Fliegen auf 2 Rädern will gelernt sein

Ein Sitz, kein Sattel. Die Polsterung sieht aus wie ein grober, dunkelgrauer kratzender Putzschwamm beim Geschirrspülen. Ein langes Rohr, dass das kleinere Vorderrad mit dem größeren Hinterrad verbindet, läuft unter dem Sitz hindurch.. Und wo ist der Lenker? Ah so, der läuft unter dem Sitz durch, die Griffe schauen links und rechts vom Sitz hervor. Das ist der Grundaufbau eines Liegerades. Genau, deshalb liegt man mehr, als man sitzt, während man Rad fährt. Die Beine in der Waagrechten nach vorne über dem kleinen Vorderrad auf den Pedalen. Sieht seltsam aus,  klingt verrückt, ist es auch und das beste: es funktioniert. Aber man braucht Geduld, es zu lernen.

Vor ca. 10 Jahren bin ich schon mal Liegerad gefahren. Ein Nürnberger ADFC-Kollege hatte mich auf diese außergewöhnliche Fahrradgattung aufmerksam gemacht, einmal war ich mit ihm auf der Spezialradmesse (SPEZI) in Germersheim im Süden von Rheinland-Pfalz. Ich hatte Geschmack an dieser Art des Radfahrens gefunden: man kann schnell beschleunigen, es macht riesen Spaß, der Gegenwind braucht die Fahrerin nur noch wenig zu kümmern. Der ganze Beckenbereich ist entspannter, weil man mit seinem Gewicht nicht auf den Sattel drückt.  Mit dem ausgeliehenden FLUX C 500 erlebte ich Fahrspaß pur, ein richtiger Rausch hatte mich ergriffen. Doch leider war es vor ca. 10 Jahren Herbst gewesen, ich hatte das nasse Laub auf dem Weg vergessen  – und wusch! flog ich hin. Das Gute am Liegerad: man kann nicht tief fallen. Das schlechtes: es gut dennoch weh. Die ganze Beinseite war blau und geprellt.

Es hatte große Mühe gemacht, das FLUX C 500 damals auszuleihen: ich mußte mit dem Zug erst nach Ansbach fahren, das bedeutete hin und zurück mehree Stunden Fahrt. Und dann das vergleichsweise schwere Liegerad in den Zug hieven, der noch so häßliche alte Klapptüren hatte…

Von damals habe ich nur Bilder von einem entwickelten Film, die (noch) nicht digitalisiert sind.

Der Traum vom Liegerad-Fahren blieb, aber Geld, eins zu kaufen, hatte ich keins. Wenn man es einmal gelernt hat, will man nie wieder absteigen.

Heute, 10 Jahre und zwei Umzüge in eine andere Stadt später ergibt es sich, dass ich im Monat nicht nur eine Critical Mass mitfahren kann. Hier und da gibt es nette Kontakte, man findet Gleichgesinnte. In Gelsenkirchen gibt es offenbar eine Liegerad-Szene, die ganz fußballfern und über Stadtgrenzen hinweg ihre Leidenschaft pflegt. G. mit seinem gelben Velomobil (ein Liegerad mit Verkleidung rundherum, sieht lustig aus und ist super schnell!) ist einer davon. Weil ihm der Arzt irgendwann auch das Rennradfahren verbot, fährt er Liegerad. Einige Exemplare, darunter auch ein Dreispurer (Scorpion von HP Velotechnik) besitzt er nun schon. Und mir versprach er, dass ich eins leihen könne. Hey cool, endlich nach 10 Jahren wieder Liegerad fahren!

Von einem Kollegen aus eben dieser Stadt hatte ich mir schon Ausflugstips geben lassen, was ich alles sehen könnte: Schloß Berge, Schloß Horst… (nein, das „böse“ Stadion der „Blauen“ steht nicht auf meiner Sightseeing-Liste 😀 ) ich malte mir einen ruhigen Freitag nachmittag aus, der evtl. sogar mit der Critical Mass in Bochum enden könnte. Im Gegensatz zu Nürnberg und Ansbach, der Region Nordbayern sind die Städte im Ruhrgebiet sehr nah beieinander. Bochum sollte also bis abends erreichbar sein.

Doch Fahrräder sind eigenwillig. Fast wie echte Pferde auch, sagen sie nicht zu jeder und jedem sofort „ja.“ G. stellte das Rahmenrohr so ein, dass ich mit den Beinen bequem die Pedale vorn an der Spitze erreichte. Ich dachte, ich kann es noch…. aber immer wieder kippte ich um. Es ist genau so, als wenn man Radfahren lernt: der Kopf kapiert, dass man das Gleichgewicht halten kann, aber der Körper braucht länger, um es zu kapieren. „Du mußt die Beine oben halten, lenken und treten, lenken und treten!“ sagte G. immer wieder. Er feuerte mich an, schob an – und irgendwann konnte ich das erste Stück, den kurzen Radweg entlang der U-Bahn-Haltestelle frei fahren. Juhuu! Die Gelsenkirchener Jugend, die an der Haltestelle abhing, hatte an diesem Nachmittag eine besondere Unterhaltung 😉

Nach ein paar technischen Schwierigkeiten konnten wir abends dann losfahren. Ich wollte es noch bis nach Bochum zum Hbf schaffen, von dort aus mit dem Zug nach Haus fahren. G. schob wieder an – mit Gepäck radeln am Liegerad war noch mal eine ganz andere Herausforderung – und ich fuhr auf der Trasse, vorbei an der Zeche Consol los. Wieder war er da, der Rausch der Geschwindigkeit. Und G. hinter mir plötzlich verschwunden.

Ich freute mich, merkte aber auch, wie erschöpft ich war. Ich habe dann unfreiwillig heftig angehalten, es ist nichts passiert, der Untergrund war ja weich und außer mal umkippen ist nichts passiert. Ich glaube, ich hatte auch etwas Muffensausen bekommen, weil der Weg an dieser Stelle kurz vor der A42 so ist wie der, an dem ich vor 10 Jahren mit dem Flux C 500 gestürzt war: es geht auf jeder Seite schön bergab. Arrgh. Ich machte erst mal Rast, denn ich hatte immer nur etwas, aber nie sehr viel gegessen. Ich war tagsüber ungewollt immer wieder müde, obwohl ich morgens das Gefühl gehabt hatte, ausgeschlafen zu sein.

Ich merkte: ich muß Geduld mit mir selber haben, mal tief durchatmen – dann kann ich wieder losfahren und es klappt auch.

An der Kreuzung, an der es zur Autobahn 42 rein und auf der anderen seite zur Zoom Erlebeniswelt geht, legte ich mcih wieder hin. Ein Autofahrer, der an der Ampel wartete, fragte sogar, ob ich Hilfe brauche. Sehr freundlich, wow, das überraschte mich.

Ich war verwirrt, WO es weiterginge… ich merkte, dass ich richtig k.o. war. Zuerst wollte ich zur Zoom E. fahren, doch dann sah ich die Zufahrt zur Trasse. Ich schob das Rad runter, dann hieß es: aufsteigen und wieder losfahren… wie einfach das auf dem „Hochrad“ (so nennt der ADFC-Kollege aus Nürnberg immer die Fahrräder) doch ist!

Ich war immer noch unsicher, doch ich fuhr los. Und hui, nach ein paar Versuchen, einmal Fluchen und tief Druchatmen klappte es!

Allerdings merkte ich auch, dass mein Kopf und Nacken irgendwie keine passende Position hatten. Das Fahren hätte so schön sein können, wenn ich nicht die ganze Zeit das Gefühl gehabt hätte, dass die Kopfhaltung nicht stimmt und ich eine unangenehme Verspannung spüre. Ich fuhr eine ganze Weile, die Schaltung zickte manchmal, aber im großen und ganzen funktionierte es. Wenn mir jemand entgegen kam, war ich nicht mehr so panisch. Allerdings, wenn zwei nebeneinander fahren, das macht mich immer noch unsicher.

Später dann, auf dem Weg Richtung Erzbahnbude gibt es immer wieder Brücken, die hone Wände links und rechts des Weges haben. Ich dachte auch erst, dass mir die Zäune auf den Brücken Sicherheit geben.

Da gibt es doch das mehrere hundert Meter lange Stück als Brücke, bei dem links und rechts Metallwände sind, danach erreicht man die Erzbahnbude. Langsam überwog der Gedanke: „Warum tue ich mir das an?“ vor „Liegeradfahren macht Spaß.“ Zwei Schlaumeier kamen mir entgegen, nebeneinander, und das bei der relativ engen Brücke. Ich schaffte es noch, ihnen zuzurufen, sie mögen doch bitte hintereinander fahren, ich glaube sie taten es auch, aber zusammen mit der Erschöpfung verlor ich den Mut und fuhr gegen die Wand. Juhu, auch das Knie angehauen und noch mehr Prellungen (aber keine offenen Wunden). Ich war wütend und genervt, aber ich hatte keine Kraft mehr, zu fluchen (auch wenn es notwendig gewesen wäre). Die beiden entshculdigten sich, ich erklärte ihnen die Sache, sie fragten, ob sie helfen könnten… nun, was sollten sie auch tun, ich war froh, dass sie mir überhaupt zuhörten.

