Mit einem Schiff durch die Landschaft

Es ist schon lustig, wie verschieden Lastenräder sein können. Dass diese Art von Rädern keine Nerd-Späßchen wie z. B. Scooter-Räder, die keinen echten Nutzen haben, sind, beweist u.a. der Blog „Ohne Auto im Alltag“ sowie zahlreiche Initiativen, die Lastenräder zu günstigen Konditionen verleihen: z. B. VeloCityRuhr in Dortmund, in Essen ELA und der ADFC Unna mit ELLA und ULF. Mit ELLA hatte ich zu Wochenbeginn keinen Erfolg. Vorne zwei Räder, dazwischen die Ladefläche, hinten das einzelne Rad. Dreirädrige Liegeräder bin ich schon gefahren gewesen. Allerdings war ELLA auch mit meiner inzwischen schon jahrelangen Fahrpraxis für Lastenräder kaum zu fahren. Da half auch die E-Motor-Unterstützung nichts. Vorne schwer zu lenken und kaum unter Kontrolle zu halten, wackelte der hintere Teil wie ein Kuhschwanz. Fast schon magisch schienen die parkenden Blechkisten das Rad anziehen zu wollen.

Hier ein Bild von ELLA: https://adfc-kreis-unna.de/ausleihe/cb-items/ella-unser-elektrisches-luener-lastenrad/

Ich versuchte immer wieder, zu starten. Nach sagenhaften 1,2 km gab ich auf und gab dieses Lastenrad wieder am Lünener Hauptbahnhof zurück. Sehr schade. Ich war enttäuscht, hatte ich mich doch auf eine kleine Radtour zurück nach Dortmund gefreut. Der Mechaniker hatte mir sogar noch den Leezepatt empfohlen gehabt. Doch daraus wurde nichts. Fast hätte ich mir spontan eines der kostenpflichtigen anderen Räder ausgeliehen, aber das war nicht der Sinn der Sache. Außerdem hätte ich auch dieses Rad wieder zurückbringen müssen, wofür ich keine Zeit gehabt hätte.

Man könnte denken, dass sich Lasten mit einem zweispurigen, weil dreirädrigen Rad leichter transportieren lassen. Aber dem ist nicht so. Beim Fahrverhalten von ELLA fühlte ich mich stark an die Christiania erinnert, die ich auch mal versucht hatte, zu fahren: auch bei der Ch. befindet sich die Ladefläche zwischen den beiden Vorderrädern, der Lenker ist eine gerade Stange, wie ein Treppengeländer verläuft die Lenkerstange vor der Ladefläche. Respekt für die und den, die oder der so ein Ding fahren kann! Hier ein Bild des Modells „Christiania“, die im Dortmunder Verleih „Rudolf“ – eigentlich Rudolfine – heißen müßte. 😉

Der ADFC Unna hat aber nicht nur ein Lastenrad in seinem Verleih-Angebot. Ein Einspurer ist auch zu haben: UNser LastenFahrrad, kurz ULF. Am selben Tag, an dem ich wegen dem Rad ELLA so betrübt und enttäuscht gewesen war, buchte ich den ULF. Am Valentinstag holte ich das Rad dann ab; dank komoot war die Suche nach dem richtigen Weg einfach. Inzwischen bin ich sehr froh über dieses elektronische Navigationssystem, weil die Planung doch schneller geht als mit der Papierkarte. Letztere haben aber einen entscheidenden Vorteil: ihre Akkulaufzeit ist unschlagbar (zugegeben, mit den Updates dauert es immer etwas länger… ). Als „Backup“ habe ich immer noch die ADFC-Papierkarten mit dabei. Da es sich beim Ausleihort in Unna-Massen um ein Randgebiet der Stadt handelt, war der Weg gar nicht so weit, wie ich zuerst vermutet hatte. 13 km Wegstrecke, nach einer Stunde war ich bei „Electric Ride“ angekommen und wurde freundlich empfangen. Allerdings, ULF ist eins der wenigen nicht-elektrisch betriebenen Pferde in diesem Fahrradladen.

Und los ging´s… nach einem Stück Landstraße entlang der Felder.

Das Lastenrad ULF vom ADFC Unna.

Nebenan gibt es erst mal Mittagessen…

Schafherde beim Mittagessen auf der Weide bei Unna-Massen.
Määäh! Aber beim Essen ist es ganz stille…



  • Zugegeben, der Spiegel ist etwas spießig und den braucht auch niemand. Aber bei einem kostenlosen Leihrad motzt man nicht… abgesehen davon, dass er für die Katz ist. Ich sah darin nicht das, was man darin erkennen hätte sollen: nämlich das, was hinter dem eigenen Rücken liegt.

Der Ulf, ein niederländisches Modell von der Art „Bakfiets“, verhält sich gemächlicher und rollt langsamer als das Bullitt von Larry vs. Harry. Damit man auch mit dem Bakfiets, wörtlich übersetzt das „Wannenrad“ aber nicht baden geht, muß man Geduld haben. In die Kurve legen geht schon, aber wirklich schnell fahren kann man mit ULF nicht. Auch der Ständer unter der „bak“, der Wanne = der Lastenfläche ist etwas umständlicher zu handhaben als der vom Bullitt. Dafür ist es sehr verläßlich, auch wenn mal unvorhergesehen Hindernisse kommen, z. B. Steine aus der Wegoberfläche ragen, über die man dann drüber fahren muss. Oder eine Kurve, auf die ein Weg mit nicht ganz abgesenktem Bordstein folgt. Das alles schluckt dieses Rad, ohne zu murren. Außerdem macht die stufenlose NaVinci-Schaltung der Rohloff wirklcih Konkurrenz – auch wenn eingefleischte Rohloff-Fans mit Sicherheit was anderes behaupten 😉

Zuerst durch Dortmund-Kurl und nicht wie zuerst angenommen durch Kamen-Methler oder Wickede ging die Route auf den Körnebachradweg entlang der Bahnlinie Dortmund<>Hamm. Bei für den Februar nciht normalen Temperaturen von ca. 15 und mehr Grad Celsius zwitscherten die Vögel im Gebüsch am Wegesrand, als ob schon Frühling wäre. Ich war immer noch auf Winter eingestellt und das „bakfiets“ durfte als erste Ladung immer mehr Kleidungsstücke tragen, die mir zu warm geworden waren.


Auffällig ist die Ähnlichkeit zum sogenannten „Hollandrad.‘

Am Bahnhof Dortmund-Scharnhorst mußten die Gleise überquert werden. Auch wegen der Kurven auf dem Brückenzugang keine leichte Aufgabe, darauf zu fahren… nun, schieben ist auch keine Schande…

Der Bahnübergang am Bahnhof Do-Scharnhorst.

Kurz nach der Brücke verkündete ein Wegweiser, dass es nur noch 4,1 km bis zum Borsigplatz seien. Juhu, dachte ich mir… doch kurz darauf gab es keinen Weg mehr, nur noch Morast.

Das Baustellenschild besagt, dass der Lippeverband hier etwas baut.

Weit und breit war kein Mensch zu sehen, die Maschinen standen still. Rad und Mensch wurden unnötig dreckig. Hallo, ich bin hier nicht mit dem Downhill-Rad unterwegs! Später erfuhr ich dank eines Bekannten, dass hier tatsächlich ein Weg gebaut werden würde (sonst müßte man durch das Bahnbetriebsgelände mit den Schienen und abgestellten Zügen fahren). Bereits Ende 2018 sollte dieser Weg zwischen Scharnhorst Bahnhof und Wambel Gewerbegebiet fertig sein, jetzt ist der 31. März 2019 anberaumt. Zwar war der Morast nach ca. 200 m wieder zu Ende, doch auf dem nun wieder asphaltierten Weg mussten laange Brombeeranken den Weg versperren. Ich hatte am Bahnhof Scharnhorst kein Umleitungsschild gesehen gehabt, erst auf den Rat meines Bekannten hin fand ich bei der Rückfahrt, als ich später das Rad wieder abgab, die Umleitung.

Dann endlcih am Borsigplatz angekommen… und gleich zur Arbeit gefahren. 1 Stunde Wegzeit, die mir länger erschienen war, lag nun hinter mir.

Der Borsigplatz Dortmund. Seltsamerweise nicht so beliebt in Gelsenkirchen…

3 Tage hatte ich Ulf ausgeliehen und er hat viel erlebt. Ich fuhr mit diesem Lastenrad zur Arbeit, ca. 3 km einfache Wegstrecke. Die Kollegen staunten nicht schlecht, erst recht, weil ich den Weg von, bzw. nach Unna auf mich genommen hatte. Und der Architekt, der im selben Haus wie wir arbeitet, bekam auch Lust, das Rad auszuprobieren, auch mit Hund. Allerdings war der Vierbeiner, sonst eine freundliche Schmuserin, nicht so begeistert, was ihr Herrchen da veranstaltete… ich hatte bis zu diesem ZEitpunkt auch angenommen gehabt, dass die Plane vorne fest montiert sei. Das hat den Hund wohl gestört, dass sie nicht immer frei ihren Kopf in die Höhe recken hatte können. Aus Hundesicht verständlich. Nur hinten ist ein Fensterchen, wo man die Regenfolie aufrollen kann.

