Wie Fahren mit angezogener Handbremse: Leben in Corona-Zeiten – Update

Der Sommer ist vorüber. Ein paar schöne Tage gab es noch, bevor die Kühle des Herbstes klar machte, dass jetzt Schluß ist mit Freibad und vielem Draußen-Sein, dem Erleben, Treffen mit Freunden oder Verwandten. Kurzzeitig hatte man den Eindruck gewinnen können, dass der Coronavirus zurückgedrängt worden sei. Der „Lockdown“ im Frühjahr hatte viele Menschen eingeschränkt, verletzt, weil sie nicht das tun konnten, was Menschen eben tun: sich zu Partys, Konzerten etc. zu treffen. Diese ständigen Einschränkungen brachten viel Unmut hervor, so dass es wieder Partys, öffentlich wie privat, gab. Doch der Coronavirus ist längst nicht verschwunden und Party machen heißt auch für dieses elende, diffuse, so schlecht sichtbare Ding wie einen Virus: Juhuuu, ich kann mich wieder bestens verbreiten.

Tatäschlich war ich letzte Woche sogar in zwei Konzerten. Wie gut, dass sie wieder da sind, die Dortmunder Philharmoniker-/innen! Ich spürte Erleichterung und Freude, als ich das Konzerthaus betreten hatte. Allerdings… es war auch seltsam. Wenige Leute, feste Stehtische, an denen man sich melden musste, die mitgebrachte Eintrittskarte wurde gegen eine andere getauscht. Dann die Überraschung: „Ihre Jacke können Sie auf den Sitz neben sich legen.“ Und auch die Tasche! Ich staunte nicht schlecht: vor der Corona-Zeit hätte das niemand geduldet, da wäre dir sofort einer der hellbraun gewandeten Damen und heren nachgerannt und hätte dich zur Rede gestellt. An die dämlich aussehende, häßliche Maskierung hat man sich schon gewohnt. Vor noch nicht allzu langer Zeit hätte der /die LadeninhaberIn die Polizei geholt, hätte man mit maskiertem Gesicht ein Gebäude betreten.

Der Konzertsaal: seltsam leer. Ins Auge fallen sofort die roten Nashörner auf einigen Sitzen, darunter steht „bitte freihalten.“ Nur die Hälfte der Gesamtplätze ist besetzt. Wie lange hält das ein Veranstalter aus, ohne bankrott zu gehen? Man soll sich bitte nicht zu nahe kommen. Im Februar noch war ich direkt neben einer anderen Konzertbesucherin gesessen. Schon damals dachte ich entfernt daran wie es wäre… aber glauben wollte ich das damals noch nicht. Die Vorstellung, dass das kulturlle Leben komplett zum Erliegen käme, die war zu schrecklich. Ganz gleich, ob es sich um ‚klassische‘ oder Popkonzerte handeln würde. Ohne Kultur kann kein Mensch leben!

Vom Balkon aus blicke ich direkt auf die Bühne.Hm? Was ist da los? Es ist 10 vor 8, 10 Minuten vor Beginn und die Musiker-/innen sitzen schon. Mit mindestens 1 Sitzbreite Abstand. Das wirkt eigenartig. Kein gemeinsames Auftreten wie sonst, jede-/r sitzt wie fest platziert auf ihrem und seinen Platz. Manche tragen sogar dort ihre Maske. Man hat sich schon daran gewöhnt, dieses häßliche notwendige Scheißding zu tragen, wenn man sich in geschlossenen Räumen umher bewegt. Die Musiker-/innen und Dirigent Gabriel Feltz wirken dabei fast wie Vorbilder, wenn sie ihre Maske tragen und erst an ihrem Platz wieder ablegen. Es gibt viel zu verlieren: an Vertrauen, an künstlerischer Freiheit, an Geld, an kulturellen Leben. Etwas schmunzelnd dachte ich an einen fiktiven Postillon-Artikel, der als Neuheit eine bläser-kompatible Maske anpreist.

Weniger Besucher-/innen, dafür gefühlt mehr Personal. Es gab kaum einen Ort im ganzen Konzerthaus, wo kein Mensch in hellbraunem Filzblazer stand und ungefragt oder gefragt den Weg wies oder das – huch kostenlos! – Programm in die Hand drückte. Zu meinem eigenen Erstaunen empfand ich das nicht als aufdringlich. Die ausgeschilderten Wege entlang der Bar und nummerierten Tische wirkten aber fast schon lächerlich. Männleinlaufen – nur ohne Kaiser und Fürsten. Nun, wenn es hilft, dem elenden Virus das Leben zumindest schwer zu machen… bei allem Verständnis ist es anstrengend, immer an die Einhaltung all dieser Regeln zu denken.

Endlich wieder Live-Musik hören! Welche Freude… Dennoch bleibt das Gefühl, als ob man mit angezogener Handbremse fahren würde. Auf dem Programm standen Frédéric Chopins Klavierkonzert in f-moll sowie Erich Wolfgang Korngolds symphonische Serenade B-Dur. Beides Werke der Romantik und des 20. Jahrhunderts, das bedeutet: große Orchester. Warum gerade dies Werke? Warum dieses schwülstige Thema „Gefangen im Netz der Intrige?“ Das hätte es nicht gebraucht. Auch wenn man im Konzert nichts zu vermissen meinte: es blieb ein ungutes Gefühl der Unvollständigkeit, weil eben nicht so viele, nicht die volle, normale Anzahl an Musiker-/innen auftreten durften. Bis auf wenige Aussetzer ist den Dortmunder Philharmonikern* auch ein gutes Konzert gelungen. Die Freude am Spiel war allen anzumerken, das Publikum applaudierte aber eher verhalten, als ob es überlegen würde, ob Begeisterung und Freude in der Coronakrise zu zeigen überhaupt erlaubt sei. Glaubt man dem Programmhefttext von Markus Bruderreck, spiegelt Korngolds Serenade das erschrecken, die Hoffnungslosigkeit, Angst, Resignation und Hoffnung der Coronakrise wieder. Na dann passt´s ja – könnte man denken.

Aber dann doch wieder nicht. Händeschütteln oder gar Umarmen darf man sich nicht. Zu gefährlich wegen der möglichen Virusübertragung. Stattdessen stoßen Dirigent Feltz und Solist Bernd Glemser die Ellbogen aneinander. Kumpelhafte Geste? Könnte man meinen. Widersprüchlicher könnte es aber kaum sein: eine Berührung, die Verbundenheit symbolisieren soll, aber doch eine Abwehrhaltung zeigt. Mir wird immer unwohl bei dieser Art der Begegnung oder Berührung: denn als Verbundenheit kann die Berührung der Ellbogen kaum dienen. Eher daran, sich gegenseitig abzustoßen, sich durchsetzen zu wollen. Ein Symbol für die ‚Ellbogengesellschaft‘ eben. Auch wenn das an diesem Abend nicht so gemeint war.

Die gefühlte Leichtigkeit des Sommers ist vorbei. Das merkt man nicht nur an den Außentemperaturen. Diie Anzahl der Infizierten steigt wieder an. Dennoch: keine Konzertabsagen mehr bitte! Nicht nur, aber vor allem einsame Menschen brauchen Kultur! Vergesst den ewigen Streaming-Scheiß! Das kann nur vorübergehend eine Lösung sein. Menschen brauchen die Begegnung, denn wir sind keine Katzen, die Einzelgänger* sind. An dieser Stelle auch der Appell an die Politik: wenn Sie Fußballspiele erlauben, wenn sie die Wirtschaft ‚retten‘ wollen, dann kümmern Sie sich auch um die Solo-Selbständigen und Kulturschaffenden, die keine staatliche Förderung erhalten! Am 15.10.2020 gibt es dazu eine Demonstation in Düsseldorf.

Die Coronakrise bedeutet auch: jede-/r könnte ansteckend sein. Das erzeugt Mißtrauen und Unsicherheit. Ich selbst fühlte mich verletzt, als mich eine Kollegin anpflaumte, dass ich ihr zu nahe gekommen sei. Das war noch vor Einführung der Maskenpflicht. Ich war zu überrascht gewesen, um etwas zu erwidern. Aber bei aller gebotenen Vorsicht ist daran zu erinnern: NIEMAND darf wegen Covid-19 bloßgestellt oder fertiggemacht zu werden! Nicht jede-/r Infizierte ist schuld an seiner Infektion, war nicht zwangsläufig in einem Risikogebiet!

Wer noch nie oder nur selten von der Klassengemeinschaft in der Schule permanent ausgeschlossen wurde, weil man sich nicht die teueren Markenklamotten oder anderen Schrott leisten konnte, wer nicht zu denjenigen zählte, die als letztes oder gar nicht in die Mannschaft bei dem verdammten Spiel Völkerball gewählt wurde im grauslichen Schulsport, soll jetzt das Maul halten. Ich gehörte damals zu den Ausgeschlossenen, es gab keine Sozialarbeiter-/innen an dieser verdammten reaktionären Kleinstadt-schule, die diesen Konflikt beendet oder zumindest eingegriffen hätten. Denn auch wenn ich die Maskenpflicht, das Abstandsgebot, die Begrenzung von Gästen bei privaten Feiern für richtig halte: nichts ist schlimmer als soziale Isolation. Deshalb bitte von physical, nicht social distancing reden! Ganz ohne Covid-19, Lepra oder anderem Kranheitsscheiß behandeln Menschen ihre Artgenoss-/innen oft so, wie es NICHT sein sollte: als krank und aussätzig. Du gehörst NICHT dazu- das ist die vernichtende Botschaft. Darauf weist auch Unicef hin. An all die Wissenschaftsanbieter*, die ständig laut auf die Einhaltung der Corona-Regeln pochen: Lesen Sie das, bevor Sie jemanden verurteilen, die/der sich vermeintlich nicht ganz korrekt an die Regeln hält! Nur Verschwörungstheoretiker-/innen, die müssen weiterhin kritisiert werden, keine Frage.

An all die Wissenschaftsfans: Schön, dass Sie alles lesen, was der Wissenschaftsjournalismus Ihnen bietet. Machen Sie weiter so, dann haben ein paar Journalisten* weiterhin Arbeit und Einkommen. Aber denken Sie daran: Sie werden nur so lange der Wissenschaft frohlocken und gegen alle schimpfen, die auch nur einen Hauch von den Schutzmaßnahmen abrücken (weil ihnen z. B. die Maske unter die Nase gerutscht ist ganz unabsichtigt) oder das Verbot von Kulturveranstaltungen kritisieren,, solange sie selbst nicht völlig allein, isoliert im nach Desinfektion stinkenden gleißend weißen Krankenbett liegen. Mit striktem Besuchsverbot. Denn auch wenn Schutzmaßnahmen und Tests notwendig und sinnvoll sind: es muss grausam sein, einen voll verkleideten Menschen, der mich testen soll, vor mir zu haben. Ich bin die Aussätzige, die andere gefährdet. Auch wenn sich das Pflegepersonal zu Recht schützen will und muss und mehr Lohn zu bekommen hat. Das ist der Tenor. einige Menschen mussten sogar allein sterben, das ist entsetzlich. Darüber spricht niemand. Dazu muss ich auch sagen: Verstehen Sie mich nicht falsch. Den Verschwörungstheoriekram braucht auch niemand, sondern solide Wissenschaft. Wäre zu schön, wenn es überidische Mächte gäbe, die den Virus beseitigen können würden.

Und was die Party angeht: so verständlich und nachvollziehbar das Verbot für große Menschenansammlungen ist, gibt es eine Erklärung für das Bedürfnis, feiern gehen zu wollen. Die Coronakrise ist eine neue Erfahrung – und die Menschen werden lernen müssen, wie man feiern kann, ohne sich mit Covid-19 anzustecken. Kulturwissenschaftler Wolfgang Kaschuba bringt es auf den Punkt: „Epidemologen können Krankenhaus, aber nicht Gesellschaft.“

Ich hatte im Frühjahr einen runden Geburtstag. Schon allein wegen der Zahl war mir nicht nach Feiern zumute. Und wenn ich mit Menschen zusammensitzen muß, die fast wie Ladendiebe oder Ärzt-/innen aussehen (müssen), dann vergeht mir die Lust am Feiern – aber nicht am Konzertbesuch. Ich habe eine große Sehnsucht, dass das Leben endlich wieder normal wird! Dass man sich zur Begrüßung wieder umarmen kann. Dass man nicht ständig an dieses und jenes denken muss, damit Regeln eingehalten werden. Und damit sich endlich auch was in der Gesellschaft verändert, damit niemand mehr Angst vor der Zukunft (Klimawandel) haben muss. Der Radverkehr im Alltag hat in der Coronakrise zugenommen. Jetzt ist die Politik dran, endlich gute Wege und Verbindungen zu schaffen, den Autoverkehr einzuschränken. Bei meinen täglichen Fahrten scheint das noch unmöglich. Aber ich träume davon, endlich sicher und ohne jede Bedenken oder Angst unterwegs sein zu können, ohne in einer Blechkiste sitzen zu müssen.

Immer noch gefährlich für Radfahrende: die Schützenstraße Dortmund. Eigenes Foto.

„Da müssen wir jetzt durch.“

Es fing , ich meine, es war im Januar 2020, noch harmlos an. In den Nachrichten wurde darüber berichtet, dass in Starnberg in Südbayern ein Mensch an einer bisher unbekannten Krankheit, die der Grippe ähneln soll, erkrankt ist. Vorher war diese ansteckende Krankheit in China ausgebrochen und hatte viele Todesopfer gefordert. Was dabei richtig wütend macht: der Arzt, der die chinesische Regierung vor genau dieser Seuche gewarnt hatte und nicht ernst genommen worden war, starb im Februar oder März daran. Was will man von einem autoritären Regime auch anderes erwarten.

China, das ist weit weg. Reisende und ihre Angehörigen, die in Fernost gewesen waren, wurden in Germersheim im südlichen Rheinland-Pfalz, in einer Kaserne in die Quarantäne geschickt. Germersheim hatte ich bisher mit etwas Positivem, schönen verbunden: der Messe für Fahrrad-Enthusiast*innen und Nerds, SPEZI (die dieses Jahr auch ausfallen wird, https://www.spezialradmesse.de/home.html ) Sinnvoll, um die Krankheit an der Verbreitung zu hindern, aber was Quarantäne für die Betroffenen bedeutet: danach fragt niemand. Nachrichten, Gespräche zwischen Menschen, sogenannte „Experteninterviews“ sind voll von technischem Denken, Organisationsplänen, Analysen. Es war erschreckend und abstoßend, wie viel Platz in der medialen Berichterstattung diese Krankheit einnahm, deren Name nun ständig und überall auftauchte: COVID-19, ausgelöst durch den Corona-Virus. Woher der Name genau kommt und was er bedeutet, wurde in einem Video von der „Sendung mit der Maus“ sehr gut erklärt, das ich Ende März auf „Fratzenbuch Watch“ (Fachebook Watch) entdeckt hatte. Aber so richtig glaubte ich trotz täglichen Hörens der Sendung „Informationen am Abend“ von Deutschlandfunk nicht daran, welche Auswirkungen dieser kronenförmige Virus (daher der Name, lat. „Corona“ für „Krone“) haben würde. Nicht verharmlosen wollte ich das Thema, aber die Panikmache und das laute Geschrei der Boulevard-Medien ging mir mehr und mehr auf die Nerven. An meiner Arbeitsstelle sah ich oft Kolleg*innen ständig irgendwelche Artikel über angeblich oder tatsächlich neue Erkenntnisse zu diesen Virus lesen – das Robert-Koch-Institut war nicht dabei. Nicht einfach zu lesen diese Seite, manches ist für den Laien nicht verständlich aber: dort wird kein Unsinn erzählt. Mich ärgern Menschen, die immer wieder nur die Blöd-Zeitung lesen, obwohl es durchaus seriöse Angebote gibt, um sich über COVID-19 zu informieren.

Dann aber kam der erste Schock: die Stadt Dortmund verfügte, dass ab dem 12. März 2020 alle Veranstaltungen eingestellt werden sollten. Ich war gerade dabei gewesen, die letzten paar Kneipen und andere Institutionen in Dortmund mit Flyern unseres Jazzclubs domicil zu bestücken. „Das brauchst du jetzt nicht mehr tun“ sagte mir der Produktionsleiter zu mir am Telefon. Wir waren alle geschockt. Der Kneipenbetrieb lief noch, aus Protest gegen diese verdammte Situation ging ich abends im domicil ein Bier trinken. Abstand halten tat ich dabei immer, ebenso die Vereinskollegen, die ich traf. Alle waren in einer Art Schockstarre, einem Schrecken, den man nicht so schnell abschütteln kann.

Noch vor wenigen Wochen konnten wir uns beim Parcours freuen. Jetzt: gesperrt, eine fast unheimliche Stille.

Doch damit nicht genug: ab dem 17. März 2020 durfte auch der Kneipenbetrieb unseres Jazzclubs domicil nicht mehr öffnen. Die Meldungen, was alles nicht mehr sein darf, man kam schon gar nicht mehr mit, wurden in pausenloser Folge bekannt: das Stadttheater ist zu, das Konzerthaus muss seinen Betrieb einstellen, ab dem 16. März gibt es keine Hochschulsportkurse mehr. Ich fühlte mich, als ob ich eine böse Überraschung erleben müsste, an der ich keine Schuld hatte. Als ich 2003 in meiner alten Heimat das Mozart-Requiem im Chor mitgestaltete, hatte uns die Chorleiterin für das „Lacrimosa“ genau diese Stimmung als Vorstellung beim Singen mitgegeben. Dieses Stück aus dem Requiem, es passte jetzt richtig gut in diese immer absurdere Zeit, in einen Alltag, bei dessen Schnelligkeit an Veränderungen kaum mehr ein Mensch mitkommt, während draußen das öffentliche Leben still steht.

Ohne Beleuchtung und Beschriftung, leer und verlassen, wo sonst das Leben ist: der Jazzclub domicil während des Elends von Coronakrise. Eigenes Foto

Seit der Schließung aller Kinos, Clubs, Bars, Kultureinrichtungen, sprich: Beendigung des öffentlichen Lebens, lese ich fast jeden Tag die Seiten der Stadt Dortmund. Jeden Tag gibt es eine Zunahme an Infizierten, es werden aber – und das ist sehr positiv – auch die Anzahl der genesenen Menschen genannt. Die Mahnung, von anderen Menschen Abstand zu halten, wird fast gebetsmühlenartig verkündet. Ich halte mich daran, wenn ich auch zugeben muss, dass mir bisher nicht bekannt gewesen war, dass ich auch als gesunder Mensch den Virus weitergeben kann, ohne es zu merken.

Es ist klar: die Infektionsketten müssen unterbrochen werden, die Ausbreitung von COVID-19 soll zumindest verlangsamt werden. Zustände wie in Italien will man nicht, klar. Ich habe mitbekommen, was dort abgeht, aber ich hasse Leute, die mich ständig auf alles und dieses und jenes aufmerksam machen müssen, warum ich es nicht gelesen habe! Nein, ich lese nicht jeden verdammten Artikel über diese scheiß Krankheit, auch wenn es in der FAZ, dem Spiegel oder sonst einem Qualitätsmedium steht! Langsam wurde ich auch auf „pocket“, der Anzeige beim Feuerfuchs-Browser wütend, weil ständig Artikel zum Corona-Virus genannt wurden. Mit häßlichen Virus-Bildern und maskierten Menschen. Ich will das nicht sehen! Und es beruhigt mich nicht, nein, es macht nur noch wahnsinniger in dieser abartigen Zeit voller Wahnsinn!