Die Erzbahnbude hatte noch offen, ich fragte nach Kaffee, der war verständlicherweise aus. Ein Eis füllte meinen Zuckerhaushalt auf. Aber nachher merkte ich: heute kann ich mit diesem Rad nicht mehr fahren. J., der soeben die Bude geschlossen hatte, war plötzlich neben mir und meinte, er würde mir ein Taxi rufen. Ich hatte keine Lust, die restlichen 6 km bis zur Jahrhunderthalle zu schieben!

Das ist echt eine Gelsenkirchen-Woche: Montag war ich bei der CM, heute kam ich so schnell aus GE nicht raus, weil Julian mich zu einer Kreuzung in GE begleitete. Nach mehreren Telefonaten wußten die Taxifritzen endlich, WO sie hinkommen sollten. Es hat mich schon gewurmt, 23 € für ein Taxi ausgeben zu müssen, um nach Bochum Hbf zu kommen. Aber gut, das war eben ein Notfall…. Und wie ich zu Julian sagte: „man muß nicht gleich Bungee-jumping machen, aber wenn man sich gar nichts traut, ist das Leben elend langweilig.“

Das Liegerad passte gut in den Zug und in den Aufzug. Was ich sonst nie mache, habe ich heute gemacht: ich bin mit der U-Bahn die eine Station ab Hbf zu der Station  gefahren, von der aus die Ux99 zu mir nach Hause fährt.

An den Beinen habe ich viele Veilchen, das rechte Knie tut noch etwas weh, beugen geht, wenn auch mit leichten Schmerzen. Dennoch bin ich froh, es heute mich getraut zu haben, Liegerad gefahren zu sein. Ich war heute morgen erneut  mit Frust aufgewacht. Irgendwas muß man tun, sich aufmachen… Der Lenker sollte nach unten gebogen sein, damit beim Sitzen, ohne dass ich fahre, der Lenker nicht gegen die Beine drückt. Aber wenn man umonst ein Liegrad nutzen kann, motzt man nicht. Jede-/r hat eben einen anderen Körper, G. paßt auf dieses Liegerad eben besser drauf.Das Liegerad bleibt die nächsten Tage erst mal im Stall, abgesperrt.  Aber ich werde wieder losfahren – bis ich so sicher bin wie auf dem „Hochrad.“

Mein herzlicher Dank gilt G., seine Geduld bei der Liegerad-Fahrschule ist unbezahlbar. Er hat an mich geglaubt und mich immer wieder angefeuert. Meine Mutter hätte nur ständig panisch geschrieen, weil alles ach so gefährlich ist (deshalb, meine Damen, zuhause bleiben und sich einschließen – haha!) Und danke an J. und die Erzbahnbude für die Hilfe, damit ich ohne Streß und sicher nach Hause kam.

 

 

 

 

 

 

 

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Alles für die Katz? – Kunst am Zug

Die Deutsche Bahn Aktiengesellschaft hat es nicht gern, wenn man ihre Fahrzeuge bearbeitet. Aber verehrte DB AG, Euer Knallrot tut schon in den Augen weh. Wie wäre es mit einem dezenteren Rot?

Da freue ich mich doch immer wieder über Graffiti auf Zügen und auf langweiligen, öden Bahnhofswänden. Ich finde, dass es sich farblich gut ergänzt. Auch wenn ich nicht unbedingt immer weiß, was sich genau hinter manchem „tag“ (Namenskürzel), vermeintlichen Gekritzel oder „Geschmiere“ oder anderen Zeichen verbirgt. Das wissen nur Szenekenner (meist Männer, seltener Frauen).

 

Ah, und noch so nebenbei: ich war´s nicht. Denn so gut malen bzw. sprayen kann ich nicht 😉

Kunst am Zug, entdeckt am 6. Juni 2018 in Dortmund.

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KUNST am ZUG: Alles für die Katz?

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Vor ein paar Jahren am Bahnhof „Neue Schenke“ in Jena/Thüringen entdeckt. Leider wurde es von der DB AG beseitigt.

Hier  auf http://www.fahrrad3gruen.wordpress.com bekommen dieses Bilder ein bleibendes Denkmal.

Are you where you want to be?

Eine Frage, die man sich am Bahnhof durchaus stellen kann.

Uniform am Bhf. Neue Schenke

Einhörner müssen nicht immer schlank und rank sein 😉 so wie wir Menschen auch.

Stadtradeln eröffnet – mit Überraschung

Gestern fand die Auftaktveranstaltung zum STADTRADELN in Essen statt. Einige Städte machen mit, Dortmund glänzt mal wieder mit Abwesenheit. Das ist sehr, sehr traurig. Die Gründe dafür sind mir unbekannt; ein allgemeines Desinteresse und eine 2012 bei der CM fahrradFEINDLICH auftretende Polizei tat viel dazu, dass der Radverkehrsanteil rapide gesunken ist. Glückwunsch, Stadt Dortmund. Doch Sturheit siegt, deshalb fahre ich auch nach der Begegnung mit eben dieser miesen Sorte von Polizisten (wenn auch nicht bei der CM) im Mai 2017 weiterhin Rad. Und weil Sturheit siegt, gibt es auch wieder eine Critical Mass Dortmund.

STADTRADELN, das ist eine Aktion des KlimaBündnisses, ein Zusammenschluß verschiedener Kommunen. Diese Aktion soll Menschen dazu ermutigen, statt mit dem Auto öfter mit dem Rad im Alltag zu fahren und Radelkilometer zu sammeln, möglichst viele sollen zusammenkommen. Ein paar Preise gibt es zu gewinnen, das wichtigste aber ist: CO2 und Stickoxide vermeiden, denn: Fahrräder stinken nicht und sorgen damit für eine bessere Luft in den Städten. (www.stadtradeln.de) .

Los ging es um 13 Uhr am Willy-Brandt-Platz Essen,  Ziel war der Revierpark Gelsenkirchen-Nienhausen. Insgesamt wirkte die Teilnehmer-/innenzahl auf mich klein; einer der Organisatoren meinte, dass das am „langen Wochenende“ von Fronleichnam liegen würde.

Zuerst plauderte ich mit Freunden immer wieder mal über u.a. den Tierklinikbesuch ihres Katers und anderes. Zu meiner Überraschung fragte mich dann eine der Organisatoren*, ob ich „absperren“ könne. „Du meinst corken?“ fragte ich. „Ja klar.“ Mache ich bei der Critical Mass ja auch.

Wer nicht weiß, was die „Critical Mass“ ist und was „corken“ bedeutet, hier findet man Infos dazu am Beispiel der CM Bochum. Die Verhaltensregeln sind weltweit die selben.

http://www.urbanradeling.de/?page_id=305

 

Also kurz von den Freunden verabschiedet und so weit es ging, nach vorne gefahren. Nicht alle Autofahrenden sind so weitsichtig, dass sie stehenbleiben und abwarten, ob vielleicht doch noch Radfahrende kommen, wenn die Radfahrer-Gruppe eine Straße quert.  Dann wird „gecorkt,“ d.h. Radfahrer-/innen stellen sich quer auf die Straße, damit alle sicher diese Straße überqueren können. Wenn die Ampel für Autofahrer* schon rot ist, ist es einfacher, weil die Fahrzeuge dann schon stehen. Viele beharren auf ihr Recht, wenn die Ampel auf Grün springt und fahren los, weil gerade eine Lücke in der radfahrenden Gruppe entstanden ist. Dabei vergessen viele, dass § 27 der STVO der radfahrenden Gruppe Vorrang gewährt, wenn es mindestens 16 Teilnehmer-/innen sind. Bei der Auftaktveranstaltung zum STADTRADELN waren es mehrere hundert Radfahrer-/innen, die Zahl 16 also gut übertroffen.

Auch wenn es, erst recht aufgrund der herrschenden Aggressivität im Straßenverkehr schwer fällt: wer corkt, soll ruhig bleiben und freundlich zu den Autofahrenden sein.

Das war heute auch nicht das Ding, es gelang mir gut, freundliche Blicke zu den Blechkisten zu senden. Ein anderes Erlebnis war es, das mich verwirrte und auch ärgerte.