Aufgerollte Regenfolie hinten, unter dem Lenker.

Das Schöne am Lastenrad-Fahren ist, dass man mehr Aufmerksamkeit von anderen Verkehrsteilnehmern* bekommt. Dieses Rad fällt durch seine ERscheinung mehr auf. Manche Passanten* fragen, ob man damit auch Kinder mitnehmen kann. Ja, beim Bakfiets von VanAnden gibt es ein schmales Bänkchen in der Wanne, das ich allerdings immer hochgeklappt hatte, weil ich ausschließlich Dinge transportierte. Im folgenden war das Altglas und jede Menge Leergut.

ULF beladen mit einem leeren Bierkasten, Altglas, Altpapier.

…und wieder ein Aufgschau vor dem Getränkemarkt 😀 Das erste Cabrio hatte ich auch gesichtet. Seltsam. Ich fahre das ganze Jahr über Cabrio.

Über die Biermarke lässt sich streiten, aber nicht über die Mobilität in der Stadt!

Bei 19 Grad Celsisus, die inzwischen das Thermometer anzeigte, kommt man ganz schön ins Schwitzen, wenn man Lastenrad fährt. Der Bierkasten wieder voll und die Körbe und Taschen wieder leer von den Pfandflaschen, war ich froh, zur Arbeit radeln zu können. Wenn auch nicht ganz so flott und wendig wie mit dem Bullitt. Was schon bemerkenswert ist: die durch den hohen Lenker verursachte aufrechte Sitzposition hat fast was majestätisches. Demnächst also bitte ein Modell mit dem niederländischen Königswappen vorne dran ausliefern, verehrter Hersteller vanAnden… 😉

Abends, der 3. Freitag im Monat war es, wäre ich fast bei der CM Dortmund mitgefahren. Allerdings ging ein Pressetermin vor: die Premiere des Theaterstücks „Hedda Gabler“ von Henrik Ibsen am Schauspielhaus Dortmund. Nun, dann geht ULF mit mir eben ins Theater… Premierenkritik folgt auf http://www.nordstadtblogger.de .

Der ULF vor dem Schauspielhaus Dortmund.
Der ULF vor dem Schauspielhaus Dortmund.

Und hehe, ich passe noch in diese Parklücke! Sehr gut sogar, ohne dass ich mir die Tür ramme! 😀

Der ULF in einer Parklücke bei wilder Autoparkerei.
Der ULF in einer Parklücke bei wilder Autoparkerei.

Freitag nachmittag ist gefühlt noch mehr los auf den Straßen in und um die Innenstadt herum. Einmal flog mir fast die Plane weg, ich mußte anhalten, was aber kein Problem war, selbst die Autofahrer* hupten nicht… wohl auch, weil ich den eigentlich unnützen Radstreifen am Borsigplatz benutzte. Es gibt dort eine extra Ampelschaltung für Radfahrende, aber kein blaues Schild dass dieser lächerliche Streifen und Holperpiste benutzungspflichtig wäre. Sowas gibt es auch nur in Deutschland – hust*.

Was mir mit und ohne Lastenrad Angst macht, sind diese Massen an Autos. Verkehrswende ? Klimawandel? #FridaysForFuture, schon mal was davon gehört? Diese Autofahrer* offensichtlich nciht. Vor einer Zukunft, in der sich das Mobilitätsverhalten nciht ändern wird, graust mir. Angesichts dieser Blechmassen ist jede Fahrt mit dem RAd und Lastenrad eine Dmeonstration für eine bessere Zukunft. Klingt überzogen pathetisch, ist aber wahr, weil Fahrräder kein CO2 ausstoßen.

nur eine der vollgestopften Routen Richtung Borsigplatz.
nur eine der vollgestopften Routen Richtung Borsigplatz.

Nur ein paar hundert Meter weiter, in eine enge Gasse abgebogen, zwischen einem Schrebergarten-Häuschen und verfallenem Industriegelände, hat man erst mal Ruhe vom Verkehrslärm. Die Graffiti an den Wänden gehören zu einer Galerie, um diesen Teil der Weißenburger Straße, zu dem auch die Mauer vom RWE-Gelände gehört, zu verschönern. Diese Sprayereien sind also legal und durchaus sehenswert, es muß nicht immer alles gefallen.

Der ULF vor der Galerie in der Weißenburger Straße Dortmund.
Der ULF vor der Galerie in der Weißenburger Straße Dortmund.

FAZIT: So sportlich wie das Bullitt fährt sich ULF nicht, aber er ist mindest so verläßlich. So schnell haut dieses Rad nichts aus der Spur…. der extrem niedrige Einstieg ist ein Komfort-Plus (wobei die verminderte Höhe der Querstange im Rahmen eines KARGON oder Riese&Müller-Lastenrades auch ausreichend ist). Beim Bullitt heißt es immer erst einmal einen halben Can-Can tanzen, während man Jaques Offenbach im Ohr hat. Die Regenhaube ist auch nicht verkehrt, wenn sie am „bakfiets“ angebracht ist. Die NaVinci-Schaltung ist sehr zu empfehlen, weil man beim Anfahren an der Ampel oder am Hang stehend keinen Streß mehr hat. Für starke Steigungen ist ULF aber nichts, das Bullitt auch nicht wirklich, wenn es auch leichter zu fahren ist. Wer in meiner alten Heimat Nürnberg wohnt, der oder dem sei diese Rad trotz des günstigen Preises – im Vergleich zum Bullitt- nicht empfohlen.

Was nicht nachvollziehbar ist, ist die hohe Lenkerposition. Was bei einer Gazelle, also einem Hollandrad als angenehm empfunden werden mag, stört beim Lastenrad auf Dauer. Das Gesamtgewicht ist größer, weshalb ich immer einen 2. Menschen brauchte, um ULF in den Flur des Wohnhauses zu heben, um ihn nachts sicher zu verwahren. Das Bullitt habe ich, wenn auch mit Anstrengung, allein ins Haus geschafft. Wenn man länger mit dem ULF fährt, also mehr als 20 Streckenkilometer am Stück, kann man schon mal matte Arme bekommen. Oder ist es auch eine Gewohnheitssache? Nach 3 Tagen Bullitt-Fahren weiß ich auch, was ich getan habe. Nach meiner allerersten Bullitt-Fahrt hatten mir ordentlich die Arme weh getan. Dennoch werde ich ULF gerne wieder ausleihen, weil er ein verläßlicher Partner ist, mit dem man sicher Lasten transportieren kann.

EletricRide in Unna-Massen. Hier kann man ULF ausleihen.

Danke an den ADFC Unna für die Bereitstellung von ULF, UNserem LastenFahrrad! 🙂 HIER kann man ULF ausleihen. EletricRide ist auch gut mit der S-Bahn und Bus R54 zu erreichen.

Die komoot-Routen von Dortmund nach Unna – 1. Link und zurück, 2. Link:

https://www.komoot.de/tour/56552377

https://www.komoot.de/tour/56552376

Gerne werde ich wieder damit fahren, auch bei 13 km Anfahrtweg. Lustig wird es dann, wenn man vom Lastenrad wieder auf sein ’normales‘ Rad umsteigt… um vom Fleck zu kommen nach der Rückgabe von ULF, hatte ich mir mein Faltrad mitgenommen in dem „Bakfiets.“ Das ist eben das Geniale am Lastenrad, dass man sich sogar ein 2. Rad ohne Probleme mitnehmen kann! Ich hatte nicht nur einen leicht wackelnden Lenker, auch hatte ich dauerend das Gefühl, dass alles zu leicht ginge und doch was fehle… klar, ein Lastenrad lenkt sich immer schwerer, weil es im Gesamten schwerer ist.

Nach Rückgabe von ULF muss man irgendwie nach Hause kommen. Mit dem Faltrad.


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Nur Krach und Klamauk

Oper „Der Barbier von Sevilla“ am Opernhaus Dortmund.

