des Radverkehrs WIRKLICH! anzunehmen, wurde wieder mit der unseligen Helmdiskussion begonnen. Ich habe eigentlich keine Bock mehr auf diese Diskussion. Ja genau! Wir Radfahrerinnen und Radfahrer haben diese verdammte Symbolpolitik, die nur an den Symptomen herumdiskutiert und nur punktuell Linderung bringt anstatt die Ursachen zu bekämpfen, gründlich satt!

Glauben Sie ernsthaft, Polizei und der Herr Jugendamtsleiter, daß ein Helm Kinder und Jugendliche – und auch die Erwachsenen – ernsthaft im Alltags-Radverkehr komplett schützt???

Sehen Sie nicht, wie schmal die Radwege sind, in welchem miesen Zustand (Oberfläche marode, Rillen, uneben wegen Baumwurzeln, verdreckt durch Glasscherben etc.)??? Merken Sie nicht, daß es diese schlechten Wege sind, die das Radfahren in Dortmund gefährlich machen?

Merken Sie nicht, daß dem Autoverkehr seit Jahrzehnten eine Vorrangstellung eingeräumt wird, sprich: dass die meisten Straßen nur für Autos gebaut sind und werden? Dass diese Vorrangstellung dazu führt, daß Autofahrer-/innen eine Narrenfreiheit verspüren und somit Radfahrer-/innen zu eng überholen, schneiden, unachtsam die Autotür aufreißen, so daß man dagegen fährt, die Fahrradwege so selbstverständlich zuparken, als ob es ein ausgeschriebener Parkplatz wäre???

DAS SIND DIE WAHREN URSACHEN FÜR DIE GEFAHREN, die radfahrende Kinder und Jugendliche in Dortmund bedrohen! Mit dem Tragen eines Helms kann man diesen Gefahren nicht begegnen.

Der VCD (Verkehrsclub Deutschland) macht ebenfalls darauf aufmerksam: https://www.vcd.org/themen/radverkehr/helmpflicht/

Andere Länder – ich glaube, eins ist sogar der direkte Nachbar des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen und hat noch eine Monarchie – lachen über uns Deutsche, die sich freiwillig eine häßliche Styropor-Kugel auf den Kopf stülpen. Dort trägt kaum jemand Helm, denn es ist schlicht und einfach nicht notwendig. Wer sich sicher auf der Straße und im Stadtverkehr fühlen kann weil sie oder er nicht befürchten muß, daß man vom Autofahrer (oder der Autofahrerin) wieder abgedrängt, aus dem offenen Fenster heraus beleidigt und angeschrien wird, der oder die braucht keinen Helm!

Wir Radfahrerinnen und Radfahrer wollen wie alle Bürger-/innen eine lebenswerte Stadt, bei der wir Zweiradfahrer ohne Motor gleichberechtigt sind. Ein Großteil von uns hat keinen Bock mehr, immer dem Autoverkehr das von den „Motorsportfreunden“ empfundende Vorrecht auf Platz und Existenz einzuräumen. Das Ende unserer Geduld ist ERREICHT. Nicht umsonst gibt es den Allgemeinen Deutschen Fahrradclub ADFC, die Initiative VeloCityRuhr, Bündnis RadFairkehr und IbikeNürnberg (beide letztere in Nürnberg ansässig), die Critical-Mass-Bewegung (> http://www.itstartedwithafight.de & http://itstartedwithafight.de/critical-mass-deutschland/ )

 

Wohlgemerkt: ich bin nicht gegen den Fahrradhelm an sich, aber dieses ständige, gebetsmühlenartige Verkünden des Helms als Allheilmittel gegen alle Gefahren für Radfahrerinnen kotzt mich gewaltig an. Den Kindern wurde heute ein völlig falsches Bild vermittelt: mit dem Helm allein bist du sicher. Eben nicht. Es sind die schlechten Wege, die Arroganz, die Aggressivität und die Ungeduld vieler Autofahrer-/innen, die Kinder und Jugendliche – und alle radfahrenden Menschen – in Dortmund und anderswo gefährden.

Ein Teilnehmer und Bekannter von mir trägt aus Überzeugung Helm – aber es fällt ihm nicht ein, mir ständig erzählen zu müssen, ich solle auch einen tragen. Fahrradhelm zu tragen ist die eine eigene freie Entscheidung – und keine Pflicht.