„Man soll jetzt nicht über Italien moralisch urteilen. Die Welt ist noch am Lernen.“ Das sagte mir ein guter Freund und Journalist. Zufällig lese ich im Tagesspiegel online, dass eine Zeitung in Italien, ich glaube in der so stark betroffenen Lombardei, 10 Seiten Todesanzeigen druckt. 10 Seiten pro Tag. Gewohnt ist man vielleicht 3 oder höchstens 5 pro Ausgabe. Das zu lesen tut weh, auch, wie selbst ein in Krisengebieten erfahrener Apotheker langsam ratlos ist – einen Artikel dazu habe ich gelesen, das war in der taz. Auf Bildern, die im Internet kursieren, sieht man einen leeren Markusplatz in Venedig, einen leeren Petersplatz in Rom, leere Kanäle in Venedig… in den Nachrichten hört man, dass sich die Kanäle in Vendeig erholen, weil keine Kreuzfahrtschiffe mehr kommen. Die haben ohnehin nichts in der Stadt verloren. Tourismus: ja. Aber mit Bedacht! Doch mit Corona läuft nichts mehr, niemand kann mehr irgendwas besichtigen oder jemanden besuchen. diese Situation macht auch deutlich: die Erde braucht keine Menschen.

Jeden Abend: eine dunkle, geschlossene Schauburg (Kino). Grauenvoll, dieser Anblick.

Die Gscheiderln, die immer vorpreschen und sich als die Besten darstellen müssen, preschen auch jetzt wieder vor: das Bundesland Bayern (erstaunlicherweise hat sich dieses Möchtegern-Königreich immer noch nicht von der BRD abgespalten) verhängt Ausgangssperren. Schulunterricht ist in der ganzen BRD schon lange nicht mehr, 5 Wochen Osterferien gibt es dann sozusagen. Nur für den Weg zur Arbeit, zum Einkaufen, zum Besuch bei Ärztin oder Arzt oder zum Sport darf man raus. Ein Arbeitskollege zeigt mir ein Video, auf dem die Münchner Berufsfeuerwehr durch die Straßen fährt und Ansagen macht. Was für ein autoritärer Müll. Ich bin fassungslos. Schon interessant: gerade dieses Land, das jahrzehntelang vehement gegen alles aus dem „bösen“ Osten gewettert hat, greift nun auf genau dessen Vorgehensweise zurück, verhält sich wie der Staat, den man damals so verachtet und bekämpft hat. Aber am 3. Oktober wieder schön gegen den Polizeistaat von damals mahnen. Schuld sind immer nur die anderen, und die hocken im Osten. Weil jeder DDR-Bürger und -Bürgerin ein-/e überzeugte-/r Kommunist war. Ganz bestimmt. Nicht. Wie bin ich froh, dort nicht mehr zu wohnen. Eine Freundin in Nürnberg, die pensionierte Krankenschwester ist, sieht sich in ihrer Forderung nach Maßnahmen zur Eindämmung von Covid-19 bestätigt. Naja, ihr Beruf hat sie eben geprägt.

In Nordrhein-Westfalen, wo ich nun seit 5 Jahren wohne, geht man – zumindest bisher – besonnener vor. Es gibt kein absolutes Ausgangsverbot. Es gilt nicht mehr nur die Abstandsregel, es dürfen auch höchstens nur 2 Personen miteinander unterwegs sein, Familien ausgenommen. Der Appell, nur zu wichtigen Anlässen die Wohnung zu verlassen, folgt. Das macht für mich erst mal keinen Unterschied, weil ich meistens allein unterwegs bin. Zu meiner Freude empfiehlt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, dass man seine Alltagswege doch mit dem Rad zurücklegen solle, weil man das allein tun könne, anstatt neben anderen in der Straßenbahn zu sitzen. Auch der ADFC NRW empfiehlt nochmals explizit das Radfahren.

https://www.adfc.de/dossier/dossier-radfahren-in-zeiten-von-corona/

Ein Gastronom versucht sein Glück mit Außenverkauf: Cocktails trinken trotz Corona. Und immer schön nur 2 Stühle nebeneinander.

Die Straßen sind fast jeden Tag ziemlich leer; oft fühle ich mich wie am Sonntag nachmittag, wenn ich über die Heiligegartenstraße, Grün- und Treibstraße zur Arbeit fahre. wie ein ewiger Sonntag nachmittag. Mein Zeitgefühl schwindet von Tag zu Tag, ich wache oft auf und wünschte, das ganze Elend mit der Krankheit COVID-19 wäre einfach nur ein böser Traum.

Wie an einem ewig andauerendem Sonntag-Nachmittag: die Treibstraße/Grüne Straße während der Corona-Krise. eigenes Foto.

Tatsächlich stelle ich bei mir selbst auch fest, dass ich mir mehr um das Wie beim ohnehin täglichen Händewaschen Gedanken mache, auf mehr Abstand als sonst in der Straßenbahn und anderswo gehe. Das offiziell verkündete Abstandsgebot ist fast paradox für mich. Die Öffentlichkeit und Gesellschaft, in der ich aufwuchs, hielt oft keinen Abstand zu mir und meinem Körper ein und benutzte meinen Körper und mich für die eigene Notgeilheit. Junge Mädchen und Frauen auf dem Dorf sind nichts wert und können ungestraft sexuell mißbraucht werden, niemand fragt, ob sie diese Berührungen wollen oder nicht. Lange Zeit forderte ich selbst, Abstand von mir zu halten, wobei das auf Dauer auch keine Lösung ist, denn: der Mensch braucht Berührungen.

https://nacktundneugierig.podigee.io/14-wissenschaft-koerperkontakt

Für Taschendiebe ist die Corona-Krise eine ganz blöde Zeit, wenn so wenige Leute unterwegs sind man sich niemandem mehr ungestraft nähern darf. Auf Facebook bekomme ich einen kleinen Shitstorm ab, weil mir die eine Pressemeldung des Kinikums Dortmund kräftig auf den Senkel geht. Vom Pressesprecher stammt dieser Text. Unmöglich! So kann man das nicht formulieren! Es geht in etwa so los: „na Ihr Egoisten? habt Ihr Euch in der Disco getroffen weil Ihr denkt, dass Ihr Euch als junge Menschen nicht anstecken könnt? […]“ In diesem Wortlaut ging es weiter. Sicher ist ein Appell zum Abstandhalten wichtig. Aber so formuliert wird niemand auf ihn, den Pressesprecher des Klinikums Dortmund hören! Das sollte genau er wissen! Als Journalistin weiß ich: SO erreicht man niemanden. Aber von den anderen Herrschaften im Fratzenbuch kapiert das niemand. Mich nerven diese Leute, die immer nur ‚technisch‘ denken. Die ständig Statistiken und Zahlen brauchen. Nein, ich will das nicht! Es macht mich und auch andere nur noch verzweifelter, wahnsinniger! Und ich kann auch auf den Podcast eines Christian Drosten getrost verzichten. Nicht, weil er ein schlechter Mensch oder schlechter Virologe wäre, sondern: ES GIBT NOCH ANDERE THEMEN ALS DIESER VERDAMMTE VIRUS im Frühjahr 2020, verdammt noch mal!!! Seine „Fans“ nerven. Bei allem Respekt und Sinnhaftigkeit von Wissenschaftsjournalismus: schweigt einfach mal einen Tag, geht in Euch und besinnt Euch auf das Nicht-Technische in der Coronakrise. Übt Euch endlich in Empathie! Das, was nicht nur mich umtreibt und sehr schmerzt: der Verlust jeder Kultur. Hört den Kulturwissenschaftler*innen und Soziolog*innen zu, anstatt die Medizin anzubeten!

https://www.deutschlandfunk.de/interview.693.de.html?drbm:date=2020-03-22

Nein, es ist nicht Sonntag nachmittag in der Fußgängerzone Westenhellweg. Im Hintergrund eine Polizeistreife.

Wie eine schleichende Krankheit verändert das Corona-Virus den Alltag. Das einzige, was von der Normalität geblieben ist, ist für mich die Fahrt zur Arbeit, meist mit dem Rad. Die Arbeit, die mein Broterwerb ist und mit meinem erlernten Beruf leider wenig zu tun hat, macht grundsätzlich Spaß. Aber sie erfüllt mich nicht und ist oft genug anstrengend. Alles, was der Kompensation für diese Anstrengung dienen würde, existiert nicht, ist wie ausradiert, plötzlich nicht mehr existent: meine Sportkurse beim Hochschulsport, alle Musikveranstaltungen. Der Anblick von geschlossenen, verschlossenen Türen erschreckt mich. Ich fühle mich wie in einem schlechten Traum, einer Zeitschleife, aus der ich nicht rauskomme. Wie Neo in „Matrix“ in verschiedenen Dimensionen sich bewegt, von denen nur eine real ist. In welcher Welt, in welcher Dimension leben wir nun? Wer oder was hat uns hierher gebracht, gegen unseren Willen?

Nicht mal mehr im Stadtgarten kann man im Abstand zueinander sitzen. Eigentlich übertrieben. Auch auf einer Sitzbank könnte man Abstand halten.

Wie lange ist das noch auszuhalten? Ich weigere mich, diesen scheinbar ewigen „Sonntag-Nachmittag“ , den man beim Durchqueren der Innenstadt spüren kann, als „Normalität“ anzuerkennen. So, wie es nun seit einigen Wochen ist, ist es nicht normal. Menschen sind keine Wildkatzen, die einzeln unterwegs sind! So sinnvoll, wie die Absagen sämtlicher Kulturveranstaltungen und das Abstandsgebot auch sind: ich kann dieses ständige „stay home – save lives“ nicht mehr hören. Dieses ständige erzwungene Alleinsein, das macht krank! Es ist paradox, wenn ständig Appelle zum Zusammenhalt verkündet werden, gleichzeitig aber Abstandhalten und Zuhausebleiben gepredigt wird. Schon bemerkt?

https://www.deutschlandfunk.de/gesellschaft-in-der-coronakrise-was-isolierung-und.676.de.html?dram:article_id=473467

Auch manche Witzeleien mit den Arbeitskolleg*innen können nicht die Freude am Sport und der dort erlebten Gemeinschaft ersetzen. Ja, ich habe schon schlechtere Arbeitsstellen gehabt und die Bedingungen sind gut, ich fahre meistens gern zur Arbeitsstelle. Das momentan viel gelobte HomeOffice funktioniert bei mir übrigens aus technischen Gründen nicht. Da ich im Service arbeite, ist mir eine Trennung von Arbeitsstätte und Zuhause auch wichtig, denn: Menschen, die bei uns anrufen, können richtige Arschlöcher sein. Deshalb ist psychische Hygiene durch physische Trennung von Arbeitsort und Wohnort so wichtig.

Das noch so gut vorgetragene Konzert im Live-Stream im Internet kann kein Live-Konzerterlebnis ersetzen. Es ist schön, wenn ein Igor Levit jeden Abend auf seinem Flügel für seine Twitter-Follower spielt. Tonqualität grauenhaft, aber: die Geste zählt. Danke für Ihre Heimkonzerte. Aber wer bezahlt ihn? Man muss es sich leisten können, sich als Künstler*in zu verschenken, wie die Neue Musikzeitung richtig schrieb. Gilt übrigens auch für den Pop-Bereich, für jede-/n, die oder der vom Musikmachen und Musik-Interpretieren den eigenen Lebensunterhalt verdient. Musik ist nicht nur schön, sie ist auch Arbeit und die muss wie jede andere Tätigkeit ordentlich bezahlt werden! Oder wie Karl Valentin richtig sagte: „Kunst ist schön, macht aber auch Arbeit.“

https://www.nmz.de/artikel/geschenke

Außerdem darf nie vergessen werden: Das Publikum ist nicht nur dafür da, die Künstler*innen zu bezahlen. Jedes Konzert, sei es ein Pop- oder Club- oder Klassikkonzert lebt davon, dass Künstler*innen auf der Bühne mit dem Publikum kommuniziert. Der Intendant des Opernhauses Dortmund hat nicht umsonst und zu Recht gesagt, dass er von per Livestream übertragenen Opern nichts hält, weil das nur „abgefilmtes Theater“ sei. Die Premiere der Oper „Die Stimme von Portici“ musste fast ohne Publikum stattfinden, nur die Presse hatte Zutritt bekommen.

https://www.deutschlandfunk.de/oper-die-stumme-von-portici-in-dortmund-revolte-im-schatten.1993.de.html?dram:article_id=472650

Der Noch-Schauspiel-Chef Kay Voges zu den verheerenden Auswirkungen auf die Kultur durch die Coronakrise: Kay Voges, Schauspiel Do zu corona: https://www.fr.de/kultur/theater/theater-regisseur-kay-voges-erwartet-viele-stuecke-ueber-corona-aeussert-befuerchtung-13654207.html

Bemerkenswert ist, dass das Corona-Virus das schafft, was der Klimawandel, der mindestens genauso bedrohlich ist für die Menschheit, nicht schafft: alle sind betroffen, allen ist dies bewußt und sie tun was dagegen. Die gesamte Welt. Der feine Unterschied: gegen Covid-19 werden sofort stark wirkende Maßnahmen ergriffen. Grundrechtseinschränkungen wie das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit akzeptiert. Kaum Zweifler gibt es, die Leugner* werden größtenteils verachtet und zurückgedrängt. Selbst die scheinbar allmächtige Wirtschaft und Lobbyverbände ziehen mit, auch wenn es Kritik gibt. Absurderweise wollen gerade große Firmen wie adidas und Heu&Mist keine Miete mehr zahlen, weil ihre Geschäfte geschlossen bleiben müssen. Hallo? Was sollen Besitzer kleiner Läden sagen?

Ohne Zweifel wird dieser Krankheitserreger die Welt verändern, Wirtschaftsunternehmen, ganze Wirtschaftssysteme und gewohnte Lebensabläufe werden sich ändern müssen. Ein Bekannter und Stadtplaner rechnet mit einem großen Arbeitsplatzabbau in der Automobilindustrie. Und warum? Weil „Covid-19“, der Name der Krankheit, ausgelöst durch den Corona-Virus, sehr bald spürbar und tödlich verlaufen kann und so viel bedrohlicher wirkt als eine andere, schon seit Jahren existierende Bedrohung. Von Stickoxiden und anderem Dreck, der den Klimawandel auslöst, fällt leider niemand bald tot um oder bekommt schmerzende Geschwüre oder Atemnot. Anders kann man sich die Untätigkeit oder die nur schleppend eingeführten Maßnahmen für den Klimaschutz (durchgeführt von verschiedenen Regierungen) nicht erklären. Die Veränderungen im öffentlichen Leben werden größtenteils erstaunlich gut akzeptiert und hingenommen, kaum jemand klagt über die Schließung von Kneipen, Theatern, Opernhäusern, Bibliotheken, Sportstätten. Auf manchen Straßen ist es, wie schon erwähnt auffällig ruhig, was mich als Radfahrerin auch freut. Auf anderen genauso voll wie sonst (Mallinckrodtstraße in Dortmund). Und dennoch ist da IMMER dieses ungute Gefühl, dass da was nicht in Ordnung ist, wenn eine Polizeistreife langsam durch die Fußgängerzone mit dem Auto statt auf Fahrrädern fahren muss. Schlechter Traum? Wahrheit? Hat mich das Super-Auto K.I.T.T. irgendwo hingebracht, wo ich nicht hin wollte? Welcher Tag ist heute?

Im Zuge der staatlich angeordneten Stillegung des öffentlichen Lebens wurde zur Solidarität mit v.a. der „Risikogruppe“ aufgerufen. Man solle für die älteren Leute Einkaufshilfen anbieten. Gerne hätte ich dies gemacht, aber auf Nachfrage bei meinem Bekannten gab es keinen Bedarf, dass jemand mit Lastenrad für andere einkauft. Mir selbst war und ist diese Zeit der Corona-Krise auch nicht geheuer, ich bin immer noch damit beschäftigt, dieses Grauen zu erfassen, dass mich an die Stimmung des „lacrimosa“ aus dem Mozart-Requiem erinnert: die damalige Chorleiterin und Kantorin dieser Kirchengemeinde hatte uns aufgegeben, beim Singen das Gefühl einer bösen Überraschung und Fassungslosigkeit zu empfinden und dies mit unserer Stimme auszudrücken. Zwar stirbt hier im Jahr 2020 im Gegensatz zu Pestzeiten früherer Jahrhunderte nicht jede und jeder, aber wenn das Kulturleben stirbt oder darbt, stirbt auch bald der (physische) Mensch. Manche glauben sogar an eine neue Solidarität.

Daran glaube ich nicht. Die Corona-Krise führt zu Verhaltensweisen der Menschen, die erschreckend sind. So sehen die Regale im Supermarkt und in Drogerien aus, wo sonst Toilettenpapier, Küchenrollen, Taschentücher und Nudeln lagern. Alles andere als ein solidarisches Verhalten.

Keine Chance, wenn zuhause das Klopapier alle ist. Foto: A. Steger

Zwar muss ich nicht für einen Mehr-Personen-Haushalt einkaufen, dennoch machen mich solche Verhaltensweisen wütend! Wie egoistisch, aggressiv und dumm muss man sein, übermäßige Einkäufe zu tätigen??? Was soll das? Steht ein Krieg bevor? – NEIN! SCHÄMT EUCH!

WOFÜR braucht man Unmengen Küchenrollen u.ä. zuhause während der Corona-Krise???

WOFÜR braucht selbst ein mehrköpfiger Haushalt solche Unmengen an Toilettenpapier, Küchenrollen oder Taschentücher? Scheißen die sich vor Angst vor dem Coronavirus in die Hose, weshalb sie soviel Scheißpapier brauchen? Ihr seid doch nicht mehr ganz dicht!

Diese seltsame, absurde, verrückte Zeit, in der man nicht weiß, was man denken soll, in der ein Familienvater und Fahrrad-Enthusiast auf Twitter zu Recht die Frage, was nun werden soll, stellt, bringt auch neue Witze hervor. Ja, auch das habe ich bemerkt. Da ist ein Cartoon, der zwei suchende Augen zeigt, die sich in einer Art Festung, die nur aus Klopapierrollen besteht, herausschauen. Ein Videoclip zeigt eine Katze in einem Zimmer, die über eine immer höhere Rampe aus Klopapierrollen springt, dazu eine Art Sportkommentation auf französisch. Schon witzig, ja. Gleichzeitig klingt alles wie ein trauriger Nachruf auf ein Leben, das normal verlief, in dem man sich nicht ständig Gedanken darüber machen musste oder sollte, welchen Türgriff man angefasst und ob man sich ja auch immer die Hände gewaschen hat. Es strengt an, dieses Leben. Mehr als sonst. Dazu die Hysteriker mit ihren Mundschutzmasken. Boah! Bin ich hier in einem verdammten Operationssaal oder im Krankenhaus – oder auf der Straße im öffentlichen Raum?? HÖRT AUF DAMIT! Das bringt die Menschen nur noch mehr auseinander, macht sie mißtrauisch und zu Feinden! Nur bei alten Leuten verstehe ich, dass sie Masken tragen.

Der Anblick von gestapelten Stühlen im Café, und sei es nur bei einem Bäckereistand im Supermarkt, ein Absperrband am Spielplatz, an der vorderen Bustür vom Linienbus… das alles ist NICHT NORMAL. Ausnahmezustand, dauerhaft. Manche reden sogar vom Einsatz des Militärs im Inland. LASST DAS. Wir haben keinen Krieg! Das alles wirkt abweisend, lebens- und menschenfeindlich.

In der Zeit der Corona-Krise fühle ich neben all den Enttäuschungen, dem Entsetzen, der Fassungslosigkeit auch eine große Müdigkeit. Nicht nur, weil ich nicht zu den Sportkursen des Hochschulsports kann, sondern auch, weil genau in dieser Zeit die Sinnlosigkeit des menschlichen Lebens so deutlich wird. Klingt pathetisch, ist aber wahr. Und langsam habe ich keinen Bock mehr auf das ganze. Die Haltung, die auch ein Herr Harkort vertritt, so wie ihn dieser Künstler geschaffen hat.