13. Vorstellung am Samstag, den 2. Februar 2018

Die Ankündigung lies sich nicht schlecht. Die Figuren in der Oper „Der Barbier von Sevilla“ von Gioachino Rossini wären in der Dortmunder Inszenierung Marionetten, die sich nicht aus eigenem Willen bewegen könnten. Hört sich nach einem brauchbaren Konzept an, eine Inszenierung, die funktionieren könnte. Die eigene Arbeitswoche war anstrengend gewesen, also ging die Autorin am Samstag abend in die Oper. Warum nicht was leichtes, lustiges ansehen? Vor vielen Jahren lief Rossinis Opern-Hit am Opernhaus Nürnberg, aber wie die Inszenierung war, ist heute unklar. Die Wahrnehmung eines Menschen ändert sich, wenn an älter wird.

Der Vorhang auf der Bühne ist dieses Mal kürzer, eine schräg stehende Wand grenzt die Bühne vom Orchestergraben ab. Es soll ja ein Marionettentheater heute werden, mit Menschen an Fäden. Gut, darauf läßt man sich als Opernbesucherin ein. Als der Intendant, bevor es losgeht, nach vorne tritt, wird klar, dass heute etwas anders sein wird. Kaum eine Vorstellung vergeht, als dass ein Sänger oder eine Sängerin irgendwie stimmlich angeschlagen ist. Die Musik an diesem Abend ist auch gar nicht das Problem dieser inzwischen schon 13. Aufführung des „Barbiers von Sevilla.“ Es ist die absolut nicht schlüssige, langweilige Inszenierung. Dieser Abend war bemerkenswert, so schlecht war die Inszenierung.

Zugegeben, die Geschichte ist nicht sonderlich spannend und aufregend. Ein Adliger verliebt sich in eine Bürgerstochter, also eine nicht seinem Stande entsprechende Heiratskandidatin. Die hat zufällig viel Geld von ihren Eltern geerbt, weshalb der Vormund – Doktor Bartolo – , der Musiklehrer Basilio und wohl auch noch andere testosteron-übersäuerten Gestalten im damaligen Sevilla wild auf diese Bürgerstochter Rosina sind. Daraus könnte man eine witzige, freche, auch gesellschaftskritische Inszenierung machen. Aber in der Version von Martin G. Berger als Regisseur verkommt der „Barbier von Sevilla“ zum reinen Klamauk. Ein einziges, unerträgliches Kasperletheater. Sind wir nicht im Opernhaus? Oder doch im Varieté-Theater? Nciht genug damit, dass Doktor Bartolo einen extra dicken Bauch und gestreifte Hosen wie ein Clown und eine derart lächerlich hohe Perücke trägt. Auch Figaro ist äußerlich ein einziger Clown, grell geschminkt dazu, nur zu ihm paßt die Maskerade wirklich. Nur der Musiklehrer sieht ’normal‘ aus. An diesem Abend war die Besetzung anders, im 2. Teil mußte sich Sunnyboy Dladla als Graf Almaviva vom Orchestergraben stimmlich durch einen Ersatzsänger unterstützen lassen. Nur für den selbstherrlichen Graf Almaviva ist die Kleiderwahl gelungen – bis er sich, weil er inkognito ins Haus von Doktor Bartolo eindringen will, verkleiden muß. Ein Clown = der Barbier reicht nicht, auch der Graf bekommt nun einen roten Umhang mit grüner Mütze, damit er der 2. Clown ist. Fassungslos sieht man zu, wie alles immer bunter, schriller und ordinärer wird – ohne dass es auch nur irgendeinen Mehrwert für die Oper hätte. Ach so, wir haben ja Karneval, habe ich vergessen.

Es ist schon richtig, dass in der Inszenierung nichts versteckt oder verheimlicht wird. Graf Almaviva steckt dem Bartolo – kaum zu erkennen: Morgan Moody – eine dunkelbraune Schwimmnudel zwischen die Beine, ganz klar, dass dieser damit mit seinem sexuellen Verlangen nach Rosina entlarvt wird. Aber warum im Hintergrund unbedingt eine kurze Videosequenz mit Miss Peggy und Kermit dem Frosch als Sadomaso-Liebende gezeigt werden muß…völlig unnötig. Dann fällt man kontrolliert eine Wand um, eine Mitarbeiterin der Technik muss mehrere Male ein komisches braunes faltiges Plüschtier über die Bühne kriechen lassen. Die Krallen lassen vermuten, dass er der sinnbildliche Maulwurf ist, der bei den Menschen herumspioniert, dann taucht dieses abscheuliche Wesen – also das Plüschtier, nicht die Mitarbeiterin – immer dann auf, wenn der Intrigant und Lügner von Musiklehrer Basilio in Aktion ist. Oder ist es ein Bandwurm, der sich wie der von Basilio besungene Rufmord immer weiterverbreitet und Unheil stiftet? Diese Figur des Basilio ist eine sehr wunderliche: statt Notenpult und Klavier hat er Apparaturen und Gestänge vor sich stehen, es raucht und knallt und blitzt wie im Klischee-Chemie- und Physik-Labor. Offensichtlich hatte Martin G. Berger seinen Chemie- und Physikunterricht in der Schule recht gern. Die immer anwesende Feuerwehr im Publikum will schließlich auch unterhalten werden. Wäre doch langweilig, wenn man immer nur Eingänge und das Vorhandensein von Feuerlöschern kontrollieren müßte! Die Bühnentechnik, die sonst immer nur leise im Hintergrund agiert, damit alles auf der Bühne funktioniert, war mehrere Male aktiv zu sehen. Hatte wohl mal Lust, offen zu zeigen, was sie kann, die armen grauen, äh schwarzen Mäuse. Und nicht zu vergessen die „plötzlich“ umfallende Wand. Da hat es geknallt. Dazu Stroboskop-Licht, wechselnde Bühnenbilder… Wow. Und weil Graf Almaviva vom Soldaten dann zu einem Musikstudenten werden muss, klaut er einfach dem Dirigenten seinen Frack. Super Idee. Und sowas von glaubwürdig. Ah, Dirigent Christoph JK Müller trägt Hosenträger. DAS wollte ich als Zuschauerin unbedingt wissen.

Musikalisch war die Inszenierung in Ordnung, wenn auch nicht ganz überzeugend. Sänger und Sängerinnen waren nicht immer auf gleicher Höhe mit den Philharmonikern, die Marionettenschnüre schienen vor allem Aytaj Shikhalizada als Rosina öfter die Luft zu nehmen. Bei all dem bunten Gewusel, das weder Sinn noch Ziel hat, kann einer oder einem schon mal die Luft wegbleiben und man kann die Orientierung verlieren.

Und pardon, bei aller Sympathie für die Person, aber einen Erzähler braucht es in dieser Oper nicht. Ich muß mir nicht sagen lassen, was jetzt passiert. Wollte das Theater nicht Programmhefte verkaufen? Oder sind das dieses Mal nur Attrappen, mit weißen leeren Blättern drin? Bei aller Sympathie, die man für Hannes Brock als Erzähler und Puppenspieler (hatte er sich nicht vom Theater verabschiedet gehabt in der letzte Spielzeit? Als Opernsänger kann man wohl nie Schluß machen, bis man von der „Weltbühne“ abtreten muß und die Stadt Dortmund ihm ein Staatsbegräbnis geben wird – ich werde dafür breitwillig Straßensperrungen in Kauf nehmen) haben kann : bei allem Witz, der in seiner Schilderung der Geschichte durchaus vorhanden war, fühlte sich die Autorin oft nur genervt. Die Erzählung wirkte aufgesetzt und unnötig. Und das Ende ist sowas von überraschend. Auch ein noch so toller Hannes Brock kann aber diese Inszenierung nicht retten.

Das erste Mal innerhalb von 3 Jahren, in denen die Autorin nun schon regelmäßig das Opernhaus Dortmund besucht, hatte sie in der Pause den Gedanken, doch nach Hause zu gehen. Ratlos bleibt man vor lauter schrillen Farben und ständig wechselnden Bewegungen der Figuren zurück. Es kracht, faucht und maunzt auf der Bühne, aber es passiert – nichts. Langweilig war diese Inszenierung, weil völlig überladen. Eine ohnehin schon dürftige Geschichte wird nicht besser, wenn noch mal drei Wände umfallen, noch mal eine Wand mit klischeehafter Rosa-Blumen-Tapete aufgefahren wird oder es noch mal mit einem Feuerchen im Musikzimmer von Basilio kracht. Man möchte gar nicht daran denken, was das alles gekostet hat; der Ersatz für die durchgeschnittenen Marionettenseile noch gar nicht eingerechnet. Die Opernsängerinnen und die Opernsänger hatten dagegen meistens ihren Spaß. Hätte mir auch gefallen, ungestraft und vor den Augen vieler Leute, die am Ende sogar mit standing ovations applaudierten, Schabernack zu machen. So wie Andreas Beck, ein Mitglied im Schauspielensemble einmal im RN-Interview sinngemäß sagte: „ich mag meinen Beruf. Ich kann lachen, morden, betrügen, schlecht über jemand reden, lügen auf der Bühne – und werde dafür nicht bestraft.“ Wohl wahr. Wenn dabei aber das eigentliche Stück, das an diesem Abend aufgeführt werden soll, nicht mehr zur Geltung kommt, wenn der Sinn und Mehrwert für das Stück nicht vorhanden sind, dann war die Inszenierung schlecht und diente nicht mehr der Kunst. In der aktuellen Version von Martin G. Berger ist genau dies vortrefflich gelungen: schlechtes, weil überfrachtetes Theater.