Kurz vor dem Zielpunkt corke ich die Zufahrtsstraße zum Revierpark. Nicht nötig, mag man denken, ist doch alles ruhig hier. Das Wetter ist zumindest trocken heute. Doch weil viele mit dem Auto dort hin fahren, ist reger Verkehr. Plötzlich spüre ich eine Berührung am Rücken. Nicht so furchtbar wie damals auf den elenden Dorffesten, auf denen ich als Teenagerin von mindestens 10 Jahre älteren Idioten belästigt und mißhandelt wurde (Frauen sind eben nur Ware, keine Menschen, die es zu achten gilt, so deren Überzeugung), aber spürbar. „Fahr weiter, ich corke hier“ sagt er laut. Ich sehe ihn erstaunt an. Ruhig erwidere ich ihm: „nein, ich corke, das ist so ausgemacht mit S. von den Organisatoren.“ Der Typ wirkt überrascht, ist sprachlos. So recht kann er das nicht glauben, dass ich das mache. Eine Ablösung war nicht vorher besprochen und abgemacht worden, deshalb bleibe ich. Nach einer kurzen Weile zieht er ab.

Nichts besonderes, dieses Erlebnis?

Doch.

Es zeigt erneut: einer Frau wird vieles nicht zugetraut, was als „typisch“ oder doch „eher männliche Aufgabe“ gilt. Corken heißt Absichern der Straße zugunsten der Gruppe, mit der man durch die Stadt radelt. Der Beruf „Sicherheitskraft“ wird meist immer noch mit dem Geschlecht „Mann“ in Verbindung gebracht, auch wenn Polizistinnen und Soldatinnen längst ihren Dienst tun. In den Köpfen ist das leider immer noch nicht angekommen, unsere Gesellschaft ist leider immer noch patriarchalisch aufgestellt. Die meisten Chefposten sind mit Männern besetzt. Seltsam, dass genau die, die so gern auf Sachlichkeit und sachlicher Kritik beharren, beim Thema Geschlecht und Aufgabe/Beruf plötzlich so unsachlich werden.

Während meines Studiums in Jena hatte ich ein Seminar zum Thema „Beruf und Geschlecht“ bei Prof. Dr. Sylka Scholz. ( http://www.soziologie.uni-jena.de/Arbeitsbereiche/Qualitative+Methoden+und+Mikrosoziologie/Mitarbeiter_innen/Prof_+Dr_+Sylka+Scholz.html )

Wem wissenschaftliche Texte zu mühsam sind:  ein aktueller Titel des Künstlers Danger Dan bringt es treffend auf den Punkt, wie furchtbar Zuschreibungen aufgrund des Geschlechts sind.

Danger Dan von der AntilopenGang mit „Sand In Die Augen.“

Aus Fairnessgründen bitte die Musik selbst kaufen, damit alle. Künstler-/innen davon leben können.

Gender und das Thema Radverkehr haben eben doch miteinander zu tun. Auch wenn manche-/r das nicht wahrhaben will.

In den vergangenen Tagen hatte es auf der Facebook – Seite eines Lastenrad-Herstellers, den ich sehr schätze, einen neuen Pinnwandeintrag gegeben. Eine Neuheit von Lastenrad mit Namen „Mrs (Markenname). Ich stutzte zunächst wegen der Farbe: der Rahmen war rosa. „Die Farbe ist nicht Euer Ernst“ kommentierte ich. Dazu die Bezeichnung „Mrs“ mit dem Markennamen des Lastenrades. Auerla. Lieber Lastenrad-Hersteller, da hast du leider nicht nachgedacht.

Eine Diskussion ergab sich, viele konnten meine Kritik nicht verstehen, rosa sei doch nur eine Farbe. Mein Einwand, dass es leider nicht so sei, das könne man auf den Seiten von http://www.pinkstinks.de nachlesen, wurde ignoriert. Mir wurde sogar „Polarisierung“ von einem CM-Mitfahrer, den ich für sein Engagement bei der CM sehr schätze, vorgeworfen. Das macht mich traurig. Er gehört wohl zu der Gruppe Männer, die Jack Urwin in seinem sehr lesenswerten Buch „Boys don´t cry“ die „Lads“ nennt. Das sind Typen, die grundsätzlich schon für Gleichberechtigung von Frauen und Männern sind, aber dann doch wieder in die alten Verhaltensmuster fallen. Bei einer CM in Ostwestfalen, die wir mal gemeinsam besuchten, hatte ein CM -Mitfahrer wieder einen chauvinistischen Spruch geklopft, für den er sogar von seiner Freundin gerügt wurde. Es ist zu befürchten, dass er es wieder tut.

Ich habe nicht erwartet, dass alle, die sich für den Radverkehr einsetzen, voll informiert sind, was die Themen Sexismus, Geschlechterungerechtigkeit und Feminismus angeht. Dennoch ist es traurig, auf soviel Unverständnis zu stoßen. In Augsburg gibt es einen „Clitoris-Ride“, was die CM Essen auf ihrer Facebook-Seite nannte und fragte, wie man das finde. Finde ich gut, dass dazu diskutiert wird. Auch in der Fahrrad-Gemeinschaft haben meist Männer das Sagen, bzw. sind sie es, die als Vertreter der Radlobby auffallen, in Erscheinung treten. Es ist erfreulich, dass beim ADFC NRW ein Frauennetzwerk existiert und es auch weibliche Blogger gibt wie Juliane Schumacher https://radelmaedchen.de/ und diese sind auch bitter notwendig.

Denn bei Produkten & Geschlecht polarisieren, das tut schon die Spielwarenindustrie. Bei Produkten für Erwachsene geht dieser Sexismus munter weiter: Frauen sollen mal schön nur die rosafarbenen Produkte, die auch noch teurer sind kaufen („gender pricing“), Männer bitte nur die blauen. Und wehe, ein Mann möchte ein rosa T-Shirt tragen (der muß doch schwul sein! – „schwul“ =schlecht). Eine freie Auswahl ist da nicht oder kaum mehr möglich. Wer solche Produkte schafft, der sorgt auch dafür, dass sich das Denken der Menschen zementiert: es geht nicht mehr um die freie Wahl von Produkten, es geht auch nicht mehr um Gleichberechtigung aller Geschlechter, nein: es geht wieder nur darum, Unterschiede aufzuzeigen und festzumachen, die keine sind. Gewinnmaximierung auf Kosten der Gleichberechtigung.

Leider ist das auch mt dem rosa Lastenrad so, wenn der Hersteller dieses Rad „Mrs ….“ nennt.  Ich fragte in den Kommentaren auch „gibt es denn auch einen Mr (Markenname)….“ in blau? Eben nicht. Echte Wahlfreiheit ist nicht an Farben gebunden! Deshalb freut es mich, wenn ein Mann (der nicht mal schwul ist, haha), gern rosa Sachen trägt, ganz einfach, weil es ihm gefällt und er sich damit wohl fühlt. Ich selbst mußte mir diese Freiheit erst erkämpfen, weil Mutter und Schwester ein Rosa-/Pink (und Lila)-Diktat bei der Kleidung hatten. Das macht mich heute noch wütend, auch als mein Bruder forderte, ich solle doch kein blaues T-Shirt anziehen.

Eine Anmerkung noch: Gerade weil -oh wie es mich schon beim Blick in ein Schaufenster im Ostenhellweg Dortmund graust – also wenn die Industrie schon beim Spielzeug alles in qietschrosa „für Mädchen“ packt, ist eine Wahlfreiheit nicht mehr möglich. Denn denkt doch mal weiter: „rosa Prinzessin„, was bedeutet das, selbst wenn das Mädchen, das nicht nur zum Karneval mal Prinzessin war (dafür reicht schon entsprrechender Haarschmuck), längst Teenagerin und dann Erwachsene ist? Es ist an ein bestimmtes Verhaltensmuster geknüpft, wie Frauen zu sein haben: zurückhaltend, ja nicht laut, immer höflich, freundlich und – ganz wichtig: gut aussehend. Männer dagegen haben immer erfolgreich zu sein, Kleidung und Aussehen, naja, nicht so wichtig. Jemanden bestimmte Verhaltensmuster aufgrund des Geschlechts zuzuschreiben, ohne es sachlich begründen zu können, das ist Sexismus. Und den finde ich einfach nur zum Kotzen.

Es gibt keine sachliche Begründung dafür, dass Frauen/Mädchen nur rosa und pink tragen dürfen und sich so oder so verhalten sollen. Das selbe gilt für Männer und die Farbe Blau. Und es gibt keinen Grund dafür, dass Frauen, nur weil sie Frauen sind, bestimmte Berufe nicht ausüben könnten. Das selbe gilt auch für Männer. Ich freue mich sehr, dass ein Sportkollege Grundschullehramt studiert: es braucht dringend ein männliches Vorbild für die Kinder.

Deshalb habe ich mich über das rosa Lastenrad aufgeregt. Und über den Typen, der mir nicht zugetraut hatte, dass ich  beim Stadtradeln corken kann.

