Nur Krach und Klamauk

Oper „Der Barbier von Sevilla“ am Opernhaus Dortmund.

13. Vorstellung am Samstag, den 2. Februar 2018

Die Ankündigung lies sich nicht schlecht. Die Figuren in der Oper „Der Barbier von Sevilla“ von Gioachino Rossini wären in der Dortmunder Inszenierung Marionetten, die sich nicht aus eigenem Willen bewegen könnten. Hört sich nach einem brauchbaren Konzept an, eine Inszenierung, die funktionieren könnte. Die eigene Arbeitswoche war anstrengend gewesen, also ging die Autorin am Samstag abend in die Oper. Warum nicht was leichtes, lustiges ansehen? Vor vielen Jahren lief Rossinis Opern-Hit am Opernhaus Nürnberg, aber wie die Inszenierung war, ist heute unklar. Die Wahrnehmung eines Menschen ändert sich, wenn an älter wird.

Der Vorhang auf der Bühne ist dieses Mal kürzer, eine schräg stehende Wand grenzt die Bühne vom Orchestergraben ab. Es soll ja ein Marionettentheater heute werden, mit Menschen an Fäden. Gut, darauf läßt man sich als Opernbesucherin ein. Als der Intendant, bevor es losgeht, nach vorne tritt, wird klar, dass heute etwas anders sein wird. Kaum eine Vorstellung vergeht, als dass ein Sänger oder eine Sängerin irgendwie stimmlich angeschlagen ist. Die Musik an diesem Abend ist auch gar nicht das Problem dieser inzwischen schon 13. Aufführung des „Barbiers von Sevilla.“ Es ist die absolut nicht schlüssige, langweilige Inszenierung. Dieser Abend war bemerkenswert, so schlecht war die Inszenierung.

Zugegeben, die Geschichte ist nicht sonderlich spannend und aufregend. Ein Adliger verliebt sich in eine Bürgerstochter, also eine nicht seinem Stande entsprechende Heiratskandidatin. Die hat zufällig viel Geld von ihren Eltern geerbt, weshalb der Vormund – Doktor Bartolo – , der Musiklehrer Basilio und wohl auch noch andere testosteron-übersäuerten Gestalten im damaligen Sevilla wild auf diese Bürgerstochter Rosina sind. Daraus könnte man eine witzige, freche, auch gesellschaftskritische Inszenierung machen. Aber in der Version von Martin G. Berger als Regisseur verkommt der „Barbier von Sevilla“ zum reinen Klamauk. Ein einziges, unerträgliches Kasperletheater. Sind wir nicht im Opernhaus? Oder doch im Varieté-Theater? Nciht genug damit, dass Doktor Bartolo einen extra dicken Bauch und gestreifte Hosen wie ein Clown und eine derart lächerlich hohe Perücke trägt. Auch Figaro ist äußerlich ein einziger Clown, grell geschminkt dazu, nur zu ihm paßt die Maskerade wirklich. Nur der Musiklehrer sieht ’normal‘ aus. An diesem Abend war die Besetzung anders, im 2. Teil mußte sich Sunnyboy Dladla als Graf Almaviva vom Orchestergraben stimmlich durch einen Ersatzsänger unterstützen lassen. Nur für den selbstherrlichen Graf Almaviva ist die Kleiderwahl gelungen – bis er sich, weil er inkognito ins Haus von Doktor Bartolo eindringen will, verkleiden muß. Ein Clown = der Barbier reicht nicht, auch der Graf bekommt nun einen roten Umhang mit grüner Mütze, damit er der 2. Clown ist. Fassungslos sieht man zu, wie alles immer bunter, schriller und ordinärer wird – ohne dass es auch nur irgendeinen Mehrwert für die Oper hätte. Ach so, wir haben ja Karneval, habe ich vergessen.

Es ist schon richtig, dass in der Inszenierung nichts versteckt oder verheimlicht wird. Graf Almaviva steckt dem Bartolo – kaum zu erkennen: Morgan Moody – eine dunkelbraune Schwimmnudel zwischen die Beine, ganz klar, dass dieser damit mit seinem sexuellen Verlangen nach Rosina entlarvt wird. Aber warum im Hintergrund unbedingt eine kurze Videosequenz mit Miss Peggy und Kermit dem Frosch als Sadomaso-Liebende gezeigt werden muß…völlig unnötig. Dann fällt man kontrolliert eine Wand um, eine Mitarbeiterin der Technik muss mehrere Male ein komisches braunes faltiges Plüschtier über die Bühne kriechen lassen. Die Krallen lassen vermuten, dass er der sinnbildliche Maulwurf ist, der bei den Menschen herumspioniert, dann taucht dieses abscheuliche Wesen – also das Plüschtier, nicht die Mitarbeiterin – immer dann auf, wenn der Intrigant und Lügner von Musiklehrer Basilio in Aktion ist. Oder ist es ein Bandwurm, der sich wie der von Basilio besungene Rufmord immer weiterverbreitet und Unheil stiftet? Diese Figur des Basilio ist eine sehr wunderliche: statt Notenpult und Klavier hat er Apparaturen und Gestänge vor sich stehen, es raucht und knallt und blitzt wie im Klischee-Chemie- und Physik-Labor. Offensichtlich hatte Martin G. Berger seinen Chemie- und Physikunterricht in der Schule recht gern. Die immer anwesende Feuerwehr im Publikum will schließlich auch unterhalten werden. Wäre doch langweilig, wenn man immer nur Eingänge und das Vorhandensein von Feuerlöschern kontrollieren müßte! Die Bühnentechnik, die sonst immer nur leise im Hintergrund agiert, damit alles auf der Bühne funktioniert, war mehrere Male aktiv zu sehen. Hatte wohl mal Lust, offen zu zeigen, was sie kann, die armen grauen, äh schwarzen Mäuse. Und nicht zu vergessen die „plötzlich“ umfallende Wand. Da hat es geknallt. Dazu Stroboskop-Licht, wechselnde Bühnenbilder… Wow. Und weil Graf Almaviva vom Soldaten dann zu einem Musikstudenten werden muss, klaut er einfach dem Dirigenten seinen Frack. Super Idee. Und sowas von glaubwürdig. Ah, Dirigent Christoph JK Müller trägt Hosenträger. DAS wollte ich als Zuschauerin unbedingt wissen.

Musikalisch war die Inszenierung in Ordnung, wenn auch nicht ganz überzeugend. Sänger und Sängerinnen waren nicht immer auf gleicher Höhe mit den Philharmonikern, die Marionettenschnüre schienen vor allem Aytaj Shikhalizada als Rosina öfter die Luft zu nehmen. Bei all dem bunten Gewusel, das weder Sinn noch Ziel hat, kann einer oder einem schon mal die Luft wegbleiben und man kann die Orientierung verlieren.

Und pardon, bei aller Sympathie für die Person, aber einen Erzähler braucht es in dieser Oper nicht. Ich muß mir nicht sagen lassen, was jetzt passiert. Wollte das Theater nicht Programmhefte verkaufen? Oder sind das dieses Mal nur Attrappen, mit weißen leeren Blättern drin? Bei aller Sympathie, die man für Hannes Brock als Erzähler und Puppenspieler (hatte er sich nicht vom Theater verabschiedet gehabt in der letzte Spielzeit? Als Opernsänger kann man wohl nie Schluß machen, bis man von der „Weltbühne“ abtreten muß und die Stadt Dortmund ihm ein Staatsbegräbnis geben wird – ich werde dafür breitwillig Straßensperrungen in Kauf nehmen) haben kann : bei allem Witz, der in seiner Schilderung der Geschichte durchaus vorhanden war, fühlte sich die Autorin oft nur genervt. Die Erzählung wirkte aufgesetzt und unnötig. Und das Ende ist sowas von überraschend. Auch ein noch so toller Hannes Brock kann aber diese Inszenierung nicht retten.

Das erste Mal innerhalb von 3 Jahren, in denen die Autorin nun schon regelmäßig das Opernhaus Dortmund besucht, hatte sie in der Pause den Gedanken, doch nach Hause zu gehen. Ratlos bleibt man vor lauter schrillen Farben und ständig wechselnden Bewegungen der Figuren zurück. Es kracht, faucht und maunzt auf der Bühne, aber es passiert – nichts. Langweilig war diese Inszenierung, weil völlig überladen. Eine ohnehin schon dürftige Geschichte wird nicht besser, wenn noch mal drei Wände umfallen, noch mal eine Wand mit klischeehafter Rosa-Blumen-Tapete aufgefahren wird oder es noch mal mit einem Feuerchen im Musikzimmer von Basilio kracht. Man möchte gar nicht daran denken, was das alles gekostet hat; der Ersatz für die durchgeschnittenen Marionettenseile noch gar nicht eingerechnet. Die Opernsängerinnen und die Opernsänger hatten dagegen meistens ihren Spaß. Hätte mir auch gefallen, ungestraft und vor den Augen vieler Leute, die am Ende sogar mit standing ovations applaudierten, Schabernack zu machen. So wie Andreas Beck, ein Mitglied im Schauspielensemble einmal im RN-Interview sinngemäß sagte: „ich mag meinen Beruf. Ich kann lachen, morden, betrügen, schlecht über jemand reden, lügen auf der Bühne – und werde dafür nicht bestraft.“ Wohl wahr. Wenn dabei aber das eigentliche Stück, das an diesem Abend aufgeführt werden soll, nicht mehr zur Geltung kommt, wenn der Sinn und Mehrwert für das Stück nicht vorhanden sind, dann war die Inszenierung schlecht und diente nicht mehr der Kunst. In der aktuellen Version von Martin G. Berger ist genau dies vortrefflich gelungen: schlechtes, weil überfrachtetes Theater.

Fast hätte die Autorin ihren Slapstick-Beitrag zur Inszenierung geliefert, weil sie im Matsch und Schnee des Vorplatzes fast mit dem Rad gestürzt wäre. Nur schauen mir da wenige Leute zu und lustig ist es auch nicht, vom Fahrrad zu stürzen, weil nicht ordentlich geräumt ist. Gilt auch für viele öffentlichen Straßen und Wege.