Fast hätte die Autorin ihren Slapstick-Beitrag zur Inszenierung geliefert, weil sie im Matsch und Schnee des Vorplatzes fast mit dem Rad gestürzt wäre. Nur schauen mir da wenige Leute zu und lustig ist es auch nicht, vom Fahrrad zu stürzen, weil nicht ordentlich geräumt ist. Gilt auch für viele öffentlichen Straßen und Wege.

Der Barbier von Sevilla, Oper von Gioachino Rossini, Opernhaus Dortmund. Weitere Termine: https://www.theaterdo.de/detail/event/matinee-zu-die-kroenung-der-poppea/?not=1&cHash=294e938696c9c74af3344c3bab10ed54&sword_list[]=barbier&sword_list[]=von&sword_list[]=sevilla&no_cache=1

Aber bitte mit Ü! Wenn da nicht die (Aus-)sprache wäre.

Kommentar zur Vorlesung und zum Konzert der Reihe Bild und Klang:

Oratorio de Noel von Camille Saint-Saens

(Ur-)Aufführung der ersten wissenschaftlich-kritischen Ausgabe

am Dienstag, den 11. Dezember 2018 um 19.30 Uhr,

evangelische Stadtkirche St. Reinoldi, Dortmund

Zunächst ein Lob an die Musikerinnen und Musiker. Sie haben einen guten Job gemacht, als Besucher-/in hat man der Musik gerne zugehört, während draußen vor der Kirchentür Klampfenmusik gepaart mit geistlosem Liedgut zum Weihnachtsmarkt geboten wurde. Nur schnell rein in die Reinoldikirche, um dem Grauen zu entkommen! Es war spannend, Hintergründe zu einem bereits bekannten Werk zu erfahren: dass es verschiedene Fassungen gab, warum Camille Saint-Saens dieses „Oratorio de Noel“, das zuerst nur einen lateinischen Titel hatte, geschrieben hat. Alles schön, die nicht immer sauber getroffenen hohen Töne verzeiht man als Zuhörerin, denn hier sind Lehramtsstudierende am Werk, keine angehenden Opernsängerinnen und -sänger. Der Zauber und die Schönheit dieses Stücks kam beim Publikum an, die musikwissenschaftlichen Informationen vorher sorgten neben der sorgsamen Interpretation der Musik dafür, dass nichts in den Kitsch abgleitet; denn Kitsch-Potential hat dieses Weihnachtsoratorium, das wußte der Komponist und Intellektuelle Camille Saint-Saens selbst auch.

Wenn da nur nicht die Sprache wäre.

Und nein, es ist kein französischer, sondern ein lateinischer Text, der da gesungen werden soll. Während des ganzen Abends wurde man den Eindruck nicht los, dass sich manche-/r von ihrer oder seiner besonders intellektuellen Seite zeigen will. Dabei sind muttersprachlich-bedingte Aussprachen doch völlig normal. Warum sollte man jemand, die oder der ein deutschsprachiges Werk singt dauernd verbessern, wenn sie oder er bei manchem Wort es einfach nicht schafft, richtig auszusprechen? Richtige Töne und Klang sind dabei wirklich wichtiger als die ganz korrekte Aussprache.

Verehrte Musikwissenschaft. Bei aller berechtigten Wissenschaftlichkeit: es ist affig, ein „Alleluja“ als „Allelüja“ zu singen. Es klingt künstlich, angestrengt wichtig und angestrengt richtig. So als ob man mit aller Gewalt und unbedingt ein fremdsprachiges Wort „richtig“, also der Landessprache gemäß aussprechen wollte, obwohl man es nicht wirklich kann. Dafür sind die Sprachen auf der Welt eben zu verschieden, als dass man als Nicht-Muttersprachler-/in manches Wort wirklich richtig aussprechen könnte. Es ist auch gar nicht schlimm, wenn z. B. jemand deutsche Wörter wie „Hähnchen“ nicht wirklich aussprechen kann; das gilt auch für den Bereich der Wissenschaft. Denn auch die Wissenschaft wird von Menschen gemacht, nicht von Göttern. Leider kann man auch nicht in die Zeit zurückreisen, Monsieur Saint-Saens (dessen Namen jetzt aufgrund der deutschen Tastatur auch nicht wirklich richtig geschrieben werden kann) hätte mich wohl mit einem abfälligen, blasierten Blick bedacht – ach nein, ich bin ja eine Frau, und die hatten damals nichts zu sagen, nicht in der Kirche zu singen, sondern nur „gut“ auszusehen (was man damals als „gutes Aussehen“ definiert hatte). Ich hätte mich vorher in einen Mann verwandeln müssen (juhuu, endlich mal Krawatten tragen). Diese bösen Musikkritiker machen einem auch (fast) jedes Konzert zunichte!

Verehrte Musikwissenschaft. Pardon, aber „Sanctüs“ zu hören, das nervt. Das schmerzt. Es tut mir in den Ohren weh und stört den Kunstgenuss ebenso wie das andachtsvolle, gespannte, aufmerksame Zuhören. Bei fast jedem „ü“ bin ich zusammengezuckt. Und warum dieses künstlich ausgesprochene „gentes“ beim Choral „Quare fremuerunt gentes“ („Warum toben die Heiden“)? Dieses lateinische „gentes“ hat nichts, aber auch gar nichts mit dem französischen Wort „gentil“ zu tun! Mag sein, dass die französischen Sängerinnen und Sänger das so singen, dass le Grand Compositeur das auch so wollte…aber bitte, bei aller Wissenschaftlichkeit: der Musik und den nicht-französischen Sänger-/innen die Freiheit lassen, es nicht so gekünstelt auszusprechen! Musik ist nicht nur Wissenschaft, sie ist auch Kunst, die muß frei sein, Kunst darf und soll auch Ausdruck von Gefühlen sein! Und bei allem Respekt vor dem Komponisten und Ihnen, der Musikwissenschaft:

Künstlerischen Mehrwert hatte dieser Aussprachen-Purismus nicht, wenn er auch wissenschaftlich gesehen richtig sein mag, genauso wenig, als wenn ein-/e zeitgenössische-/r Komponist-/in verlangt, dass man mit dem Bogen über ein Seil streicht. Die Vorlesung hatte schon stattgefunden, nun war die Musik dran. Würde man in Frankreich, Belgien oder einem anderen französischsprachigen Land dieses Musikstück hören, wäre die Aussprache „Sanctüs“ nachvollziehbar und wenig überraschend. Aber hier in Deutschland wirkt es gekünstelt, statt authentisch.

Doch machen wir ruhig weiter mit dem Aussprachen-Purismus. Der nächste Besuch aus Dortmunds Partnerstädten kommt bestimmt. Wenn da mal ein „Dortmünd“ zu hören ist, dann setzt es was. Das geht gar nicht, denn ein „u“ ist ein „u“ im Deutschen, damit das klar ist. Sofort den Falschsprecher oder die Falschsprecherin verbessern!

Oratorio de Noel“, ist ein bemerkenswertes Werk, zu dem heute abend interessante und spannende Hintergrundinformationen genannt wurden. Als eines der wenigen größeren Werke zur Weihnachtsmusik ist es das einzige, was neben dem umfangreichen, fast übermächtigen Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach steht. Bemerkenswert, dass hierzulande das Werk eines protestantischen Komponisten oftmals bekannter ist und öfter aufgeführt wird als das eines katholischen. Auch wer Camille Saint-Saiens` geistliches Werk schon kannte, hatte an diesem Abend Neues darüber erfahren können. Schade nur, dass die Musik so sehr vom Aussprachen-Purismus gestört wurde. Da hat man es natürlich leichter, wenn man einen hölzernen Hohlkörper zwischen Schulter und Kinn geklemmt hat oder die eigenen kräftigen Finger auf Stahlsaiten wandern läßt. Aus der Musik-Text-Zwickmühle ist man als Instrumentalmusiker-/in fein raus. Ach wie schön kann das sein. Je nachdem, auf welche Fassung man sich einigt, sind geschriebene Noten eben Noten, sie werden überall auf der Welt gleich ausgesprochen. Über Dynamik, über Interpretation kann man verhandeln, über Tonhöhen von geschriebenen Noten aber nicht.