 

 

 

 

 

 

 

 

„…vom LKW übersehen“ – Ride of Silence erinnert an getötete Radfahrende im Straßenverkehr

Am 3. Mittwoch im Monat Mai findet der Ride of Silence statt. An diesem Tag gedenken Radfahrerinnen und Radfahrer den im Straßenverkehr getöteten Radlerinnen und Radlern. Am 16.05.2018 waren es in Dortmund rund 20, in Essen rund 70 Teilnehmer-/innen. Beim Anblick der Ghostbikes, die an den Unfallstellen aufgestellt werden, kamen mir einige Gedanken, die ich im folgenden formuliere.

„Radfahrer(in) vom LKW übersehen“, diesen Satzteil mußte man in den vergangenen Monaten sehr oft in Polizeiberichten lesen. Beim Rechtsabbiegen hat der Radverkehr zwar oft grün an der Ampel, doch der abbiegende LKW-Fahrer denkt wohl oft gar nicht daran, dass nicht nur der motorisierte Verkehr abbiegen will. Der „Tote Winkel“ wird oft als Ursache aufgeführt. Ob dieser aufgrund fortgeschrittener Technik wie z. B. Abbiege-Assistenten noch existiert, darf bezweifelt werden.

Fakt ist: jede-/r tote Radfahrende ist eine und einer zuviel! Die Politik ist dringend aufgefordert, Abbiegeassistenz-Systeme gesetzlich vorzuschreiben – denn daran wird in vielen Speditionen und Fuhrunternehmen gespart. Freiwillig läßt kaum jemand sowas einbauen. Ah und da wären noch die zusätzlichen Spiegel, die man benutzen kann – oder sind die dafür am Fahrzeug, dass der Beifahrer und Fahrer jeweils seine Schönheit im Spiegel bewundern kann?

Auch wenn jeder Unfall wütend macht: Bis auf die Unfallflüchtigen wird es keinem LKW-Fahrenden egal sein, dass sie oder er einen Radfahrenden totgefahren hat. Es wäre zu einfach, nur die Bestrafung des motorisierten Verkehrsteilnehmers/der Verkehrsteilnehmerin zu fordern.

Ansprache von Norbert Paul von VeloCityRuhr an der Kreuzung Mallinckrodtstraße/Schützenstraße in Dortmund. Hier wurde ein 11-jähriger Schüler im November 2017 durch einen rechtsabbiegenden LKW getötet.

Im Februar 2018 starb eine 13-jährige Schülerin in Essen… in ganz Deutschland sind schon mehrere radfahrende Kinder getötet worden. Es verwundert, dass noch niemand deshalb auf die Straße ging, um zu protestieren. Wenn man sich die Empörung und Wut bei einer Straftat wie Kindesentführung ansieht… was dem Täter (meist, nicht immer männlich) an den Hals gewünscht wird und mit welchem Druck die Ermittlungsbehörden zurecht kommen müssen… Die Niederlande wären heute noch ein Autoland wie Deutschland, wenn nicht einmal die Eltern protestiert hätten: „Stoppt das Morden unserer Kinder!“ Damit wandten sie sich gegen das Verhalten der motorisierten Verkehrsteilnehmer-/innen.

 

Fakt ist auch: indirekt wird in vielen Polizeiberichten den Geschädigten eine Mitschuld gegeben. Das ist nicht nur unverschämt, das ist ein Skandal. Victim blaming – es beschämt die, die ohnehin am meisten zu leiden haben. Es heißt dann oft, die verletzenden Radfahrenden wären nicht aufmerksam genug gewesen oder hätten keinen Helm getragen – letzteres ganz unabhängig davon, welches Körperteil verletzt wurde. In den Niederlanden werden deutsche Radfahrende mit ihren Styropor-Halbkugeln zu Recht ausgelacht. Wann, WANN ENDLICH geht das in die Hirne der Deutschen ein, dass Fußgänger-/innen und Radfahrer-/innen mehr Platz brauchen, und nicht der Autoverkehr noch eine Spur u.a. bekommt??? Wenn mehr Platz ist neben einem abbiegenden LKW ist, kann der/die Radfahrende weiter rechts fahren und wird somit von vornherein eher von den LKW-Fahrenden wahrgenommen.

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An der Bornstraße in Dortmund: Ghostbike für einen 58-jährigen Radfahrer. Mahnmal für alle Verkehrsteilnehmer-/innen.

Man kann dazu auch einwenden: Warum Abbiegeassistenten in LKWs als gesetzliche Vorgabe wollen, anstatt gleich ein Fahrverbot für LKWs in den Städten fordern?

Die Schwierigkeit ist: ein Supermarkt, der in der Innenstadt oder im Umkreis der Innenstadt ist, läßt sich schlecht mit noch sovielen Lastenrädern und Anhängern beliefern. Ganz ohne die LKWs wird es nicht gehen – sehr wohl aber mit den technischen Einrichtungen, die auf Radfahrende und Fußgänger* aufmerksam machen. Und auf einen großen Markt „auf der grünen Wiese“ vor der eigentlichen Stadt, den man mit dem Rad nur schlecht erreichen kann, den will kein radfahrender Mensch haben.  Außerdem braucht es bei jedem motorisiertem Verkehrsteilnehmer* ein Bewußtsein für den Radverkehr: wenn man mit einem Zweirad rechnet beim Abbiegen, verhält man sich anders.

Das wahre Problem in den Städten, vor allem im Bereich in und um die Innenstadt ist der MIV, der motorisierte Individualverkehr Sie verstopfen die Wege und parken alles zu. In der Betenstraße kommt es oft zu Stau, weil ein Parkplatz für die Blechkiste gesucht werden muß. Oftmals sitzt nur 1 Mensch in einem Viersitzer oder gleich einem SUV. Auch Jeeps bis zu diesem furchtbaren „Hammer“ oder wie das Fabrikat heißt, war schon in Dortmunds Innenstadt zu entdecken. Wäre der Autobesitzer gerade anwesend gewesen, als ich sein Monster passierte, hätte ich ihn gefragt, in welchen Krieg er denn ziehen wollen. Pardon, aber sowas hat nur was im Militärbereich, nicht im Privatbereich verloren!

Und wollen nicht Autofahrer-/innen auch gute Luft zum Atmen? Leider fällt niemand sofort oder bald tot um, nachdem die Stickoxide eingeatmet wurden. Sonst würde die Politik sofort handeln, anstatt wie der Bundesverkehrsminister (be)Scheuer(t) der Autoindustrie erneut in den Arsch zu kriechen. Niemand kann sich schließlich eine Glasglocke über den Kopf stülpen. Auch der Bundesverkehrsminister nicht.

Ah ja, und bevor jetzt das Protestgeschrei losgeht, von wegen, man würde in seiner/ihrer persönlichen Freiheit beschränkt, wenn Fahrverbote erlassen werden: Auch die Autofahrenden haben was davon: Wenn weniger Autos auf den Straßen sind, gibt es weniger Stau und bessere Luft. Wenn der Nahverkehr ausgebaut wird, wird er attraktiver für die Alltagswege. Wenn die Radfahrenden mehr Platz bekommen – was natürlich auf Kosten des Autoverkehrs geht – gibt es weniger Autos auf den Straßen, also auch weniger Stau. Und wenn die Verkehrsinfrastruktur für Radfahrende besser wird, dann wagen sich mehrere Leute für ihre Alltagswege zur Arbeit, zum Kindergarten, zur Schule etc. auf das Rad – weil sie sich sicher fühlen können. Es geht NICHT um den Ausflugsverkehr mit dem Rad am Sonntag oder in den Ferien, es geht um die täglichen Wege, die jede-/r von uns zurücklegt.

Als Radfahrerin könnte ich übrigens jeden Tag in Protestgeschrei ausbrechen: Radwege sind zugeparkt, voller Müll, v.a. Glasscherben, Wege sind zu schmal oder voll von Schlaglöchern. Stattdessen soll ich mein Maul halten und „um die Falschparker herum“ fahren. Blöd nur, dass das „mal schnell ausschwenken auf die Fahrbahn“ gefährlich ist.  Seltsam, wenn man  aus dem vorbeifahrenden Auto heraus angeschrieen wird, man solle auf dem Radweg fahren (den es oft nur theoretisch auf Schildern gibt). Wenn das so ist: demnächst gebe ich Autofahren auch Anweisung, wie sie zu fahren haben. Die werden sich bestimmt freuen – haha.

Es geht mir nicht darum, eine Gruppe, in diesem Fall die motorisierten Verkehrsteilnehmer-/innen zu hassen. Es geht auch nicht darum zu sagen: Radfahrende sind die besseren Menschen. In jeder Gruppe der Gesellschaft gibt es Idioten und Idiotinnen. Radfahrende sind keine Engel, Autofahrer-/innen auch nicht. Es geht darum, dass die Städte endlich aufhören, eine Autostadt zu sein und den Menschen wirklich Lebensraum sind. Den Dreck machen nunmal die motorisierten Fahrzeuge – deshalb muß der MIV (nicht Einsatz- und Lieferfahrzeuge) RAUS AUS DER STADT.