Herrn Harkort in Hombruch passt auch etwas nicht. Mir auch.

Es gibt staatliche Hilfen für Kleinstunternehmer*innen und Kulturschaffende, ja. Aber wird das ausreichen? Ein Inhaber eines Sportfachgeschäftes sagte mir, dass er schon nach 3 Wochen einen Umsatzeinbruch von 80% hätte, nur hätte er im Gegensatz zu den Gastronomen eben noch die Ware als Gegenwert. Zwei kleinere Fahrradhändler bangen um ihre Existenz. Das alles deutet auf eine Zukunft hin, in der niemand wirklich leben will.

Hätte ich doch nie Abitur gemacht.

Hätte ich nie ein Opernhaus oder Konzertsaal betreten.

Wäre ich in dem scheiß abgelegenen Kaff geblieben, wo ich aufwachsen hatte müssen, wäre ich dumm geblieben, dann könnte ich wie andere diesen ganzen Corona-Müll einfach hinnehmen, ohne ständig nachzudenken. Oder ich wäre so ein Technik-Gläubiger und Technik-Trottel geworden, der oder die jeden Tag alles über Covid-19 liest und zu wissen glaubt, obwohl es nicht wirklich was neues gibt (ich habe da meine Zweifel). Ich hasse diese Leute! Eigentlich gehören sie alle zwangsweise in regelmäßige Soziologie- und Psychologie-Vorlesungen gesteckt. BESCHÄFTIGT EUCH GEFÄLLIGST MIT DEN SOZIALEN FOLGEN, Ihr Technik-Deppen! Und hört auf, die Naturwissenschaft anzubeten! Mancher hat schon wohl heimlich einen Drosten-Altar zuhause, so wie früher die KatholikInnen v.a. im Mai zuhause sich einen Marienaltar aufgebaut hatten, was? Man kann das kitschig und dümmlich finden, aber: der Marienkult mag auch nerven, aber er nervt nicht so sehr wie der Kult um Drosten. Wobei ich glaube, dass er selbst nicht wie ein Heiliger verehrt werden will, weil er um seine Grenzen weiß und diese Star-Verehrung nicht nötig hat.

Verstehen Sie mich nicht falsch: ich hasse VerschwörungstheoretikerInnen genauso. Von mir wird NIEMAND ANGEBETET, weder die Medizin noch die Homöopathie. Weder Herr Drosten noch irgendein bedeutender Heilpraktiker/bedeutende Heilpraktikerin. Auch wenn ich es leider nicht erleben werde: ich wünsche all den Technik-Gläubigen, die Deppen, die nur auf diese verdammten Zahlen über Covid-19 ständig spekulieren, als ob sie Börsen-Geschäfte machen würden: einmal werdet Ihr aufwachen und merken, dass Euch eure elende Naturwissenschafts-Versessenheit nicht mehr hilft. Verdammt, warum spüre ich was, was mir fehlt? Was ist das? Ich werde mich doch nicht mit Gefühlen beschäftigen müssen? Was war das noch mal? Kann man das berechnen, in Zahlen ausdrücken? Aber neeeiiin, das ist so irrational! Zu blöd, dass der Mensch keine Maschine ist! Und selbst die Gscheiderln von der Schulmedizin kapieren langsam, zumindest langsam, dass der Geist, die Psyche so wichtig für die Heilung des Körpers ist. Es ist u.a. vom „broken-heart-syndrom“ die Rede (schnauf, Glück gehabt, es wird wieder wissenschaftlich!) Und das hat NICHTS mit Homöopathie oder Verschwörungstheorien zu tun.

Anderen helfen in der Corona-Zeit… hätte ich gern gemacht. Allerdings wollte ich umziehen, raus aus einer schimmligen Wohnung, um die sich der Vermieter seit Jahren einen Scheißdreck kümmert. Nach 5 Jahren habe ich den Kampf aufgegeben, erst seit einem Jahr etwa habe ich beim Mieterbund einen Rechtsanwalt gefunden, der sich wirklich für mich einsetzt. Aber die Hunde sind schon schlau, sie wissen genau, wie weit sie gehen dürfen, um ihrer unendlichen Gier nachzukommen. Nicht, dass Mietzahlungen zu verlangen grundsätzlich falsch oder schlecht wäre. Was mich wütend macht ist die Verantwortungslosigkeit, mit der dieser Vermieter auftritt: da wird gerade mal die Fassade schön gestrichen, aber innen sind die Wände ramponiert, die Treppenstufen ausgetreten, die Wohnungstüren so windig, dass man nur dagegen hauchen muss, damit sie aufgehen. Auch als selbstbewußter Mensch kann man sich in solch einem Haus nicht mehr sicher fühlen.

Gleich eins vorneweg: schaffen Sie sich nicht so viele Bücher und CDs an. Das ist mit ein Grund, weshalb ich an einem Tag nicht fertig wurde mit dem Transport meiner Sachen. Seit dem ca. 20. April bin ich mit dem geliehenen Lastenrad fast jeden Tag mindestens 1x hin- und hergefahren, um die alte Wohnung leer zu bekommen. Auf den Straßen der Nordstadt Dortmund immer wieder Menschen, hin und wieder fordert die Polizei, meist über Lautsprecher auf, dass sie sich nicht versammeln sollen. Rein rechtlich geboten, manche mögen vielleicht auch krumme Geschäfte im Sinn haben, aber: dennoch absurd. Denn der Mensch ist keine Wildkatze, die allein durch die Gegend streift!

Zur Einsamkeit, die aufgrund des Versammlungsverbotes noch schlimmer für mich ist, kommt noch der Ärger mit dem alten Vermieter hinzu, der nun die ganze Mai-Miete sehen will, weil ich über das Kündigungsdatum des 30. April hinaus die Wohnung noch nutze. Stimmt, es sind noch ein paar Sachen drin. Diese Mail war erst mal ein Schock. Aber ich werde niemals die ganze Mai-Miete zahlen! Jetzt haben sie es eilig, bei der Aufforderung, den Schimmel endlich zu entfernen, das war scheißegal!

Sicher habe ich es einerseits gut, weil ich mir die Wohnung mit niemandem teilen muss. Aber weil meine biologische Familie kaputt ist (nur kurz: meine Mutter tut das im Kleinen, was der Wahnsinnige und Kranke auf dem US-Präsidentenstuhl im großen macht – und nein, die ARD-Serie „Mord mit Aussicht“ ist NICHT LUSTIG), besteht mein Sozialleben nunmal aus der Gemeinschaft bei Sportkursen, bei gemeinsamen Stadtrundfahrten wie der Critical Mass, der Kidical Mass , der ADFC-Sternfahrt. Das ist alles abgesagt, das Sozialleben tot. Das tut unendlich weh. Und macht mich auch unendlich wütend.

Verstehen Sie mich nicht falsch: ich kann das Versammlungsverbot nachvollziehen, auch dass man sich nicht zu nahe kommen darf. Es ist und war beim Hochschulsport nicht üblich, sich großartig wie z. B. durch eine freundschaftliche Umarmung zu berühren. Aber sich überhaupt nicht treffen dürfen, das ist so bitter, macht mich einfach nur noch fertig. Beim letzten Parcours-Kurs, der mir so viel Spaß machte, weil man dafür kein Halbprofi sein muss, hatte ich noch domicil-Flyer (domicil: Jazzclub n Dortmund) verteilt, es sah so aus, als ob man sich neben dem Sport auch mal dort treffen und nett plaudern könne. Das ist jetzt alles tot und wird es bleiben. Ich glaube aus verschiedenen Gründen nicht an eine Zeit nach Corona. Unser Trainer, kein Angestellter des Hochschulsports, lebt von u.a. diesem Kurs. Ich hatte ihn kurz nach Ausbruch der Coronakrise gefragt, per Nachricht, wie es ihm ginge. Bis heute kam keine Antwort, aber ich befürchte nichts Gutes. Es ärgert mich auch sehr, nicht im Fitnesszentrum trainieren zu können. Ich will nicht zu einer zweiten Regina Halmich werden, aber die Fehler und die Faulheit und Dummheit einer Verwandtschaft vermeiden, die nach der Fressewelle der 1960er Jahre nicht mehr aufgehört hat, zu konsumieren und heute nur über Herz-Kreislaufkrankheiten und Adipositas jammert (und dabei ganz wichtig: dicke Männer sind noch okay, aber Frauen bitte gefälligst nur, wenn sie nachweisen können, auch Kinder produziert zu haben. Dann ist die Wampe gerechtfertigt).

Was heute der Sport ist, war zuerst der Chor. Jahrelang hatte ich immer in einem Chor gesungen, es hat mir auch immer wieder geholfen, mit psychischen Schwierigkeiten fertig zu werden. Gerne hätte ich, als ich vor 5 Jahren nach Dortmund gezogen war, das Singen weiter betrieben. Der zweite Chor, bei dem ich mich vorgestellt hatte, war mir sympathisch, ich hatte auch den Eindruck, dass ich eingeladen gewesen war. Leider wurde es ncihts, weil der Chor schon zu viele Altistinnen hatte. Die Absage konnte ich dem Leiter nicht übel nehmen, dennoch war es und ist es für mich ein herber Rückschlag. Ich komme mir oft vor wie Wolfgang Borcherts Titelfigur in „draußen vor der Tür.“ Und nun habe ich es satt, so satt, immer noch zeitweise Teil einer Gemeinschaft zu sein. Im Studierendenchor damals leider traurige, alltägliche Realität, weil mal wieder jemand sein Studium abgeschlossen oder abgebrochen hat.

Zu meiner großen Verwunderung lese ich immer wieder auf dortmund.de oder den RuhrNachrichten, dass Menschen während der Corona-krise geheiratet haben. Weil ab 27.4. im ÖPNV und Geschäften und in Ämtern Masken getragen werden müssen, gerät das Leben zu einem einzigen absurden Maskenball. Die Braut mit Mundschutz, die Gäste weit auseinander stehend, als ob sie miteinander nicht szu tun haben wollten. Mich ekeln diese Masken auch deshalb an, weil sie mich an ÄrztInnen, an alles Schlechte und Schmerzhafte, Ernste erinnern. Eine Maske IST NICHT HARMLOS, sie inst ein Warnsignal! Auch wenn es für eine Medizinerin oder Pfleger Alltag sein mag, so ein elendes Ding anzuziehen, für uns Zivilisten* IST ES DAS NICHT! Ich halte zwar nichts vom Heiraten, aber: Hochzeit in Coronazeiten abzuhalten, das ist so, als ob ein Fleischer/Fleischeirn oder Gemäsehändler-/in plötzlich nur noch aus Woalle gehäkelte Würste bzw. Gemüse statt echter Ware anbieten würde und eine Kundin oder Kunde ihm dann auch noch sagen würde: jaaa, ich rieche den Duft ihrer Papaya-Früchte oder ihrer Wurst! Ganz klar. Bei einer Hochzeit, in der es auf Nähe, auf Vertrauen, auf Zusammensein ankommt Maske tragen! Wäre es doch nur Theater statt Realität gewesen!

Anfang April musste ich auch Geburtstag haben. ein runder Geburtstag, den ich nicht erleben will. Am Tag selbst kommt kaum gute Laune auf, weil diese verdammten schweren Beine mich kaum loskommen lassen. Gern wäre ich zum Schloß Hülshoff ins Münsterland gefahren, aber dort ist sogar der Park geschlossen, was mich erbost. Dann lasst doch Euren Scheiß, dort brauche ich nicht mehr hin! Ich war schon einmal dort gewesen, um Ruhe nach einer schweren Enttäuschung zu finden. Nur für eine Minitour, vorbei an einem verlassenen Biergarten, hat es gereicht. Als Kind freut man sich noch darauf, älter zu werden. Ab einem gewissen Alter ist das aber nur noch ein Graus. Nein, mir braucht niemand mit Gegenreden kommen. Schaut Euch diese verdammte Gesellschaft doch an! die Jugend wird verehrt und alles, was über 30 oder gar 40 ist, wird verachtet. Erst recht, wenn man zu den Verdammten gehört, die erst nach dem Beruf das Abitur und Studium absolvieren hatten können. Die so froh waren, das geschafft zu haben, nur um dann erneut festzustellen: sie sind nicht erwünscht. Oder man ist schlichtweg zu alt für Freundschaften oder gar Partnerschaften, das ist schmerzlich, aber nachvollziehbar, dass es so ist. Und ja: ich bin wütend und verbittert, auf all diejenigen, allen voran meine Mutter und andere Ereignisse, die mir ein Abitur in früheren Lebensjahren verweigert haben!

Literaturtip von Soiologie-Professor Stephan Lessenich: Soziologie des Alterns. (juhuu, Wissenschaft! Wenn auch keine Naturwissenschaft, ich weiß).

Im ganzen Umzugschaos, der Erschöpfung und,dem ganzen Frust über die Corona-Krise hätte ich fast mein Abitur-Zeugnis weggeworfen. Heute tropfnaß aus,dem Abfall,gefischt. Mein BA,Zeugnis muss auch noch drin stecken, macht aber nix, die Papierabholung ist nicht in den nächsten Tagen.
Dieses Versehen spiegelt aber auch die Realität wieder: dass meine Abschlüsse nichts,wert sind. Jede Absage für ein im Beruf der Journalistin so notwendiges und,wichtiges Volontariat o.ä. wurde abgelehnt bisher. Danke für michts, LWL-Industriemuseum Zeche Hannover! Entschuldigung, dass ich nicht blond oder,dürr oder nicht jung genug gewesen war!!!
Ich hätte,den Job,gerne gemacht. Erst recht, weil ich einen BA-Abschluss in Kulturgeschichte habe. Aber das ist ja nichts wert. Wer keine 25 mehr ist, kann die Schrott-Arbeiten machen, damit diese verdammte Gesellschaft funktioniert.
Mein Brotjob ist momentan nicht so schlecht,wie frühere. Aber er erfüllt mich nicht und ich will damit nicht sterben. Ich,will mit Rundfunkjournalismus mein Geld verdienen, verdammt noch mal.
Wer mir jetzt widerspricht, dass ich mich,selbst nicht abwerten soll:-das tue ich nicht, das machen all,die Institutionen, die mir Absagen schicken und sich für jüngere entscheiden. Alte Menschen, dazu gehören,auch Menschen über 30 oder ab,40 Jahren, sollen gefälligst die Schnauze halten und die Drecksarbeiten,erledigen. In unserer Gesellschaft herrscht ein Jugendwahn. Da nützt das beste Selbstbewusstsein nichts.

Wer mir,widerspricht, ich,solle mich nicht abwerten, der oder die soll mir mal flugs einen anständigen Volontariatsplatz besorgen. Und zwar nicht bei einem scheiß Anzeigenblatt oder Privatsender. Sondern bei einer anständigen Institution, die anständig bezahlt wie der WDR.

Weil das mit großer Wahrscheinlichkeit nicht passieren wird, weil ich zu alt -siehe der Wortlaut absurder Stellenanzeigen – bin und mein Arsch nicht blond und nicht,schlank genug ist (die Entscheider bei Personalfragen sind zu oft Männer), plädiere ich sehr für den Abgang,der gesamten Menschheit. Die Corona-Krise bietet die Möglichkei ,dazu. Irgendwann ist meine Geduld zu Ende. Denn ich nicht nicht so dumm, bis zum St. Nimmerleinstag zu warten.
Eine, sie mich damals aus,dem Campusradio Jena mit rausgeworfen hat, macht jetzt Volo bei Deutschlandfunk Kultur . Ich wünsche ihr von Herzen,eine immer offene Büchse der Pandora. Meine Bewerbung nur für ein Praktikum war nichts wert gewesen. Aber dann in ein paar Jahren jammern, dass die sogenannte Arbeiterschicht nicht bei den Journalisten* vertreten ist! IHR WIDERT MICH mit eurer akademischen Verlogenheit SO AN!!!

Beim WDR gibt es das Programm „Grenzenlos“, das Migrant-/innen ermöglichen soll, für den WDR zu arbeiten. Das ist richtig so und wichtig, denn es sollen diejenigen Medien gestalten, die auch hier leben. Dieses Land Deutschland besteht nunmal nicht nur aus weißgesichtigen, blau- und grünäugigen Menschen. Jeder Sender, jedes Medium, erst recht die öffentlich-rechtlichen, sollen, MÜSSEN solch auch ein Programm für Berufseinsteiger meiner Altersgruppe, ab 30 bis in die 40er Lebensjahre hinein auflegen! Und keine Ausreden, von wegen, man habe kein Geld dafür! Wofür werden Rundfunkgebühren bezahlt? Und dann ist die Kamera oder das Aufnahmegerät, das man benutzt, eben mal 2 Jahre alt! Klar, nach dem Tonband sehne ich mich auch nicht zurück. Ich wäre froh, mir ein gebrauchtes leisten zu können, was auch wirklich was taugt!

Ich lasse nun auch mein bisheriges Leben passieren und mir fällt viel auf, was nicht geklappt hat, was grundsätzlich falsch läuft. Die ganzen miesen Täterinnen und Täter, die mich gemobbt haben und die feigen, dummen Lehrer-/innen, deren verdammte Aufgabe es gewesen wäre, diese Täter zu bestrafen! Wenn die Corona-Krise überhaupt irgendeinen Nutzen, eine gute Folge haben soll, dann die: endlich eine Gesetzgebung, die ohne jede Verjährung alle, wirklich alle Mobbing-Taten und Sexualstraftaten ahndet! doch dafür müsste erst die CDU verboten werden, diese Partei verhinderte regelmäßig gerechtere Gesetze für die Opfer jeder Gewalt. Ich hasse die Täter-/innen bist heute. Und es ist ein Skandal, dass Menschen, die andere nachhaltig so verletzen, nicht lebenslang im Gefängnis sitzen müssen. Und doch, man sieht diese Verletzungen, auch wenn sie nicht auf der Haut oder in den Organen zu sehen sind, Ihr Pfeifen! Kein Friede mit den Täter-/innen, niemals! Ohne Sühne, ohne Bestrafung kein Friede, keine Ruhe für die Opfer!

Zum Vergleich: Kaugummidiebe* und Schwarzfahrer* werden hart bestraft, während Mobber weiterhin ihre tödlichen Straftaten verüben. Nur wenn sich dann jemand umbringt, dann geht wieder das allgemeine Gejammer los. Hört mir doch auf mit der Heuchelei! Schafft Gesetze, die diese Hunde bestrafen!!!

In dieser Gesellschaft will ich NICHT alt werden. Dann lieber vorher sterben, als von einer meist weiblichen, schlecht bezahlten, wenig gebildeten und immer grantigen Altenpflegerin rumgeschoben, gewaschen und im schlimmsten Falle wie ein Kind gefüttert werden müssen. Von den ersten Verfallserscheinungen, die schon mit Mitte 30 auftreten können (schwere Beine morgens, weil die verdammten Venenklappen nicht mehr so funktionieren, wie sie sollten) ganz zu schweigen. Nein, lassen wir es. So wichtig sind wir Menschen nicht.

Woooow, jetzt geht wieder die Beratungs-/Selbstbewusstsein-Stärken und blabla-Maschinerie los. Nein danke, hatte ich schon. Hören Sie auf, von den Opfern zu fordern, dass sie sich beraten lassen sollen! Bestrafen sie die Täter-/innen, die haben das bitter nötig! Ganz gleich, wie lange diese Taten schon zurück liegen, sie müssen geahndet werden! Stellen Sie Forderungen an die Täter-/innen, nicht an die Opfer! Die haben schon genug gelitten!