Es ist absolut nicht nachvollziehbar, weshalb bei der Station am Polizeipräsidium nur über der Helm als sinnvolles Mittel für Verkehrssicherheit angepriesen wurde. Die Krönung erfolgte dann noch dadurch, daß der Polizeibeamte Sch. die Angebote für Fahrradhelme bei Discounter-Supermärkten als preisgünstige Modelle empfahl. (Dass der Verkehrsunterricht für die Grundschüler-/innen zu erwähnen und zu würdigen ist, steht außer Frage).

Aha. Und die Polizeiuniformen werden bei C&A bestellt. Ich dachte bisher immer, daß der Polizeidienst körperlich so anstrengend sein kann, daß die Jacke und Hose mehr aushalten müßten als nur einen einfachen Schlag mit Händen oder Beinen. Die Polizei glaubt doch nicht ernsthaft, daß ein Helmmodell vom Discounter seinen Zweck – dem Schutz des Kopfes (und nur des Kopfes, nicht den Schutz von Armen, Beinen oder überhaupt des Körpers!)- erfüllen kann?!?

Es ist schon klar: die Polizei kann die Verkehrsinfrastruktur nicht zu einer radfreundlichen Umgebung machen. Das ist die Aufgabe der Stadtverwaltung. Was die Polizei aber tun kann: sich mehr – oder überhaupt! – sich mit den Belangen von Radfahrer-/innen befassen! Eine Teilnehmerin nahm das Angebot, Fragen an die Polizei zu stellen, an. Die Antwort auf ihre Frage war kurzsichtig und nur eine Ausrede. Sie war für einen begangenen Fehler von 2 Streifenpolizisten gemaßregelt worden. Dabei ging es nicht darum, daß sie ihren Fehler nicht einsehen wollte; es ging um die Art und Weise, wie die beiden Beamten mit ihr umgegangen waren: sie ließen die Radfahrerin, nachdem sie diese angehalten hatten nicht ausreden , hörten ihren Argumenten nicht zu, machten sie nur runter. Toll gemacht. So stärkt man das Ansehen der eigenen Behörde. Glückwunsch. Und dann noch Geldstrafe androhen. Man hatte grad den Eindruck, die beiden hätten Spaß an ihrer Maßregelung. Hätten die Beamten sich auch nur genauer die Stelle Kreuzung Bornstraße/Heroldstraße angeschaut hätten sie gemerkt, wie schlecht die Verkehrsführung für Radfahrer-/innen dort ist. Kein-/e! Autofahrer-/in würde es dulden, große Umwege fahren zu müssen! Auch wir Radfahrer-/innen haben das Recht, zügig und sicher zum Ziel zu kommen! Wehe es ist mal eine Umleitung… sofort beschwert sich ein Autofahrer. Und wir Radfahrer-/innen sollen das Maul halten. Nee, bestimmt nicht!

Sich die Verkehrsführung genau ansehen, das würde konkret heißen: breiterer, sicherer Übergang der Herolstraße über die Bornstraße für Fußgänger-/innen UND RADFAHRER-/INNEN. Genügend lange Ampelschaltungen damit man als Radfahrer-/in nicht unfreiwillig mit den manchmal sehr langsamen Fußgänger-/innen ins Gehege kommt. Wegen ein paar Schnarchnasen hat auch ein Radfahrer weder Lust noch Zeit, in der Mitte auf der Vekehrsinsel zusätzlich warten zu müssen. Und im übrigen sind wir nicht der emotionale Mülleimer für niemanden, auch nicht für Polizisten. Im o.g. Fall konnte man den Eindruck gewinnen. Es war wie ein Machtmißbrauch: anstatt sich mit der Sache wirklcih zu befassen, wird eine Radfahrerin beschuldigt. Dabei hat sie sich höflich verhalten – was von der Polizei ja gefordert wird. Leider war die Reaktion unverschämt, unhöflich und von Nichtwissen und Gedankenlosigkeit geprägt. Das erzeugt statt Achtung nur Wut für diese Polizeibeamten beim Bürger.

Es geht dabei nicht darum, die Polizei im gesamten zu diskreditieren. In anderen Situationen hat diese Radfahrerin und Bürgerin gute Erfahrungen mit der Polizei Dortmund gemacht.