Der Barbier von Sevilla, Oper von Gioachino Rossini, Opernhaus Dortmund. Weitere Termine: https://www.theaterdo.de/detail/event/matinee-zu-die-kroenung-der-poppea/?not=1&cHash=294e938696c9c74af3344c3bab10ed54&sword_list[]=barbier&sword_list[]=von&sword_list[]=sevilla&no_cache=1

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Aber bitte mit Ü! Wenn da nicht die (Aus-)sprache wäre.

Kommentar zur Vorlesung und zum Konzert der Reihe Bild und Klang:

Oratorio de Noel von Camille Saint-Saens

(Ur-)Aufführung der ersten wissenschaftlich-kritischen Ausgabe

am Dienstag, den 11. Dezember 2018 um 19.30 Uhr,

evangelische Stadtkirche St. Reinoldi, Dortmund

Zunächst ein Lob an die Musikerinnen und Musiker. Sie haben einen guten Job gemacht, als Besucher-/in hat man der Musik gerne zugehört, während draußen vor der Kirchentür Klampfenmusik gepaart mit geistlosem Liedgut zum Weihnachtsmarkt geboten wurde. Nur schnell rein in die Reinoldikirche, um dem Grauen zu entkommen! Es war spannend, Hintergründe zu einem bereits bekannten Werk zu erfahren: dass es verschiedene Fassungen gab, warum Camille Saint-Saens dieses „Oratorio de Noel“, das zuerst nur einen lateinischen Titel hatte, geschrieben hat. Alles schön, die nicht immer sauber getroffenen hohen Töne verzeiht man als Zuhörerin, denn hier sind Lehramtsstudierende am Werk, keine angehenden Opernsängerinnen und -sänger. Der Zauber und die Schönheit dieses Stücks kam beim Publikum an, die musikwissenschaftlichen Informationen vorher sorgten neben der sorgsamen Interpretation der Musik dafür, dass nichts in den Kitsch abgleitet; denn Kitsch-Potential hat dieses Weihnachtsoratorium, das wußte der Komponist und Intellektuelle Camille Saint-Saens selbst auch.

Wenn da nur nicht die Sprache wäre.

Und nein, es ist kein französischer, sondern ein lateinischer Text, der da gesungen werden soll. Während des ganzen Abends wurde man den Eindruck nicht los, dass sich manche-/r von ihrer oder seiner besonders intellektuellen Seite zeigen will. Dabei sind muttersprachlich-bedingte Aussprachen doch völlig normal. Warum sollte man jemand, die oder der ein deutschsprachiges Werk singt dauernd verbessern, wenn sie oder er bei manchem Wort es einfach nicht schafft, richtig auszusprechen? Richtige Töne und Klang sind dabei wirklich wichtiger als die ganz korrekte Aussprache.

Verehrte Musikwissenschaft. Bei aller berechtigten Wissenschaftlichkeit: es ist affig, ein „Alleluja“ als „Allelüja“ zu singen. Es klingt künstlich, angestrengt wichtig und angestrengt richtig. So als ob man mit aller Gewalt und unbedingt ein fremdsprachiges Wort „richtig“, also der Landessprache gemäß aussprechen wollte, obwohl man es nicht wirklich kann. Dafür sind die Sprachen auf der Welt eben zu verschieden, als dass man als Nicht-Muttersprachler-/in manches Wort wirklich richtig aussprechen könnte. Es ist auch gar nicht schlimm, wenn z. B. jemand deutsche Wörter wie „Hähnchen“ nicht wirklich aussprechen kann; das gilt auch für den Bereich der Wissenschaft. Denn auch die Wissenschaft wird von Menschen gemacht, nicht von Göttern. Leider kann man auch nicht in die Zeit zurückreisen, Monsieur Saint-Saens (dessen Namen jetzt aufgrund der deutschen Tastatur auch nicht wirklich richtig geschrieben werden kann) hätte mich wohl mit einem abfälligen, blasierten Blick bedacht – ach nein, ich bin ja eine Frau, und die hatten damals nichts zu sagen, nicht in der Kirche zu singen, sondern nur „gut“ auszusehen (was man damals als „gutes Aussehen“ definiert hatte). Ich hätte mich vorher in einen Mann verwandeln müssen (juhuu, endlich mal Krawatten tragen). Diese bösen Musikkritiker machen einem auch (fast) jedes Konzert zunichte!

Verehrte Musikwissenschaft. Pardon, aber „Sanctüs“ zu hören, das nervt. Das schmerzt. Es tut mir in den Ohren weh und stört den Kunstgenuss ebenso wie das andachtsvolle, gespannte, aufmerksame Zuhören. Bei fast jedem „ü“ bin ich zusammengezuckt. Und warum dieses künstlich ausgesprochene „gentes“ beim Choral „Quare fremuerunt gentes“ („Warum toben die Heiden“)? Dieses lateinische „gentes“ hat nichts, aber auch gar nichts mit dem französischen Wort „gentil“ zu tun! Mag sein, dass die französischen Sängerinnen und Sänger das so singen, dass le Grand Compositeur das auch so wollte…aber bitte, bei aller Wissenschaftlichkeit: der Musik und den nicht-französischen Sänger-/innen die Freiheit lassen, es nicht so gekünstelt auszusprechen! Musik ist nicht nur Wissenschaft, sie ist auch Kunst, die muß frei sein, Kunst darf und soll auch Ausdruck von Gefühlen sein! Und bei allem Respekt vor dem Komponisten und Ihnen, der Musikwissenschaft:

Künstlerischen Mehrwert hatte dieser Aussprachen-Purismus nicht, wenn er auch wissenschaftlich gesehen richtig sein mag, genauso wenig, als wenn ein-/e zeitgenössische-/r Komponist-/in verlangt, dass man mit dem Bogen über ein Seil streicht. Die Vorlesung hatte schon stattgefunden, nun war die Musik dran. Würde man in Frankreich, Belgien oder einem anderen französischsprachigen Land dieses Musikstück hören, wäre die Aussprache „Sanctüs“ nachvollziehbar und wenig überraschend. Aber hier in Deutschland wirkt es gekünstelt, statt authentisch.

Doch machen wir ruhig weiter mit dem Aussprachen-Purismus. Der nächste Besuch aus Dortmunds Partnerstädten kommt bestimmt. Wenn da mal ein „Dortmünd“ zu hören ist, dann setzt es was. Das geht gar nicht, denn ein „u“ ist ein „u“ im Deutschen, damit das klar ist. Sofort den Falschsprecher oder die Falschsprecherin verbessern!

Oratorio de Noel“, ist ein bemerkenswertes Werk, zu dem heute abend interessante und spannende Hintergrundinformationen genannt wurden. Als eines der wenigen größeren Werke zur Weihnachtsmusik ist es das einzige, was neben dem umfangreichen, fast übermächtigen Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach steht. Bemerkenswert, dass hierzulande das Werk eines protestantischen Komponisten oftmals bekannter ist und öfter aufgeführt wird als das eines katholischen. Auch wer Camille Saint-Saiens` geistliches Werk schon kannte, hatte an diesem Abend Neues darüber erfahren können. Schade nur, dass die Musik so sehr vom Aussprachen-Purismus gestört wurde. Da hat man es natürlich leichter, wenn man einen hölzernen Hohlkörper zwischen Schulter und Kinn geklemmt hat oder die eigenen kräftigen Finger auf Stahlsaiten wandern läßt. Aus der Musik-Text-Zwickmühle ist man als Instrumentalmusiker-/in fein raus. Ach wie schön kann das sein. Je nachdem, auf welche Fassung man sich einigt, sind geschriebene Noten eben Noten, sie werden überall auf der Welt gleich ausgesprochen. Über Dynamik, über Interpretation kann man verhandeln, über Tonhöhen von geschriebenen Noten aber nicht.

(P.S. Wer jetzt Groll auf Musikkritiker-/innen hat, der oder dem empfehle ich Georg Kreislers „Musikkritiker.“ Schenkt mir aber beim nächsten Konzert bitte weder Platten noch Krawatten. Plattenspieler habe ich – leider – keinen mehr und Krawatten sind dann doch so umständlich zu tragen wie Highheels. Mit den einen tritt man ungeplant auf das andere drauf).

Keine Sonne mehr in Sunset Boulevard 10086

„…ich gab der Welt Träume aus Licht.“ (Norma Desmond)

Faszinierend muß es gewesen sein, damals, zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein „Lichtspielhaus“ zu besuchen. Das „Kino“ war noch jung, die Bilder noch wackelig und stumm, dazu hörte man immer Musik vom Klavier oder Salonorchester. Der Stummfilm verlangte nach expressiven Gesten und ausdrucksstarken Gesichtern. Sprache spielte keinerlei Rolle.

Das Licht: essenziell für das Kino, essenziell für das Leben. Hollywood als Ort, an dem die Sonne immer scheint, die Sterne immer glitzern. Aber Norma Desmond, der rund 50jährige Stummfilmstar hat den Anschluß an das neue Medium „Tonfilm“ verpaßt. Mit einem Gesichtsausdruck könne sie alles sagen! Sie sei immer noch groß, die Bilder seien es, die klein geworden seien! Aber niemand will sie mehr engagieren. Umgeben von Erinnerungen an ihre Erfolge lebt sie in ihrer Villa am Sunset Boulevard 10086. Das Licht ist trüb geworden, der Sonnenschein der Dämmerung gewichen.Und doch,  sie hofft, daß ihr Stern wieder aufgehen möge, daß sie wieder auftreten kann: im Film, für den sie lebt. Das Theater Dortmund bringt „Sunset Boulevard 10086“ mit Pia Douwes in der Hauptrolle auf die Bühne.

Es ist zu begrüßen, daß sich das Theater für die „symphonic version“, bei der die Keyboard-Samples ausnotiert sind, entschieden hat. Die Swing-Musik macht Spaß, fast möchte man aufstehen und mitanzen, wenn das gesamte Filmset „Movie´s a Circus“ singt. Schön wäre es gewesen, wenn die Sänger und Sängerinnen noch mehr getanzt hätten; die Musik verlangt sehr danach. Die Bühne ist schnell und unkompliziert von einem gedachten Swimmingpool auf Normas Anwesen zu einer Bar umzuwandeln.