„Da müssen wir jetzt durch.“ Nein, müssen wir nicht. Ich glaube nicht mehr daran, dass manches nach der Coronakrise besser wird, dass z. B. dieser Wahnsinn der forderung nach immer mehr Wachstum endlich aufhört, dass die Politik sich endlich auf eine lebenswerte Zukunft einrichtet und den Klimawandel wirklich aktiv bekämpft. Dass dieser Autowahn im deutschen Straßenverkehr, der so vielen Menschen, nicht nur Radfahrenden, täglich Kraft, zuviel Nerven, zuviel Zeit und das Leben kostet, aufhört. Dafür müsste man die CDU als zukunftsfeindliche Partei verbieten. Das wird aber kein BVG durchgehen lassen. Allen voran unser „toller Wirtschaftsminister, der von mir meistgehaßte Politiker, der auch schon über Fridays for Future schimpfte, als ob da ein paar Teenager für billigere Pullis statt für ihre Zukunft protestieren wollten, ist ein Hauptverantwortlicher für die zukunftsfeindliche Politik in diesem Land.

Vielleicht bekommen manche Menschen jetzt mehr Geld, weil man den Wert ihrer Arbeit als Pflegekraft, Rettungsassistentin, Verkäuferin etc. endlich erkennt. Vielleicht. Ich habe meine Zweifel daran.

„Da müssen wir jetzt durch.“ Nein, müssen wir nicht. Von dem ganzen Elend der möglichen Partnerschaft, dem ewigen, sinnlosen Bangen und Hoffen will ich gar nicht reden. Nur so viel: wer sich bald 20 Jahre nicht für eine Frau interessiert, der soll einfach nur noch das Maul halten und mit Freundschaft sich zufrieden geben. Nach einer schweren Enttäuschung, die mir fast das Leben gekostet hätte (wooow, ja ich weiß, jetzt wird es wieder kitschig und so ganz schlimm unwissenschaftlich für die Technik-Verliebten, tut mir nicht leid für Euch Unverständigen), der Beobachtung der Gesellschaft und den Büchern der Soziologin Eva Illouz („Liebe im Kapitalismus“) habe ich es aufgegeben, in diesem Leben wirklcih noch Liebe zu finden. Von all den armen Schluckern, Trotteln und auch Psychopathen, die meinten, mich emotional (nicht finanziell) ausnutzen zu können, gar nicht zu reden. Die in einer Frau nur ihr Dummchen, das si in ihrer Unselbständigkeit bekocht, ihre Hure und Sozialarbeiterin ist, weil sie selbst unwillens oder unfähig sind, sich slebst um die eigenen Probleme zu kümmern. Lasst es einfach. Lassen wir es einfach. die Corona-Krise gibt uns die Chance dazu, endlich mit der menschlichen Existenz Schluss zu machen. Und zwar alle. Noch einmal umziehen (das habe ich gerade gemacht), noch einmal zur Arbeit gehen, noch einmal Freunde anrufen, noch einmal Radfahren, Musik hören… und dann geordnet alles menschliche Tun und Leben beenden. Die Radiosender stellen nach und nach ihren Betrieb ein, das Programm von DLF Kultur, was ich ein- oder zweimal während der Coronakrise gehört hatte, war grauenhaft gewesen. Kein Wunder, ohne Theater- oder Konzertaufführungen gibt es auch ncihts zu berichten. Irgendwann sind auch die Streaming-Tips nur kalter Kaffee.

Diejenigen, die nicht technikgläubig sind, können sich dann über zoom oder andere Konferenzplattformen dann bis zum Ableben aus den Büchern von Eva Illouz vorlesen, oder aus Albert Camus`“Die Pest.“ Weitere Literatur: Margarete Stokowskis „Untenrum frei“ für alle, die immer noch nicht wahrhaben wollen, dass Sexismus verboten und bestraft gehört.

Wer diese Verweigerungshaltung gegenüber der angeblich bevorstehenden Zukunft nach der Coronakrise nicht nachvollziehen kann oder will, dem empfehle ich dringend „Bartleby the Scrivener“von Herman Melville. Auch das eignet sich zum gegenseitigen Vorlesen.

Und ganz wichtig: der Soundtrack zum Abgang der Menschheit. Nur um die Kunst ist es schade, wenn der Mensch nicht mehr ist. Denn die Tiere können weder Kunst erschaffen noch deren Wert und Inhalt begreifen. Die Playlist zum Abgang der Menschheit:

  • Oscar Petersons Version von „summertime“
  • erst recht wegen enttäuschter Liebe: „Back tu black“ von Amy Winehouse
  • Weil ich nicht mehr kämpfen mag und kann: „Kapitulation“ von Tocotronic
  • Und wer es lieber „klassisch“ mag: Richard Strauss „Tod und Verendung“ (die negative Version seiner Komposition „Tod und Verklärung“, denn es gibt hier nichts zu verklären) oder die Bach-Kantate „ich habe genug“
  • und kurz vor Schluss, da darf es ruhig auch noch mal rührselig werden: der „Abendsegen“ aus der Oper „Hänsel und Gretel“ von Engelbert Humperndinck.

Wenn endlich Schluß ist mit allem menschlichen Leben, dann muss ich und alle anderen Opfer auch nicht mehr über die Mobber, über schlampige, verantwortungslose Vermieter, Idioten* im Straßenverkehr, über Psychopathen, die frei herumlaufen dürfen, ärgern. auch nicht über die widerlichen Trottel, die mich anmachen wollen und oftmals meine gerade andauernden schwachen Momente ausnutzen wollen (kein Mensch ist ständig 24 Stunden psychisch total stark und wehrhaft!) Keine Schmerzen mehr, auch nicht wegen Einsamkeit. Und vielleicht gibt es wie in Astrid Lindgrens „die Brüder Löwenherz“ eine zweite Welt, in der man die wenigen Menschen, die einen wirklich geliebt haben, die aber gewaltsam aus diesem Leben gerissen wurden und man wieder nur den Arschlöchern ausgesetzt war (Familie) wieder treffen kann. Von der christlichen Scheiße will ich gar nichts wissen, mit dem Müll musste ich aufwachsen. Ich wäre schon zufrieden, wie Demeter in den Hades hinabgehen zu dürfen, um Verstorbene treffen zu können und ihnen das sagen zu können, was im Leben nicht möglich gewesen war zu sagen.

Menschen sind nicht fähig, friedlich zusammen zu leben. Das zeigen die zahlreichen Konflikte im Nahen Osten, das Sterben auf dem Mittelmeer, bei dem zu viele europäische Regierungen nur zusehen. Das zeigte nicht nur meine Familie jeden Tag deutlich, deshalb bin ich auch mit 19 Jahren ausgezogen. Die Corona-Krise hat alle sozialen Verwerfungen und Probleme wie häusliche Gewalt, Gewalt gegen Flüchtlinge und Einsamkeit noch verschärft. Ich habe Kulturgeschichte und Soziologie studiert und abgeschlossen, mich immer wieder selbst reflektiert, um diese Gesellschaft zu begreifen und besser zurecht zu kommen. Aber es geht nicht weiter jetzt. In einer Stadt und Gesellschaft ohne den Jazzcoub domicil, ohne Sportkurs oder Chor will ich nicht leben. Nicht ein Traum ist in Erfüllung gegangen. Warum also weiter sinnlos dahin vegitieren? Ich habe keine Hoffnung mehr. Deshalb SCHLUSS JETZT. Mit der gesamten Menschheit. Ohne metaphysisch sein zu wollen: die Coronakrise könnte ein Zeichen dafür sein, genau das zu tun. Denn die Erde braucht keine Menschen.

Nur Krach und Klamauk

Oper „Der Barbier von Sevilla“ am Opernhaus Dortmund.

13. Vorstellung am Samstag, den 2. Februar 2018

Die Ankündigung lies sich nicht schlecht. Die Figuren in der Oper „Der Barbier von Sevilla“ von Gioachino Rossini wären in der Dortmunder Inszenierung Marionetten, die sich nicht aus eigenem Willen bewegen könnten. Hört sich nach einem brauchbaren Konzept an, eine Inszenierung, die funktionieren könnte. Die eigene Arbeitswoche war anstrengend gewesen, also ging die Autorin am Samstag abend in die Oper. Warum nicht was leichtes, lustiges ansehen? Vor vielen Jahren lief Rossinis Opern-Hit am Opernhaus Nürnberg, aber wie die Inszenierung war, ist heute unklar. Die Wahrnehmung eines Menschen ändert sich, wenn an älter wird.

Der Vorhang auf der Bühne ist dieses Mal kürzer, eine schräg stehende Wand grenzt die Bühne vom Orchestergraben ab. Es soll ja ein Marionettentheater heute werden, mit Menschen an Fäden. Gut, darauf läßt man sich als Opernbesucherin ein. Als der Intendant, bevor es losgeht, nach vorne tritt, wird klar, dass heute etwas anders sein wird. Kaum eine Vorstellung vergeht, als dass ein Sänger oder eine Sängerin irgendwie stimmlich angeschlagen ist. Die Musik an diesem Abend ist auch gar nicht das Problem dieser inzwischen schon 13. Aufführung des „Barbiers von Sevilla.“ Es ist die absolut nicht schlüssige, langweilige Inszenierung. Dieser Abend war bemerkenswert, so schlecht war die Inszenierung.

Zugegeben, die Geschichte ist nicht sonderlich spannend und aufregend. Ein Adliger verliebt sich in eine Bürgerstochter, also eine nicht seinem Stande entsprechende Heiratskandidatin. Die hat zufällig viel Geld von ihren Eltern geerbt, weshalb der Vormund – Doktor Bartolo – , der Musiklehrer Basilio und wohl auch noch andere testosteron-übersäuerten Gestalten im damaligen Sevilla wild auf diese Bürgerstochter Rosina sind. Daraus könnte man eine witzige, freche, auch gesellschaftskritische Inszenierung machen. Aber in der Version von Martin G. Berger als Regisseur verkommt der „Barbier von Sevilla“ zum reinen Klamauk. Ein einziges, unerträgliches Kasperletheater. Sind wir nicht im Opernhaus? Oder doch im Varieté-Theater? Nciht genug damit, dass Doktor Bartolo einen extra dicken Bauch und gestreifte Hosen wie ein Clown und eine derart lächerlich hohe Perücke trägt. Auch Figaro ist äußerlich ein einziger Clown, grell geschminkt dazu, nur zu ihm paßt die Maskerade wirklich. Nur der Musiklehrer sieht ’normal‘ aus. An diesem Abend war die Besetzung anders, im 2. Teil mußte sich Sunnyboy Dladla als Graf Almaviva vom Orchestergraben stimmlich durch einen Ersatzsänger unterstützen lassen. Nur für den selbstherrlichen Graf Almaviva ist die Kleiderwahl gelungen – bis er sich, weil er inkognito ins Haus von Doktor Bartolo eindringen will, verkleiden muß. Ein Clown = der Barbier reicht nicht, auch der Graf bekommt nun einen roten Umhang mit grüner Mütze, damit er der 2. Clown ist. Fassungslos sieht man zu, wie alles immer bunter, schriller und ordinärer wird – ohne dass es auch nur irgendeinen Mehrwert für die Oper hätte. Ach so, wir haben ja Karneval, habe ich vergessen.

Es ist schon richtig, dass in der Inszenierung nichts versteckt oder verheimlicht wird. Graf Almaviva steckt dem Bartolo – kaum zu erkennen: Morgan Moody – eine dunkelbraune Schwimmnudel zwischen die Beine, ganz klar, dass dieser damit mit seinem sexuellen Verlangen nach Rosina entlarvt wird. Aber warum im Hintergrund unbedingt eine kurze Videosequenz mit Miss Peggy und Kermit dem Frosch als Sadomaso-Liebende gezeigt werden muß…völlig unnötig. Dann fällt man kontrolliert eine Wand um, eine Mitarbeiterin der Technik muss mehrere Male ein komisches braunes faltiges Plüschtier über die Bühne kriechen lassen. Die Krallen lassen vermuten, dass er der sinnbildliche Maulwurf ist, der bei den Menschen herumspioniert, dann taucht dieses abscheuliche Wesen – also das Plüschtier, nicht die Mitarbeiterin – immer dann auf, wenn der Intrigant und Lügner von Musiklehrer Basilio in Aktion ist. Oder ist es ein Bandwurm, der sich wie der von Basilio besungene Rufmord immer weiterverbreitet und Unheil stiftet? Diese Figur des Basilio ist eine sehr wunderliche: statt Notenpult und Klavier hat er Apparaturen und Gestänge vor sich stehen, es raucht und knallt und blitzt wie im Klischee-Chemie- und Physik-Labor. Offensichtlich hatte Martin G. Berger seinen Chemie- und Physikunterricht in der Schule recht gern. Die immer anwesende Feuerwehr im Publikum will schließlich auch unterhalten werden. Wäre doch langweilig, wenn man immer nur Eingänge und das Vorhandensein von Feuerlöschern kontrollieren müßte! Die Bühnentechnik, die sonst immer nur leise im Hintergrund agiert, damit alles auf der Bühne funktioniert, war mehrere Male aktiv zu sehen. Hatte wohl mal Lust, offen zu zeigen, was sie kann, die armen grauen, äh schwarzen Mäuse. Und nicht zu vergessen die „plötzlich“ umfallende Wand. Da hat es geknallt. Dazu Stroboskop-Licht, wechselnde Bühnenbilder… Wow. Und weil Graf Almaviva vom Soldaten dann zu einem Musikstudenten werden muss, klaut er einfach dem Dirigenten seinen Frack. Super Idee. Und sowas von glaubwürdig. Ah, Dirigent Christoph JK Müller trägt Hosenträger. DAS wollte ich als Zuschauerin unbedingt wissen.

Musikalisch war die Inszenierung in Ordnung, wenn auch nicht ganz überzeugend. Sänger und Sängerinnen waren nicht immer auf gleicher Höhe mit den Philharmonikern, die Marionettenschnüre schienen vor allem Aytaj Shikhalizada als Rosina öfter die Luft zu nehmen. Bei all dem bunten Gewusel, das weder Sinn noch Ziel hat, kann einer oder einem schon mal die Luft wegbleiben und man kann die Orientierung verlieren.

Und pardon, bei aller Sympathie für die Person, aber einen Erzähler braucht es in dieser Oper nicht. Ich muß mir nicht sagen lassen, was jetzt passiert. Wollte das Theater nicht Programmhefte verkaufen? Oder sind das dieses Mal nur Attrappen, mit weißen leeren Blättern drin? Bei aller Sympathie, die man für Hannes Brock als Erzähler und Puppenspieler (hatte er sich nicht vom Theater verabschiedet gehabt in der letzte Spielzeit? Als Opernsänger kann man wohl nie Schluß machen, bis man von der „Weltbühne“ abtreten muß und die Stadt Dortmund ihm ein Staatsbegräbnis geben wird – ich werde dafür breitwillig Straßensperrungen in Kauf nehmen) haben kann : bei allem Witz, der in seiner Schilderung der Geschichte durchaus vorhanden war, fühlte sich die Autorin oft nur genervt. Die Erzählung wirkte aufgesetzt und unnötig. Und das Ende ist sowas von überraschend. Auch ein noch so toller Hannes Brock kann aber diese Inszenierung nicht retten.

Das erste Mal innerhalb von 3 Jahren, in denen die Autorin nun schon regelmäßig das Opernhaus Dortmund besucht, hatte sie in der Pause den Gedanken, doch nach Hause zu gehen. Ratlos bleibt man vor lauter schrillen Farben und ständig wechselnden Bewegungen der Figuren zurück. Es kracht, faucht und maunzt auf der Bühne, aber es passiert – nichts. Langweilig war diese Inszenierung, weil völlig überladen. Eine ohnehin schon dürftige Geschichte wird nicht besser, wenn noch mal drei Wände umfallen, noch mal eine Wand mit klischeehafter Rosa-Blumen-Tapete aufgefahren wird oder es noch mal mit einem Feuerchen im Musikzimmer von Basilio kracht. Man möchte gar nicht daran denken, was das alles gekostet hat; der Ersatz für die durchgeschnittenen Marionettenseile noch gar nicht eingerechnet. Die Opernsängerinnen und die Opernsänger hatten dagegen meistens ihren Spaß. Hätte mir auch gefallen, ungestraft und vor den Augen vieler Leute, die am Ende sogar mit standing ovations applaudierten, Schabernack zu machen. So wie Andreas Beck, ein Mitglied im Schauspielensemble einmal im RN-Interview sinngemäß sagte: „ich mag meinen Beruf. Ich kann lachen, morden, betrügen, schlecht über jemand reden, lügen auf der Bühne – und werde dafür nicht bestraft.“ Wohl wahr. Wenn dabei aber das eigentliche Stück, das an diesem Abend aufgeführt werden soll, nicht mehr zur Geltung kommt, wenn der Sinn und Mehrwert für das Stück nicht vorhanden sind, dann war die Inszenierung schlecht und diente nicht mehr der Kunst. In der aktuellen Version von Martin G. Berger ist genau dies vortrefflich gelungen: schlechtes, weil überfrachtetes Theater.

Fast hätte die Autorin ihren Slapstick-Beitrag zur Inszenierung geliefert, weil sie im Matsch und Schnee des Vorplatzes fast mit dem Rad gestürzt wäre. Nur schauen mir da wenige Leute zu und lustig ist es auch nicht, vom Fahrrad zu stürzen, weil nicht ordentlich geräumt ist. Gilt auch für viele öffentlichen Straßen und Wege.

Der Barbier von Sevilla, Oper von Gioachino Rossini, Opernhaus Dortmund. Weitere Termine: https://www.theaterdo.de/detail/event/matinee-zu-die-kroenung-der-poppea/?not=1&cHash=294e938696c9c74af3344c3bab10ed54&sword_list[]=barbier&sword_list[]=von&sword_list[]=sevilla&no_cache=1

Aber bitte mit Ü! Wenn da nicht die (Aus-)sprache wäre.

Kommentar zur Vorlesung und zum Konzert der Reihe Bild und Klang:

Oratorio de Noel von Camille Saint-Saens

(Ur-)Aufführung der ersten wissenschaftlich-kritischen Ausgabe

am Dienstag, den 11. Dezember 2018 um 19.30 Uhr,

evangelische Stadtkirche St. Reinoldi, Dortmund

Zunächst ein Lob an die Musikerinnen und Musiker. Sie haben einen guten Job gemacht, als Besucher-/in hat man der Musik gerne zugehört, während draußen vor der Kirchentür Klampfenmusik gepaart mit geistlosem Liedgut zum Weihnachtsmarkt geboten wurde. Nur schnell rein in die Reinoldikirche, um dem Grauen zu entkommen! Es war spannend, Hintergründe zu einem bereits bekannten Werk zu erfahren: dass es verschiedene Fassungen gab, warum Camille Saint-Saens dieses „Oratorio de Noel“, das zuerst nur einen lateinischen Titel hatte, geschrieben hat. Alles schön, die nicht immer sauber getroffenen hohen Töne verzeiht man als Zuhörerin, denn hier sind Lehramtsstudierende am Werk, keine angehenden Opernsängerinnen und -sänger. Der Zauber und die Schönheit dieses Stücks kam beim Publikum an, die musikwissenschaftlichen Informationen vorher sorgten neben der sorgsamen Interpretation der Musik dafür, dass nichts in den Kitsch abgleitet; denn Kitsch-Potential hat dieses Weihnachtsoratorium, das wußte der Komponist und Intellektuelle Camille Saint-Saens selbst auch.

Wenn da nur nicht die Sprache wäre.

Und nein, es ist kein französischer, sondern ein lateinischer Text, der da gesungen werden soll. Während des ganzen Abends wurde man den Eindruck nicht los, dass sich manche-/r von ihrer oder seiner besonders intellektuellen Seite zeigen will. Dabei sind muttersprachlich-bedingte Aussprachen doch völlig normal. Warum sollte man jemand, die oder der ein deutschsprachiges Werk singt dauernd verbessern, wenn sie oder er bei manchem Wort es einfach nicht schafft, richtig auszusprechen? Richtige Töne und Klang sind dabei wirklich wichtiger als die ganz korrekte Aussprache.