Zwei Sternfahrt-Teilnehmerinnen und Erzieherinnen machten auf die miese Verkehrssituation an ihrem Arbeitsort, der Kindertagesstätte am Theodor–Fliedner-Heim, aufmerksam. Zu kurze Ampelschaltungen, Autofahrer-/innen, die sich nicht an Geschwindigkeitsbegrenzungen halten, gefährden das Leben nicht nur der Kinder (meist unter 3 Jahren), sondern auch die der Senioren im Theodor–Fliedner-Heim.  Seit 6 Jahren ärgern sich die Erzieherinnen schon über diese Verkehrssituation. Passiert ist bisher – nichts. Dabei sind Kinder (und Jugendliche) der Gesellschaft doch angeblich soviel wert: wenn die Nachricht einer Kindesentführung oder gar Mord die Runde macht, ist die Welle der Empörung groß, die/der Täter-/in muß gar Morddrohungen fürchten. Die Gefahr, von einer Blechkiste getötet zu werden, wird offensichtlich stark unterschätzt….

An der Station beim Jugendamt war zu bemerken, daß der Leiter dieses Amtes zwischen Alltags- und Reiseverkehr mit dem Rad nicht zu unterscheiden weiß. Auch er lobte die Kinder ausschließlich dafür, daß sie Helme trugen. Er betonte, daß seine Behörde sich für die Belange von Kindern einsetze. Letzteres ist zweifelsohne zu würdigen. Nach der Logik des Helmtragens müßte meine Generation – noch vor 1990 geboren – nahezu ausgestorben sein. In den 1980er und 1990er Jahren dachte niemand an einen „Fahrradhelm.“

Aber bitte, warum kommt der Jugendamtsleiter mit dem Skifahren in seiner Freizeit daher, wenn es um die Frage geht, ob man im ALLTAGSverkehr Helm trägt oder nicht??? Es ist ein riesen Unterschied, ob im ich im Alltag mit dem Rad unterwegs bin oder ob ich (Rad-)Sport in meiner Freizeit betreibe! Wie ein anderer Teilnehmer heute richtig sagte: „ich will im Alltag sicher unterwegs sein können, ohne mich panzern zu müssen.“ Daraufhin fiel dem Jugendamtsleiter und Helmfreund nichts mehr ein. Beim ADFC Nürnberg besteht z. B. nur bei Mountainbiketouren Helmpflicht. Der Grund liegt klar auf der Hand: hier handelt es sich um Sport, um die Fahrt in unebenem Gelände, das mehr und echte, weil andere Gefahren birgt als der Straßenverkehr. Bei Rennradtouren empfiehlt sich auch das Tragen eines Helms. Aber wegen ein paar Kilometer zur Arbeitsstätte oder zum Einkauf? – Nee!

 

Daher noch einige Forderungen an den Jugendamtsleiter und manche Damen und Herren in Uniform, oder sagen wir mal, Tips, die heute ausgeblieben sind:

  • setzen Sie sich, wenn Sie als Polizeibeamter/in nicht der Fahrradstaffel angehören, öfter mal auf´s Rad und fahren Sie durch die Stadt. Was spüren Sie, was fällt Ihnen auf? Wie reagieren die Autofahrer-/inne auf Sie als Radfahrer-/in?
  • >>> Na, mal wieder unfreiwillig über Glasscherben gefahren?  >>> Plötzlich überrascht gewesen, weil der Radweg – noch dazu benutzungspflichtig – ohne Vorwarnung endet und man plötzlich ungeschützt auf der Fahrbahn steht? >>>Einem herannahendem Auto (das eher selten die vorgeschriebenen 50 km/h fährt) fast einen „Kuß“ an die Breitseite gegeben? >>> Plötzlich gewundert, daß eine Blechkiste den – meist benutzungspflichtigen Radweg ,den Sie gerade befahren, versperrt?

Eine Aktion gegen Falschparker als freundlicher Hinweis. Danke an den VCD. Diese einfache Karte löste bei der Ablage auf die Windschutzscheibe sogar schon Wutgeschrei aus, als ob man den heiligen Sportwagen zerkratzt hätte.