Beim Silvester-Tango im Hause von Norma Desmond ist ein Akkordeon, eine Geige und eine Gitarre zu hören – die Zuschauerin sieht aber keine Gitarre, das wirkt verwirrend. Störend ist  die Stimmverstärkung: vor allem der Gesant von Norma Desmond kommt nur als laut und als gleichtönig rüber, Störgeräusche nicht ausgeschlossen. Schon bei „Next to Normal“ ist diese fehlerhafte Technik (weil die Musicaldarsteller mit Mikrophon singen) negativ aufgefallen ( https://fahrrad3gruen.wordpress.com/?s=next+to+normal ). Etwas weniger Vibrato hätte der Textverständlichkeit auch gedient, denn das alles vermindert den Musikgenuß. Schauspielerisch ist Pia Douwes jedoch sehr glaubwürdig; sie ist Norma Desmond, in all ihrer ehemaligen Größe, Enttäuschung, Verzweiflung und Einsamkeit.

Gesanglich überzeugt haben dagegen die Sänger-/innen der Nebenrollen: Hannes Brock als Butler und Ex-Mann Max, dessen wohlklingender Stimme man gern zuhört. Morgan Moody als Mr. Obercool hat mit der Rolle des Artie Green seine Paraderolle, es macht großen Spaß, ihm dabei zuzusehen. Den erfolglosen Schriftsteller Joe Gillis (Oliver Arno) versteht man meistens, leider wird im Chor mit Orchesterbegleitung auf Dauer ein immer unverständlicher lauter Klangteppich. Schade um die schöne Musik…  Wietske van Tongeren als Betty Schaefer ist witzig, nicht zu rührselig, obwohl sie in genau derselben schwierigen Situation wie viele andere in Hollywood ist. Herrlich, weil nicht rührselig ist das Liebesduett zwischen Betty und Joe. Da merkt man:  die beiden gehören zusammen! Jeder junge Mensch will dort sein Glück versuchen, reich und berühmt werden. Man  spricht immer wieder vor oder wird doch nicht zum Regisseur vorgelassen, das Drehbuch von vornherein abgelehnt. Es weht ein kalter Wind im sonnig warmen Hollywood am Sunset Boulevard.

Die Bühne wird nahtlos und fast ständig umgewandelt: mal als Villa von Norma Desmond, dann als Filmset, dann als Straße, auf der Joe seinen Gläubigern entkommen muß. Der Wandel erfolgt ohne daß die Zuschauerin irritiert sein müßte. Die Verfolgungsjagd, ein großer Spaß für die Zuschauerin, gerät leider wegen ein paar Schwächen aber zu einem unglaubwürdigen Ereignis: da muß Joe die Stoßstange halten, um im Auto zu sitzen, die Theater-Mitarbeiter, die den Rauch als stilisierte Autoabgase verbreiten, sind für die Zuschauerin sichtbar. Besser gelungen, wenn auch weniger rasant ist die Verfolgungsjagd in „Jonny spielt auf“ am Theater Hagen ( https://fahrrad3gruen.wordpress.com/2016/03/10/zum-bahnhof-zum-bahnhof/ ).

Paradox ist, wie alt der Regisseur Cecil B. DeMille ist. Weißhaarig und am Stock laufend kommt er ans Set, während junge Menschen um ihn herum wirbeln. Irgendein Historienschinken wird gedreht, Frauen in leichten goldenen Gewändern mit Sternenkranz am Kopf und Männer in pseudo-römischen Uniformen laufen herum. Bei aller Strenge Hollywoods wirkt die Traumfabrik mit diesen Figuren recht lächerlich.Aber solange der „Goldglanz im Altenheim“ (Zitat der SZ anläßlich einer Oscar-Verleihung) an der Macht ist, wird sich an dem Erfolgsdruck, der Arroganz von Produzenten, der Macht des Geldes und dem Egoismus einzelner nichts ändern.

Interessant ist die Personenkonstellation: Dieses Mal liebt eine alte Dackelin einen Jungspund. Großer Aufschrei. Eine Kombination, die gesellschaftlich nicht anerkannt ist. Dagegen soll es „normal“ sein, daß ein alter Mann (also 10 oder gar 20 Jahre älter als die Frau) eine viel jüngere Frau zur Partnerin hat. Es ist Zufall und auch Geldnot und Existenznot, die den erfolglosen Schriftsteller Joe Gillis in die Villa des ehemaligen Stummfilmstars treibt. Sie hat die Kohle, er lernt den Luxus kennen und genießen, auch wenn „die Alte“ natürlich nervt. Es wirkt lächerlich, wenn Joe in bester „Bodyguard“-Manier Norma die Treppe hinaufträgt. Diese Paarbindung kann nicht lang gut gehen… Dass das „Liebe“ zwischen Menschen sein soll, deren Altersunterschied so groß ist, ist sehr unwahrscheinlich wenn nicht sogar unmöglich. Eine(r) von beiden wird immer ausgenutzt, sei es emotional oder finanziell. Joe sagt am Ende einen wahren Satz: „Es ist keine Schande, 50 zu sein. Aber es ist bescheuert, dann auf 20 zu machen.“ Leider regiert aber der Jugendwahn, der aus Norma Desmond eine verzweifelte Frau macht, die nicht zu ihrem Alter stehen kann (und will), weil das, wofür sie gelebt hat, sie nicht mehr will: der Film in Hollywood.

Musical kann Spaß machen, erst recht, wenn die Musik Spaß macht. Swing und swingartige Musik macht großen Spaß, macht Laune, selbst zu tanzen. Die Standing Ovations am Ende des 1. Akts und zum Schluß sind jedoch aufgrund der technischen Schwächen und schlechten Textverständlichkeit nicht nachzuvollziehen. Schade eigentlich.

Sunset Boulevard, Musical von Andrew Lloyd Webber nach einem Film von Billy Wilder (1950) am Theater Dortmund.

 

Weitere Aufführungen:

https://www.theaterdo.de/detail/event/1238/?not=1&cHash=8f9b5dce97f0bdeab0629eb932843d6b&sword_list%5B%5D=Boulevard&no_cache=1

Der „Rosenkavalier“ am Opernhaus Dortmund

Ich habe lange überlegt, ob ich mir das antun soll: 4 Stunden Musik von Richard Strauß. Auf 3sat hatte ich schon einmal die halbe Oper „Der Rosenkavalier“ gesehen, in der Pause abgeschalten, weil ich die Musik nicht mehr ausgehalten habe.

Jetzt nach einigen Jahren höre ich Musik anders. Und nehme auch den Inhalt anders wahr.

Wohl hatten viele keine Lust, sich aus dem schönen Sonnenschein hinein ins dunkle, im Foyer mit künstlichem Licht beleuchtete Opernhaus zu begeben. Das Parkett war halbleer, auf den Logen und auf der Empore waren auch kaum Zuschauer-/innen. 18 Uhr Freitag ist wohl für einige eine ungünstige Zeit. Und ja, 19.30 Uhr ist eher die passende Zeit für den Beginn einer Oper. Doch Richard Strauß hat für den „Rosenkavalier“ 4 Stunden Musik komponiert, daher mußte die Vorstellung schon um 18 Uhr anfangen.

Zum Inhalt: Die Feldmarschallin, Therese von irgendwas (phantasisch: Emily Newton)  (natürlich ist man vom Hochadel) ist unglücklich verheiratet wie soviele Frauen im 18. Jahrhundert. „Der Rosenkavalier“ wurde 1908/09 geschrieben, spielt aber in der Zeit der österreichischen Kaiserin Maria Theresia. Als Adlige hat sie aber die Möglichkeit, ungestraft sich einen Liebhaber zu nehmen: den jungen Grafen Octavian (frech und einfallsreich gegen den brutalen Verwandten von Ochs: Ileana Mateescu). Gleich zu Beginn sieht man die beiden sich im Bett vergnügen, leider ist die Frau beim Sex wieder unten, bevor sie ihm, die wesentlich ältere Frau, die Richtung weist. Die Geschlechterrollen sind im 18. Jahrhundert noch ganz klar verteilt. Eine Frau hat sich immer unterzuordnen. Wobei man es als adlige Frau noch ein großes Stück leichter hat. Selbst wenn man beim Sex mit dem Liebhaber ungewollt ein Kind gezeugt hat, muß das nicht zum Skandal werden – das Kind wird eben ins Kloster gesteckt. Die Feldmarschallin wird aber so um die 50 Jahre alt sein, weshalb der Sex mit Octavian keine Folgen haben wird.

Als sich Besuch ankündigt, muß sich Octavian im Schlafzimmer der Feldmarschallin schnell verstecken. Zuerst vermutet sie  die Rückkunft ihres Mannes, der irgendwo im Kaiserreich Bären und Luchse jagt (Artenschutz gab es damals noch nicht). Doch der ungewollte Ehemann, von dem Therese so enttäuscht ist, taucht nie in der Handlung des „Rosenkavalier“ auf.

Der Vetter der Feldmarschallin, der grobschlächtige Baron von Ochs  auf Lerchenau tritt auf. Großer Name und Landadel, aber kein Geld hat er und vor allem: keine Manieren. Er begrapscht und verfolgt die angebliche Kammerdienerin Mariandl (die niemand anderer ist als Ochtavian in Frauenkleidern). Das ist schön komödiantisch, der Witz wird aber durch die rohe sexuelle Gewalt des Baron von Ochs getrübt. Er braucht von seiner Cousine eine Empfehlung für einen „Rosenkavalier“, einen Adligen, der seiner zukünftigen Ehefrau eine silberne Rose überbringt mit der Frage, ob sie mit der Heirat einverstanden sei (Hugo von Hoffmannsthal hat sich diesen „Brauch“ ausgedacht, den gab es nicht wirklich).