 

Beim Ride of Silence am 16.05.2018 wurde ein neues Ghostbike in Lünen aufgestellt. Zahlreiche Teilnehmer-/innen, die nicht mit der Gruppe Radfahrender aus Dortmund gekommen waren, zeigen das Interesse an diesem traurigen Ereignis.

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„Sie sind gerade verstorben.“

Eine quadratisch aufgestellte Tischreihe, dahinter Menschen, die einer Pressekonferenz gleich zum Publikum in der Mitte sprechen. „Wir müssen Ihnen mitteilen, dass Sie gerade gestorben sind.“ Wichtig wirken sie, die Sprecherinnen und Sprecher, wenn auch nicht hochmütig.

Ein absurder, deshalb lustiger Satz. Wer tot ist, bekommt doch nichts mehr mit. Oder doch? Was geht hier vor? WO sind wir hier eigentlich?

Nur 1 Stunde dauert das Theaterstück After Life von Thorsten Bihegue, gespielt vom Dortmunder Sprechchor. Die Begrüßung „Sie sind gerade verstorben“ ist absurd und verwirrend,  das „Firmenlogo“ After Life wirkt grotesk. Was ist das für eine seltsame Gemeinschaft, die hier die Neuankömmlinge = das Publikum begrüßt? Was ist das für ein Ort, an dem es keine Liebe und keine Angst mehr gibt? Ein luftleerer Raum wie das Weltall, nur ohne Weltraumschrott?

After Life ist nach einem Film entstanden, dessen eingeblendeten Namen und Regisseur ich vergessen habe. Name dropping ist nun auch unwichtig. Wichtig sind die Erinnerungen, die man mit ins Jenseits nimmt; wer keine hat, der muß an dieser seltsamen „Firma“ After Life teilnehmen, die alles firmenartige inne hat: eine Frauenbeauftragte, ein Fundbüro, und – Besonderheit: jemand, der die verlorenen Seelen aufsammelt, eine andere katalogisiert die Träume.  Das ist berührend. Die Erinnerungen von 2 Personen werden erzählt. Und als Zuschauer-/in ist man nicht gelangweilt  oder genervt wie in der U-Bahn, wenn wildfremde ihre intimsten Dinge erzählen müssen, nach denen man nicht gefragt hatte. Das ist das ‚Faszinierende am Theater.

Niemand weiß, was nach dem Tod kommt. Umso wichtiger ist es, sich darüber Gedanken zu machen, was  danach sein könnte. After Life berührt auf besondere Weise: mehr nachdenklich als amüsiert bleibt man als lebende Theaterbesucherin zurück. Bei manchen Dingen reicht es, wenn man sich erinnern kann. Doch bei den Menschen, von denen man sich nicht verabschieden konnte und die zu früh gestorben sind – weil es die Familienmitglieder verweigerten oder Krieg und Verfolgung unmöglich machten- wünscht man sich die griechisch-antike Sage von Persephone und Demeter ins eigene Leben. Auch wenn es keine Wiederbelebung mehr geben kann: wenigstens einmal im Monat, überhaupt nur noch einmal ins Totenreich hinabsteigen können, um einem lieben Menschen Adé zu sagen. Um das zu erzählen, was man so gern gesagt hätte, was der grausige Tod aber verboten hat.

Denn im luftleeren Raum bei After Life zu sein, ohne Angst zwar, aber auch ohne Liebe…ohne Alterungsprozeß… auch das hält kein Mensch lange aus, ohne wahnsinnig zu werden.

Sehr positiv ist auch, dass das Thema Tod und Leben  in After Life abseits von religiösen Kontexten betrachtet wird.

Danke an das Theater Dortmund /Schauspiel für dieses Stück. Es ist toll, auch mal Laien, also Dortmunder Bürgerinnen und Bürger auf der Bühne zu sehen. Viel Handlung gibt es in After Life nicht – und dennoch wird es nie langweilig und man versteht den Text. Durch das Sprechen im Chor entfaltet sich eine ganz andere Wirkung: die Worte wirken deutlicher, wie mit Nachdruck gesprochen.

Die Website vom Theater Dortmund zu After Life : https://www.theaterdo.de/detail/event/19029/

 

 

Sehnsucht nach draußen

Dank des Klimawandels sind die die Winter wärmer geworden. Der Mensch ist eines der wenigen, wenn nicht das einzige Lebewesen, das so dumm ist, seinen eigenen Lebensraum zu zerstören.

Doch „wärmer“ heißt nicht, daß es für das Radfahren nun besser wäre im Winter. Im Gegenteil. „Wärmer“ heißt oft: einstellige Plusgrade und dazu Regen, kalter Regen. Früher war mit Sicherheit nicht alles besser, aber: bei minus 3 Grad Celsius läßt sich besser radfahren. Ich erinnere mich heute noch gerne an eine Radtour im Winter durch das Fürther Land in meiner alten Heimat in Mittelfranken/Nordbayern. Es lag Schnee, die Straßen waren aber frei, nur hier und da mußte man wegen Glatteis aufpassen. Und als Krönung war es auch noch ein sonniger Tag gewesen. Trockene Kälte läßt sich viel besser aushalten. Man muß sich gut einpacken, aber: dann friert man nicht mehr.

Anders bei dieser verfluchten Nässe, die heute immer wieder vom Himmel kam. Manche-/r mag einwenden: „Ja warum fährst du heute überhaupt Fahrrad?“ – Ganz einfach: weil ich Lust darauf hatte, endlich wieder richtig zu fahren und nicht wie im Alltag das nervige „Stop-and-Go“ im Straßenverkehr (der oft genug ein Kampf mit uneinsichtigen anderen Verkehrsteilnehmer-/innen ist) erleben zu müssen.

Außerdem hatte ich die letzten 3 Tage Film- und Videokurs gehabt. War interessant, wir hatten auch mal draußen gedreht, z. T. bei schönstem Wetter. Doch beim Rumstehen und Kamera einstellen, Set einrichten etc. frieren bald die Hände – und irgendwann auch mal der Rest.

Es sollte nur eine kleine Runde werden: Von der Jahrhunderthalle in Bochum zum Tetraeder in Bottrop. Ich fluchte, weil es schon bei Ankunft am Bochumer Hauptbahnhof regnete. Die netten Herren von der Radstation versorgten meine Reifen mit der nötigen Luft. Am Rathaus Bochum wartete ich unter dem Vordach den Regen ab (ersten Müsliriegel essen, für´s Mittagessen kochen & machen war noch keine Zeit gewesen).

Dann aber los auf die Erzbahntrasse!

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Schon von weitem hörte man laute Rufe, vermischt mit anderen Geräuschen. Spielte heute der VfL Bochum? Es hörte sich so an, als ob das Feiervolk direkt auf der Trasse unterwegs wäre… aber das Faschingsgedöns kam von der Ortschaft herüber, die man nur in der unmittelbareren Entfernung sieht (etwa auf der Höhe: wenige hundert Meter hinter der Erzbahnbude -diese ist auf dem Bild nicht mehr zu erkennen).

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Doch statt Feiern und „Gwerch“ (Menschenmassen und Gewühle auf den Straßen) genoß ich heute lieber tiefer gehende Gedanken…

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…und schaue links und rechts vom Weg, was dort ist.

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Und wie immer im Ruhrgebiet geht´s vorbei an Industriegebäuden. Das ist die Firma, die jetzt mit einem schon großen Stahlkonzern fusionieren wird. Die Gewerkschaftsmitglieder haben zugestimmt.

 

Die Erzbahntrasse wird – so habe ich es verstanden- dann zum EmscherParkWeg ab der Zoom-Brücke. Sie ist die weißfarbene Schwester der roten Erzbahnschwinge, die nach der Jahrhunderthalle Bochum die Gahlensche Straße überspannt. Hier an der Zoom-Brücke taucht das erste Mal der Wegweiser zum Tetraeder in Bottrop auf. Es ist seltsam, daß im „Radroutenplaner NRW“ keine Wegweisung über die Trassen erfolgt!

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Nach Bottrop geht´s aber unterhalb der Brücke entlang des Rhein-Herne-Kanals weiter… und leider mußte wieder Regen einsetzen. Richtig schön heftig. also Gamaschen wieder an… nach ca. 10 Minuten etwa war der Spuk wieder vorüber.

 

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Die Wegbeschaffenheit läßt, kaum hat man die Erzbahntrasse verlassen, sehr zu wünschen übrig… und das Rad wurde wieder schön dreckig.

 

Eine Rakete, auf deren Abflug man vergeblich wartet.