(P.S. Wer jetzt Groll auf Musikkritiker-/innen hat, der oder dem empfehle ich Georg Kreislers „Musikkritiker.“ Schenkt mir aber beim nächsten Konzert bitte weder Platten noch Krawatten. Plattenspieler habe ich – leider – keinen mehr und Krawatten sind dann doch so umständlich zu tragen wie Highheels. Mit den einen tritt man ungeplant auf das andere drauf).

Das Geschäft mit dem Sex ist verpönt – doch es läuft. Über ein verschwiegenes und verspottetes Phänomen in der Gesellschaft

Am Mittwoch abend, den 26. September 2018 lud die Mitternachtsmission zu einer Diskussionsrunde ein. Ort und Teilnehmer-/innen waren ungewöhnlich: es wurde in einer Kirche auch mit einem Prostitutionskunden und 2 Prostituierten diskutiert. Die Mitarbeiterinnen der Mitternachtsmission und der ehemalige Leiter der „Sitte“, der für das Rotlichtmilieu zuständigen Behörde gaben Ihre Erfahrungen an das Publikum weiter.

Interessant zu beobachten: Als Leser oder Leserin von Online-Nachrichten erfuhr man auf

https://www.nordstadtblogger.de/alles-nutten-oder-was-ehemaliger-chef-der-sitte-diskutiert-in-petri-kirche-ueber-die-situation-von-prostituierten/

von dieser Veranstaltung.

Auf der Seite http://www.dortmund.de wird man nur nach längerem Suchen fündig, in der Broschüre „FrauenTermineDortmund“, jedoch nicht bei den Veranstaltungsankündigungen.

Prostitution ist immer noch ein Thema, das polarisiert. Prostituierte werden in der Gesellschaft als minderwertige Menschen betrachtet und beschimpft. Bei manchen Diskussionsteilnehmern, auch auf dem Podium schien immer noch eine Unsicherheit zu existieren, das Thema wirklich anzusprechen: wenn man von „Arbeit“ spricht, kann man auch gleich klar sagen, was diese „Arbeit“ ist: eben Sex  die Befriedigung für den Kunden.  Der geladene Kunde auf dem Podium trug eine Maske, die beiden Prostituierten Perücken und Sonnenbrillen. Was einige Diskusssionsteilnehmerinnen bewegte: warum macht man diesen „Job“ überhaupt?

Zunächst wurde klar gestellt: es geht hier um eine freiwillige Tätigkeit. Auf Nachfrage wurde aber klar, dass es bei einer der beiden Prostiuierten noch einen anderen, wichtigeren Grund hatte: sie ist vor etwa 10 Jahren mit anderen Landsleuten nach Deutschland gekommen. In Rumänien herrsche bis heute Perspektivlosigkeit. Die deutschen Gesetze hatten es ihr damals verboten, einer Arbeit als z. B. als Verkäuferin nachzugehen. So hat sie sich für die Prostitution entscheiden (müssen), seit 7 Jahren übt sie diesen Beruf (der als solches nicht anerkannt ist), aus.

Das macht betroffen, dass eine Gesetzeslage Frauen ohne deutsche Staatsangehörigkeit keine andere Arbeit als die im Rotlichtmilieu möglich macht. Prostitution ist kein Problem der Damen, die diese ausüben, sondern: es ist ein gesellschaftliches Problem.

Dies ist ein weiterer Kritikpunkt: Prostitution ist nicht als Beruf anerkannt, die Damen sind nicht sozial- und krankenversichert wie andere Arbeitnehmer, wie ein DGB-Mitglied und Diskussionsteilnehmer sagte. Wenn doch die Nachfrage nach Sex nie stagniert oder gar einbricht, warum wird Prostitution nicht als eigenes Berufsfeld anerkannt? Man muß die Prostitution nicht gut finden, aber man kann ihre Existenz nicht leugnen. Warum gehen vor allem Männer zu Frauen, die ihnen Sex (u.a.) anbieten? Der Prostitutionskunde am Podium meinte, dass er mit den Damen auch vertrauliche, intime Gespräche führen könne und seine sexuellen Wünsche ausleben würde. Nach der Diskussion konnte ich mit einer Mitarbeiterin der Mitternachtsmission noch näher darüber sprechen. Die Prostituierten würden den Freiern sexuelle Wünsche erfüllen, die sie ihren Partnerinnen gegenüber nicht unbedingt äußern trauen würden – und diese würden auch diese sexuellen Praktiken möglicherweise gar nicht mitmachen. Und oft genug geht es nicht mal um Geschlechtsverkehr: „Der Mann erzählt der Prostituierten – ja ich habe meinem Chef doch gesagt, dass das nicht geht. Dem habe ich die Meinung gesagt! – Die Ehefrau weiß, dass das nicht stimmt, weil er sich das nicht traut. Aber die Prostiuierte lobt ihn dann und sagt „das hast du richtig gemacht.“ Aha, interessanter Punkt. Männer suchen hier also eine Bestätigung für sich selbst, die sie offensichtlich woanders nicht bekommen. Prostitution ist also nicht das reine Problem der Frauen, sondern eine Art Reaktion, „Problemlösung“ für partnerschaftliche Konflikte.

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Nur nebenbei waren auch männliche Prostituierte, die von Frauen gekauft werden, ein Thema bei diesem Gesprächsabend. Die Mitarbeiterin der Mitternachtsmission sagte dazu leicht scherzend: „Ich wäre da zu geizig. Die Männer wollen da oft noch vorher essen gehen, da kann man als Freierin schon mal auf 300€ kommen.“

Die Tatsache, dass Prostitution erlaubt und von den Behörden auf Hygienebestimmungen etc. regelmäßig kontrolliert wird heißt natürlich nicht, dass die Prostituierten ihre Arbeit (immer) unbedingt gern machen.  Und reine Freiwilligkeit war es auch nicht, wie eine der beiden Damen ihren Einstieg ins Rotlichtmilieu beschrieben hatte – aber eben auch keine Zwangsprostitution.  Zweifelsohne geht die Arbeit als Prostituierte an niemandem in dieser Szene spurlos vorüber. Aber deshalb verbieten? Eine einfache Antwort darauf gibt es nicht.

Eine Gesprächsteilnehmerin, Mitglied der Organisation von „Terre de femmes“ kritisierte die Prostitution scharf. Männer würden Frauen kaufen, Prostitution verletze und zerstöre Frauen, es sei reine Gewalt an Frauen. Dabei machte sie keinen Unterschied zwischen Freiwilligkeit und Zwang zur Prostitution. Die Terre-de-femmes-Vertreterin sprach sich für das „nordische Modell“ aus. In Schweden ist Prostitution per Gesetz verboten. Im Gespräch danach sagte Rainer Minzel dazu: „ich weiß nicht, wie die in Schweden das nun unter Kontrolle haben. Wenn man Prostitution verbietet heißt das nicht, dass sie verschwindet. Und dann müßte man auch die Frauen bestrafen.“ Durch das „Dortmunder Modell“ habe man es unter Kontrolle. Die Szene selbst  achtet darauf, wenn ihr was auffällt, was nach Menschenhandel oder Zwangsprostitution aussieht und würde dann sofort die Polizei informieren. Letztendlich geht es auch um das Geschäft: wenn da plötzlich ein Anbieter ist, der nicht an Behördenauflagen gebunden und billiger ist, wird das innerhalb der Szene sofort sanktioniert.

 

Kernpunkt des gesamten Gesprächsabend war der Appell der Prostituierten und des ehemaligen Leiters der „Sitte“ Rainer Minzel, dass diese Frauen endlich als gleichberechtigte Mitmenschen anerkannt werden. Auch wenn sie einen -außergewöhnlichen – Beruf ausüben. Auch wenn sie in ihrer „Arbeitskleidung“ unter anderen Menschen im Alltag auffallen wie ein Pfau unter lauter Amseln, sind Prostituierte, Männer wie Frauen Mitmenschen mit den selben Rechten wie eine Verkäufer oder eine Musikerin.

 

Weitere Informationen:

FrauenTermineDortmund: https://www.dortmund.de/media/p/frauenbuero/downloads_frauenbuero/FrauenTermineDortmund.pdf  Veranstaltungen der Stadt Dortmund zum Thema Frauen und Gleichberechtigung

Arbeit der Mitternachtsmission: http://mitternachtsmission.de/   Diese Organisation unterstützt Prostituierte und hilft ihnen, wenn sie es wollen, aus der Szene auszusteigen.