Octavian wird als junger Adliger die Rose der Sophie (Ashley Thouret) überbringen – und wie es die lebenserfahrene, selbstreflektierende Feldmarschallin vorausgesagt hat („Du wirst eine jüngere Frau statt meiner nehmen“) verliebt sich Octavian in Sophie. Diese Liebe scheint zunächst aussichtslos: denn Baron von Ochs stürmt mit seiner besoffenen Bande ins Haus der von Faninal und pöbeln herum, was das Zeug hält. Während von Ochs sich an die entsetzte und enttäuschte Sophie versucht ranzumachen, wird in kürzester Zeit das Hauspersonal von Sophies Vater  von Fannial terrorisiert, auch gern mal die Einrichtung verwüstet. Das Schlimme dabei ist zum einen die Zügellosigkeit und Grobhheit derer „auf Lerchenau“, für die Frauen auch nur Dinge sind, die man nach Belieben benutzen kann  – zum anderen auch, dass der Vater von Sophie das ganze Spiel mitspielt, anstatt den Mißhandler seiner Tochter vor die Tür zu weisen.

Das ist eindeutig keine Komödie mehr. Das ist Gesellschaftskritik.

Und wer jetzt sagt, dass dies doch nicht so ernst zu nehmen sei, weil die Oper „Der Rosenkavalier“ von Richard Strauß im 18. Jahrhundert spielt, hat übersehen, dass es derartige Menschentypen bis heute gibt.Auch wenn sie nicht immer gleich so grob und platt auftreten wie der Baron von Ochs auf Lerchenau.  Sexuelle Gewalt nimmt leider kein Ende, auch wenn das Bewußtsein dafür heute viel größer geworden ist und es Strafgesetze gibt (die aber längst nicht weit genug gehen!). Und dazu das patriarchalische Denken, das Frauen als Ware statt als Menschen deklariert, die keine Rechte haben.

Die Umwelt dieses Barons, der Essen, Trinken und Sex als einzigen Lebensinhalt hat, ist auch ratlos, wie sie ihn loswerden kann… denn er ist  beratungsresistent. Selbst wenn er sich blamiert: es kümmert ihn nicht. Gesellschaftliche Regeln und Konventionen gelten für ihn nicht. Das läßt die Kinnlade erstaunt und entsetzt heruntersinken. Sagt mal, hat der noch alle??? WIE WEHRT MAN SICH GEGEN SOLCHE PERSONEN??? Als Zuschauerin hätte man große Lust, den von Ochs einfach zu erschießen. Blöd nur, dass die Oper dann urplötzlich zu Ende wäre.

Da hilft nur eins: ein erfolgreiches Strafverfahren mit jahrelanger Haft oder:

EINE LIST.

Und die gelingt, auch mit Hilfe der schmierigen Skandaljournalisten hervorragend. Die beiden und Octavian und die Feldmarschallin schaffen es, den scheinbar gegen alle Kritik immun befindlichen Baron von Ochs dermaßen zu blamieren, dass er sich trollen muß. Der Dummkopf von Sophies Vater ist nun auch aufgewacht und will keine Verheiratung mit diesem Holzklotz mehr. So ein Dummkopf. Hatte auch nur das eigene Ansehen statt das Wohl seiner Tochter im Kopf! Pfui!

Sicher geht es im „Rosenkavalier“ auch noch um was anderes: um die Zeit. Die Feldmarschallin weiß, dass ihre Liebesbeziehung zu Octavian nicht ewig sein kann. Die „Zeit läuft ihr davon“, die als schön bezeichnete Zeit hatte sie mit ihrem Ehemann nicht, weil sich dieser nicht für sie interessiert. Und jetzt läuft ihr die Zeit mit Octavian davon, sie weiß, dass sie wieder allein sein wird, weil der junge Graf eine andere heiraten wird. Ach könnte man die Zeit in schönen Augenblicken doch anhalten und der Arroganz der Zeit Einhalt gebieten.

 

Ein Studienkollege meinte, dass die Musik des „Rosenkavaliers“ so schön wäre, dass man dazu nur noch träumend in der mit warmen Wasser gefüllten Badewanne liegen möge. Das Schlußduett von Sophie und Octavian lädt durchaus dazu ein. Zurück bleibt trotz aller Komödie und Liebelei dennoch ein fader, bitter Nachgeschmack über das, was Männer Frauen antun können. Ein Freund, der Opern liebt meinte gar, er würde sich genau wegen dieser offenen Gewalt gegen Frauen diese Oper nicht ansehen wollen. Doch soll man nicht zeigen (dürfen), was „sich nicht gehört“ oder was die Gesellschaft nicht sehen will?

So abstoßend die Gewalt gegen Frauen auch ist: sie soll auf der Bühne gezeigt werden bis zu einem erträglichen Maß. Nur weil etwas nicht gezeigt wird heißt es nicht, dass es nicht existieren würde!  Denn der Inhalt sagt auch viel über die Gesellschaft aus (in diesem Fall in der Hauptsache aber nicht nur über die des 18. Jh.), die es duldet, dass Frauen unglücklich in ihrer Ehe sind, nicht gefragt werden, wen sie heiraten wollen (dass sie heiraten wollen, wird ohnehin vorausgesetzt und ist eine finanzielle Notwendigkeit – in manchen Gegenden bis heute) und die jede Gewalt gegen Frauen ungestraft duldet. Hauptsache die Töchter machen „eine gute Partie“ und haben einen reichen Ehemann. Gefühle spielen dabei keine Rolle.

 

Ob Sophie und Octavian glücklich werden als Paar? Zumindest hat Octavian Manieren, wenn er auch so forsch und möglicherweise beim Sex noch unbeholfen und grob ist…. vielleicht hat er durch die Affäre mit der Marschallin auch schon ein Stück gelernt, wie man mit Frauen umgeht. Vielleicht wäre auch eine Feldmarschallin in ihrer verstecktesten Überzeugung lieber Single geblieben, weil die Männer die Frauen ohnehin nur ausnutzen? Das wäre im 18. Jahrhundert kaum möglich gewesen, als Frau unverheiratet zu bleiben.

 

Fazit: „Der Rosenkavalier“ am Theater Dortmund ist hörens- und sehenswert, aber man muß die sexuelle Gewalt, die auf der Bühne gezeigt wird (und u. a. auf großen Volksfesten wie dem Oktoberfest immer noch trauriger Alltag ist), aushalten können. Der großartigen Leistung der Sängerinnen und Sänger sowie den Dortmunder Philharmonikern und der abwechslungsreichen Inszenierung  ist es zu verdanken, dass die Oper im gesamten eine gelungene Sache geworden ist. Im Gegensatz zur Fernsehübertragung habe ich mich nicht gelangweilt, auch wenn manche Teile langwierig sind und ggf. eine Kürzung vertragen hätten.

 

Der Rosenkavalier, Oper von Richard Strauß am Opernhaus Dortmund

http://www.theaterdo.de/detail/event/16012/

nächste Vorstellung: 7. Mai 2016, 18 Uhr. Die sehr informative Einführung gibt es bereits um 17.15 Uhr im Foyer.

 

 

 

„Ich bin da! Ich bin IMMER da!“ – das „Musical „Next to normal“ am Theater Dortmund

Nichts ist so, wie man denkt. Das scheinbar intakte Familienleben ist getrübt wie eine nicht ganz saubere Fensterscheibe. Warum, das ist schon zu Beginn klar, der Inhalt des Stücks behandelt die Art und Weise des Umgangs mit dieser ‚Trübnis.‘

„Next to normal“, das „Rock-Musical von Tom Kitt und Brian Yorkey hat in seiner Heimat USA schon einige Preise einfahren können. Es mag wohl an der Ungewöhnlichkeit des Stoffs liegen, der da in ein „Musical“ gepackt wurde: keine seichten Schmalz-/Liebesgeschichten mit tragischem Ausgang, wenig Komik. Stattdessen: das Thema „bipolare Störung“, also eine Art der Depression, die eine der Hauptfiguren seit 16 Jahren plagen. Mutter Diana ist die psychisch Kranke und „Next to normal“ macht klar, wie das die Familie (ihr Mann Dan, ihre Tochter Natalie und später deren Freund Henry) verkraften muß.

Kann das funktionieren?

In Anbetracht der vielen Preise mag man denken: ja, ein Tabuthema in Musical zu packen, das funktioniert. Die Idee ist nicht schlecht, weil mit dieser Musikform ein schwieriges Thema, das  jede(n) betreffen kann, jenseits vom Ratgebergesülze an die Öffentlichkeit kommt. Die totale Begeisterung für „Next to normal“ teile ich aber nicht. Das Stück hat Längen, der Text ist meist schlecht verständlich.Oft läuft der Gesang Gefahr, ins Rührselige abzudriften; so kurz davor ist dann immer Schluß. Ha, grade noch die Kurve gekriegt!  Und es ist ’sehr amerikanisch.‘ Nur gut, dass das Ende weder gut noch schlecht ist – das sichert dem Stück dann doch eine gewisse Ernsthaftigkeit.

„Next to normal“, das ist nicht nur ein Stück über Depression und die Folgen für die Umwelt, es ist auch ein Stück über Leistungsdruck und Medikamentenmißbrauch. Darüber, wie irrsinnig es ist zu glauben, mit der Einnahme von Pillen alle Krankheiten, auch psychische, komplett beseitigen zu können. Weit gefehlt.  Bestenfalls in den Griff kann man Krankheiten bekommen. Doch in den USA (und auch in Europa) darf man das nicht so laut sagen, weil die scheinbar allmächtige Pharma-Lobby sonst die Theatermacher bedroht. Denn es geht weniger um das Wohl des/der Patient-/in, sondern ums Geld.  Und „Next to Normal ist  ein Stück über das Erwachsenwerden in einer schwierigen Familiensituation, die einen ankotzt, die einen als Tochter belastet, mit der das eigene Umfeld außerhalb der Familie (in diesem Fall: Schule) nicht umzugehen weiß und eine Situation für die man sich als Tochter  auch schämt, erst recht dem Schulkollegen Henry  gegenüber, der trotz allem seine freundlichen Avanchen startet.

Auf der Bühne sieht man eine Art Gerüst, das aussieht wie zwei offene Stockwerke des Hauses der Familie Goodman (welch ein Name. Er soll wohl die scheinbar heile Familie suggerieren: hier ist alles gut und in Ordnung). Die Sänger und Sängerinnen laufen über eine Treppe rauf und runter, unten steht ein Tisch, an dem zeitweise gegessen wird, ein Kühlschrank,  der Raum oben rechts dient auch mal als Klavierüberaum oder Schul-Aula für´s Klaviervorspiel. Auch mit sporadischer Bühnenausstattung ist die Zuschauerin immer im Bilde, was gerade gespielt wird.