Verehrte Musikwissenschaft. Bei aller berechtigten Wissenschaftlichkeit: es ist affig, ein „Alleluja“ als „Allelüja“ zu singen. Es klingt künstlich, angestrengt wichtig und angestrengt richtig. So als ob man mit aller Gewalt und unbedingt ein fremdsprachiges Wort „richtig“, also der Landessprache gemäß aussprechen wollte, obwohl man es nicht wirklich kann. Dafür sind die Sprachen auf der Welt eben zu verschieden, als dass man als Nicht-Muttersprachler-/in manches Wort wirklich richtig aussprechen könnte. Es ist auch gar nicht schlimm, wenn z. B. jemand deutsche Wörter wie „Hähnchen“ nicht wirklich aussprechen kann; das gilt auch für den Bereich der Wissenschaft. Denn auch die Wissenschaft wird von Menschen gemacht, nicht von Göttern. Leider kann man auch nicht in die Zeit zurückreisen, Monsieur Saint-Saens (dessen Namen jetzt aufgrund der deutschen Tastatur auch nicht wirklich richtig geschrieben werden kann) hätte mich wohl mit einem abfälligen, blasierten Blick bedacht – ach nein, ich bin ja eine Frau, und die hatten damals nichts zu sagen, nicht in der Kirche zu singen, sondern nur „gut“ auszusehen (was man damals als „gutes Aussehen“ definiert hatte). Ich hätte mich vorher in einen Mann verwandeln müssen (juhuu, endlich mal Krawatten tragen). Diese bösen Musikkritiker machen einem auch (fast) jedes Konzert zunichte!

Verehrte Musikwissenschaft. Pardon, aber „Sanctüs“ zu hören, das nervt. Das schmerzt. Es tut mir in den Ohren weh und stört den Kunstgenuss ebenso wie das andachtsvolle, gespannte, aufmerksame Zuhören. Bei fast jedem „ü“ bin ich zusammengezuckt. Und warum dieses künstlich ausgesprochene „gentes“ beim Choral „Quare fremuerunt gentes“ („Warum toben die Heiden“)? Dieses lateinische „gentes“ hat nichts, aber auch gar nichts mit dem französischen Wort „gentil“ zu tun! Mag sein, dass die französischen Sängerinnen und Sänger das so singen, dass le Grand Compositeur das auch so wollte…aber bitte, bei aller Wissenschaftlichkeit: der Musik und den nicht-französischen Sänger-/innen die Freiheit lassen, es nicht so gekünstelt auszusprechen! Musik ist nicht nur Wissenschaft, sie ist auch Kunst, die muß frei sein, Kunst darf und soll auch Ausdruck von Gefühlen sein! Und bei allem Respekt vor dem Komponisten und Ihnen, der Musikwissenschaft:

Künstlerischen Mehrwert hatte dieser Aussprachen-Purismus nicht, wenn er auch wissenschaftlich gesehen richtig sein mag, genauso wenig, als wenn ein-/e zeitgenössische-/r Komponist-/in verlangt, dass man mit dem Bogen über ein Seil streicht. Die Vorlesung hatte schon stattgefunden, nun war die Musik dran. Würde man in Frankreich, Belgien oder einem anderen französischsprachigen Land dieses Musikstück hören, wäre die Aussprache „Sanctüs“ nachvollziehbar und wenig überraschend. Aber hier in Deutschland wirkt es gekünstelt, statt authentisch.

Doch machen wir ruhig weiter mit dem Aussprachen-Purismus. Der nächste Besuch aus Dortmunds Partnerstädten kommt bestimmt. Wenn da mal ein „Dortmünd“ zu hören ist, dann setzt es was. Das geht gar nicht, denn ein „u“ ist ein „u“ im Deutschen, damit das klar ist. Sofort den Falschsprecher oder die Falschsprecherin verbessern!

Oratorio de Noel“, ist ein bemerkenswertes Werk, zu dem heute abend interessante und spannende Hintergrundinformationen genannt wurden. Als eines der wenigen größeren Werke zur Weihnachtsmusik ist es das einzige, was neben dem umfangreichen, fast übermächtigen Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach steht. Bemerkenswert, dass hierzulande das Werk eines protestantischen Komponisten oftmals bekannter ist und öfter aufgeführt wird als das eines katholischen. Auch wer Camille Saint-Saiens` geistliches Werk schon kannte, hatte an diesem Abend Neues darüber erfahren können. Schade nur, dass die Musik so sehr vom Aussprachen-Purismus gestört wurde. Da hat man es natürlich leichter, wenn man einen hölzernen Hohlkörper zwischen Schulter und Kinn geklemmt hat oder die eigenen kräftigen Finger auf Stahlsaiten wandern läßt. Aus der Musik-Text-Zwickmühle ist man als Instrumentalmusiker-/in fein raus. Ach wie schön kann das sein. Je nachdem, auf welche Fassung man sich einigt, sind geschriebene Noten eben Noten, sie werden überall auf der Welt gleich ausgesprochen. Über Dynamik, über Interpretation kann man verhandeln, über Tonhöhen von geschriebenen Noten aber nicht.

(P.S. Wer jetzt Groll auf Musikkritiker-/innen hat, der oder dem empfehle ich Georg Kreislers „Musikkritiker.“ Schenkt mir aber beim nächsten Konzert bitte weder Platten noch Krawatten. Plattenspieler habe ich – leider – keinen mehr und Krawatten sind dann doch so umständlich zu tragen wie Highheels. Mit den einen tritt man ungeplant auf das andere drauf).

Keine Sonne mehr in Sunset Boulevard 10086

„…ich gab der Welt Träume aus Licht.“ (Norma Desmond)

Faszinierend muß es gewesen sein, damals, zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein „Lichtspielhaus“ zu besuchen. Das „Kino“ war noch jung, die Bilder noch wackelig und stumm, dazu hörte man immer Musik vom Klavier oder Salonorchester. Der Stummfilm verlangte nach expressiven Gesten und ausdrucksstarken Gesichtern. Sprache spielte keinerlei Rolle.

Das Licht: essenziell für das Kino, essenziell für das Leben. Hollywood als Ort, an dem die Sonne immer scheint, die Sterne immer glitzern. Aber Norma Desmond, der rund 50jährige Stummfilmstar hat den Anschluß an das neue Medium „Tonfilm“ verpaßt. Mit einem Gesichtsausdruck könne sie alles sagen! Sie sei immer noch groß, die Bilder seien es, die klein geworden seien! Aber niemand will sie mehr engagieren. Umgeben von Erinnerungen an ihre Erfolge lebt sie in ihrer Villa am Sunset Boulevard 10086. Das Licht ist trüb geworden, der Sonnenschein der Dämmerung gewichen.Und doch,  sie hofft, daß ihr Stern wieder aufgehen möge, daß sie wieder auftreten kann: im Film, für den sie lebt. Das Theater Dortmund bringt „Sunset Boulevard 10086“ mit Pia Douwes in der Hauptrolle auf die Bühne.

Es ist zu begrüßen, daß sich das Theater für die „symphonic version“, bei der die Keyboard-Samples ausnotiert sind, entschieden hat. Die Swing-Musik macht Spaß, fast möchte man aufstehen und mitanzen, wenn das gesamte Filmset „Movie´s a Circus“ singt. Schön wäre es gewesen, wenn die Sänger und Sängerinnen noch mehr getanzt hätten; die Musik verlangt sehr danach. Die Bühne ist schnell und unkompliziert von einem gedachten Swimmingpool auf Normas Anwesen zu einer Bar umzuwandeln.

Beim Silvester-Tango im Hause von Norma Desmond ist ein Akkordeon, eine Geige und eine Gitarre zu hören – die Zuschauerin sieht aber keine Gitarre, das wirkt verwirrend. Störend ist  die Stimmverstärkung: vor allem der Gesant von Norma Desmond kommt nur als laut und als gleichtönig rüber, Störgeräusche nicht ausgeschlossen. Schon bei „Next to Normal“ ist diese fehlerhafte Technik (weil die Musicaldarsteller mit Mikrophon singen) negativ aufgefallen ( https://fahrrad3gruen.wordpress.com/?s=next+to+normal ). Etwas weniger Vibrato hätte der Textverständlichkeit auch gedient, denn das alles vermindert den Musikgenuß. Schauspielerisch ist Pia Douwes jedoch sehr glaubwürdig; sie ist Norma Desmond, in all ihrer ehemaligen Größe, Enttäuschung, Verzweiflung und Einsamkeit.

Gesanglich überzeugt haben dagegen die Sänger-/innen der Nebenrollen: Hannes Brock als Butler und Ex-Mann Max, dessen wohlklingender Stimme man gern zuhört. Morgan Moody als Mr. Obercool hat mit der Rolle des Artie Green seine Paraderolle, es macht großen Spaß, ihm dabei zuzusehen. Den erfolglosen Schriftsteller Joe Gillis (Oliver Arno) versteht man meistens, leider wird im Chor mit Orchesterbegleitung auf Dauer ein immer unverständlicher lauter Klangteppich. Schade um die schöne Musik…  Wietske van Tongeren als Betty Schaefer ist witzig, nicht zu rührselig, obwohl sie in genau derselben schwierigen Situation wie viele andere in Hollywood ist. Herrlich, weil nicht rührselig ist das Liebesduett zwischen Betty und Joe. Da merkt man:  die beiden gehören zusammen! Jeder junge Mensch will dort sein Glück versuchen, reich und berühmt werden. Man  spricht immer wieder vor oder wird doch nicht zum Regisseur vorgelassen, das Drehbuch von vornherein abgelehnt. Es weht ein kalter Wind im sonnig warmen Hollywood am Sunset Boulevard.

Die Bühne wird nahtlos und fast ständig umgewandelt: mal als Villa von Norma Desmond, dann als Filmset, dann als Straße, auf der Joe seinen Gläubigern entkommen muß. Der Wandel erfolgt ohne daß die Zuschauerin irritiert sein müßte. Die Verfolgungsjagd, ein großer Spaß für die Zuschauerin, gerät leider wegen ein paar Schwächen aber zu einem unglaubwürdigen Ereignis: da muß Joe die Stoßstange halten, um im Auto zu sitzen, die Theater-Mitarbeiter, die den Rauch als stilisierte Autoabgase verbreiten, sind für die Zuschauerin sichtbar. Besser gelungen, wenn auch weniger rasant ist die Verfolgungsjagd in „Jonny spielt auf“ am Theater Hagen ( https://fahrrad3gruen.wordpress.com/2016/03/10/zum-bahnhof-zum-bahnhof/ ).

Paradox ist, wie alt der Regisseur Cecil B. DeMille ist. Weißhaarig und am Stock laufend kommt er ans Set, während junge Menschen um ihn herum wirbeln. Irgendein Historienschinken wird gedreht, Frauen in leichten goldenen Gewändern mit Sternenkranz am Kopf und Männer in pseudo-römischen Uniformen laufen herum. Bei aller Strenge Hollywoods wirkt die Traumfabrik mit diesen Figuren recht lächerlich.Aber solange der „Goldglanz im Altenheim“ (Zitat der SZ anläßlich einer Oscar-Verleihung) an der Macht ist, wird sich an dem Erfolgsdruck, der Arroganz von Produzenten, der Macht des Geldes und dem Egoismus einzelner nichts ändern.

Interessant ist die Personenkonstellation: Dieses Mal liebt eine alte Dackelin einen Jungspund. Großer Aufschrei. Eine Kombination, die gesellschaftlich nicht anerkannt ist. Dagegen soll es „normal“ sein, daß ein alter Mann (also 10 oder gar 20 Jahre älter als die Frau) eine viel jüngere Frau zur Partnerin hat. Es ist Zufall und auch Geldnot und Existenznot, die den erfolglosen Schriftsteller Joe Gillis in die Villa des ehemaligen Stummfilmstars treibt. Sie hat die Kohle, er lernt den Luxus kennen und genießen, auch wenn „die Alte“ natürlich nervt. Es wirkt lächerlich, wenn Joe in bester „Bodyguard“-Manier Norma die Treppe hinaufträgt. Diese Paarbindung kann nicht lang gut gehen… Dass das „Liebe“ zwischen Menschen sein soll, deren Altersunterschied so groß ist, ist sehr unwahrscheinlich wenn nicht sogar unmöglich. Eine(r) von beiden wird immer ausgenutzt, sei es emotional oder finanziell. Joe sagt am Ende einen wahren Satz: „Es ist keine Schande, 50 zu sein. Aber es ist bescheuert, dann auf 20 zu machen.“ Leider regiert aber der Jugendwahn, der aus Norma Desmond eine verzweifelte Frau macht, die nicht zu ihrem Alter stehen kann (und will), weil das, wofür sie gelebt hat, sie nicht mehr will: der Film in Hollywood.

Musical kann Spaß machen, erst recht, wenn die Musik Spaß macht. Swing und swingartige Musik macht großen Spaß, macht Laune, selbst zu tanzen. Die Standing Ovations am Ende des 1. Akts und zum Schluß sind jedoch aufgrund der technischen Schwächen und schlechten Textverständlichkeit nicht nachzuvollziehen. Schade eigentlich.

Sunset Boulevard, Musical von Andrew Lloyd Webber nach einem Film von Billy Wilder (1950) am Theater Dortmund.

 

Weitere Aufführungen:

https://www.theaterdo.de/detail/event/1238/?not=1&cHash=8f9b5dce97f0bdeab0629eb932843d6b&sword_list%5B%5D=Boulevard&no_cache=1

Der „Rosenkavalier“ am Opernhaus Dortmund

Ich habe lange überlegt, ob ich mir das antun soll: 4 Stunden Musik von Richard Strauß. Auf 3sat hatte ich schon einmal die halbe Oper „Der Rosenkavalier“ gesehen, in der Pause abgeschalten, weil ich die Musik nicht mehr ausgehalten habe.

Jetzt nach einigen Jahren höre ich Musik anders. Und nehme auch den Inhalt anders wahr.

Wohl hatten viele keine Lust, sich aus dem schönen Sonnenschein hinein ins dunkle, im Foyer mit künstlichem Licht beleuchtete Opernhaus zu begeben. Das Parkett war halbleer, auf den Logen und auf der Empore waren auch kaum Zuschauer-/innen. 18 Uhr Freitag ist wohl für einige eine ungünstige Zeit. Und ja, 19.30 Uhr ist eher die passende Zeit für den Beginn einer Oper. Doch Richard Strauß hat für den „Rosenkavalier“ 4 Stunden Musik komponiert, daher mußte die Vorstellung schon um 18 Uhr anfangen.

Zum Inhalt: Die Feldmarschallin, Therese von irgendwas (phantasisch: Emily Newton)  (natürlich ist man vom Hochadel) ist unglücklich verheiratet wie soviele Frauen im 18. Jahrhundert. „Der Rosenkavalier“ wurde 1908/09 geschrieben, spielt aber in der Zeit der österreichischen Kaiserin Maria Theresia. Als Adlige hat sie aber die Möglichkeit, ungestraft sich einen Liebhaber zu nehmen: den jungen Grafen Octavian (frech und einfallsreich gegen den brutalen Verwandten von Ochs: Ileana Mateescu). Gleich zu Beginn sieht man die beiden sich im Bett vergnügen, leider ist die Frau beim Sex wieder unten, bevor sie ihm, die wesentlich ältere Frau, die Richtung weist. Die Geschlechterrollen sind im 18. Jahrhundert noch ganz klar verteilt. Eine Frau hat sich immer unterzuordnen. Wobei man es als adlige Frau noch ein großes Stück leichter hat. Selbst wenn man beim Sex mit dem Liebhaber ungewollt ein Kind gezeugt hat, muß das nicht zum Skandal werden – das Kind wird eben ins Kloster gesteckt. Die Feldmarschallin wird aber so um die 50 Jahre alt sein, weshalb der Sex mit Octavian keine Folgen haben wird.

Als sich Besuch ankündigt, muß sich Octavian im Schlafzimmer der Feldmarschallin schnell verstecken. Zuerst vermutet sie  die Rückkunft ihres Mannes, der irgendwo im Kaiserreich Bären und Luchse jagt (Artenschutz gab es damals noch nicht). Doch der ungewollte Ehemann, von dem Therese so enttäuscht ist, taucht nie in der Handlung des „Rosenkavalier“ auf.

Der Vetter der Feldmarschallin, der grobschlächtige Baron von Ochs  auf Lerchenau tritt auf. Großer Name und Landadel, aber kein Geld hat er und vor allem: keine Manieren. Er begrapscht und verfolgt die angebliche Kammerdienerin Mariandl (die niemand anderer ist als Ochtavian in Frauenkleidern). Das ist schön komödiantisch, der Witz wird aber durch die rohe sexuelle Gewalt des Baron von Ochs getrübt. Er braucht von seiner Cousine eine Empfehlung für einen „Rosenkavalier“, einen Adligen, der seiner zukünftigen Ehefrau eine silberne Rose überbringt mit der Frage, ob sie mit der Heirat einverstanden sei (Hugo von Hoffmannsthal hat sich diesen „Brauch“ ausgedacht, den gab es nicht wirklich).

Octavian wird als junger Adliger die Rose der Sophie (Ashley Thouret) überbringen – und wie es die lebenserfahrene, selbstreflektierende Feldmarschallin vorausgesagt hat („Du wirst eine jüngere Frau statt meiner nehmen“) verliebt sich Octavian in Sophie. Diese Liebe scheint zunächst aussichtslos: denn Baron von Ochs stürmt mit seiner besoffenen Bande ins Haus der von Faninal und pöbeln herum, was das Zeug hält. Während von Ochs sich an die entsetzte und enttäuschte Sophie versucht ranzumachen, wird in kürzester Zeit das Hauspersonal von Sophies Vater  von Fannial terrorisiert, auch gern mal die Einrichtung verwüstet. Das Schlimme dabei ist zum einen die Zügellosigkeit und Grobhheit derer „auf Lerchenau“, für die Frauen auch nur Dinge sind, die man nach Belieben benutzen kann  – zum anderen auch, dass der Vater von Sophie das ganze Spiel mitspielt, anstatt den Mißhandler seiner Tochter vor die Tür zu weisen.

Das ist eindeutig keine Komödie mehr. Das ist Gesellschaftskritik.

Und wer jetzt sagt, dass dies doch nicht so ernst zu nehmen sei, weil die Oper „Der Rosenkavalier“ von Richard Strauß im 18. Jahrhundert spielt, hat übersehen, dass es derartige Menschentypen bis heute gibt.Auch wenn sie nicht immer gleich so grob und platt auftreten wie der Baron von Ochs auf Lerchenau.  Sexuelle Gewalt nimmt leider kein Ende, auch wenn das Bewußtsein dafür heute viel größer geworden ist und es Strafgesetze gibt (die aber längst nicht weit genug gehen!). Und dazu das patriarchalische Denken, das Frauen als Ware statt als Menschen deklariert, die keine Rechte haben.

Die Umwelt dieses Barons, der Essen, Trinken und Sex als einzigen Lebensinhalt hat, ist auch ratlos, wie sie ihn loswerden kann… denn er ist  beratungsresistent. Selbst wenn er sich blamiert: es kümmert ihn nicht. Gesellschaftliche Regeln und Konventionen gelten für ihn nicht. Das läßt die Kinnlade erstaunt und entsetzt heruntersinken. Sagt mal, hat der noch alle??? WIE WEHRT MAN SICH GEGEN SOLCHE PERSONEN??? Als Zuschauerin hätte man große Lust, den von Ochs einfach zu erschießen. Blöd nur, dass die Oper dann urplötzlich zu Ende wäre.