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Fliegen auf 2 Rädern will gelernt sein

Ein Sitz, kein Sattel. Die Polsterung sieht aus wie ein grober, dunkelgrauer kratzender Putzschwamm beim Geschirrspülen. Ein langes Rohr, dass das kleinere Vorderrad mit dem größeren Hinterrad verbindet, läuft unter dem Sitz hindurch.. Und wo ist der Lenker? Ah so, der läuft unter dem Sitz durch, die Griffe schauen links und rechts vom Sitz hervor. Das ist der Grundaufbau eines Liegerades. Genau, deshalb liegt man mehr, als man sitzt, während man Rad fährt. Die Beine in der Waagrechten nach vorne über dem kleinen Vorderrad auf den Pedalen. Sieht seltsam aus,  klingt verrückt, ist es auch und das beste: es funktioniert. Aber man braucht Geduld, es zu lernen.

Vor ca. 10 Jahren bin ich schon mal Liegerad gefahren. Ein Nürnberger ADFC-Kollege hatte mich auf diese außergewöhnliche Fahrradgattung aufmerksam gemacht, einmal war ich mit ihm auf der Spezialradmesse (SPEZI) in Germersheim im Süden von Rheinland-Pfalz. Ich hatte Geschmack an dieser Art des Radfahrens gefunden: man kann schnell beschleunigen, es macht riesen Spaß, der Gegenwind braucht die Fahrerin nur noch wenig zu kümmern. Der ganze Beckenbereich ist entspannter, weil man mit seinem Gewicht nicht auf den Sattel drückt.  Mit dem ausgeliehenden FLUX C 500 erlebte ich Fahrspaß pur, ein richtiger Rausch hatte mich ergriffen. Doch leider war es vor ca. 10 Jahren Herbst gewesen, ich hatte das nasse Laub auf dem Weg vergessen  – und wusch! flog ich hin. Das Gute am Liegerad: man kann nicht tief fallen. Das schlechtes: es gut dennoch weh. Die ganze Beinseite war blau und geprellt.

Es hatte große Mühe gemacht, das FLUX C 500 damals auszuleihen: ich mußte mit dem Zug erst nach Ansbach fahren, das bedeutete hin und zurück mehree Stunden Fahrt. Und dann das vergleichsweise schwere Liegerad in den Zug hieven, der noch so häßliche alte Klapptüren hatte…

Von damals habe ich nur Bilder von einem entwickelten Film, die (noch) nicht digitalisiert sind.

Der Traum vom Liegerad-Fahren blieb, aber Geld, eins zu kaufen, hatte ich keins. Wenn man es einmal gelernt hat, will man nie wieder absteigen.

Heute, 10 Jahre und zwei Umzüge in eine andere Stadt später ergibt es sich, dass ich im Monat nicht nur eine Critical Mass mitfahren kann. Hier und da gibt es nette Kontakte, man findet Gleichgesinnte. In Gelsenkirchen gibt es offenbar eine Liegerad-Szene, die ganz fußballfern und über Stadtgrenzen hinweg ihre Leidenschaft pflegt. G. mit seinem gelben Velomobil (ein Liegerad mit Verkleidung rundherum, sieht lustig aus und ist super schnell!) ist einer davon. Weil ihm der Arzt irgendwann auch das Rennradfahren verbot, fährt er Liegerad. Einige Exemplare, darunter auch ein Dreispurer (Scorpion von HP Velotechnik) besitzt er nun schon. Und mir versprach er, dass ich eins leihen könne. Hey cool, endlich nach 10 Jahren wieder Liegerad fahren!

Von einem Kollegen aus eben dieser Stadt hatte ich mir schon Ausflugstips geben lassen, was ich alles sehen könnte: Schloß Berge, Schloß Horst… (nein, das „böse“ Stadion der „Blauen“ steht nicht auf meiner Sightseeing-Liste 😀 ) ich malte mir einen ruhigen Freitag nachmittag aus, der evtl. sogar mit der Critical Mass in Bochum enden könnte. Im Gegensatz zu Nürnberg und Ansbach, der Region Nordbayern sind die Städte im Ruhrgebiet sehr nah beieinander. Bochum sollte also bis abends erreichbar sein.

Doch Fahrräder sind eigenwillig. Fast wie echte Pferde auch, sagen sie nicht zu jeder und jedem sofort „ja.“ G. stellte das Rahmenrohr so ein, dass ich mit den Beinen bequem die Pedale vorn an der Spitze erreichte. Ich dachte, ich kann es noch…. aber immer wieder kippte ich um. Es ist genau so, als wenn man Radfahren lernt: der Kopf kapiert, dass man das Gleichgewicht halten kann, aber der Körper braucht länger, um es zu kapieren. „Du mußt die Beine oben halten, lenken und treten, lenken und treten!“ sagte G. immer wieder. Er feuerte mich an, schob an – und irgendwann konnte ich das erste Stück, den kurzen Radweg entlang der U-Bahn-Haltestelle frei fahren. Juhuu! Die Gelsenkirchener Jugend, die an der Haltestelle abhing, hatte an diesem Nachmittag eine besondere Unterhaltung 😉

Nach ein paar technischen Schwierigkeiten konnten wir abends dann losfahren. Ich wollte es noch bis nach Bochum zum Hbf schaffen, von dort aus mit dem Zug nach Haus fahren. G. schob wieder an – mit Gepäck radeln am Liegerad war noch mal eine ganz andere Herausforderung – und ich fuhr auf der Trasse, vorbei an der Zeche Consol los. Wieder war er da, der Rausch der Geschwindigkeit. Und G. hinter mir plötzlich verschwunden.

Ich freute mich, merkte aber auch, wie erschöpft ich war. Ich habe dann unfreiwillig heftig angehalten, es ist nichts passiert, der Untergrund war ja weich und außer mal umkippen ist nichts passiert. Ich glaube, ich hatte auch etwas Muffensausen bekommen, weil der Weg an dieser Stelle kurz vor der A42 so ist wie der, an dem ich vor 10 Jahren mit dem Flux C 500 gestürzt war: es geht auf jeder Seite schön bergab. Arrgh. Ich machte erst mal Rast, denn ich hatte immer nur etwas, aber nie sehr viel gegessen. Ich war tagsüber ungewollt immer wieder müde, obwohl ich morgens das Gefühl gehabt hatte, ausgeschlafen zu sein.

Ich merkte: ich muß Geduld mit mir selber haben, mal tief durchatmen – dann kann ich wieder losfahren und es klappt auch.

An der Kreuzung, an der es zur Autobahn 42 rein und auf der anderen seite zur Zoom Erlebeniswelt geht, legte ich mcih wieder hin. Ein Autofahrer, der an der Ampel wartete, fragte sogar, ob ich Hilfe brauche. Sehr freundlich, wow, das überraschte mich.

Ich war verwirrt, WO es weiterginge… ich merkte, dass ich richtig k.o. war. Zuerst wollte ich zur Zoom E. fahren, doch dann sah ich die Zufahrt zur Trasse. Ich schob das Rad runter, dann hieß es: aufsteigen und wieder losfahren… wie einfach das auf dem „Hochrad“ (so nennt der ADFC-Kollege aus Nürnberg immer die Fahrräder) doch ist!

Ich war immer noch unsicher, doch ich fuhr los. Und hui, nach ein paar Versuchen, einmal Fluchen und tief Druchatmen klappte es!

Allerdings merkte ich auch, dass mein Kopf und Nacken irgendwie keine passende Position hatten. Das Fahren hätte so schön sein können, wenn ich nicht die ganze Zeit das Gefühl gehabt hätte, dass die Kopfhaltung nicht stimmt und ich eine unangenehme Verspannung spüre. Ich fuhr eine ganze Weile, die Schaltung zickte manchmal, aber im großen und ganzen funktionierte es. Wenn mir jemand entgegen kam, war ich nicht mehr so panisch. Allerdings, wenn zwei nebeneinander fahren, das macht mich immer noch unsicher.

Später dann, auf dem Weg Richtung Erzbahnbude gibt es immer wieder Brücken, die hone Wände links und rechts des Weges haben. Ich dachte auch erst, dass mir die Zäune auf den Brücken Sicherheit geben.

Da gibt es doch das mehrere hundert Meter lange Stück als Brücke, bei dem links und rechts Metallwände sind, danach erreicht man die Erzbahnbude. Langsam überwog der Gedanke: „Warum tue ich mir das an?“ vor „Liegeradfahren macht Spaß.“ Zwei Schlaumeier kamen mir entgegen, nebeneinander, und das bei der relativ engen Brücke. Ich schaffte es noch, ihnen zuzurufen, sie mögen doch bitte hintereinander fahren, ich glaube sie taten es auch, aber zusammen mit der Erschöpfung verlor ich den Mut und fuhr gegen die Wand. Juhu, auch das Knie angehauen und noch mehr Prellungen (aber keine offenen Wunden). Ich war wütend und genervt, aber ich hatte keine Kraft mehr, zu fluchen (auch wenn es notwendig gewesen wäre). Die beiden entshculdigten sich, ich erklärte ihnen die Sache, sie fragten, ob sie helfen könnten… nun, was sollten sie auch tun, ich war froh, dass sie mir überhaupt zuhörten.