  • Achten Sie verstärkt darauf, wie Autofahrer-/innen sich gegenüber Radfahrer-/innen verhalten. Auch wenn es in der Radfahr-Zunft Chaoten gibt: die meisten Unfälle werden durch den motorisierten Verkehr verursacht. Wir Zivilisten, die wir Radfahrer-/innen nunmal sind, dürfen es nicht, aber die Polizei dürfte es: die Raser, Drängler, Radweg-Blockierer (die „nur mal schnell Zigaretten holen wollen – interessanterweise sind es meist Männer), die Brüller und Schreier, die Radfahrer-/innen bedrohen:  festhalten.
  • Und dann: In einen Raum setzen, zum Schweigen bringen – und sie zwingen, daß sie uns Radfahrer-/innen zuhören.
  • Radfahrer-/innen sollten dabei vorne stehen und den „motorsportfreunden“ mit ruhigen Worten und einer Präsentation erklären, warum sie wie gefahren sind und warum es – tatsächlich oder scheinbar – zum Konflikt mit den anwesenden Autofahrer-/innen gekommen ist.  Auch wenn noch nicht wirklich was passiert ist, selbst nicht ein kleiner Lackschaden, ist die Situation im alltäglichen Straßenverkehr so aufgeheizt, daß selbst ein ruhiger sachlicher Ton nicht mehr beim Gegenüber ankommt. Na dann…. braucht sich kein Autofahrer/keine Autofahrerin mehr wundern, wenn die Wut bei radfahrenden Menschen steigt und steigt.
  • In Berlin ist die Situation schon so weit eskaliert, daß Radfahrer-/innen sich nicht mehr an Regeln halten. Irgendwann hat man keine Geduld mehr. Es werden immer mehr Menschen, die erkennen, daß man mit dem Rad die meisten Alltagswege zurücklegen kann. Und nun fordern sie ihr Recht, ihre Gleichberechtigung auf den Straßen. Das heißt für Berlin UND DORTMUND: man muß dem Autoverkehr Platz wegnehmen! Denn bisher hat der radfahrende Mensch viel zu wenig Platz! Leider sind viele Lokalpolitiker-/innen dazu nicht mutig oder nicht willens genug. Auch die erfolglose Suche nach Bauingenieur-/innen bei der Stadt Dortmund spielt eine Rolle, wie zu erfahren war.

 

  • Hören Sie zu, bevor Sie verurteilen oder beurteilen. Die beiden o.g. Beamten im Mai an der Kreuzung Herold-/Bornstraße waren leider nicht fähig dazu. Meistens sind Radfahrer-/innen einsichtig, weshalb sie einen Fehler gemacht haben sollen. Keine-/r macht gern oder aus Mutwillen Fehler. Aber an vielen Stellen ist die Verkehrsführung so beschissen – man muß es so deutlich sagen – dass man Fehler machen muß. Ja, Sie haben richtig gelesen! Wenn der benutzungspflichtige Radweg mit Glasscherben voll ist fahre ich NICHT darauf, wenn es nur eine Fußgängerampel gibt, obwohl es eine im FAHRRADSTADTPLAN eingezeichnete Route ist, fahre ich verdammt noch mal dort entlang!
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  • An dieser Stelle sei bemerkt: Radfahren heißt nicht rasen, sondern fahren, also die Fußgänger-/innen leben lassen und ihnen ein Existenz- und Platzrecht gewähren.

 

  • Dringend: eine Änderung in der Fahrschullehrer-Ausbildung! Wie oft wird man selbst von Fahrlehrern angeschrien und wie ein lästiges Insekt behandelt daß sie am liebsten tot schlagen möchten. Und dazu eine verpflichtende Nachschulung von bereits ausgebildeten Fahrlehrern, damit sie die Belange des Radfahrers/der Radfahrerin nicht nur kennenlernen, sondern diese ihnen auch bewußt werden!