Da hilft nur eins: ein erfolgreiches Strafverfahren mit jahrelanger Haft oder:

EINE LIST.

Und die gelingt, auch mit Hilfe der schmierigen Skandaljournalisten hervorragend. Die beiden und Octavian und die Feldmarschallin schaffen es, den scheinbar gegen alle Kritik immun befindlichen Baron von Ochs dermaßen zu blamieren, dass er sich trollen muß. Der Dummkopf von Sophies Vater ist nun auch aufgewacht und will keine Verheiratung mit diesem Holzklotz mehr. So ein Dummkopf. Hatte auch nur das eigene Ansehen statt das Wohl seiner Tochter im Kopf! Pfui!

Sicher geht es im „Rosenkavalier“ auch noch um was anderes: um die Zeit. Die Feldmarschallin weiß, dass ihre Liebesbeziehung zu Octavian nicht ewig sein kann. Die „Zeit läuft ihr davon“, die als schön bezeichnete Zeit hatte sie mit ihrem Ehemann nicht, weil sich dieser nicht für sie interessiert. Und jetzt läuft ihr die Zeit mit Octavian davon, sie weiß, dass sie wieder allein sein wird, weil der junge Graf eine andere heiraten wird. Ach könnte man die Zeit in schönen Augenblicken doch anhalten und der Arroganz der Zeit Einhalt gebieten.

 

Ein Studienkollege meinte, dass die Musik des „Rosenkavaliers“ so schön wäre, dass man dazu nur noch träumend in der mit warmen Wasser gefüllten Badewanne liegen möge. Das Schlußduett von Sophie und Octavian lädt durchaus dazu ein. Zurück bleibt trotz aller Komödie und Liebelei dennoch ein fader, bitter Nachgeschmack über das, was Männer Frauen antun können. Ein Freund, der Opern liebt meinte gar, er würde sich genau wegen dieser offenen Gewalt gegen Frauen diese Oper nicht ansehen wollen. Doch soll man nicht zeigen (dürfen), was „sich nicht gehört“ oder was die Gesellschaft nicht sehen will?

So abstoßend die Gewalt gegen Frauen auch ist: sie soll auf der Bühne gezeigt werden bis zu einem erträglichen Maß. Nur weil etwas nicht gezeigt wird heißt es nicht, dass es nicht existieren würde!  Denn der Inhalt sagt auch viel über die Gesellschaft aus (in diesem Fall in der Hauptsache aber nicht nur über die des 18. Jh.), die es duldet, dass Frauen unglücklich in ihrer Ehe sind, nicht gefragt werden, wen sie heiraten wollen (dass sie heiraten wollen, wird ohnehin vorausgesetzt und ist eine finanzielle Notwendigkeit – in manchen Gegenden bis heute) und die jede Gewalt gegen Frauen ungestraft duldet. Hauptsache die Töchter machen „eine gute Partie“ und haben einen reichen Ehemann. Gefühle spielen dabei keine Rolle.

 

Ob Sophie und Octavian glücklich werden als Paar? Zumindest hat Octavian Manieren, wenn er auch so forsch und möglicherweise beim Sex noch unbeholfen und grob ist…. vielleicht hat er durch die Affäre mit der Marschallin auch schon ein Stück gelernt, wie man mit Frauen umgeht. Vielleicht wäre auch eine Feldmarschallin in ihrer verstecktesten Überzeugung lieber Single geblieben, weil die Männer die Frauen ohnehin nur ausnutzen? Das wäre im 18. Jahrhundert kaum möglich gewesen, als Frau unverheiratet zu bleiben.

 

Fazit: „Der Rosenkavalier“ am Theater Dortmund ist hörens- und sehenswert, aber man muß die sexuelle Gewalt, die auf der Bühne gezeigt wird (und u. a. auf großen Volksfesten wie dem Oktoberfest immer noch trauriger Alltag ist), aushalten können. Der großartigen Leistung der Sängerinnen und Sänger sowie den Dortmunder Philharmonikern und der abwechslungsreichen Inszenierung  ist es zu verdanken, dass die Oper im gesamten eine gelungene Sache geworden ist. Im Gegensatz zur Fernsehübertragung habe ich mich nicht gelangweilt, auch wenn manche Teile langwierig sind und ggf. eine Kürzung vertragen hätten.

 

Der Rosenkavalier, Oper von Richard Strauß am Opernhaus Dortmund

http://www.theaterdo.de/detail/event/16012/

nächste Vorstellung: 7. Mai 2016, 18 Uhr. Die sehr informative Einführung gibt es bereits um 17.15 Uhr im Foyer.

 

 

 

„Ich bin da! Ich bin IMMER da!“ – das „Musical „Next to normal“ am Theater Dortmund

Nichts ist so, wie man denkt. Das scheinbar intakte Familienleben ist getrübt wie eine nicht ganz saubere Fensterscheibe. Warum, das ist schon zu Beginn klar, der Inhalt des Stücks behandelt die Art und Weise des Umgangs mit dieser ‚Trübnis.‘

„Next to normal“, das „Rock-Musical von Tom Kitt und Brian Yorkey hat in seiner Heimat USA schon einige Preise einfahren können. Es mag wohl an der Ungewöhnlichkeit des Stoffs liegen, der da in ein „Musical“ gepackt wurde: keine seichten Schmalz-/Liebesgeschichten mit tragischem Ausgang, wenig Komik. Stattdessen: das Thema „bipolare Störung“, also eine Art der Depression, die eine der Hauptfiguren seit 16 Jahren plagen. Mutter Diana ist die psychisch Kranke und „Next to normal“ macht klar, wie das die Familie (ihr Mann Dan, ihre Tochter Natalie und später deren Freund Henry) verkraften muß.

Kann das funktionieren?

In Anbetracht der vielen Preise mag man denken: ja, ein Tabuthema in Musical zu packen, das funktioniert. Die Idee ist nicht schlecht, weil mit dieser Musikform ein schwieriges Thema, das  jede(n) betreffen kann, jenseits vom Ratgebergesülze an die Öffentlichkeit kommt. Die totale Begeisterung für „Next to normal“ teile ich aber nicht. Das Stück hat Längen, der Text ist meist schlecht verständlich.Oft läuft der Gesang Gefahr, ins Rührselige abzudriften; so kurz davor ist dann immer Schluß. Ha, grade noch die Kurve gekriegt!  Und es ist ’sehr amerikanisch.‘ Nur gut, dass das Ende weder gut noch schlecht ist – das sichert dem Stück dann doch eine gewisse Ernsthaftigkeit.

„Next to normal“, das ist nicht nur ein Stück über Depression und die Folgen für die Umwelt, es ist auch ein Stück über Leistungsdruck und Medikamentenmißbrauch. Darüber, wie irrsinnig es ist zu glauben, mit der Einnahme von Pillen alle Krankheiten, auch psychische, komplett beseitigen zu können. Weit gefehlt.  Bestenfalls in den Griff kann man Krankheiten bekommen. Doch in den USA (und auch in Europa) darf man das nicht so laut sagen, weil die scheinbar allmächtige Pharma-Lobby sonst die Theatermacher bedroht. Denn es geht weniger um das Wohl des/der Patient-/in, sondern ums Geld.  Und „Next to Normal ist  ein Stück über das Erwachsenwerden in einer schwierigen Familiensituation, die einen ankotzt, die einen als Tochter belastet, mit der das eigene Umfeld außerhalb der Familie (in diesem Fall: Schule) nicht umzugehen weiß und eine Situation für die man sich als Tochter  auch schämt, erst recht dem Schulkollegen Henry  gegenüber, der trotz allem seine freundlichen Avanchen startet.

Auf der Bühne sieht man eine Art Gerüst, das aussieht wie zwei offene Stockwerke des Hauses der Familie Goodman (welch ein Name. Er soll wohl die scheinbar heile Familie suggerieren: hier ist alles gut und in Ordnung). Die Sänger und Sängerinnen laufen über eine Treppe rauf und runter, unten steht ein Tisch, an dem zeitweise gegessen wird, ein Kühlschrank,  der Raum oben rechts dient auch mal als Klavierüberaum oder Schul-Aula für´s Klaviervorspiel. Auch mit sporadischer Bühnenausstattung ist die Zuschauerin immer im Bilde, was gerade gespielt wird.

Da der Originaltext in englisch gehalten ist drängt sich die Frage auf, was die Übersetzung ins Deutsche taugt. Dies kann hier nicht bewertet werden.

Der Ehemann Dan  (Rob Fowler) ist bereit, vieles, wenn nicht alles mögliche zu tun für seine kranke Frau Diana (Maya Hakvoort). Wenigstens hat Diana kapiert, dass sie Hilfe braucht (das ist bei Depressiven nicht immer der Fall). Die Odysee von Arzt zu Arzt (seltsam, dass hier von Anfang an nicht von „Psychologe“ oder nur „Therapeut“ gesprochen wird) zehrt an den Nerven. Schön lächerlich, wie Arzt Nr. 1 seiner Patientin minutiös sagt, welche Pillen sie mit welchen nehmen soll und welche nicht und wann. Auch wenn diese Medikamente nötig und richtig sind. Mediziner_innenkauderwelsch, das keine(r) braucht und keine(r) versteht. Richtig, die Ärzteschaft so zu karikieren, wenn sie nur auf naturwissenschaftlicher Ebene agieren, statt auch auf den Menschen einzugehen. Diana scheint „stabil“ zu sein mit den Medikamenten, für die Umwelt erträglicher. Aber sie ist wohl nicht mehr sie selbst, meint sie.  Eigenmächtig setzt sie dann plötzlich alle Pillen ab. Das belastet natürlich wieder die Familie mehr.

Möglicherweise ist das in den USA anders geregelt als in Deutschland. Hier gibt es Psychiater-/innen und Psycholog-/innen und Psychotherapeut-/innen. Letztere können auch Medizin studiert haben und verschreiben dann auch Medikamente. Zuerst ist aber immer die Psychologie ohne den Tablettenkram dran – sollte man meinen. Doch bei einer manischen Depression, wie sie die Figur Diana hat, hilft eine Psychotherapie, also Gespräche allein nicht, da muß auch eine Medikamentation sein.

Arzt oder Therapeut Nr. 2 im häßlichen dunkelbraun-grauen Anzug statt Arztkittel (wohl im Stile der 1930er Jahre etwa) ist da schon besser, weil nicht nur an Fakten und nüchterner Beurteilung des Krankheitszustandes interessiert.  Er dokumentiert nicht nur, als ob es sich um ein totes Tier handelt, das begutachtet und dann im Museum ausgestellt wird, er redet erst mal mit der Patientin Diana. Dan ihr Ehemann hat wieder Hoffnung, dass es besser wird mit der Depression (verschwinden wird diese niemals). Gleichzeitig werden auch überzogene Erwartungen an den Arzt deutlich: Zu einer Art Rockfanafare (die Band spielt hinter dem Haus-Gerüst auf der Bühne) kniet er plötzlich vor Diana und „betet sie an.“ Das müssen Dianas Gedanken sein, sie sieht die im Arzt die Lichtgestalt, den Befreier von all ihren Problemen. Später im Stück sagt sie mal „Sie sind kein Rockstar mehr für mich“ , was der Arzt nüchtern und mit einem Nicken kommentiert. Therapeuten und Ärzte sind keine Götter. Auch wenn es auf Patienten- und Arztseite immer noch solche Deppen gibt, die das denken.  Es wird nur kurzzeitig ‚besser‘ mit Diana. Was schockierend ist: es gibt immer noch die Elektroschock-Behandlung, wenn auch mit geringen Stromstößen. Das soll die schlechten Erinnerungen auslöschen. Allerdings wird in Dianas Gehirn mehr gelöscht bzw. das falsche gelöscht, was sie besser behalten hätte. Schön dumm und hilflos, wer solch eine Methode anwendet! Bei aller Verzweiflung, aber das ist abartig! Das ist Körperverletzung.

Wie groß muß die Ratlosigkeit von denen sein, die Depressionskranke behandeln, dass sie EKT anwenden. Als ob man im Dunkeln stochern würde, dass man das kranke Stück findet und rausholen kann. Nur so einfach ist es eben nicht.

Diana benimmt sich nach dieser Behandlung fast wie eine Demenzkranke, sie kann nicht mal mehr ihren Mann erkennen. Das ist schockierend, genau wie die Behandlungszene selbst. Mit Fotos sollen die wichtigen Erinnerungen wieder hergestellt werden. Na danke auch! Wieder so eine hilflose Geste des Arztes. Die Tochter Natalie wird zu Recht noch wütender, weil ihre Mutter sie nicht erkennt. Schon immer fühlt sie sich von ihrer Mutter vernachlässigt. „immer geht es nur um dich!“ wirft Natalie ihrer Mutter vor.

Eltern sind immer peinlich, vor allem wenn man selbst Teenager ist. Eine an manischer Depression erkrankte Mutter ist noch peinlicher, als Zuschauerin kann man durchaus Mitgefühl für die Figur der Tochter Natalie haben. So ist ihre Mutter bei einem Schwimmwettbewerb der Schule einfach ins Becken gesprungen, beim Klaviervorspiel nicht aufgetaucht, was die Tochter gekränkt hat. Die einzig beständige Figur in dem ganzen Drama ist ausgerechnet ihr Freund Henry, der sie nach dem verpatzten Vorspiel abholt (wie gut, Trost zu haben in dieser Situation!) Zwar ist es er, der Natalie das erste Mal einen Bong zeigt und Drogen inhaliert mit ihr, doch gleichzeitig macht er sie auch auf ihren eigenen Medikamentenmißbrauch aufmerksam. Der Leistungsdruck in der Schule muß enorm sein, wenn Natalie nachts noch das so grausige RedBull trinken muß, um Hausaufgaben zu machen. Da will man doch auch mal feiern gehen! Kurzerhand wurde der Medikamentenschrank der Eltern, v.a. der der Mutter eben geplündert, um die Nächte durchfeiern zu können. Henry ist es, der die am Ende völlig kaputte Natalie aus mehreren Clubs rausholt. Oh Mädel… du kannst einem leid tun und irgendwie versteht man dich auch….

 

„Ich bin da, ich bin immer da!“

Klingt schön der Satz, nicht? So verläßlich, so vertrauenserweckend. Man muß keine Angst vorm Alleinsein haben (das hat Dan, der Ehemann von Diana, wie er einmal bekennt, er hängt trotz aller Schwierigkeiten an seiner Frau Diana). Beim Konzert des Unichores gab es einen Popsong „I´ll be there.“ Die Aussage dieses Satzes ist aber zweideutig. Und die zweite Bedeutung ist eine negative. Die negative Bedeutung heißt: es werden Besitzansprüche angemeldet („du gehörst zu mir und hast hier bei mir zu bleiben“),  man will nicht loslassen. Das Gefühl des Geborgenseins weicht dem Gefühl des Bedrückt-/Erdrücktseins durch den oder die, die man eigentlich liebt.

Sehr bald wird in „Next to normal“ klar, warum Diana so depressiv ist: sie hat den frühen Tod des Sohnes nicht überwunden. Bald wird auch ungefähr klar, warum der 8 Monate alte Säugling sterben mußte – aber man erfährt erst gegen Ende des Stücks seinen Namen. Der tote Sohn ist jedoch ständig präsent. Als vielleicht 16jähriger Teenager schwirrt er in der Wohnung herum, streitet sich mit seiner Mutter, ob er heute ausgehen darf (Teenie-Probleme eben, ganz normal), penetrant und fast schon unerträglich tanzt und singt er an mehreren Stellen laut „ich bin da, ich bin immer da!“ Diana schafft es  nicht, ihn loszulassen. Unverarbeitete Trauer. Allerdings: warum macht Dan, dem Vater der Verlust des Sohnes -scheinbar – nichts mehr aus? Warum ist gerade die Mutter Diana so fertig? Diese Fragen bleiben leider unbeantwortet. Natalie bleibt außen vor, sie hatte gar keine Möglichkeit gehabt, ihren Bruder kennenzulernen.

Keine Frage, es ist gruselig, was Diana , die an der „bipolaren Störung“ leidet,  tut. Hochstimmung und Überdreht-Sein wechselt mit Niedergeschlagenheit. Da wird ein Geburtstagskuchen mit vielen Kerzen serviert, der für den -eigentlich toten – Sohn ist. Noch peinlicher ist dies, weil Henry mit am Tisch sitzt, der dies aber offensichtlich mit Gelassenheit quittiert  (die Berufsfeuerwehr hatte bestimmt ihren „Spaß“, so oft wie in diesem Stück offenes Feuer auf der Bühne ist). Eine euphorische Stimmung mit höchster Aktivität folgt völliger Niedergeschlagenheit , wenn Diana nur noch auf dem Sofa sitzt. Das Problem für die Angehörigen ist ähnlich dem bei Demenzkranken: man weiß, dass sie „nicht schuld“ sind, man will ihnen helfen – und gleichzeitig schwindet mit jedem Tag die eigene Kraft, die Krankheit der/des anderen auszuhalten.

Wer als Zuschauerin jemanden kennt, die oder der ähnliche Symptome, also Verhaltensweisen wie die Figur Diana Goodman hat wird jedoch weniger geschockt das Opernhaus verlassen. Bei allem gebotenen Mitgefühl oder Verständnis muß man sich auch selbst schützen, sonst geht man zusammen mit der kranken Person kaputt.

Das Ende bleibt offen – was der Authentizität und Ernsthaftigkeit des Stückes gut tut. Natalie hat sich wohl gegen ihren Verstand durchgerungen und „ja“ zu Henry gesagt. Er verspricht ihr, dass er für sie da sein wird (wie lange wird er die Situation aushalten?)Dennoch, irgendwie süß die beiden…. Man wünscht Ihnen sehr, dass sie beide nicht in die Situation von Natalies Eltern geraten mögen und ihre Beziehung gelingt.

Der Leistung im Spiel und Gesang ist Achtung zu geben, ob man jedoch -wie es fast alle Zuschauer-/innen taten – am Ende standing ovations geben muß, bleibt fraglich. Schlechtes Textverständnis, teilweise Längen im Stück machen „Next to normal“ zu einem guten, aber nicht zu einem großartigen Musiktheater.

Seltsam, in der Pause sah man mehrere knutschende Pärchen. Das lag wohl daran, dass mehr junge Leute im Opernhaus waren. (Was nicht heißen soll, dass  ältere Menschen in der Öffentlichkeit nicht knutschen dürften). Das halbe Parkett war leer, auch die Empore und die Logen waren nicht voll besetzt. Nun, auch schön, so findet man schneller ein Garderobenfach und muß an der Toilette nicht so lange anstehen.

„Next to Normal“, Rock-Musical von Tom Kitt und Brian Yorkey

am Opernhaus Dortmund

Nächste Termine: 2./8./10./13./21./19. April und auch im Mail 2016

http://www.theaterdo.de/detail/event/16166/

 

 

Zum Bahnhof, zum Bahnhof!

 

Eher von der Uni weg, das war etwas Streß, um den RE4 Richtung Wuppertal und Aachen zu bekommen. Aber es hat sich sehr gelohnt, diese Mühe. Und so flott ist man vom Bahnhof in Hagen aus beim Theater, das erleichtert vieles. Die Fahrerei in Weimar oder nach Gera war wesentlich aufwendiger und mühsamer gewesen.