Die Erzbahnbude hatte noch offen, ich fragte nach Kaffee, der war verständlicherweise aus. Ein Eis füllte meinen Zuckerhaushalt auf. Aber nachher merkte ich: heute kann ich mit diesem Rad nicht mehr fahren. J., der soeben die Bude geschlossen hatte, war plötzlich neben mir und meinte, er würde mir ein Taxi rufen. Ich hatte keine Lust, die restlichen 6 km bis zur Jahrhunderthalle zu schieben!

Das ist echt eine Gelsenkirchen-Woche: Montag war ich bei der CM, heute kam ich so schnell aus GE nicht raus, weil Julian mich zu einer Kreuzung in GE begleitete. Nach mehreren Telefonaten wußten die Taxifritzen endlich, WO sie hinkommen sollten. Es hat mich schon gewurmt, 23 € für ein Taxi ausgeben zu müssen, um nach Bochum Hbf zu kommen. Aber gut, das war eben ein Notfall…. Und wie ich zu Julian sagte: „man muß nicht gleich Bungee-jumping machen, aber wenn man sich gar nichts traut, ist das Leben elend langweilig.“

Das Liegerad passte gut in den Zug und in den Aufzug. Was ich sonst nie mache, habe ich heute gemacht: ich bin mit der U-Bahn die eine Station ab Hbf zu der Station  gefahren, von der aus die Ux99 zu mir nach Hause fährt.

An den Beinen habe ich viele Veilchen, das rechte Knie tut noch etwas weh, beugen geht, wenn auch mit leichten Schmerzen. Dennoch bin ich froh, es heute mich getraut zu haben, Liegerad gefahren zu sein. Ich war heute morgen erneut  mit Frust aufgewacht. Irgendwas muß man tun, sich aufmachen… Der Lenker sollte nach unten gebogen sein, damit beim Sitzen, ohne dass ich fahre, der Lenker nicht gegen die Beine drückt. Aber wenn man umonst ein Liegrad nutzen kann, motzt man nicht. Jede-/r hat eben einen anderen Körper, G. paßt auf dieses Liegerad eben besser drauf.Das Liegerad bleibt die nächsten Tage erst mal im Stall, abgesperrt.  Aber ich werde wieder losfahren – bis ich so sicher bin wie auf dem „Hochrad.“

Mein herzlicher Dank gilt G., seine Geduld bei der Liegerad-Fahrschule ist unbezahlbar. Er hat an mich geglaubt und mich immer wieder angefeuert. Meine Mutter hätte nur ständig panisch geschrieen, weil alles ach so gefährlich ist (deshalb, meine Damen, zuhause bleiben und sich einschließen – haha!) Und danke an J. und die Erzbahnbude für die Hilfe, damit ich ohne Streß und sicher nach Hause kam.

 

 

 

 

 

 

 

Alles für die Katz? – Kunst am Zug

Die Deutsche Bahn Aktiengesellschaft hat es nicht gern, wenn man ihre Fahrzeuge bearbeitet. Aber verehrte DB AG, Euer Knallrot tut schon in den Augen weh. Wie wäre es mit einem dezenteren Rot?

Da freue ich mich doch immer wieder über Graffiti auf Zügen und auf langweiligen, öden Bahnhofswänden. Ich finde, dass es sich farblich gut ergänzt. Auch wenn ich nicht unbedingt immer weiß, was sich genau hinter manchem „tag“ (Namenskürzel), vermeintlichen Gekritzel oder „Geschmiere“ oder anderen Zeichen verbirgt. Das wissen nur Szenekenner (meist Männer, seltener Frauen).

 

Ah, und noch so nebenbei: ich war´s nicht. Denn so gut malen bzw. sprayen kann ich nicht 😉

Kunst am Zug, entdeckt am 6. Juni 2018 in Dortmund.

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KUNST am ZUG: Alles für die Katz?

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Vor ein paar Jahren am Bahnhof „Neue Schenke“ in Jena/Thüringen entdeckt. Leider wurde es von der DB AG beseitigt.

Hier  auf http://www.fahrrad3gruen.wordpress.com bekommen dieses Bilder ein bleibendes Denkmal.

Are you where you want to be?

Eine Frage, die man sich am Bahnhof durchaus stellen kann.

Uniform am Bhf. Neue Schenke

Einhörner müssen nicht immer schlank und rank sein 😉 so wie wir Menschen auch.

Stadtradeln eröffnet – mit Überraschung

Gestern fand die Auftaktveranstaltung zum STADTRADELN in Essen statt. Einige Städte machen mit, Dortmund glänzt mal wieder mit Abwesenheit. Das ist sehr, sehr traurig. Die Gründe dafür sind mir unbekannt; ein allgemeines Desinteresse und eine 2012 bei der CM fahrradFEINDLICH auftretende Polizei tat viel dazu, dass der Radverkehrsanteil rapide gesunken ist. Glückwunsch, Stadt Dortmund. Doch Sturheit siegt, deshalb fahre ich auch nach der Begegnung mit eben dieser miesen Sorte von Polizisten (wenn auch nicht bei der CM) im Mai 2017 weiterhin Rad. Und weil Sturheit siegt, gibt es auch wieder eine Critical Mass Dortmund.

STADTRADELN, das ist eine Aktion des KlimaBündnisses, ein Zusammenschluß verschiedener Kommunen. Diese Aktion soll Menschen dazu ermutigen, statt mit dem Auto öfter mit dem Rad im Alltag zu fahren und Radelkilometer zu sammeln, möglichst viele sollen zusammenkommen. Ein paar Preise gibt es zu gewinnen, das wichtigste aber ist: CO2 und Stickoxide vermeiden, denn: Fahrräder stinken nicht und sorgen damit für eine bessere Luft in den Städten. (www.stadtradeln.de) .

Los ging es um 13 Uhr am Willy-Brandt-Platz Essen,  Ziel war der Revierpark Gelsenkirchen-Nienhausen. Insgesamt wirkte die Teilnehmer-/innenzahl auf mich klein; einer der Organisatoren meinte, dass das am „langen Wochenende“ von Fronleichnam liegen würde.

Zuerst plauderte ich mit Freunden immer wieder mal über u.a. den Tierklinikbesuch ihres Katers und anderes. Zu meiner Überraschung fragte mich dann eine der Organisatoren*, ob ich „absperren“ könne. „Du meinst corken?“ fragte ich. „Ja klar.“ Mache ich bei der Critical Mass ja auch.

Wer nicht weiß, was die „Critical Mass“ ist und was „corken“ bedeutet, hier findet man Infos dazu am Beispiel der CM Bochum. Die Verhaltensregeln sind weltweit die selben.

http://www.urbanradeling.de/?page_id=305

 

Also kurz von den Freunden verabschiedet und so weit es ging, nach vorne gefahren. Nicht alle Autofahrenden sind so weitsichtig, dass sie stehenbleiben und abwarten, ob vielleicht doch noch Radfahrende kommen, wenn die Radfahrer-Gruppe eine Straße quert.  Dann wird „gecorkt,“ d.h. Radfahrer-/innen stellen sich quer auf die Straße, damit alle sicher diese Straße überqueren können. Wenn die Ampel für Autofahrer* schon rot ist, ist es einfacher, weil die Fahrzeuge dann schon stehen. Viele beharren auf ihr Recht, wenn die Ampel auf Grün springt und fahren los, weil gerade eine Lücke in der radfahrenden Gruppe entstanden ist. Dabei vergessen viele, dass § 27 der STVO der radfahrenden Gruppe Vorrang gewährt, wenn es mindestens 16 Teilnehmer-/innen sind. Bei der Auftaktveranstaltung zum STADTRADELN waren es mehrere hundert Radfahrer-/innen, die Zahl 16 also gut übertroffen.

Auch wenn es, erst recht aufgrund der herrschenden Aggressivität im Straßenverkehr schwer fällt: wer corkt, soll ruhig bleiben und freundlich zu den Autofahrenden sein.

Das war heute auch nicht das Ding, es gelang mir gut, freundliche Blicke zu den Blechkisten zu senden. Ein anderes Erlebnis war es, das mich verwirrte und auch ärgerte.