Da der Originaltext in englisch gehalten ist drängt sich die Frage auf, was die Übersetzung ins Deutsche taugt. Dies kann hier nicht bewertet werden.

Der Ehemann Dan  (Rob Fowler) ist bereit, vieles, wenn nicht alles mögliche zu tun für seine kranke Frau Diana (Maya Hakvoort). Wenigstens hat Diana kapiert, dass sie Hilfe braucht (das ist bei Depressiven nicht immer der Fall). Die Odysee von Arzt zu Arzt (seltsam, dass hier von Anfang an nicht von „Psychologe“ oder nur „Therapeut“ gesprochen wird) zehrt an den Nerven. Schön lächerlich, wie Arzt Nr. 1 seiner Patientin minutiös sagt, welche Pillen sie mit welchen nehmen soll und welche nicht und wann. Auch wenn diese Medikamente nötig und richtig sind. Mediziner_innenkauderwelsch, das keine(r) braucht und keine(r) versteht. Richtig, die Ärzteschaft so zu karikieren, wenn sie nur auf naturwissenschaftlicher Ebene agieren, statt auch auf den Menschen einzugehen. Diana scheint „stabil“ zu sein mit den Medikamenten, für die Umwelt erträglicher. Aber sie ist wohl nicht mehr sie selbst, meint sie.  Eigenmächtig setzt sie dann plötzlich alle Pillen ab. Das belastet natürlich wieder die Familie mehr.

Möglicherweise ist das in den USA anders geregelt als in Deutschland. Hier gibt es Psychiater-/innen und Psycholog-/innen und Psychotherapeut-/innen. Letztere können auch Medizin studiert haben und verschreiben dann auch Medikamente. Zuerst ist aber immer die Psychologie ohne den Tablettenkram dran – sollte man meinen. Doch bei einer manischen Depression, wie sie die Figur Diana hat, hilft eine Psychotherapie, also Gespräche allein nicht, da muß auch eine Medikamentation sein.

Arzt oder Therapeut Nr. 2 im häßlichen dunkelbraun-grauen Anzug statt Arztkittel (wohl im Stile der 1930er Jahre etwa) ist da schon besser, weil nicht nur an Fakten und nüchterner Beurteilung des Krankheitszustandes interessiert.  Er dokumentiert nicht nur, als ob es sich um ein totes Tier handelt, das begutachtet und dann im Museum ausgestellt wird, er redet erst mal mit der Patientin Diana. Dan ihr Ehemann hat wieder Hoffnung, dass es besser wird mit der Depression (verschwinden wird diese niemals). Gleichzeitig werden auch überzogene Erwartungen an den Arzt deutlich: Zu einer Art Rockfanafare (die Band spielt hinter dem Haus-Gerüst auf der Bühne) kniet er plötzlich vor Diana und „betet sie an.“ Das müssen Dianas Gedanken sein, sie sieht die im Arzt die Lichtgestalt, den Befreier von all ihren Problemen. Später im Stück sagt sie mal „Sie sind kein Rockstar mehr für mich“ , was der Arzt nüchtern und mit einem Nicken kommentiert. Therapeuten und Ärzte sind keine Götter. Auch wenn es auf Patienten- und Arztseite immer noch solche Deppen gibt, die das denken.  Es wird nur kurzzeitig ‚besser‘ mit Diana. Was schockierend ist: es gibt immer noch die Elektroschock-Behandlung, wenn auch mit geringen Stromstößen. Das soll die schlechten Erinnerungen auslöschen. Allerdings wird in Dianas Gehirn mehr gelöscht bzw. das falsche gelöscht, was sie besser behalten hätte. Schön dumm und hilflos, wer solch eine Methode anwendet! Bei aller Verzweiflung, aber das ist abartig! Das ist Körperverletzung.

Wie groß muß die Ratlosigkeit von denen sein, die Depressionskranke behandeln, dass sie EKT anwenden. Als ob man im Dunkeln stochern würde, dass man das kranke Stück findet und rausholen kann. Nur so einfach ist es eben nicht.

Diana benimmt sich nach dieser Behandlung fast wie eine Demenzkranke, sie kann nicht mal mehr ihren Mann erkennen. Das ist schockierend, genau wie die Behandlungszene selbst. Mit Fotos sollen die wichtigen Erinnerungen wieder hergestellt werden. Na danke auch! Wieder so eine hilflose Geste des Arztes. Die Tochter Natalie wird zu Recht noch wütender, weil ihre Mutter sie nicht erkennt. Schon immer fühlt sie sich von ihrer Mutter vernachlässigt. „immer geht es nur um dich!“ wirft Natalie ihrer Mutter vor.

Eltern sind immer peinlich, vor allem wenn man selbst Teenager ist. Eine an manischer Depression erkrankte Mutter ist noch peinlicher, als Zuschauerin kann man durchaus Mitgefühl für die Figur der Tochter Natalie haben. So ist ihre Mutter bei einem Schwimmwettbewerb der Schule einfach ins Becken gesprungen, beim Klaviervorspiel nicht aufgetaucht, was die Tochter gekränkt hat. Die einzig beständige Figur in dem ganzen Drama ist ausgerechnet ihr Freund Henry, der sie nach dem verpatzten Vorspiel abholt (wie gut, Trost zu haben in dieser Situation!) Zwar ist es er, der Natalie das erste Mal einen Bong zeigt und Drogen inhaliert mit ihr, doch gleichzeitig macht er sie auch auf ihren eigenen Medikamentenmißbrauch aufmerksam. Der Leistungsdruck in der Schule muß enorm sein, wenn Natalie nachts noch das so grausige RedBull trinken muß, um Hausaufgaben zu machen. Da will man doch auch mal feiern gehen! Kurzerhand wurde der Medikamentenschrank der Eltern, v.a. der der Mutter eben geplündert, um die Nächte durchfeiern zu können. Henry ist es, der die am Ende völlig kaputte Natalie aus mehreren Clubs rausholt. Oh Mädel… du kannst einem leid tun und irgendwie versteht man dich auch….

 

„Ich bin da, ich bin immer da!“

Klingt schön der Satz, nicht? So verläßlich, so vertrauenserweckend. Man muß keine Angst vorm Alleinsein haben (das hat Dan, der Ehemann von Diana, wie er einmal bekennt, er hängt trotz aller Schwierigkeiten an seiner Frau Diana). Beim Konzert des Unichores gab es einen Popsong „I´ll be there.“ Die Aussage dieses Satzes ist aber zweideutig. Und die zweite Bedeutung ist eine negative. Die negative Bedeutung heißt: es werden Besitzansprüche angemeldet („du gehörst zu mir und hast hier bei mir zu bleiben“),  man will nicht loslassen. Das Gefühl des Geborgenseins weicht dem Gefühl des Bedrückt-/Erdrücktseins durch den oder die, die man eigentlich liebt.

Sehr bald wird in „Next to normal“ klar, warum Diana so depressiv ist: sie hat den frühen Tod des Sohnes nicht überwunden. Bald wird auch ungefähr klar, warum der 8 Monate alte Säugling sterben mußte – aber man erfährt erst gegen Ende des Stücks seinen Namen. Der tote Sohn ist jedoch ständig präsent. Als vielleicht 16jähriger Teenager schwirrt er in der Wohnung herum, streitet sich mit seiner Mutter, ob er heute ausgehen darf (Teenie-Probleme eben, ganz normal), penetrant und fast schon unerträglich tanzt und singt er an mehreren Stellen laut „ich bin da, ich bin immer da!“ Diana schafft es  nicht, ihn loszulassen. Unverarbeitete Trauer. Allerdings: warum macht Dan, dem Vater der Verlust des Sohnes -scheinbar – nichts mehr aus? Warum ist gerade die Mutter Diana so fertig? Diese Fragen bleiben leider unbeantwortet. Natalie bleibt außen vor, sie hatte gar keine Möglichkeit gehabt, ihren Bruder kennenzulernen.

Keine Frage, es ist gruselig, was Diana , die an der „bipolaren Störung“ leidet,  tut. Hochstimmung und Überdreht-Sein wechselt mit Niedergeschlagenheit. Da wird ein Geburtstagskuchen mit vielen Kerzen serviert, der für den -eigentlich toten – Sohn ist. Noch peinlicher ist dies, weil Henry mit am Tisch sitzt, der dies aber offensichtlich mit Gelassenheit quittiert  (die Berufsfeuerwehr hatte bestimmt ihren „Spaß“, so oft wie in diesem Stück offenes Feuer auf der Bühne ist). Eine euphorische Stimmung mit höchster Aktivität folgt völliger Niedergeschlagenheit , wenn Diana nur noch auf dem Sofa sitzt. Das Problem für die Angehörigen ist ähnlich dem bei Demenzkranken: man weiß, dass sie „nicht schuld“ sind, man will ihnen helfen – und gleichzeitig schwindet mit jedem Tag die eigene Kraft, die Krankheit der/des anderen auszuhalten.

Wer als Zuschauerin jemanden kennt, die oder der ähnliche Symptome, also Verhaltensweisen wie die Figur Diana Goodman hat wird jedoch weniger geschockt das Opernhaus verlassen. Bei allem gebotenen Mitgefühl oder Verständnis muß man sich auch selbst schützen, sonst geht man zusammen mit der kranken Person kaputt.

Das Ende bleibt offen – was der Authentizität und Ernsthaftigkeit des Stückes gut tut. Natalie hat sich wohl gegen ihren Verstand durchgerungen und „ja“ zu Henry gesagt. Er verspricht ihr, dass er für sie da sein wird (wie lange wird er die Situation aushalten?)Dennoch, irgendwie süß die beiden…. Man wünscht Ihnen sehr, dass sie beide nicht in die Situation von Natalies Eltern geraten mögen und ihre Beziehung gelingt.