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Entlang des Kanals sieht man immer wieder Industrie oder Häuserbaustellen. Im Hintergrund auf dem linken Bild sind fertige Reihenhäuser zu erkennen – eines so  langweilig wie das andere. Wer will dort bitte so abgelegen wohnen?  Dagegen wirken die Backstein-Ruinen fast schön. Was das wohl mal war, direkt am Kanal?

 

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Im Hintergrund sehen Sie ungewollte Schleichwerbung verkehrt herum für einen Heizungshersteller. Das gehört zu den Impressionen am den Rhein-Herne-Kanal.

 

Bei aller ekelhaften Naßkälte sind die Lichtspiele des Himmels an diesem Tag beeindruckend. Überirdische Zeichen künden von der Zukunft….

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Auch wenn kein Regenschauer mehr einsetzte: die Füße waren nun wirklich kalt, die Hosenbeine trotz Gamaschen, die ich zeitweise auch mal abgenommen hatte, naß. Geradeaus am Kanal wäre ich wohl weiter nach Bottrop zum Tetraeder gekommen. Es nervte schon, daß ich diese Strecke nicht mehr schaffen würde. Bei Naßkälte kann jeder Kilometer eine Plage statt eine Freude sein. Also folgte ich dem EmscherRadweg weiter. Seltsam nur, daß dieser erst über eine Brücke (es muß in der Nähe der „Zoom-Erlebniswelt“ gewesen sein) und auf der andren Seite des Flusses wieder zurück führte. In Sichtweite war wieder ein Industriegebiet, Straßennamen waren aber leider nicht auszumachen. Nach ein paar hundert Metern aber sah man am Eingang des Industriegeländes Rad-Wegweiser. Kein Hinweis mehr auf den Tetraeder, der ist wohl nur über den Kanal erreichbar. Na gut, dann wird eben nach Gelsenkirchen gefahren… den Schwenk zum Nordsternpark sparte ich mir (gibt´s da was Sehens- oder Besuchenswertes?) und fuhr Richtung Innenstadt, mitten durch das „böse Blau“ des bestimmten Stadtteils hindurch.

Eine Brücke, die unter Denkmalschutz steht… wow. Straßenname: „An den Sumtener Brücken.“

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Es war leider kaum möglich, die Brücke im ganzen zu fotografieren….

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Ach ja, ein Radwegweiser führte direkt zum Stadion. Mir ist Fußball ziemlich egal, nur eins sei hier bemerkt: Ihr grausliges Bier können sie selbst trinken, die sogenannten „Blauen.“

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Auf der Fahrt durch Gelsenkirchen entlang der häßlichen, weil mehrspurigen Autostraße (Kurt-Schumacher-Straße) und Berliner Brücke, deren „gemeinsamer Rad- und Fußweg“ ein Witz ist, wurde ich erstaunlicherweise nicht wütend angehupt. Ich  kam vor der „Flora“ an. Dann kurz das MiR (www.musiktheater-im-revier.de ) gegrüßt… und dann nicht ganz zufrieden mit der S2 nach Haus gefahren. Wenigstens war ich heute mal für ca. 2 Stunden draußen gewesen.

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Die Emscher an den Sumtener Brücken in Gelsenkirchen.

 

 

 

Wenn der Ball nicht mehr rollt.

Diese Reportage ist eine Abschlußarbeit des Seminars „Narrative Darstellungsformen“ meines Studiums des Musikjournalismus an der TU Dortmund. Jede Reportage wurde unter dem Moto „anders leben“ gestaltet. Menschen, deren Alltag anders verläuft als wie es viele gewohnt sind, werden hier portraitiert.

Wenn der Ball nicht mehr rollt

Die Sporthalle der Martin-Luther King-Gesamtschule in Dortmund-Dorstfeld. Helles Neonlicht, graue Wände und eine Spielstand-Tafel „Heim – Gäste“ in Halle 1. Regelmäßig gibt es hier Sportangebote für Menschen mit Behinderung – so auch heute. In kleinen Gruppen reden Leute miteinander, begrüßen sich. Keine Eile, alles wird nacheinander erledigt. Eine Rollstuhlfahrerin regt sich über Taxifahrer auf, die den Rollstuhl beim Einladen in ihr Taxi kaputt machen würden. In der Ecke packt ein anderer seinen Badminton-Schläger aus und grummelt vor sich hin, dass jemand die Sachen auf seiner Tasche abgelegt habe. Manuel ist gerade erst mit seiner Mutter gekommen. Seine Augen stehen weit offen, die Hände zittern auch vor Aufregung.

Manuel hat eine sehr seltene Krankheit – die Muskelschwundkrankheit Tay-Sachs. Den Betroffenen lähmt sie nach und nach. Mit Sport und Willenskraft stemmt sich Manuel gegen sein unabwendbares Schicksal. Nicht einfach für einen ehemaligen Leistungssportler.

Noch vor ein paar Jahren sah alles anders aus. Manuel zeigt Fotos von damals: Ein Bild zeigt einen schlanken jungen Mann in weißen Hosen, Poloshirt und weißer Baseball-Cap. Er hält einen rechteckigen Gegenstand aus Metall in den Händen, die Trophäe des Gewinners vom Golf-Cup in der Region. Er lächelt in die Kamera. Mit dem Golfspiel hat es Manuel bis zu mehreren Meistertiteln gebracht.

Nachdem er das Golfspielen mit 18 Jahren aufgeben musste, hat er lange nach einem passenden Sport gesucht, denn: er wollte weitermachen: „Auch wenn ich nicht mehr laufen kann, musste es doch was für mich geben.“ Die Badmintion-Trainerin Petra Opitz hatte Manuel bei der Messe „RehaCare“ in Düsseldorf kennengelernt. Beim Rollstuhl- und Behindertensport in Dortmund-Dorstfeld trainiert er nun seit Oktober 2016 jeden Montagabend Badminton.

Gleich wird das Training losgehen. Ein „Fußgänger“ wie die Menschen, die keinen Rollstuhl brauchen hier genannt werden, schiebt ein Gestell mit kleinen Rollen vor sich her, darauf eine Schlägertasche. Er stoppt und montiert mit geschickten Griffen auf jede Seite des Gestells einen schräg stehenden Reifen. „Das ist der Sport-Rollstuhl. Der hat im Gegensatz zum Alltags-Rollstuhl eine größere Reifengröße, 26 bis 28 Zoll“ statt 24 Zoll. Und er ist wendiger und kippsicherer.“ Manuel stützt sich von seinem Alltags-Rollstuhl (auch „Rolli“ genannt) hoch und wechselt schnell und behände in den Sport-Rolli. Über dem Schoß wird ein Klettband festgeschnallt, damit der Spieler oder die Spielerin während des Spiels nicht aus dem Rollstuhl fallen kann.

Dann ertönt plötzlich die laute Stimme der Trainerin Petra Opitz. Die Unterhaltungen verstummen, Fußgänger-/innen und Rollstuhlfahrer-/innen setzen sich in Bewegung: Einmal rund herum in der Halle. Manuel atmet schwer, seine Hände versuchen, die Räder schneller zu bewegen. Nach ein paar Runden Aufstellung in einer Reihe: Auf Kommando von Petra Opitz sollen sich alle Sportler-/innen vor- und rückwärts bewegen. „Hey, ihr da vorne lauft in die falsche Richtung!“ Petra Opitz´ Stimme ist laut und fordernd. Die Schuhe der Fußgänger-/innen quietschen, Gesichter röten sich, ein paar Sportler-/innen atmen schwerer. Manche werfen den Kopf zur Seite, machen ein missmutiges Gesicht, andere wirken erwartungsfroh. Jetzt sind die Arme dran; auf Kommando ist je eine andere Armhaltung gefragt „..für Euer kognitives Training.“ sagt Opitz. – Eine Rollstuhlfahrerin grinst. „Wenn Petra die Leute knechten will, dann macht sie das“. Einige beginnen zu lachen.

In der Turnhalle werden nun mehrere Netze aufgespannt, sodass vier Spielfelder nebeneinander entstehen. Spielbeginn: Auf der linken Hallenhälfte spielen nur Rollstuhlfahrer-/innen, auf der anderen gibt es eine gemischte Besetzung. „Wir machen keinen Unterschied, warum jemand im Rollstuhl sitzt. Ob Schlaganfall, Querschnittslähmung, Muskelschwund, wir definieren uns über den Sport“, sagt Petra Opitz. Aber bei manchen Behinderungen frage ich mich schon, was der liebe Gott sich dabei gedacht hat.“ Bei Manuel hat ein Gen-Defekt die Tay-Sachs-Erkrankung hervorgerufen. Alle Fähigkeiten wie Gehen, Stehen oder Laufen funktionieren immer weniger, je mehr die Krankheit voranschreitet. Medikamente gibt es nicht, eine Heilung ist nicht möglich. Durch den Sport kann Tay-Sachs nur aufgehalten werden.