Der Hagener „Hauptbahnhof“ war doch größer, als ich ihn mir vorgestellt hatte. Ich hatte ein paar wenige Gleise und einen kleinen Bahnhof wie in Witten erwartet. Doch hier spannte sie ein weiter großer Bogen aus Stahlträgern mit Glas über ca. 15 Gleise (wieso nach Gleis 15 das Gleis 18 folgt, diese Logik können nur Bahnmenschen begreifen). Der Stadtplan im Schaukasten auf dem großen Vorplatz ist aussagekräftig, aber leider wieder „verkehrtherum.“ Links oder rechts, um dann zum Theater abzubiegen? Ich war unsicher. Ah, da fährt doch was auf einem Rad mit Kasten am Rücken. Das ist bestimmt ein Musiker! Ich hielt ebenfalls an der Ampel und sprach ihn an und – bingo! Er war einer der Orchestermusiker des Abends – ein Fagott steckte im Kasten. Juhuu! So fand ich sogar noch mit einem freundlichen Plausch und dazu auf komfortable Weise den Weg zum Theater Hagen.

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Auf den ersten Blick eher an ein Kino erinnernd: eine Teilansicht des Theater Hagen.

 

An diesem Abend im März 2016 stand JONNY SPIELT AUF von Ernst Krenek auf dem Spielplan.Sie wird oft auch als „Jazzoper“ bezeichnet, wobei kaum Jazz zu hören ist. „Jonny spielt auf“ ist eine „Zeitoper“, weil sie Alltagsgeschichten aus eben der Entstehungszeit des Werkes behandelt (Uraufführung am 10.Januar 1927). Hier geht es nicht um Mythen aus grauer Vorzeit wie bei „Rinaldo“ (Kritik zur Aufführung am Theater Dortmund: https://fahrrad3gruen.wordpress.com/2016/02/07/was-man-mit-aktenkoffern-so-alles-machen-kann/ ) oder Richard Wagners „Nibelungen“, sehr wohl aber um das neue und alte, was die Menschen bewegt. Da ist Max, der Komponist, der in einer Schaffenskrise steckt. Im Hotelzimmer sitzt er oft am Flügel, einige Notenhefte und Papier um sich und kommt nicht weiter mit der Arbeit. Eine Oper hatte er schon geschrieben, die ist auch gut gelaufen, aber wie es jetzt weitergeht, das macht ihn unsicher. (Möglich, dass es Krenek ähnlich ging).  Er macht das, was er immer macht, wenn er schlechte Laune hat: er geht auf den Gletscher, hinaus in die Natur, die das Hotel umgibt. Hier erhofft er sich neue Inspiration. Der „Gletscher“, das ist nicht nur eine weiße unebene Felswand, das sind auch Türme und Haufen von Büchern und Notenstapeln, auf die Max (und Anita) klettern.  Hier draußen ist Ruhe, Beständigkeit, das Alte, das schon war und sein wird… und auch Leben, so wie das Wasser  im Gletscher rauscht. Max begegnet der Opernsängerin Anita, die sich verlaufen hat und im Gletscher nur den Tod sieht… sie gehen zurück ins Hotel und werden ein Paar. (Huch, das ging aber schnell).

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Der Gletscher aus Eis und Büchern: Zufluchtsort für Komponist Max, unheimlich für Sängerin Anita. Mit freundlicher Genehmigung des Theaters Hagen, Foto: Klaus Lefebvre

 

Na die Geschichte geht aber weiter jetzt…..und so ‚harmonisch‘ bleibt es nicht…) Bei der Begegnung von Max und Anita wird die Musik tänzerisch, fast witzig, nicht mehr so grell und schwer und voller großer Tonsprünge jeinseits von der Terz.

Die Unsicherheit der sich Begegnenden macht sich in der Musik bemerkbar: der Gesang klingt anfangs gestelzt, eine Art „möchte-gern-schön-klingen“, was aber aufgrund der Dissonanzen nicht „schön“ klingt. Anfangs braucht es Zeit, bis man sich in diese Musik reingehört hat: laut und schrill ist sie, es gibt keine Wiederholungen wie in der Barockoper, keine Ohrwürmer. Dafür größere Tonsprünge (z. B. Quarten oder Quinten), nur in den ruhigeren Momenten der schönen Zweisamkeit fühlt man sich an Liebesduette z. B.  in Richard STrauss` Oper „Der Rosenkavalier“ erinnert.

Nächste Szene: Hotelzimmer, jetzt mit Anita. Links im Bild steht ein Doppelbett, die Rückwand der Gletscherszene auf der Drehbühne dient als Zimmerwand, davor stehen 3 Steinstatuen, die etwas deplaziert wirken. Wieder vertieft sich Max in seine Arbeit, lehnt eine Umarmung von Anita ab. „Du bist ein Gletschermensch, du nimmst alles zu ernst“ singt sie. Max steht für das, was schon war, hat die Last der Tradition in sich. Anita ist da freier und ungebundener: sie freut sich auf das Engagement in Paris, während Max über ihr Weggehen klagt (Mensch Junge, jetzt stell dich doch nicht so an, sie kommt doch wieder! – das dachte ich mir….naja, frisch verliebt ist es vielleicht noch schwerer, auch mal adé zu sagen für eine gewisse Zeit…)

Um die einzelnen Orte und Zeitabschnitte der Handlung – Hotel am Gletscher – Hotel in Paris – Bahnhof – Hafen deutlich zu machen, geht zwischen den Szenen der Vorhang runter, auf dessen schwarze Fläche dann der jeweilige Ort oder die Zeit z. B. „am Abend vorher“ eingeblendet wird. Dies irritiert nicht einmal, sondern wird von Jan Bammes u. a. (Bühnenbild und Kostüme) geschickt in die Handlung integriert. So warten vor dem schwarzen Vorhang die Partygäste des Hotels, die aus den eigentlichen Logenplätzen links und rechts auf die Bühne strömen, um in den Tanzsaal gelassen zu werden. Und hey! -wir sind in Paris, und da geht´s richtig ab! 3 Nachtclub-Tänzerinnen unterhalten die Gäste, die dann selbst zu tanzen anfangen. Glitzer und Glamour gibt es hier: Jonny der berühmte Jazzmusiker kommt von oben mit dem Saxophon heruntergeschwebt, eine Discokugel dreht sich. Und da sind die illustren Gäste: Anita, die gerade müde von einem erfolgreichen Opernauftritt zurück kommt, der berühmte Violinvirtuose Daniello, der seine Groupies um sich versammelt. Jede(r) will ein Autogramm von ihm. Als die Party vorüber ist, versucht Jonny sich, an Anita ranzumachen. Aber seine massive Annäherung, die man durchaus sexuelle Belästung nennen kann, fruchtet nicht. Jonny, das ist eine freche, lustige und auch rücksichtslose Figur, die sich eben nimmt, was ihr gefällt. Nicht wirklich böse, aber eben ein Gauner. Daniello (der mich, obwohl älter, dennoch wegen seines Star-Kults an David Garrett erinnerte) mag dagegen bieder wirken, aber man bemerke: bei aller vermeintlichen Langeweile kommt seine langsamere, vornehmere freundliche Anmache bei Anita besser an. Jonny ist dagegen ein Hitzkopf, auf sowas steht eben doch nicht jede…

Doch Jonny ist eine Frohnatur, nimmt im Gegensatz zu Max oder Daniello nicht alles so ernst… dann wird eben wieder mit der eigentlichen? Freundin Yvonne, dem Zimmermädchen, rumgemacht. Vorbeiziehende Hotelgäste stören sich an seinen Intimitäten mit Yvonne – und das, obwohl sie vorher begeistert den Nachtclubtänzerinnen zugesehen, diese auch mal angefaßt und ihnen Geld zugesteckt haben. ein schöner Widerspruch in einer vergnügungssüchtigen Gesellschaft.

 

Anita gefällt Paris, die Stadt macht sie aber auch unsicher….ständig will jemand was von ihr, sie kann sich nie zurückziehen. dennoch läßt sich Daniello zu sich ins Zimmer. Ha, das ist Jonnys Chance! Wenn er nicht die Frau haben kann dann doch das, was Daniello so berühmt macht. Er entwendet die berühmte Armati-Geige aus dem Zimmer Daniellos.

Technisch wurde die Hotelzimmer-Szene gut gelöst: Auf einer Art Podest ist ein goldener Vorhang gespannt, der sowohl als Party-Tanzsaal-Hintergrund wie als Zugang zu den Hotelzimmern dient. Die Türen werden durch Einblendung der Zimmernummern angedeutet. Eine verschiebbare Treppe ergibt den Zugang zu den jeweiligen Zimmer, erinnert aber auch an eine Art Showtreppe, die zu glamourösen Stars gehört.

Am Morgen muß der Star-Geiger Daniello einsehen, dass die Beziehung zu Anita nicht von Dauer ist. Sein lautes Klagen beantwortet Anita damit, dass man eben den Augenblick leben solle.Es geht weiter, das Leben und das in immer größerer Geschwindigkeit! The roaring Twenties, die wilden Zwanziger, in der diese Oper spielt, spiegeln diese immer schnellere Leben mit flüchtigen Augenblicken: da wird davon gesprochen, mit dem Auto angekommen zu sein oder in 10 Minuten am Bahnhof sein zu müssen.Ein Telefon, ein damals außergewöhnliches Gerät macht es möglich, sofort mit einer entfernten Person zu sprechen. Es bleibt bis heute eine Herausforderung, eine Autofahrt oder einen fahrenden oder anhaltenden Zug auf der Bühne darzustellen. Wenn aber das Bühnenbild in den 1920er Jahren spielen und diese – in der Zeit als Novum befindlichen – Dinge wie „Automobil“ oder „Telefon“ herausstellen soll erscheint es eigenartig, dass vorbeiziehende Hotelgäste den Stargeiger Daniello mit der Handykamera fotografieren müssen. Denn an mobile Telefone dachte in den 1920er Jahren noch niemand, es war ein technisches Novum, überhaupt telefonieren zu können.

Als Daniello den Verlust der Geige bemerkt, hört man die Piccolo-Flöte wild pfeifen. Er beschuldigt Anita, die Geige „weggehext“ zu haben, um ihn zu ärgern. Er muß sich an dem Komponisten rächen! Stampfende Trompeten-/Posaunentöne begleiten seine Rachpläne. Unisono mit der Trompete fragt Daniello sich: „Aber wie?“ toll, wie die Musik immer wieder die Stimmungen auffängt.

Menschenauflauf auf der Bühne: genervte Hotelgäste reisen ab, der Hoteldirektor ist verzweifelt, die Polizei in Trencoat-Mänteln kommt, um den Diebstahl zu begutachten, Jonny sagt dem Hoteldirektor, dass er kündigen wolle. Anita engagiert die vom Direktor gekündigte Yvonne als Zofe, dsie soll schuld am Geigendiebstahl sein.

Dann ist erst mal Pause – und die braucht man auch bei der Wucht dieser Musik mit ihren vielen Quint- und Quartsprüngen und plötzlichen Stimmungsschwankungen. Es verwundert nicht, dass die Nazis damals das Stück nicht haben wollten. Kein vermeintlicher Wohlklang, keine „schönen Terzen“ und dazu der „böse“ Jazz aus dem verfeindeten Amerika. Das geht mal gar nicht auf deutschem Gebiet in den 1930er und 1940er Jahren.

 

Hotelzimmer von dem Komponisten Max. Bemerkenswert ist bei einer „Zeitoper“, dass die Figuren nie zuhause sind, nie an einem Ort, wo sie sich aufgehoben fühlen könnten. Unruhig und rastlos sind sie und immer an Orten, die eigentlich nur Durchgangsorte sind: Hotelzimmer, Hotellobbys, Bahnhöfe (und wie in „Rinaldo“ : Flughäfen. Aber mit der Fliegerei geht es in den 1930er Jahren erst richtig los).

Das Telegram von Anita trifft ein. Doch sie kommt nicht. Max ist rastlos, singt zu unruhigen Baßtönen und Trompeten, sein Herz solle sich doch beruhigen. Der Mann muß richtig dicke verliebt sein. Auch Besitzstandsdenken ist wohl mit dabei… Der Gesang von Max gleicht einer Achterbahnfahrt, sie möge doch Gnade haben, sein Leben läge in ihrer Hand. wäre die Musik nicht so schräg (Tonsprünge von der Höhe plötzlich ohne Zwischentöne in die Tiefe und umgekehrt), könnte die stimmung leicht ins Rührselige abgleiten. Doch Krenek versteht es, die Spannung zu halten und das Seelenleben seiner Figuren ans (Bühnen-)licht zu bringen.

Selbst die einzelnen Zeiträume, die es bis zur Ankunft Anitas noch dauert, werden besungen: „noch 1 Minute“, dazu das pizzicato der Streicher gleich dem Ticken einer Uhr.Ein plötzlicher einzelner Schlag des Xylophons beendet diesen gewarteten Zeitraum voller banger Stimmung. Dann wieder lautes Aufschrecken: „war da ein Automobil?“ er horcht nach draußen. Nein doch nicht…erst nach einer durchwachten Nacht taucht Anita auf.

So richtig Freude kommt bei ihrer Ankunft nicht auf… und dann ist da noch der Ring Anitas, den Daniello an Yvonne gegeben hat, den soll sie Max geben. Max wird klar, dass Anita ihm untreu war. Er meint, dass alles am Ende sei und geht wieder hinaus auf den Gletscher, diesmal mit einem Revolver und ruft, dass er in die Ewigkeit des Gletschers eingehen, „heimgehen“ wolle, hier sei doch alles zu Ende. („Wer ruft?“  tönt es aus der Tiefe. – „ein armer Mensch, der heim will.“)Doch der Chor, verborgen, fast mysthisch aus dem Eis , aus großer Tiefe klingend antwortet ihm: „wer stört unsere Ruh, glücklos und leidlos wie wir gehen vom Himmel in die Erde.“ Hier fühlt man sich in Inhalt und Sprache  an die mysthischen Geschichten in z. B. den Nibelungen erinnert, auch der Chorgesang läßt die Musik Richard Wagners zumindest erahnen. Der Chor aus der Tiefe lehnt ab: „du kannst nicht bei uns sein, Du bist ein Mensch und mußt leben. Gefrevelt deinem Menschsein wäre es.“

Jazzartige Musik kündigt die Ankunft von Jonny an. Er ist der Opernsängerin Anita gefolgt, denn er will die Geige haben, die A. unwissentlich mitgenommen hat. Schillernd im goldfarbenen Mantel mit goldenen Schuhen und seinen Ganovinnen (die Tänzerinnen) taucht er plötzlich im Hotelzimmer auf. Und er findet sie.

„Zum Bahnhof, zum Bahnhof!“ – in der Schlußszene wollen alle zum Bahnhof. Anita hat ein Engagement in den USA bekommen! Wie aufregend! Max ist leider verhaftet worden, er soll die Geige gestohlen haben. Jonny ist eben ein Gauner, der frech und geschickt ist und seine Verfolger abgeschüttelt hat. Anita, Yvonne und der Manager warten ungeduldig am Bahnsteig, ob Max nun doch kommt. einzelne Videoeinblendungen mit Zifferblättern, auf denen die Zeiger den Verlauf der Zeit anzeigen, werden eingeblendet. Die Zeit rast und mit ihr das Leben.

Der „Bahnhof“, das sind einzelne Quader, die hochkant auf der Bühne herumstehen und wie Wartehäuschen wirken: Fahrgäste sitzen oder stehen davor, rauchen, lesen Zeitung, warten mit einer Rose in Papier verpackt für eine Verabredung, schminken sich. Immer wieder sind dann auch mal wieder viele Leute auf der Bühne, die ankommenden oder abreisenden Fahrgäste mit Koffern und Taschen in der Hand. Das kommt schon rüber, allerdings hätte man sich doch, da doch ständig von der „immer noch zu langsamen Eisenbahn“ die Rede ist, zumindest ein Bild einer Dampflok mit Waggons im Hintergrund gewünscht. Die Autofahrt, als Max festgenommen wurde, wird auch deutlich mit dem schattenhaften Video einer Nachtfahrt im Hintegrund gezeigt, während die Personen im „Auto“, einem Kasten mit Scheinwerfern vorne dran sitzen und die Fahrbewegungen nachahmen. Den Pfiff einer Lokomotive oder einer Polizistenpfeife hatte man zumindest gehört.

Und dann sind sie doch angekommen: mit dem Zug in Amsterdam. Die einzelnen Quader sind nun in einer Reihe aufgestellt, die nun eine Reeling eines Schiffes nach Amerika ist. LIBERTY steht in großen Lettern auf der „Schiffswand.“ Alle feiern, Jonny spielt auf, geschickt hat er die Polizei abgehängt, es geht in das unbekannte Land der Freiheit, in das neue, das alte bleibt in Europa zurück (…und Europa erbt den Tanz“). Nur Max kann nicht so mittanzen und feiern, er bleibt unsicher, ob er dem neuen trauen kann, kann nicht so locker sein wie Anita. Er hat die Last der Tradition noch in sich, die Jonny nicht hat. Jonny fährt zurück in seine Heimat Alabama/USA, doch ob das neue Land auch Max beruflichen Erfolg bringt?

Bei dieser Musik bleibt kaum was im Ohr, weil sie lauter, schriller und vielschichtiger ist als alle Musik, die vor den 1920er Jahren geschrieben wurde. „Rinaldo“ als Barockoper bleibt dagegen im Kopf. Die Sängerinnen und Sänger sind meist sicher, trotz der halsbrecherischen Tonsprünge, nur manchmal kippt die Stimme in der Höhe und ist nicht ganz sauber. Dennoch ist die Oper sehenswert: so deutlich und unterhaltsam wird die Stimmung einer Zeit eingefangen, dass es eine Freude ist, zuzusehen. Diese Aufregung, des neuen, kommenden! Das Leben pulsiert, anstatt stillzustehen und in einem Ist-Zustand zu verharren. Die STADT ist es, in der das Leben stattfindet, pulsiert, schreit, nicht mehr in der im 19. Jahrhundert als romantisch verklärten Natur (Gletscher-Motiv). am Ende schwingt die Disco-Kugel wie ein Uhrenpendel hin und her, um schließlich den Schaukasten, der wie eine Schneekugel des Gletschermotivs wirkt, in dem sich zwei Figuren (Anita und Max?) befinden, von der Bühne fegt.  Die Darstellung dieses Lebensgefühls in den 1920er Jahren ist dem Komponisten Ernst Krenek und auch dem Bühnenbildner Jan Bammes und Kolleg-/innen bis auf wenige Ausnahmen gut gelungen. Auch etwas Ironie ist dabei, wirkt die Musik trotz allen Ernstes mit ihren Tonsprüngen auch übertrieben. Spontan hätte ich auch nachher laut mit großen Tonsprüngen singen können „Mein Zug geht in 10 Minuten. Zum Bahnhof, zum Bahnhof!“ Wie theatralisch 😉  In der Oper „Jonny spielt auf“ von Ernst Krenek wird ein Lebensgefühl gezeigt, dass laut, schrill ist und in die Vollen geht. Ohne darüber nachzudenken, ob es ein Morgen gibt. Oder ob man scheitern könnte. Kein Nachdenken über mögliche Folgen, sondern: volles Leben.

Jonny spielt auf, Oper von Ernst Krenek am Theater Hagen

weitere Vorstellungen: 2. April 2016, 19.30 Uhr

29.05.2016, 18.00Uhr

Einführung jeweils eine halbe Stunde vor Beginn.

http://www.theaterhagen.de/veranstaltung/jonny_spielt_auf_715/0/show/Play/

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Figaros Hochzeit ins Blaue hinein

Als Wiederaufnahme aus dem Jahr 2013 läuft am Opernhaus Dortmund „Le nozze di Figaro“, Figaros Hochzeit in der Inszenierung von Marie Clément als Koproduktion mit dem Staatstheater Nürnberg. Der Figaro fehlte mir als eine der wenigen Opern von Mozart noch. Jetzt habe ich mir die „Hochzeit des Figaro“ heute angesehen.