Der Leistung im Spiel und Gesang ist Achtung zu geben, ob man jedoch -wie es fast alle Zuschauer-/innen taten – am Ende standing ovations geben muß, bleibt fraglich. Schlechtes Textverständnis, teilweise Längen im Stück machen „Next to normal“ zu einem guten, aber nicht zu einem großartigen Musiktheater.

Seltsam, in der Pause sah man mehrere knutschende Pärchen. Das lag wohl daran, dass mehr junge Leute im Opernhaus waren. (Was nicht heißen soll, dass  ältere Menschen in der Öffentlichkeit nicht knutschen dürften). Das halbe Parkett war leer, auch die Empore und die Logen waren nicht voll besetzt. Nun, auch schön, so findet man schneller ein Garderobenfach und muß an der Toilette nicht so lange anstehen.

„Next to Normal“, Rock-Musical von Tom Kitt und Brian Yorkey

am Opernhaus Dortmund

Nächste Termine: 2./8./10./13./21./19. April und auch im Mail 2016

http://www.theaterdo.de/detail/event/16166/

 

 

Zum Bahnhof, zum Bahnhof!

 

Eher von der Uni weg, das war etwas Streß, um den RE4 Richtung Wuppertal und Aachen zu bekommen. Aber es hat sich sehr gelohnt, diese Mühe. Und so flott ist man vom Bahnhof in Hagen aus beim Theater, das erleichtert vieles. Die Fahrerei in Weimar oder nach Gera war wesentlich aufwendiger und mühsamer gewesen.

Der Hagener „Hauptbahnhof“ war doch größer, als ich ihn mir vorgestellt hatte. Ich hatte ein paar wenige Gleise und einen kleinen Bahnhof wie in Witten erwartet. Doch hier spannte sie ein weiter großer Bogen aus Stahlträgern mit Glas über ca. 15 Gleise (wieso nach Gleis 15 das Gleis 18 folgt, diese Logik können nur Bahnmenschen begreifen). Der Stadtplan im Schaukasten auf dem großen Vorplatz ist aussagekräftig, aber leider wieder „verkehrtherum.“ Links oder rechts, um dann zum Theater abzubiegen? Ich war unsicher. Ah, da fährt doch was auf einem Rad mit Kasten am Rücken. Das ist bestimmt ein Musiker! Ich hielt ebenfalls an der Ampel und sprach ihn an und – bingo! Er war einer der Orchestermusiker des Abends – ein Fagott steckte im Kasten. Juhuu! So fand ich sogar noch mit einem freundlichen Plausch und dazu auf komfortable Weise den Weg zum Theater Hagen.

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Auf den ersten Blick eher an ein Kino erinnernd: eine Teilansicht des Theater Hagen.

 

An diesem Abend im März 2016 stand JONNY SPIELT AUF von Ernst Krenek auf dem Spielplan.Sie wird oft auch als „Jazzoper“ bezeichnet, wobei kaum Jazz zu hören ist. „Jonny spielt auf“ ist eine „Zeitoper“, weil sie Alltagsgeschichten aus eben der Entstehungszeit des Werkes behandelt (Uraufführung am 10.Januar 1927). Hier geht es nicht um Mythen aus grauer Vorzeit wie bei „Rinaldo“ (Kritik zur Aufführung am Theater Dortmund: https://fahrrad3gruen.wordpress.com/2016/02/07/was-man-mit-aktenkoffern-so-alles-machen-kann/ ) oder Richard Wagners „Nibelungen“, sehr wohl aber um das neue und alte, was die Menschen bewegt. Da ist Max, der Komponist, der in einer Schaffenskrise steckt. Im Hotelzimmer sitzt er oft am Flügel, einige Notenhefte und Papier um sich und kommt nicht weiter mit der Arbeit. Eine Oper hatte er schon geschrieben, die ist auch gut gelaufen, aber wie es jetzt weitergeht, das macht ihn unsicher. (Möglich, dass es Krenek ähnlich ging).  Er macht das, was er immer macht, wenn er schlechte Laune hat: er geht auf den Gletscher, hinaus in die Natur, die das Hotel umgibt. Hier erhofft er sich neue Inspiration. Der „Gletscher“, das ist nicht nur eine weiße unebene Felswand, das sind auch Türme und Haufen von Büchern und Notenstapeln, auf die Max (und Anita) klettern.  Hier draußen ist Ruhe, Beständigkeit, das Alte, das schon war und sein wird… und auch Leben, so wie das Wasser  im Gletscher rauscht. Max begegnet der Opernsängerin Anita, die sich verlaufen hat und im Gletscher nur den Tod sieht… sie gehen zurück ins Hotel und werden ein Paar. (Huch, das ging aber schnell).

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Der Gletscher aus Eis und Büchern: Zufluchtsort für Komponist Max, unheimlich für Sängerin Anita. Mit freundlicher Genehmigung des Theaters Hagen, Foto: Klaus Lefebvre

 

Na die Geschichte geht aber weiter jetzt…..und so ‚harmonisch‘ bleibt es nicht…) Bei der Begegnung von Max und Anita wird die Musik tänzerisch, fast witzig, nicht mehr so grell und schwer und voller großer Tonsprünge jeinseits von der Terz.

Die Unsicherheit der sich Begegnenden macht sich in der Musik bemerkbar: der Gesang klingt anfangs gestelzt, eine Art „möchte-gern-schön-klingen“, was aber aufgrund der Dissonanzen nicht „schön“ klingt. Anfangs braucht es Zeit, bis man sich in diese Musik reingehört hat: laut und schrill ist sie, es gibt keine Wiederholungen wie in der Barockoper, keine Ohrwürmer. Dafür größere Tonsprünge (z. B. Quarten oder Quinten), nur in den ruhigeren Momenten der schönen Zweisamkeit fühlt man sich an Liebesduette z. B.  in Richard STrauss` Oper „Der Rosenkavalier“ erinnert.

Nächste Szene: Hotelzimmer, jetzt mit Anita. Links im Bild steht ein Doppelbett, die Rückwand der Gletscherszene auf der Drehbühne dient als Zimmerwand, davor stehen 3 Steinstatuen, die etwas deplaziert wirken. Wieder vertieft sich Max in seine Arbeit, lehnt eine Umarmung von Anita ab. „Du bist ein Gletschermensch, du nimmst alles zu ernst“ singt sie. Max steht für das, was schon war, hat die Last der Tradition in sich. Anita ist da freier und ungebundener: sie freut sich auf das Engagement in Paris, während Max über ihr Weggehen klagt (Mensch Junge, jetzt stell dich doch nicht so an, sie kommt doch wieder! – das dachte ich mir….naja, frisch verliebt ist es vielleicht noch schwerer, auch mal adé zu sagen für eine gewisse Zeit…)

Um die einzelnen Orte und Zeitabschnitte der Handlung – Hotel am Gletscher – Hotel in Paris – Bahnhof – Hafen deutlich zu machen, geht zwischen den Szenen der Vorhang runter, auf dessen schwarze Fläche dann der jeweilige Ort oder die Zeit z. B. „am Abend vorher“ eingeblendet wird. Dies irritiert nicht einmal, sondern wird von Jan Bammes u. a. (Bühnenbild und Kostüme) geschickt in die Handlung integriert. So warten vor dem schwarzen Vorhang die Partygäste des Hotels, die aus den eigentlichen Logenplätzen links und rechts auf die Bühne strömen, um in den Tanzsaal gelassen zu werden. Und hey! -wir sind in Paris, und da geht´s richtig ab! 3 Nachtclub-Tänzerinnen unterhalten die Gäste, die dann selbst zu tanzen anfangen. Glitzer und Glamour gibt es hier: Jonny der berühmte Jazzmusiker kommt von oben mit dem Saxophon heruntergeschwebt, eine Discokugel dreht sich. Und da sind die illustren Gäste: Anita, die gerade müde von einem erfolgreichen Opernauftritt zurück kommt, der berühmte Violinvirtuose Daniello, der seine Groupies um sich versammelt. Jede(r) will ein Autogramm von ihm. Als die Party vorüber ist, versucht Jonny sich, an Anita ranzumachen. Aber seine massive Annäherung, die man durchaus sexuelle Belästung nennen kann, fruchtet nicht. Jonny, das ist eine freche, lustige und auch rücksichtslose Figur, die sich eben nimmt, was ihr gefällt. Nicht wirklich böse, aber eben ein Gauner. Daniello (der mich, obwohl älter, dennoch wegen seines Star-Kults an David Garrett erinnerte) mag dagegen bieder wirken, aber man bemerke: bei aller vermeintlichen Langeweile kommt seine langsamere, vornehmere freundliche Anmache bei Anita besser an. Jonny ist dagegen ein Hitzkopf, auf sowas steht eben doch nicht jede…

Doch Jonny ist eine Frohnatur, nimmt im Gegensatz zu Max oder Daniello nicht alles so ernst… dann wird eben wieder mit der eigentlichen? Freundin Yvonne, dem Zimmermädchen, rumgemacht. Vorbeiziehende Hotelgäste stören sich an seinen Intimitäten mit Yvonne – und das, obwohl sie vorher begeistert den Nachtclubtänzerinnen zugesehen, diese auch mal angefaßt und ihnen Geld zugesteckt haben. ein schöner Widerspruch in einer vergnügungssüchtigen Gesellschaft.

 

Anita gefällt Paris, die Stadt macht sie aber auch unsicher….ständig will jemand was von ihr, sie kann sich nie zurückziehen. dennoch läßt sich Daniello zu sich ins Zimmer. Ha, das ist Jonnys Chance! Wenn er nicht die Frau haben kann dann doch das, was Daniello so berühmt macht. Er entwendet die berühmte Armati-Geige aus dem Zimmer Daniellos.

Technisch wurde die Hotelzimmer-Szene gut gelöst: Auf einer Art Podest ist ein goldener Vorhang gespannt, der sowohl als Party-Tanzsaal-Hintergrund wie als Zugang zu den Hotelzimmern dient. Die Türen werden durch Einblendung der Zimmernummern angedeutet. Eine verschiebbare Treppe ergibt den Zugang zu den jeweiligen Zimmer, erinnert aber auch an eine Art Showtreppe, die zu glamourösen Stars gehört.