Verlauf, Diagnose und Symptome von Tay-Sachs sind nach ihren ‚Entdeckern‘ benannt. Der britische Augenarzt Warren Tay und der US-amerikanische Neurologe Bernard Sachs dokumentierten im Jahr 1881 bzw. 1898 erstmals dieses Krankheitsbild.

Von der Muskelschwund-Art „Tay-Sachs“ sind nur 13 Familien in Deutschland betroffen. Birgit Hardt vom Verein „Hand in Hand gegen Tay-Sachs und Sandhoff“ schätzt aber, dass es auch eine Dunkelziffer gibt. „Ich weiß von einem Fall in unserer Nähe, diese Leute wollen gar nicht mehr rausgehen. Die Ärzte dürfen uns nichts sagen… Und wenn man dann nur noch zuhause bleibt… dann ist eigentlich schon Ende.“ Sie und ihr Mann wollen ein bundesweites Netzwerk aufbauen, auf die se unheilbare Krankheit aufmerksam machen, aufklären, Lobbyarbeit betreiben. Eine „europäische Familienkonferenz“ hat es schon gegeben. „Wir wären fast in 2 oder 3 Studien reingekommen, aber: – sie macht eine Pause – wir sind zu wenige.“ Sie klingt verärgert. Der Biochemiker Konrad Sandhoff ist einer der wenigen, die Forschung zu den beiden Krankheiten Tay-Sachs und Morbus Sandhoff betreiben. Dazu hat er die Gehirne toter Kinder untersucht und 1968 das erste Mal dazu publiziert. In Nervenzellen des Kleinhirns fehlt ein Enzym, das, vereinfacht gesagt, die Zellen bei gesunden Menschen „reinigen“ würde. Weil bei Tay-Sachs- und Morbus-Sandhoff-betroffenen Personen dieses Enzym fehlt, bilden sich in den Zellen Ablagerungen, die Zellen sterben im Laufe der Zeit ab. Da das Kleinhirn für die Koordination des Bewegungsapparates zuständig ist, macht sich die Krankheit durch Lähmungen oder gestörte Bewegungsabläufe bemerkbar. Eine Behandlung ist auch deshalb schwierig, weil mögliche Medikamente die Blut-Hirn-Schranke überwinden müssten. Die Aktivistin Birgit Hardt und ihre Mitstreiter-/innen hoffen auf eine Gentherapie von Professor Tim Cox der Universität Cambridge, bei der Vektoren des Gens umprogrammiert werden sollen, damit es keine Mutation mehr gibt, bzw. diese keine Auswirkungen mehr hat. Frühestens im Jahr 2018 könnte es eine Behandlung gegen Tay Sachs oder Morbus Sandhoff geben.

Zurück in der Sporthalle der Martin-Luther-King-Gesamtschule Dortmund-Dorstfeld. Ein surrendes Geräusch, tock – tock – tock. Flink rollen die Rollstuhlfahrer dem Federball nach. Mit einer Hand am Rad, mit der anderen Hand am Schläger. Die Bälle fliegen höher und weiter – und die Spieler treffen. Es ist ruhiger in der Halle als am Anfang, die Sportlerinnen und Sportler konzentrieren sich, Spannung liegt in der Luft. Eine schnelle Drehung mit dem Rollstuhl – Peng! macht es auf dem Schläger. Die Rollstuhlfahrer in der ersten Hallenhälfte gehören zum Leistungskader der Rollstuhl-Badminton-Spieler. Sie werden am Wochenende zu einem Wettbewerb nach Hannover fahren, zwei der Sportler später sogar zu den Paralympics.

In der 2. Hallenhälfte geht es lauter zu; hier wird hauptsächlich zum Spaß und zur Freude an der Bewegung gespielt; im Doppel oder Einzeln. Jede-/r freut sich, mal ein Match zu gewinnen; aber am wichtigsten ist allen die Freude am Sport. Spieler kommentieren häufiger die Spielzüge, plaudern kurz miteinander. Manuel spricht kaum, sein Mund steht offen, die Augen aufmerksam nach vorne oben gerichtet, von wo der Ball kommt – doch dann landet das Spielgerät wieder neben seinem Rollstuhl. Seine Mitspielerin ermuntert ihn, weiterzumachen. Seine Mundwinkel gehen nach unten, er wirkt missmutig. Aufschlag, er schlägt den Federball gegen das Netz. „Komm, macht weiter, du schaffst das!“ Wieder Aufschlag. Er lächelt – und trifft den Ball.

Wer als Fußgänger-/in mit Rollstuhlfahrer-/innen Badminton spielt, sollte ein paar Dinge beachten: Rollis brauchen mehr Platz, um zu agieren. Nicht jeder Ball kann immer so leicht getroffen werden; man muss ertragen können, dass ein Ball daneben geht und somit ein Punkt verloren geht. „Wir sind ein Team und deshalb verliere ich auch mal mit dir“, fasst Trainerin Opitz die Verhaltensregeln für Fußgänger-/innen zusammen beim Badminton-Spiel zusammen.

Dann Rundlauf: Alle Spielerinnen und Spieler stellen sich in einer Reihe auf, auf jeder Spielfeldhälfte in gleicher Anzahl. Aufschlag, danach rennt der vorne stehende Spieler auf die andere Seite des Spielfeldes, stellt sich hinten in der Reihe an. Manuels Arme bewegen sich hektisch. Er versucht, pünktlich vorne zu sein, holt weit mit seinem Arm aus, um den Ball zu treffen. „Ihr lauft alle außen rum, nur Manuel darf unter dem Netz durchrollen.“ Und weiter geht’s! Petra Opitz feuert die Spieler-/innen an. Das Spiel wird schneller, manchmal wird auch gelacht, wenn man den Ball nicht trifft. Der zweite Rollstuhlfahrer ist flinker als Manuel.

Während des Trainings wechseln die Spielpartner das Feld. Jetzt spielt Trainerin Petra mit Manuel. Er zittert leicht. Petra sieht ihn freundlich und fordernd an, motiviert ihn. Der Ball fliegt zu Manuel, er hat offene, aufmerksame Augen. Tock – tock- tock – mindestens fünfmaliger Ballwechsel. Das Spiel läuft plötzlich flüssiger als vorher mit der anderen Spielpartnerin. Manuel grinst und lacht. Einmal reißt er die Arme in die Höhe: er hat gewonnen. „Noch 10 Minuten“ ruft die Trainerin. „Spielen wir noch eins?“ fragt Manuel. „Klar!“ Am Ende sagt er: „das geht ganz schön in die Arme. Aber es macht auch großen Spaß.“

Zu Hause stehen Manuels Beine anschließend o-förmig auseinander und zittern leicht. Manuel muss sich am Treppengeländer zur Haustür festhalten. Nur mühsam kann er die wenigen Treppenstufen hinaufsteigen, weil er die Knie nicht richtig biegen kann.. „Als das losging, war ich 18. Aber wir wussten noch nicht, was es eigentlich ist. Ich habe mich immer schwerer getan, zu laufen, habe dann Hilfsmittel benutzt. Mit 22 Jahren musste ich mir dann eingestehen, dass ich nicht mehr selbständig laufen und das Gleichgewicht nicht mehr halten kann.“

Eine lila Tischdecke, eine silberfarbene Schale mit Deko-Sternen, eine durchsichtige Kugelvase mit gelben Rosen. Gepflegt und ordentlich ist es hier, ein gemütliches normales Zuhause möchte diese Familie haben.

Am Tisch sitzen Manuel, seine Mutter und ein Gast. Schwarzes Ledersofa neben dem Tisch vor einer Fensterfront, die den Blick auf den Garten frei gibt. Ein großer LED-Fernseher, mehrere Glasvitrinen. In einer kleineren schmalen Vitrine an der Wand sind Golfbälle. Manuel strahlt, als sein Blick darauf fällt. Die Golfbälle sind seine Erinnerungen an gewonnene Meisterschaften.

Heute kann Manuel ohne jedes Hilfsmittel nur ein paar Schritte gehen, keinen Golfball mehr schlagen. Seine Mutter berichtet von der Schwierigkeit, von Ärzten überhaupt einmal ernst genommen zu werden. „Das geht soweit, dass sie dir vorwerfen, du würdest dir das alles nur einbilden.“ Sie macht eine wegwerfende Handbewegung. Seit ein paar Jahren haben sie nun eine Ärztin im Uniklinikum Essen gefunden, die Manuel „in die Forschung aufgenommen habe.“ Jetzt muss nur alle 3 Jahre eine CT- oder MRT-Untersuchung gemacht werden um zu sehen, was sich im Gehirn verändert hat. Die Untersuchungen in den ersten Jahren nach Ausbruch von Tay-Sachs waren schmerzhaft gewesen, Manuel hatte sich davor gefürchtet. Der Abbau im Körper ist nicht unbedingt schmerzhaft, geht aber schleichend und unaufhaltsam voran.