 

Nach all diesen Erfahrungen – ich fahre schon seit über 20 Jahren 99% meiner Alltags- und Reisewege mit dem Rad – kann ich mich über unser Land nur wundern. Deutschland = Fahrrad-Entwicklungsland. Als ob Piech, Zetsche & Co. sich über den Bau und Verkauf von Postkutschen  statt Autos Gedanken machen. Und die „Pferde“ heißen dann „Opel Kadett“, „VW Touran“, „Mercedes C-Klasse“, „Audi TT“ usw. Ah ja. Seltsam nur, daß dann keine Pferdekacke auf den Straßen rumliegt. Dafür gibt es jede Menge unsichtbaren Feinstaub, der die Menschen immer kränker macht. Ist eben nicht sofort und nicht so deutlich sichtbar, als wenn jemand droht, an Ebola zu krepieren oder mit einer Waffe zu schießen. Angeblich sind allen doch die Kinder und Jugendlichen bei der Sternfahrt in Dortmund heute so wichtig… warum gibt es dann keine radikalen Verändungen und Verbesserungen in der Fahrradinfrastruktur? Fahrräder machen weder Dreck noch nehmen sie soviel Platz weg wie die immer größer und wuchtiger werdenden Autos (SUV und ähnlicher Unsinn in der Stadt). In den meisten Blechkisten sitzt nur ein Mensch, der durch die Stadt fährt. Und das bei mind. 4 Sitzplätzen. Ganz schön effizient und sinnvoll.

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Der Helm soll´s richten mit der Sicherheit. Tut er aber nicht. Was wirklich schützt ist eine fahrradfreundliche Verkehrsinfrastruktur. Und die ist eben komplizierter und aufwendiger als die Bestellung von x Helmen. Darüber freut sich nur der Hersteller, aber es nützt kein-/eRadfahrerin wirklich.

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Für bessere Luft, erst recht in den Städten: die Forderung des ADFC Nordrhein-Westfalen. https://www.adfc-nrw.de/fahrradland-nrw.html

 

Zur Situation Autofahrer-/innen und Radfahrer-/innen:

Was nicht nur Kinder und Jugendliche beim Radfahren schützt und was nicht:

http://www.zeit.de/mobilitaet/2017-06/radfahren-grossstadt-strassenverkehr-gefahren-bloggerin-interview

Und auf dem Blog: http://www.radelmaedchen.de

http://www.fr.de/panorama/verkehrssicherheit-fahrradhelm-hilft-aber-a-1347657

http://fahrradzukunft.de/25/motorisierte-gewalt/

Nordrunde durch Dortmund

Auf der Suche nach einer möglichen Feierabendrunde habe ich mal wieder den Fahrradstadtplan studiert… es kann doch nicht sein, daß es nichts wenigstens annähernd adäquates wie die Erzbahntrasse zwischen Bochum und Essen-Zollverein auch für Dortmund gibt! Für´s Freibad war es schon zu spät, der Wind relativ heftig… und das Lastenrad des Typs BULLITT, ausgeliehen von VeloCityRuhr noch verfügbar. Also auf, um den hohen Norden Dortmunds zu erkunden.

Eine zentraler, gut erreichbarer Ort für den Start ist der Borsigplatz.Genau, das ist der Platz, wo die schwarz-gelben Fahnen hoch an den Laternenmasten hängen und wo Fußballfans feuchte Augen bekommen. Von dort aus geht es auf die Borsigstraße und dann die häßliche Bornstraße Richtung Dortmund- Eving. Der Radweg, der leider benutzungspflichtig ist, taugt nichts: viel zu schmal, wenn auch meistens sauber und späer im Nichts endend.

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Über die Eisenstraße und Burgholzstraße fährt man entlang des Nordfriedhofs; das Grün nimmt schon an dieser Stelle leicht zu. Links in die Osterfeldstraße abgebogen, ist man schon in EVING. Ein Stadtteil, der mehr wirkt wie ein größeres Dorf. Leider auch hier endet der Radweg einfach auf der Fahrbahn und noch dazu an einer Bushaltestelle… ist nur eine Frage der Zeit, bis es mal zwischen motorisierten Verkehr und Radfahrer-/innen kracht, ganz ohne Mutwillen seitens der Radfahrenden.

 

Nach ca. 3 km am Ende der Wildbergstraße: endlich fängt der Wald, das dichte Grün an!  „Süggel“ oder „Süggelrand“ heißt das Waldgebiet, das bald in ein Waldstück namens „Grävingholz“ übergeht. Die Wegweisung am Waldrand ist anfangs etwas verwirrend, letztendlich hatte ich aber die richtige Abbiegung gefunden: Den R 8, geradeaus in den Wald hinein.