Am Morgen muß der Star-Geiger Daniello einsehen, dass die Beziehung zu Anita nicht von Dauer ist. Sein lautes Klagen beantwortet Anita damit, dass man eben den Augenblick leben solle.Es geht weiter, das Leben und das in immer größerer Geschwindigkeit! The roaring Twenties, die wilden Zwanziger, in der diese Oper spielt, spiegeln diese immer schnellere Leben mit flüchtigen Augenblicken: da wird davon gesprochen, mit dem Auto angekommen zu sein oder in 10 Minuten am Bahnhof sein zu müssen.Ein Telefon, ein damals außergewöhnliches Gerät macht es möglich, sofort mit einer entfernten Person zu sprechen. Es bleibt bis heute eine Herausforderung, eine Autofahrt oder einen fahrenden oder anhaltenden Zug auf der Bühne darzustellen. Wenn aber das Bühnenbild in den 1920er Jahren spielen und diese – in der Zeit als Novum befindlichen – Dinge wie „Automobil“ oder „Telefon“ herausstellen soll erscheint es eigenartig, dass vorbeiziehende Hotelgäste den Stargeiger Daniello mit der Handykamera fotografieren müssen. Denn an mobile Telefone dachte in den 1920er Jahren noch niemand, es war ein technisches Novum, überhaupt telefonieren zu können.

Als Daniello den Verlust der Geige bemerkt, hört man die Piccolo-Flöte wild pfeifen. Er beschuldigt Anita, die Geige „weggehext“ zu haben, um ihn zu ärgern. Er muß sich an dem Komponisten rächen! Stampfende Trompeten-/Posaunentöne begleiten seine Rachpläne. Unisono mit der Trompete fragt Daniello sich: „Aber wie?“ toll, wie die Musik immer wieder die Stimmungen auffängt.

Menschenauflauf auf der Bühne: genervte Hotelgäste reisen ab, der Hoteldirektor ist verzweifelt, die Polizei in Trencoat-Mänteln kommt, um den Diebstahl zu begutachten, Jonny sagt dem Hoteldirektor, dass er kündigen wolle. Anita engagiert die vom Direktor gekündigte Yvonne als Zofe, dsie soll schuld am Geigendiebstahl sein.

Dann ist erst mal Pause – und die braucht man auch bei der Wucht dieser Musik mit ihren vielen Quint- und Quartsprüngen und plötzlichen Stimmungsschwankungen. Es verwundert nicht, dass die Nazis damals das Stück nicht haben wollten. Kein vermeintlicher Wohlklang, keine „schönen Terzen“ und dazu der „böse“ Jazz aus dem verfeindeten Amerika. Das geht mal gar nicht auf deutschem Gebiet in den 1930er und 1940er Jahren.

 

Hotelzimmer von dem Komponisten Max. Bemerkenswert ist bei einer „Zeitoper“, dass die Figuren nie zuhause sind, nie an einem Ort, wo sie sich aufgehoben fühlen könnten. Unruhig und rastlos sind sie und immer an Orten, die eigentlich nur Durchgangsorte sind: Hotelzimmer, Hotellobbys, Bahnhöfe (und wie in „Rinaldo“ : Flughäfen. Aber mit der Fliegerei geht es in den 1930er Jahren erst richtig los).

Das Telegram von Anita trifft ein. Doch sie kommt nicht. Max ist rastlos, singt zu unruhigen Baßtönen und Trompeten, sein Herz solle sich doch beruhigen. Der Mann muß richtig dicke verliebt sein. Auch Besitzstandsdenken ist wohl mit dabei… Der Gesang von Max gleicht einer Achterbahnfahrt, sie möge doch Gnade haben, sein Leben läge in ihrer Hand. wäre die Musik nicht so schräg (Tonsprünge von der Höhe plötzlich ohne Zwischentöne in die Tiefe und umgekehrt), könnte die stimmung leicht ins Rührselige abgleiten. Doch Krenek versteht es, die Spannung zu halten und das Seelenleben seiner Figuren ans (Bühnen-)licht zu bringen.

Selbst die einzelnen Zeiträume, die es bis zur Ankunft Anitas noch dauert, werden besungen: „noch 1 Minute“, dazu das pizzicato der Streicher gleich dem Ticken einer Uhr.Ein plötzlicher einzelner Schlag des Xylophons beendet diesen gewarteten Zeitraum voller banger Stimmung. Dann wieder lautes Aufschrecken: „war da ein Automobil?“ er horcht nach draußen. Nein doch nicht…erst nach einer durchwachten Nacht taucht Anita auf.

So richtig Freude kommt bei ihrer Ankunft nicht auf… und dann ist da noch der Ring Anitas, den Daniello an Yvonne gegeben hat, den soll sie Max geben. Max wird klar, dass Anita ihm untreu war. Er meint, dass alles am Ende sei und geht wieder hinaus auf den Gletscher, diesmal mit einem Revolver und ruft, dass er in die Ewigkeit des Gletschers eingehen, „heimgehen“ wolle, hier sei doch alles zu Ende. („Wer ruft?“  tönt es aus der Tiefe. – „ein armer Mensch, der heim will.“)Doch der Chor, verborgen, fast mysthisch aus dem Eis , aus großer Tiefe klingend antwortet ihm: „wer stört unsere Ruh, glücklos und leidlos wie wir gehen vom Himmel in die Erde.“ Hier fühlt man sich in Inhalt und Sprache  an die mysthischen Geschichten in z. B. den Nibelungen erinnert, auch der Chorgesang läßt die Musik Richard Wagners zumindest erahnen. Der Chor aus der Tiefe lehnt ab: „du kannst nicht bei uns sein, Du bist ein Mensch und mußt leben. Gefrevelt deinem Menschsein wäre es.“

Jazzartige Musik kündigt die Ankunft von Jonny an. Er ist der Opernsängerin Anita gefolgt, denn er will die Geige haben, die A. unwissentlich mitgenommen hat. Schillernd im goldfarbenen Mantel mit goldenen Schuhen und seinen Ganovinnen (die Tänzerinnen) taucht er plötzlich im Hotelzimmer auf. Und er findet sie.

„Zum Bahnhof, zum Bahnhof!“ – in der Schlußszene wollen alle zum Bahnhof. Anita hat ein Engagement in den USA bekommen! Wie aufregend! Max ist leider verhaftet worden, er soll die Geige gestohlen haben. Jonny ist eben ein Gauner, der frech und geschickt ist und seine Verfolger abgeschüttelt hat. Anita, Yvonne und der Manager warten ungeduldig am Bahnsteig, ob Max nun doch kommt. einzelne Videoeinblendungen mit Zifferblättern, auf denen die Zeiger den Verlauf der Zeit anzeigen, werden eingeblendet. Die Zeit rast und mit ihr das Leben.

Der „Bahnhof“, das sind einzelne Quader, die hochkant auf der Bühne herumstehen und wie Wartehäuschen wirken: Fahrgäste sitzen oder stehen davor, rauchen, lesen Zeitung, warten mit einer Rose in Papier verpackt für eine Verabredung, schminken sich. Immer wieder sind dann auch mal wieder viele Leute auf der Bühne, die ankommenden oder abreisenden Fahrgäste mit Koffern und Taschen in der Hand. Das kommt schon rüber, allerdings hätte man sich doch, da doch ständig von der „immer noch zu langsamen Eisenbahn“ die Rede ist, zumindest ein Bild einer Dampflok mit Waggons im Hintergrund gewünscht. Die Autofahrt, als Max festgenommen wurde, wird auch deutlich mit dem schattenhaften Video einer Nachtfahrt im Hintegrund gezeigt, während die Personen im „Auto“, einem Kasten mit Scheinwerfern vorne dran sitzen und die Fahrbewegungen nachahmen. Den Pfiff einer Lokomotive oder einer Polizistenpfeife hatte man zumindest gehört.

Und dann sind sie doch angekommen: mit dem Zug in Amsterdam. Die einzelnen Quader sind nun in einer Reihe aufgestellt, die nun eine Reeling eines Schiffes nach Amerika ist. LIBERTY steht in großen Lettern auf der „Schiffswand.“ Alle feiern, Jonny spielt auf, geschickt hat er die Polizei abgehängt, es geht in das unbekannte Land der Freiheit, in das neue, das alte bleibt in Europa zurück (…und Europa erbt den Tanz“). Nur Max kann nicht so mittanzen und feiern, er bleibt unsicher, ob er dem neuen trauen kann, kann nicht so locker sein wie Anita. Er hat die Last der Tradition noch in sich, die Jonny nicht hat. Jonny fährt zurück in seine Heimat Alabama/USA, doch ob das neue Land auch Max beruflichen Erfolg bringt?

Bei dieser Musik bleibt kaum was im Ohr, weil sie lauter, schriller und vielschichtiger ist als alle Musik, die vor den 1920er Jahren geschrieben wurde. „Rinaldo“ als Barockoper bleibt dagegen im Kopf. Die Sängerinnen und Sänger sind meist sicher, trotz der halsbrecherischen Tonsprünge, nur manchmal kippt die Stimme in der Höhe und ist nicht ganz sauber. Dennoch ist die Oper sehenswert: so deutlich und unterhaltsam wird die Stimmung einer Zeit eingefangen, dass es eine Freude ist, zuzusehen. Diese Aufregung, des neuen, kommenden! Das Leben pulsiert, anstatt stillzustehen und in einem Ist-Zustand zu verharren. Die STADT ist es, in der das Leben stattfindet, pulsiert, schreit, nicht mehr in der im 19. Jahrhundert als romantisch verklärten Natur (Gletscher-Motiv). am Ende schwingt die Disco-Kugel wie ein Uhrenpendel hin und her, um schließlich den Schaukasten, der wie eine Schneekugel des Gletschermotivs wirkt, in dem sich zwei Figuren (Anita und Max?) befinden, von der Bühne fegt.  Die Darstellung dieses Lebensgefühls in den 1920er Jahren ist dem Komponisten Ernst Krenek und auch dem Bühnenbildner Jan Bammes und Kolleg-/innen bis auf wenige Ausnahmen gut gelungen. Auch etwas Ironie ist dabei, wirkt die Musik trotz allen Ernstes mit ihren Tonsprüngen auch übertrieben. Spontan hätte ich auch nachher laut mit großen Tonsprüngen singen können „Mein Zug geht in 10 Minuten. Zum Bahnhof, zum Bahnhof!“ Wie theatralisch 😉  In der Oper „Jonny spielt auf“ von Ernst Krenek wird ein Lebensgefühl gezeigt, dass laut, schrill ist und in die Vollen geht. Ohne darüber nachzudenken, ob es ein Morgen gibt. Oder ob man scheitern könnte. Kein Nachdenken über mögliche Folgen, sondern: volles Leben.