Von der Missachtung durch Ärzte kann auch Birgit Hardt vom Verein „Hand in Hand gegen Tay-Sachs und Sandhoff“ berichten. Das Ehepaar Hardt hat einen 8jährigen Sohn, der unter Tay-Sachs leidet. Wenn es bei Kindern in einer normalen Entwicklung vorwärts geht, läuft die Entwicklung bei Tay-Sachs-Kindern rückwärts. „Die Kinder wachsen normal auf, lernen Laufen, Sprechen und alles, was ein Kind sonst auch lernt. Mit drei Jahren ging es dann bei unserem Dario los; das Laufen ging immer schwerer, er konnte kaum mehr das Gleichgewicht halten, die Sprache wurde immer verwaschener.“ Birgit Hardt seufzt schwer, ist aber um Sachlichkeit bemüht. An der Sporthochschule Köln konnte Dario dann Übungen mit einer Vibrationsplatte, wie es sie auch in einem Fitnessstudio gibt, machen. „Das hat geholfen, seine Muskeln dennoch zu aktivieren. Und das ist der Grund, weshalb er heute noch laufen kann, auch wenn man ihn dabei an der Hand führen muss. Außenstehenden ist oft nicht klar, dass eine Behinderung beim Laufen nicht gleich Rollstuhlbenutzung heißen muss. „da werde ich von Passanten schon mal gefragt, wo der Rollstuhl sei.“ Man muss immer was tun.“ Sport ist wichtig – so wie beim Badminton-Spieler Manuel.

Drei Formen von Tay-Sachs sind bisher bekannt: die infantile, die juvenile und die adulte Form. Nach Ausbruch der Krankheit bleiben den Betroffenen nur wenige Jahre. Symptome können Epilepsie, Schluckprobleme und Erblinden sein, müssen aber nicht in ihrer Gesamtheit auftreten. Die infantile Form von Tay-Sachs tritt am häufigsten auf und beginnt schon im 6. Schwangerschaftsmonat. Die juvenile Form macht sich zwischen dem 2. und 5. Lebensjahr bemerkbar, je später Tay-Sachs auftritt, desto milder ist der Verlauf. Symptome wie Ataxie (fehlende Koordination der Bewegungen) und Schreckanfälle können auftreten. Seh- und Hörvermögen können erhalten bleiben, wenn dieser Muskelschwund nicht vor dem 5. Geburtstag ausbricht. Die adulte Form taucht meist mit Ende 20 auf.

Der Elektromotor surrt leise zu den Pedalbewegungen. Manuel sitzt auf einem Stuhl, vor sich ein Gestell das aussieht wie ein halber Ergometer, ein halber „Heimtrainer“ ohne Sattel und Sattelstütze. Die Füße stecken in einer Art Schalen, das sind die Pedale, die Füße mit Klettbändern festgeschnallt. Oben ist eine Art Lenker mit Geschwindigkeitsanzeige. „Damit trainiere ich die Beinmuskeln. 30 Minuten lang, einmal pro Tag. Radfahren kann ich nicht, da würde ich zu schnell aus der Puste kommen.“ Er sieht zufrieden aus, lächelt. „Diese Bewegung ist entspannend für mich.“ Keine Hektik mehr, keine Sorge, etwas nicht mehr rechtzeitig zu erreichen, keine Angst mehr, dass etwas nicht mehr gelingen könnte. Zu Hause ist Manuel gesprächiger als in der Turnhalle, spricht flüssiger, erzählt gerne von sich und seiner Familie. Durch seine Krankheit sind viele Freundschaften zu Bruch gegangen, manche haben ihn als Chauffeur für Discobesuche ausgenutzt oder gar „abgefüllt.“ „Solche Freunde brauche ich dann nicht. Ich habe derzeit auch keine Freundin, denn die müsste mich so akzeptieren, wie ich bin.“ In der Fachhochschule, wo er nun im 2. Semester Betriebswirtschaft studiert, sind die Leute höflicher, freundlicher und hilfsbereiter. Und vor allem nicht so oberflächlich.

Nebenan ist sein eigener privater Bereich. Auf den ersten Blick wirkt Manuels Zimmer wie das eines jeden jungen Menschen: Ein Bett, ein Schreibtisch in der Ecke, ein Fernseher, eine PlayStation auf dem niedrigen Schrank vor dem Fernseher. In einem Halbkreis aufgereiht stehen neben der PlayStation volle Cola-Dosen mit den Logos aller Bundesliga-Vereine. „Ich liebe Fußball. Nur RB Leipzig fehlt. Und ich bin BVB-Fan. Aber ich finde es mies, was der BVB mit den Behinderten macht. Wenn ich eine Karte wollte, müsste ich 10 Jahre warten.“ Behindertengerechte Zuschauerplätze im Westfalenstadion sind rar.

Auf der Fensterbank überraschen ein paar Deko-Äpfel in bronze-glänzender Farbe. Manuel lacht. „ich bin Apfel-Fan“ und zeigt sein Handy. Mit dem kann er auch den Fernseher und das Licht aus- und anschalten. Deko-Äpfel im Zimmer eines 25-jährigen sind schon was Außergewöhnliches.

Beim Sofa fehlen die Sitzpolster, darauf liegen mehrere Fernbedienungen, Kopfhörer und eine Tasse mit Naschzeug. Es ist der einzige unordentliche Platz im Zimmer. Nur eines ist außergewöhnlich: der 2. Rollator. „Damit ich den vom Erdgeschoss nicht immer mit hochnehmen muss.“ Weil Treppensteigen für Tay-Sachs-Betroffene sehr schwierig ist, benutzt Manuel einen Treppenlift. „Den mussten wir selbst bezahlen. Genauso wie das Trimm-Dich-Rad und das Ladesystem fürs Auto. Das ist eine Frechheit. Und dabei sind wir privat versichert.“ Sein Auto hat er so umbauen lassen, dass er ein elektrisch betriebenes Ladesystem für den Rollstuhl zur Verfügung hat und beim Fahren alle Hebel mit der Hand bedienen kann. Am Lenkrad ist ein Handknauf für sicheres Lenken, rechts daneben ein zusätzlicher Hebel. „Die Beine habe ich nicht mehr so gut unter Kontrolle, deshalb habe ich jetzt auch Handgas.“ Mit dem Auto fährt er zu den Vorlesungen in der Fachhochschule Dortmund. „Mit dem Zug kann ich nicht fahren, weil der Hauptbahnhof Dortmund nicht behindertengerecht ist.“ Seit Jahren fehlen dort die Aufzüge.

Der Kofferraum des Scoda Roomster ist fast voll. Ein Metallgestänge rechts, das ist Ladesystem, waagrecht das Gestell des zusammengeklappten Rollstuhls. Der Kofferraum ist mit dem Rollstuhl voll beladen.

Wenn Manuel unterwegs ist, braucht er den „e-motion-Rollstuhl.“ Der elektrische Antrieb erfolgt zu 70%, den Rest muss Manuel selbst bewältigen. Der Alltagsrollstuhl wird durch Austausch der Räder zum e-motion-Rollstuhl. „Der wiegt dann mal locker 60 Kilo. Deshalb brauche ich auch das Ladesystem am Auto.“ Seine Mutter wird nicht müde, sich über die Krankenkasse zu beschweren, was sie alles nicht genehmige. „Dabei hat die Professorin in Essen einige böse Briefe geschrieben.“ Sie sieht dabei ausdruckslos aus, der Ärger ist aber dennoch anzumerken.

Auch Parken sei ein Problem. Manuel hat den Ausweis für den Behindertenparkplatz, dennoch darf er sich oft dumme Bemerkungen anhören, ob er denn wirklich zum Parken berechtigt sei. Sie rege sich nicht mehr auf, sage nichts mehr, meint seine Mutter. Ihre Mundwinkel gehen nach unten. Manchmal könne man echt denken, es gäbe nur Idioten.

Manuel sitzt wieder am Tisch mit der lilafarbenen Tischdecke, die Falten wirft. Seine Mutter spielt mit dem Gast, den sie beruflich betreut, Karten. Manuels Alltag hat sich in den letzten Jahren stark verändert, der Alltag läuft nicht mehr so glatt und reibungslos wie vor dem Ausbruch von Tay-Sachs, aber er sieht nach vorn. Das Studium gibt ihm Zuversicht, dass es weitergeht, das Badminton-Spiel macht ihm Spaß. „Aufgeben werde ich nie. Und ich möchte so gern mal wieder im Stadion beim BVB sein.“ Das Leben: es geht weiter, auch wenn der Golfball nicht mehr ins Loch rollt.