Kurz vor dem Zielpunkt corke ich die Zufahrtsstraße zum Revierpark. Nicht nötig, mag man denken, ist doch alles ruhig hier. Das Wetter ist zumindest trocken heute. Doch weil viele mit dem Auto dort hin fahren, ist reger Verkehr. Plötzlich spüre ich eine Berührung am Rücken. Nicht so furchtbar wie damals auf den elenden Dorffesten, auf denen ich als Teenagerin von mindestens 10 Jahre älteren Idioten belästigt und mißhandelt wurde (Frauen sind eben nur Ware, keine Menschen, die es zu achten gilt, so deren Überzeugung), aber spürbar. „Fahr weiter, ich corke hier“ sagt er laut. Ich sehe ihn erstaunt an. Ruhig erwidere ich ihm: „nein, ich corke, das ist so ausgemacht mit S. von den Organisatoren.“ Der Typ wirkt überrascht, ist sprachlos. So recht kann er das nicht glauben, dass ich das mache. Eine Ablösung war nicht vorher besprochen und abgemacht worden, deshalb bleibe ich. Nach einer kurzen Weile zieht er ab.

Nichts besonderes, dieses Erlebnis?

Doch.

Es zeigt erneut: einer Frau wird vieles nicht zugetraut, was als „typisch“ oder doch „eher männliche Aufgabe“ gilt. Corken heißt Absichern der Straße zugunsten der Gruppe, mit der man durch die Stadt radelt. Der Beruf „Sicherheitskraft“ wird meist immer noch mit dem Geschlecht „Mann“ in Verbindung gebracht, auch wenn Polizistinnen und Soldatinnen längst ihren Dienst tun. In den Köpfen ist das leider immer noch nicht angekommen, unsere Gesellschaft ist leider immer noch patriarchalisch aufgestellt. Die meisten Chefposten sind mit Männern besetzt. Seltsam, dass genau die, die so gern auf Sachlichkeit und sachlicher Kritik beharren, beim Thema Geschlecht und Aufgabe/Beruf plötzlich so unsachlich werden.

Während meines Studiums in Jena hatte ich ein Seminar zum Thema „Beruf und Geschlecht“ bei Prof. Dr. Sylka Scholz. ( http://www.soziologie.uni-jena.de/Arbeitsbereiche/Qualitative+Methoden+und+Mikrosoziologie/Mitarbeiter_innen/Prof_+Dr_+Sylka+Scholz.html )

Wem wissenschaftliche Texte zu mühsam sind:  ein aktueller Titel des Künstlers Danger Dan bringt es treffend auf den Punkt, wie furchtbar Zuschreibungen aufgrund des Geschlechts sind.

Danger Dan von der AntilopenGang mit „Sand In Die Augen.“

Aus Fairnessgründen bitte die Musik selbst kaufen, damit alle. Künstler-/innen davon leben können.

Gender und das Thema Radverkehr haben eben doch miteinander zu tun. Auch wenn manche-/r das nicht wahrhaben will.

In den vergangenen Tagen hatte es auf der Facebook – Seite eines Lastenrad-Herstellers, den ich sehr schätze, einen neuen Pinnwandeintrag gegeben. Eine Neuheit von Lastenrad mit Namen „Mrs (Markenname). Ich stutzte zunächst wegen der Farbe: der Rahmen war rosa. „Die Farbe ist nicht Euer Ernst“ kommentierte ich. Dazu die Bezeichnung „Mrs“ mit dem Markennamen des Lastenrades. Auerla. Lieber Lastenrad-Hersteller, da hast du leider nicht nachgedacht.

Eine Diskussion ergab sich, viele konnten meine Kritik nicht verstehen, rosa sei doch nur eine Farbe. Mein Einwand, dass es leider nicht so sei, das könne man auf den Seiten von http://www.pinkstinks.de nachlesen, wurde ignoriert. Mir wurde sogar „Polarisierung“ von einem CM-Mitfahrer, den ich für sein Engagement bei der CM sehr schätze, vorgeworfen. Das macht mich traurig. Er gehört wohl zu der Gruppe Männer, die Jack Urwin in seinem sehr lesenswerten Buch „Boys don´t cry“ die „Lads“ nennt. Das sind Typen, die grundsätzlich schon für Gleichberechtigung von Frauen und Männern sind, aber dann doch wieder in die alten Verhaltensmuster fallen. Bei einer CM in Ostwestfalen, die wir mal gemeinsam besuchten, hatte ein CM -Mitfahrer wieder einen chauvinistischen Spruch geklopft, für den er sogar von seiner Freundin gerügt wurde. Es ist zu befürchten, dass er es wieder tut.

Ich habe nicht erwartet, dass alle, die sich für den Radverkehr einsetzen, voll informiert sind, was die Themen Sexismus, Geschlechterungerechtigkeit und Feminismus angeht. Dennoch ist es traurig, auf soviel Unverständnis zu stoßen. In Augsburg gibt es einen „Clitoris-Ride“, was die CM Essen auf ihrer Facebook-Seite nannte und fragte, wie man das finde. Finde ich gut, dass dazu diskutiert wird. Auch in der Fahrrad-Gemeinschaft haben meist Männer das Sagen, bzw. sind sie es, die als Vertreter der Radlobby auffallen, in Erscheinung treten. Es ist erfreulich, dass beim ADFC NRW ein Frauennetzwerk existiert und es auch weibliche Blogger gibt wie Juliane Schumacher https://radelmaedchen.de/ und diese sind auch bitter notwendig.

Denn bei Produkten & Geschlecht polarisieren, das tut schon die Spielwarenindustrie. Bei Produkten für Erwachsene geht dieser Sexismus munter weiter: Frauen sollen mal schön nur die rosafarbenen Produkte, die auch noch teurer sind kaufen („gender pricing“), Männer bitte nur die blauen. Und wehe, ein Mann möchte ein rosa T-Shirt tragen (der muß doch schwul sein! – „schwul“ =schlecht). Eine freie Auswahl ist da nicht oder kaum mehr möglich. Wer solche Produkte schafft, der sorgt auch dafür, dass sich das Denken der Menschen zementiert: es geht nicht mehr um die freie Wahl von Produkten, es geht auch nicht mehr um Gleichberechtigung aller Geschlechter, nein: es geht wieder nur darum, Unterschiede aufzuzeigen und festzumachen, die keine sind. Gewinnmaximierung auf Kosten der Gleichberechtigung.

Leider ist das auch mt dem rosa Lastenrad so, wenn der Hersteller dieses Rad „Mrs ….“ nennt.  Ich fragte in den Kommentaren auch „gibt es denn auch einen Mr (Markenname)….“ in blau? Eben nicht. Echte Wahlfreiheit ist nicht an Farben gebunden! Deshalb freut es mich, wenn ein Mann (der nicht mal schwul ist, haha), gern rosa Sachen trägt, ganz einfach, weil es ihm gefällt und er sich damit wohl fühlt. Ich selbst mußte mir diese Freiheit erst erkämpfen, weil Mutter und Schwester ein Rosa-/Pink (und Lila)-Diktat bei der Kleidung hatten. Das macht mich heute noch wütend, auch als mein Bruder forderte, ich solle doch kein blaues T-Shirt anziehen.

Eine Anmerkung noch: Gerade weil -oh wie es mich schon beim Blick in ein Schaufenster im Ostenhellweg Dortmund graust – also wenn die Industrie schon beim Spielzeug alles in qietschrosa „für Mädchen“ packt, ist eine Wahlfreiheit nicht mehr möglich. Denn denkt doch mal weiter: „rosa Prinzessin„, was bedeutet das, selbst wenn das Mädchen, das nicht nur zum Karneval mal Prinzessin war (dafür reicht schon entsprrechender Haarschmuck), längst Teenagerin und dann Erwachsene ist? Es ist an ein bestimmtes Verhaltensmuster geknüpft, wie Frauen zu sein haben: zurückhaltend, ja nicht laut, immer höflich, freundlich und – ganz wichtig: gut aussehend. Männer dagegen haben immer erfolgreich zu sein, Kleidung und Aussehen, naja, nicht so wichtig. Jemanden bestimmte Verhaltensmuster aufgrund des Geschlechts zuzuschreiben, ohne es sachlich begründen zu können, das ist Sexismus. Und den finde ich einfach nur zum Kotzen.

Es gibt keine sachliche Begründung dafür, dass Frauen/Mädchen nur rosa und pink tragen dürfen und sich so oder so verhalten sollen. Das selbe gilt für Männer und die Farbe Blau. Und es gibt keinen Grund dafür, dass Frauen, nur weil sie Frauen sind, bestimmte Berufe nicht ausüben könnten. Das selbe gilt auch für Männer. Ich freue mich sehr, dass ein Sportkollege Grundschullehramt studiert: es braucht dringend ein männliches Vorbild für die Kinder.

Deshalb habe ich mich über das rosa Lastenrad aufgeregt. Und über den Typen, der mir nicht zugetraut hatte, dass ich  beim Stadtradeln corken kann.