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Der Rote Rudolf freute sich sichtlich, mal nicht nur schwere Lasten innerhalb von dicht an dicht stehenden Häusern zu transportieren, sondern eine Ausflugsfahrt zu machen.

 

 

Der Ausblick auf Holthausen (hinter dem Hügel)  , nachdem man den Wald verlassen hat.

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Bemerkenswert: man hört hier wirklich keine Autos, keine Autobahn. Nur landwirtschaftliche Geräte, momentan bei der Getreideernte und Heu- bzw. Strohballen-Herstellung. Auch das gibt es in Dortmund…

 

Weiter auf dem R 8 nach Holthausen.

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Den Bewohnern am Wegesrand guten Tag sagen… manchmal kommen auch Reiter entgegen auf diesem Weg, daher etwas aufpassen.

 

 

Weiter  bergab auf der Kamphecke…

 

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Fast wie im hohen Norden 😉 und nicht mal sooo steil die Anstiege!

 

 

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Eine grüne Bushaltestelle gleich neben dem Maisfeld… da geht dem Städter doch das Herz auf! 😀 Und der Linienbus fährt 1x in der Stunde, auch sonn- und feiertags… das ist schon viel für eine ländliche Gegend. Einmal überholte mich diese Buslinie, ein putzig wirkender Mercedes-Kleinbus. In Nürnberg kurvt auch sowas rum… irgendwie putzig diese kleinen Busse.

Und wieder einen Stadtteil kennengelernt… Schwieringhausen.

Sieht gar nicht aus, als ob es zur Stadt Dortmund gehöre…

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Laut Stadtplan sollte es links auf der Alt-Mengeder Straße zum Dortmund-Ems-Kanal gehen. Eine freundliche Autofahrerin, die gerade neben mir hielt, um zu parken, gab mir aber einen anderen Rat. Rechts in die Ortschaft rein, dann rechts in die Sackgasse… und gleich wieder rechts bei der Schranke, die in den Wald hineinführt. Lustigerweise gab es zwei Schranken, eine davon hatte einen Durchlaß für Fußgänger, das Bullitt passte gerade so durch.Ein Weg mit Kennzeichen „Verbot für Fahrzeuge aller Art“… pffft. Der Weg wird ausprobiert. Nach einem kurzen Weg durch ´s Gebüsch von Brennesseln und Brombeeren stand ich plötzlich am Dortmund-Ems-Kanal.

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Am Kanal überkommt mich oft die Sehnsucht nach dem richtigen Norden…

 

Unscheinbar: das ist die Verbindung Schwieringhausen zum Dortmund-Ems-Kanal.

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Entlang des Kanals zurück in die Nordstadt Dortmund…

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Unterwegs noch Abendessen. Schöner kann es kaum sein als hier…  🙂

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Der Weg auf dieser Seite – links in Richung Industriehafen und Nordstadt  – unterscheidet sich in seiner Beschaffenheit kaum von dem auf der anderen Seite. Aber wie ich es geahnt hatte, ist er nicht komplett durchgängig. Wegen eines Betriebsgebäudes der Kanalwirtschaft mußte ich auf eine Landstraße ausweichen und fuhr auf der Holthausener Straße Richtung Nordstadt… auf der Fürst-Hardenberg-Allee soll es mal wieder zum Dortmund-Ems-Kanal abgehen, aber mit dem Bullitt war es letztendlich doch angenehmer, die Straße zu fahren. Bis auf wenige landwirtschaftliche Fahrzeuge war nicht soviel los. Dadurch, daß ich nicht am Kanal fahren konnte, lernte ich den Stadtteil, der praktisch zum Industriehafen gehört, kennen: Dortmund-Lindenhorst. Allerdings, außer Firmengebäuden und Geschäften wie Auto- und Motorradhändlern scheint es kaum Wohnungen in Lindenhorst zu geben…

Die Fürst-Hardenberg-Allee und die Lindenhorster Straße brachten mich zurück in die Nordstadt von Dortmund zum Fredenbaum-Park und Borsigplatz. Am Ende verlief die Strecke etwas anders als geplant, dennoch war es eine schöne Tour für eine Feierabend-Runde.

 

Meinen herzlichen Dank an VeloCityRuhr für den möglichen Verleih des Lastenrads Roter Rudolf! 🙂  RIDE ON!