Jonny spielt auf, Oper von Ernst Krenek am Theater Hagen

weitere Vorstellungen: 2. April 2016, 19.30 Uhr

29.05.2016, 18.00Uhr

Einführung jeweils eine halbe Stunde vor Beginn.

http://www.theaterhagen.de/veranstaltung/jonny_spielt_auf_715/0/show/Play/

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Figaros Hochzeit ins Blaue hinein

Als Wiederaufnahme aus dem Jahr 2013 läuft am Opernhaus Dortmund „Le nozze di Figaro“, Figaros Hochzeit in der Inszenierung von Marie Clément als Koproduktion mit dem Staatstheater Nürnberg. Der Figaro fehlte mir als eine der wenigen Opern von Mozart noch. Jetzt habe ich mir die „Hochzeit des Figaro“ heute angesehen.

Am Anfang spielt eine Szene, in der das Orchester noch schweigt. Die Gräfin liegt im Bett, nacheinander treten der Graf, Figaro , Susanna und eine Dienerin auf. Figaro macht durch Gesten dem Grafen klar, dass Susanna ihm gehört. Sogar die Küchenmagd wird abgeküßt, bis sie sich verschämt losreißt. (heute würde man von sexueller Belästigung sprechen, aber wir sind in einer komödiantischen Oper).

Die Ouvertüre beginnt. Auf der Bühne ist der Hintergrund meist blau, die Figuren sind nur Schatten, außer eine Szene wird mal voll ausgeleuchtet. Alle Beteiligten und auch die Bühnenmitarbeiter-/innen schieben immer wieder Tische, Stühle oder Wände auf die Seite oder auf die Bühne. Es ist immer Leben auf der Bühne: während eines Duetts wie dem von Susanna und Figaro, als Susanna Wäsche aufhängt, wird im Hintergrund in einer konstruierten Küche gearbeitet: Mägde sitzen am Tisch und putzen Gemüse, eine andere bügelt an einem Schrank mit ausgeklapptem Tischbrett die Wäsche, der Gärtner Antonio kehrt ganz hinten im Bühnenbild das Laub zusammen. Trotzdem wirkt die Bühne seltsam leer und öde.

Im 2. Akt wird mir der Gesang, die ganze Oper zu lang. Ich wundere mich, warum der Funken nicht überspringt. Müdigkeit und leider auch Langeweile machen sich breit. woran liegt es? An meiner Müdigkeit vorher oder am schlechten Gewissen, in die Oper gegangen zu sein, anstatt vorher noch den Lernstoff für die bevorstehende Prüfung noch weiter durchzugehen?

An den Sängerinnen und Sängern lag es sicher nicht. Auch wenn Gerado Garciano nur spielen, aber nicht singen konnte, hat er dies mit dem singenden Michael Dahmen gut gemeistert. Manchmal hatte man dennoch den Eindruck, wie gern er gesungen hätte…. Morgan Moodys Baß habe ich schon in „Kiss me Kate“ gern gehört. Spiel und Singen, das gehört eben zusammen.(Das stürmische Wetter von heute ist wenig stimmenfreundlich und schreit nach Kopfweh). Ashley Thouret als Susanna singt ausdrucksstark und dosiert das Vibrato richtig, während Emily Newton als Gräfin Almaviva es gern mal übertreibt – und dafür immer wieder Szenenapplaus bekommt. Es scheint sich inzwischen institutionalisiert zu haben, dass im Opernhaus auch Szenenapplaus gegeben wird. Bei Mozart finde ich diesen Applaus eher störend, auch wenn ich die Begeisterung der Zuhörer_innen verstehen kann.

Schade, dass Cherubino nicht mehr Auftritte hat. Gesungen von der phantastischen Mezzosopranistin Ileana Mateescu (Hauptrolle in „Rinaldo“ und Partie des Hänsel in „Hänsel und Gretel“) ist sie eine der wenigen, die für ein Stück Spannung und Unterhaltung in dieser Oper sorgen.Man kann ihm als Frauenheld gar nicht so recht böse sein, vielleicht weil Cherubino noch so jung ist. Ein ewiger Schmeichler, Spaßmacher und Charmeur, gerne auch mal leicht trottelig und deshalb sympathisch. Ich mußte spontan an den Popsong „Herz verloren“ von Farin Urlaub denken, als Cherubino sein Lied der Gräfin singt: „Sagt mal, ihr Frauen, die wissen, was Liebe ist, sagt mir, warum werde ich so verrückt, wenn ich Euch sehe? Warum ist mir gleichzeitig heiß und kalt?“ (sinngemäße Wiedergabe des Textes). Und in der Gartenszene am Ende, als es Gräfin Almaviva und Susanna mit ihrem Verwirrspiel schaffen, den Grafen und Figaro reinzulegen, singt Cherubino „ich rieche Frauen.“ Da mußte ich lachen, einer der seltenen Lacher an diesem Abend. Man kann dem Schlingel nicht böse sein. Dem überambitionierten Grafen Almaviva, der seine sexuelle Lust nicht zügeln kann, sehr wohl. Möglicherweise hätte heute ein Psychoanalytiker bei ihm Sexsucht diagnostiziert und ein großes Frustpotential bei beiden Eheleuten festgestellt. Merke: man löst seine eigenen Eheprobleme nicht, indem man mit einer anderen anbandelt. Wenn, dann isses nur eine  kurze Freude und noch dazu sehr anstrengend, weil man die Beziehung ständig vor der eigenen Ehepartnerin geheim halten muß.

Genervt hat mich genau das, was anderen immer so gut gefällt: die ‚historischen‘ Kostüme. Ich habe mit jeder Frau Mitleid, die dieses grausige Korsett tragen muß. Man muß sich mit diesem weit ausgestellten Rock vorkommen, als ob man von der Taille ab in einem Faß steht und damit rumlaufen muß…. bei der Gräfin noch grausiger als bei Susanna. Warum nicht ein reichhaltigeres Bühnenbild und dafür weniger Aufwand beim Kostüm? Der Garten in der Schlußszene, das waren nur kümmerliche Haufen mit bunten Blättern und einer Holzhütte. Nicht überzeugend, wenn in diesem Garten Verwechslungsspiele und Versteckspiele gespielt werden sollen.

Die Musik gibt einiges her, der Inhalt auch… aber es lag wohl an der Inszenierung, dass bei mir der Funke dieses Mal leider nicht übersprang. Mozart hat einige Hits in der Oper „Figaros Hochzeit“ , sagte mir ein guter Freund. Ich glaube ihm als langjährigen Opernfreund. Dennoch habe ich kaum was im Kopf behalten (Rinaldo dagegen läuft in Endlosschleife 😉 . Bei aller Verachtung für solche Schürzenjäger wie dem Grafen Almaviva ist es wohl so, wie Dramaturg Georg Holzer im Programm schrieb: in „Figaros Hochzeit“ geht es um die Menschen und ihr privates Glück. Niemand will eine Revolution anzetteln (die Oper wurde am 1. Mail 1786, als es schon revolutionäre Gedanken gab und bevor die Franz. Revolution losbrach, uraufgeführt). Jede und jeder hat seine Schwächen, die die Mitmenschen nerven oder auch belustigen. Ob der Graf am Ende, als ihm die Gräfin seine Untreue verzeiht (oh wie großherzig für den Hallodri 😀 , seine Gelüste gegenüber Susanna aufgibt, weiß man als Zuschauer-/in nicht (die Psychotherapie gab es noch nicht). Auch Cherubinos Frage, was denn mit ihm los sei, dass er immer so verrückt werde, wenn er Frauen sieht, wird nicht beantwortet (gab es da mal nicht einen Film von Woody Allen drüber?) Die wirklich starken Figuren sind in der Komödie immer die, die im realen Leben benachteiligt sind: die Diener und Kammerzofen sind ein Stück schlauer und geschickter als ihre Herrinnen und Herren und wissen sich geschickt gegen Ungerechtigkeit zu verteidigen. Die Herrschaft des Adels bedeutet immer Willkürherrschaft – und deshalb hat es 1789 von Frankreich ausgehend auch so gekracht.

Gerne werde ich mir die Oper noch mal ansehen – aber bitte mit einer anderen Inszenierung. Tut mir leid, ich bin früher auch gern ins Staatstheater Nürnberg gegangen, als ich in Mittelfranken gewohnt hatte. Nur gab es damals noch kein Internet und keine Blogs wie diesen hier, in den man Kritiken schreiben kann.

 

Figaros Hochzeit, Commedia per musica von Wolfgang Amadeus Mozart

Libretto von Lorenz Da Ponte nach Beaumarchais

Inszenierung: Marie Clément

Opernhaus Dortmund, weitere Termine: 3., 16. und 30. April 2016

http://www.theaterdo.de/detail/event/16001/#prettyPhoto

 

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Am  16. April 2016 habe ich mir den „Figaro“ noch mal angesehen. Diesmal vom Orechestersessel aus (Das sind die vordersten Reihen im Opernhaus Dortmund). Auf verhältnismäßig kleiner Fläche passieren viele Nebenhandlungen, die ich vom Orchestersessel aus besser verfolgen konnte – und bis auf eine Szene hat es mich nun gepackt! Ich langweilte mich nicht mehr und habe öfter gelacht. Allein die Szene im Schlafzimmer der Gräfin, als Cherubino aus dem Fenster gesprungen ist (auf der Flucht vor dem Grafen) zieht sich in eine schwerer erträgliche Länge. Die Musik ist fast immer gleich laut, die Ausdrücke der Figuren unterscheiden sich kaum. Aber sonst… ein schöner Abend! Und einige Hits gibt es… mancher paßt sogar als Protestgesang gegen Autoritäten!