Am Anfang spielt eine Szene, in der das Orchester noch schweigt. Die Gräfin liegt im Bett, nacheinander treten der Graf, Figaro , Susanna und eine Dienerin auf. Figaro macht durch Gesten dem Grafen klar, dass Susanna ihm gehört. Sogar die Küchenmagd wird abgeküßt, bis sie sich verschämt losreißt. (heute würde man von sexueller Belästigung sprechen, aber wir sind in einer komödiantischen Oper).

Die Ouvertüre beginnt. Auf der Bühne ist der Hintergrund meist blau, die Figuren sind nur Schatten, außer eine Szene wird mal voll ausgeleuchtet. Alle Beteiligten und auch die Bühnenmitarbeiter-/innen schieben immer wieder Tische, Stühle oder Wände auf die Seite oder auf die Bühne. Es ist immer Leben auf der Bühne: während eines Duetts wie dem von Susanna und Figaro, als Susanna Wäsche aufhängt, wird im Hintergrund in einer konstruierten Küche gearbeitet: Mägde sitzen am Tisch und putzen Gemüse, eine andere bügelt an einem Schrank mit ausgeklapptem Tischbrett die Wäsche, der Gärtner Antonio kehrt ganz hinten im Bühnenbild das Laub zusammen. Trotzdem wirkt die Bühne seltsam leer und öde.

Im 2. Akt wird mir der Gesang, die ganze Oper zu lang. Ich wundere mich, warum der Funken nicht überspringt. Müdigkeit und leider auch Langeweile machen sich breit. woran liegt es? An meiner Müdigkeit vorher oder am schlechten Gewissen, in die Oper gegangen zu sein, anstatt vorher noch den Lernstoff für die bevorstehende Prüfung noch weiter durchzugehen?

An den Sängerinnen und Sängern lag es sicher nicht. Auch wenn Gerado Garciano nur spielen, aber nicht singen konnte, hat er dies mit dem singenden Michael Dahmen gut gemeistert. Manchmal hatte man dennoch den Eindruck, wie gern er gesungen hätte…. Morgan Moodys Baß habe ich schon in „Kiss me Kate“ gern gehört. Spiel und Singen, das gehört eben zusammen.(Das stürmische Wetter von heute ist wenig stimmenfreundlich und schreit nach Kopfweh). Ashley Thouret als Susanna singt ausdrucksstark und dosiert das Vibrato richtig, während Emily Newton als Gräfin Almaviva es gern mal übertreibt – und dafür immer wieder Szenenapplaus bekommt. Es scheint sich inzwischen institutionalisiert zu haben, dass im Opernhaus auch Szenenapplaus gegeben wird. Bei Mozart finde ich diesen Applaus eher störend, auch wenn ich die Begeisterung der Zuhörer_innen verstehen kann.

Schade, dass Cherubino nicht mehr Auftritte hat. Gesungen von der phantastischen Mezzosopranistin Ileana Mateescu (Hauptrolle in „Rinaldo“ und Partie des Hänsel in „Hänsel und Gretel“) ist sie eine der wenigen, die für ein Stück Spannung und Unterhaltung in dieser Oper sorgen.Man kann ihm als Frauenheld gar nicht so recht böse sein, vielleicht weil Cherubino noch so jung ist. Ein ewiger Schmeichler, Spaßmacher und Charmeur, gerne auch mal leicht trottelig und deshalb sympathisch. Ich mußte spontan an den Popsong „Herz verloren“ von Farin Urlaub denken, als Cherubino sein Lied der Gräfin singt: „Sagt mal, ihr Frauen, die wissen, was Liebe ist, sagt mir, warum werde ich so verrückt, wenn ich Euch sehe? Warum ist mir gleichzeitig heiß und kalt?“ (sinngemäße Wiedergabe des Textes). Und in der Gartenszene am Ende, als es Gräfin Almaviva und Susanna mit ihrem Verwirrspiel schaffen, den Grafen und Figaro reinzulegen, singt Cherubino „ich rieche Frauen.“ Da mußte ich lachen, einer der seltenen Lacher an diesem Abend. Man kann dem Schlingel nicht böse sein. Dem überambitionierten Grafen Almaviva, der seine sexuelle Lust nicht zügeln kann, sehr wohl. Möglicherweise hätte heute ein Psychoanalytiker bei ihm Sexsucht diagnostiziert und ein großes Frustpotential bei beiden Eheleuten festgestellt. Merke: man löst seine eigenen Eheprobleme nicht, indem man mit einer anderen anbandelt. Wenn, dann isses nur eine  kurze Freude und noch dazu sehr anstrengend, weil man die Beziehung ständig vor der eigenen Ehepartnerin geheim halten muß.

Genervt hat mich genau das, was anderen immer so gut gefällt: die ‚historischen‘ Kostüme. Ich habe mit jeder Frau Mitleid, die dieses grausige Korsett tragen muß. Man muß sich mit diesem weit ausgestellten Rock vorkommen, als ob man von der Taille ab in einem Faß steht und damit rumlaufen muß…. bei der Gräfin noch grausiger als bei Susanna. Warum nicht ein reichhaltigeres Bühnenbild und dafür weniger Aufwand beim Kostüm? Der Garten in der Schlußszene, das waren nur kümmerliche Haufen mit bunten Blättern und einer Holzhütte. Nicht überzeugend, wenn in diesem Garten Verwechslungsspiele und Versteckspiele gespielt werden sollen.

Die Musik gibt einiges her, der Inhalt auch… aber es lag wohl an der Inszenierung, dass bei mir der Funke dieses Mal leider nicht übersprang. Mozart hat einige Hits in der Oper „Figaros Hochzeit“ , sagte mir ein guter Freund. Ich glaube ihm als langjährigen Opernfreund. Dennoch habe ich kaum was im Kopf behalten (Rinaldo dagegen läuft in Endlosschleife 😉 . Bei aller Verachtung für solche Schürzenjäger wie dem Grafen Almaviva ist es wohl so, wie Dramaturg Georg Holzer im Programm schrieb: in „Figaros Hochzeit“ geht es um die Menschen und ihr privates Glück. Niemand will eine Revolution anzetteln (die Oper wurde am 1. Mail 1786, als es schon revolutionäre Gedanken gab und bevor die Franz. Revolution losbrach, uraufgeführt). Jede und jeder hat seine Schwächen, die die Mitmenschen nerven oder auch belustigen. Ob der Graf am Ende, als ihm die Gräfin seine Untreue verzeiht (oh wie großherzig für den Hallodri 😀 , seine Gelüste gegenüber Susanna aufgibt, weiß man als Zuschauer-/in nicht (die Psychotherapie gab es noch nicht). Auch Cherubinos Frage, was denn mit ihm los sei, dass er immer so verrückt werde, wenn er Frauen sieht, wird nicht beantwortet (gab es da mal nicht einen Film von Woody Allen drüber?) Die wirklich starken Figuren sind in der Komödie immer die, die im realen Leben benachteiligt sind: die Diener und Kammerzofen sind ein Stück schlauer und geschickter als ihre Herrinnen und Herren und wissen sich geschickt gegen Ungerechtigkeit zu verteidigen. Die Herrschaft des Adels bedeutet immer Willkürherrschaft – und deshalb hat es 1789 von Frankreich ausgehend auch so gekracht.

Gerne werde ich mir die Oper noch mal ansehen – aber bitte mit einer anderen Inszenierung. Tut mir leid, ich bin früher auch gern ins Staatstheater Nürnberg gegangen, als ich in Mittelfranken gewohnt hatte. Nur gab es damals noch kein Internet und keine Blogs wie diesen hier, in den man Kritiken schreiben kann.

 

Figaros Hochzeit, Commedia per musica von Wolfgang Amadeus Mozart

Libretto von Lorenz Da Ponte nach Beaumarchais

Inszenierung: Marie Clément

Opernhaus Dortmund, weitere Termine: 3., 16. und 30. April 2016

http://www.theaterdo.de/detail/event/16001/#prettyPhoto

 

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Am  16. April 2016 habe ich mir den „Figaro“ noch mal angesehen. Diesmal vom Orechestersessel aus (Das sind die vordersten Reihen im Opernhaus Dortmund). Auf verhältnismäßig kleiner Fläche passieren viele Nebenhandlungen, die ich vom Orchestersessel aus besser verfolgen konnte – und bis auf eine Szene hat es mich nun gepackt! Ich langweilte mich nicht mehr und habe öfter gelacht. Allein die Szene im Schlafzimmer der Gräfin, als Cherubino aus dem Fenster gesprungen ist (auf der Flucht vor dem Grafen) zieht sich in eine schwerer erträgliche Länge. Die Musik ist fast immer gleich laut, die Ausdrücke der Figuren unterscheiden sich kaum. Aber sonst… ein schöner Abend! Und einige Hits gibt es… mancher paßt sogar als Protestgesang gegen Autoritäten!

 

Das Leben: ein Schachspiel

 

Kritik zum Balett von Xin Peng Wang: „Faust I – Gewissen!“

Fast jede Schülerin und Schüler kennt den Stoff um Doktor Faustus, geschrieben von einem gewissen J W. von Goethe. Dieser Herr  Faust hat alle Wissenschaften studiert und ist doch unzufrieden weil er immer noch nicht weiß, was die Welt im Innersten zusammenhält. Das schafft innere Unruhe, Rastlosigkeit. Dann begegnet ihm der Teufel, der aufgrund einer Wette mit Gott dem Faust das Blaue vom Himmel (oder besser: das Rote von der Hölle) verspricht. Na wenigstens soll es in der Hölle immer schön warm sein. Im Himmel dagegen sollen kontinuierliche lästige Chorproben die Regel sein.

Der Stoff um Doktor Faust oder „Faustus“ wurde oft vertont.1797 schreibt Johann Ignaz Walter die erste Oper über diese Erzählung. In England entsteht der Schauerroman (Ann Ratcliff „The Italian“ und Horace Walpole). Den Komponisten Walter kennt man heute kaum mehr, aber einen anderen, erst recht, wenn man Violinunterricht hatte: Louis Spohr. Er schreibt ebenfalls im Jahr 1816 eine Oper über den Alchemisten, Juristen und Metaphysiker.

Faust, das ist durchaus auch ein Inhalt für Schauer- und Horrorromane, weshalb sich im Programmheft einige Hinweise auf Lord Byron und andere Dichter der schwarzen Romantik finden – englische Pendants zu Faust entstehen. Parallel zur literarischen Romantik im 19. Jahrhundert sind einige andere Komponisten eifrig am Werk: Hector Berlioz mit seinem Oratorium „La Damnation du Faust“ 1845 und die heute noch bekannte Oper „Faust et Maguerite“ von Charles Gounod  im Jahr 1859 (Gounods Oper ist derzeit in Essen zu erleben. Ein Bericht von der Premiere hier: http://terzwerk.de/faust-essen/  – danke an die terzwerk-Redaktion). Sogar Giuseppe Verdi schrieb ein Musikdrama namens „Mefistofele.“ Gegen Ende des 19. Jahrhundert war es dann aber wohl genug mit dem Hochlob und Kult um Doktor Faustus, so dass es 1869 eine Persiflage als Opéra-bouffe „let petit Faust“ von Hervé (bürgerlicher Name Louis Auguste Florimond Ronger) gibt.

Faust als Oper – ja, das kann man sich vorstellen. Aber Faust als Ballett? Mit welcher Musik soll dann getanzt werden?

Die Idee, „Faust“ zu tanzen, ist nicht neu. In Mailand  an der Scala gibt es am 12. Februar 1848 ein Ballett, choreographiert von Marius Petipa (Mitschöpfer der Ballette von Tschaikowsky) und zur ;usik von Giacomo Panizza und Niccolò. Leider erfährt man im Programm nicht, ob die Musik speziell für diesen Tanz geschrieben wurde oder ob auf bereits bekannte Stücke getanzt wurde.

Im deutschsprachigen Raum gibt es bis ins 20. Jahrhundert hinein keine Oper, „Faust“ wird in symphonischen Werken vertont; Richard Wagner mit seiner „Faust-Ouvertüre“ im Jahr 1840, Franz Liszt mit einer „Faust-Sinfonie“ als Charakterbilder von Faust, Margarete und Mephisto. 1907 findet das Faust-Thema Einzug in Gustav Mahlers achte Sinfonie, allerdings mit der Himmelfahrtszene aus „Faust II.“ Noch 1994 entsteht eine Oper „Historia von D. Johann Fausten“ von Alfred Schnittke und 2003 von Pascal Dusapin „Faust – die letzte Nacht.“

Das Dortmunder Ballett „Faust I – Gewissen!“ vn Xin Peng Wang

45 Min vor Beginn gibt es eine Einführung in den Stoff, die Musik  (die fast ausnahmslos live vom Orchester gespielt wird) und die einzelnen Szenen. Man sollte diese Einführung unbedingt hören, damit man die Bedeutung der einzelnen Bühnenbilder begreift. Im Programmheft für 2,50€ ist das meiste nachzulesen. Schade nur, dass der Vortrag recht eintönig verläuft, so dass man nach 15 min nicht unbedingt mehr geneigt ist, zuzuhören.

 

Das Leben: ein Schachspiel.

Vom ersten Augenblick an ist man bei „Faust I Gewissen!“ gebannt vom Bühnenbild. Farbige oder glänzende Kostüme, Federflügel, die durch die Luft wehen, ein Eimer, der Mephisto analog zum Pferdefuß eines Teufels am rechten Fuß klebt, sorgt für etwas Komik. Dazu wechselnde Ebenen, auf denen die Tänzer  tanzen, im Hintergrund zeitweise ein riesiger Spiegel, der mit dem Abbild toter Körper eingerahmt, alles spiegelt, was auf der Bühne passiert. (Gut, wenn man in der Loge sitzt: da kann man die unteren Bühnenebenen schon sehen, bevor sie nach oben kommen). Immer wieder taucht eine scheinbar nackte Menschenmasse mit undeutlichen Gesichtern auf (die Menschheit? Die Gesellschaft, die Faust nicht versteht?).  Und: das immer wieder kehrende Schachbrett. Bei der Einführung wurde dies so erklärt:

Das Schachbrett steht für eine wohlgeformte Ordnung im Leben. Figuren in Kostümen, die Könige oder Türme oder Läufer sein könnten, schreiten langsam über das Schachbrett, Im Hintergrund verkörpern Tänzer(innen) in aufwendigen Kostümen die  vier Wissenschaften des 16. Jahrhunderts: Theologie, Jura, Medizin, Philosophie. Der alte Faust, der zuerst mehr über die Bühne schlurfte als ging, tanzt mit jeder der Wissenschaften, nachdem diese ihren schweren Umhang abgelehnt haben. Wow, wie schwungvoll so ein alter Mann plötzlich tanzen kann.

Mephisto taucht auf. Seinen „Pferdefuß“ hat er nun verloren und kann sich so freier bewegen. In Goethes Erzählung wird von der Verjüngung des Faust erzählt: im Ballett löst ein anderer Tänzer den „alten Faust“ ab. Jetzt wirbeln sie beide über die Bühne, gern im Duett: der schwarz-glänzende Teufel und Faust im weißen Hosenanzug mit offenem Hemd. Da möchte man gleich mittanzen, denn jetzt geht es durch das pralle Leben, das nur der Jugend offensteht. Dieses „pralle Leben“ soll durch an die Wand und den Bühnenboden projizierte Nachrichten- und Börsenkursmeldungen symbolisiert werden… dies wird ohne einen Blick ins Programm nicht wirklich klar. Ein paar andere Requisiten, die z. B. an reichhaltiges Essen, wenn nicht an Völlerei erinnern, wären da deutlicher gewesen. Auch was das Gitter, das an eine Stahlkonstruktion erinnert und von oben immer wieder herabgelassen wird, bleibt rätselhaft.

Gut umgesetzt ist hingegen die Begegnung Margaretes mit Faust im Haus der Tante Margaretes. Die Vorsicht und Ablehnung der Tante, ihr Entsetzen über Faust, der ihre Nichte plötzlich im Arm hält, wird sehr deutlich. Die wechselvolle Musik, die einige Überraschungen bereithält in Sachen Stil („Klassik“, Elektronik, Minimal-Music und sogar Rammstein) sorgt zusätzlich für Spannung, wenn die Tanzbewegungen manchmal langatmig erscheinen.

Rammstein: ja tatsächlich wird ein Lied dieser Band für die Walpurgisnachtszene benutzt. Diese Art von Musik ist eine echte Geschmacksfrage und würde sie draußen aus irgendeinem Lautsprecher dröhnen, würden sich viele angewidert abwenden. Beim Ballett Dortmund paßt die Musik Rammsteins  („ich will“) in Rhythmus und Aussage genau zum Tanz: „Ich will das du  mir vertraust […] Ich will dass du mich siehst….“ Genau darum geht es: Mephisto will, dass Faust ihm vertraut. Faust will Margarete haben, die nun des Mordes an ihrer Tante bezichtigt wird (die aber von Mephisto getötet wurde). (In Xin Peng Wangs Ballett „Faust I – Gewissen!“ kommt keine schwangere Margarete, die später ihr Kind tötet, vor). Die Walpurgisnacht ist die stärkste Szene des gesamten Abends: fast wie Striptänzer auf einer schmalen Bühne tanzen die Hexen mit schwarzen, wehenden Federflügeln, die Gesichter unter Masken verborgen. Darunter zu Beginn eine Art Labyrinth von kreisförmigen, schachbrettgemusterten Stoffbahnen, aus denen erneut diese seltsamen Wesen, die wie nackte Menschen aussehen, plötzlich hervorkommen. Ohne deren Auftauchen hätte man die verschiedenen Stoffbahnen auch nur für eine geschickte 3D-Spielerei der Bühnen- und Beleuchtungstechnik halten können. Nach der Walpurgisnacht gibt es Szenenapplaus. Ein Zeichen für die richtige Platzierung der Musik.

Schlußszene: Margarete steht nur noch in einem weißen Nachthemd (kein Kleid mehr) vor einer Wand, wie eine Art Marterpfahl. Die Teufel oder die zu Teufeln gewordene Menschen werfen blutige Batzen an die Wand. Mit jedem Aufprallen an der Wand sinkt sie mehr in sich zusammen, bis sie am Boden liegt. Der junge Faust liegt am vorderen Rand der Bühne, der alte Faust taucht wieder auf. Warum jedoch der alte Faust nicht nur das tote Mädchen ansieht und anfaßt, sondern mit ihr tanzt, als sei sie plötzlich wieder zum Leben erwacht, bleibt ein Rätsel.

Das Leben kann ein Schachbrett sein. Alles ist wohlgeordnet, alles bewegt sich nach Regeln. Nur wenn Mephisto (in Form von anderen Geschehnissen) auf das Schachbrett tritt, kommt alles durcheinander, manchmal verschwindet das Schachbrett völlig. Ob man sich dann den „bösen Mächten“ zuwendet, um wieder Ordnung zu schaffen? Einen Pakt mit dem (vermeintlich) Bösen schließen? Ist es vielleicht nur das schlechte Gewissen, seine Pflicht oder einfach nur das, was man tun wollte, nicht getan zu haben?

Auffällig war die starke Präsenz junger Leute beim Ballettabend „Faust I – Gewissen!“ am Dortmunder Opernhaus. Ob sie „nur“ wegen der moderner anmutenden Musik kamen? Ein paar Mädels hörte ich im Hinausgehen erzählen, dass sie auch Revuetheater gerne mögen würden, da paßte das Ballett heute auch dazu. Und wie haben die Senioren, die sich sonst „La Traviata“ oder „Rosenkavalier“ ansehen, den „Krach“ von Rammstein ertragen?

Faust I – Gewissen!“ Ballett von Xin Peng Wang am Opernhaus Dortmund.

Weitere Termine:

13. März 27. März, 1. April, 1. Mai, 21. Mai, 4. Juni und 1. Juli 2016.

http://www.theaterdo.de/detail/event/16165/

Weitere Rezension: http://terzwerk.de/faust/