Das Geschäft mit dem Sex ist verpönt – doch es läuft. Über ein verschwiegenes und verspottetes Phänomen in der Gesellschaft

Am Mittwoch abend, den 26. September 2018 lud die Mitternachtsmission zu einer Diskussionsrunde ein. Ort und Teilnehmer-/innen waren ungewöhnlich: es wurde in einer Kirche auch mit einem Prostitutionskunden und 2 Prostituierten diskutiert. Die Mitarbeiterinnen der Mitternachtsmission und der ehemalige Leiter der „Sitte“, der für das Rotlichtmilieu zuständigen Behörde gaben Ihre Erfahrungen an das Publikum weiter.

Interessant zu beobachten: Als Leser oder Leserin von Online-Nachrichten erfuhr man auf

https://www.nordstadtblogger.de/alles-nutten-oder-was-ehemaliger-chef-der-sitte-diskutiert-in-petri-kirche-ueber-die-situation-von-prostituierten/

von dieser Veranstaltung.

Auf der Seite http://www.dortmund.de wird man nur nach längerem Suchen fündig, in der Broschüre „FrauenTermineDortmund“, jedoch nicht bei den Veranstaltungsankündigungen.

Prostitution ist immer noch ein Thema, das polarisiert. Prostituierte werden in der Gesellschaft als minderwertige Menschen betrachtet und beschimpft. Bei manchen Diskussionsteilnehmern, auch auf dem Podium schien immer noch eine Unsicherheit zu existieren, das Thema wirklich anzusprechen: wenn man von „Arbeit“ spricht, kann man auch gleich klar sagen, was diese „Arbeit“ ist: eben Sex  die Befriedigung für den Kunden.  Der geladene Kunde auf dem Podium trug eine Maske, die beiden Prostituierten Perücken und Sonnenbrillen. Was einige Diskusssionsteilnehmerinnen bewegte: warum macht man diesen „Job“ überhaupt?

Zunächst wurde klar gestellt: es geht hier um eine freiwillige Tätigkeit. Auf Nachfrage wurde aber klar, dass es bei einer der beiden Prostiuierten noch einen anderen, wichtigeren Grund hatte: sie ist vor etwa 10 Jahren mit anderen Landsleuten nach Deutschland gekommen. In Rumänien herrsche bis heute Perspektivlosigkeit. Die deutschen Gesetze hatten es ihr damals verboten, einer Arbeit als z. B. als Verkäuferin nachzugehen. So hat sie sich für die Prostitution entscheiden (müssen), seit 7 Jahren übt sie diesen Beruf (der als solches nicht anerkannt ist), aus.

Das macht betroffen, dass eine Gesetzeslage Frauen ohne deutsche Staatsangehörigkeit keine andere Arbeit als die im Rotlichtmilieu möglich macht. Prostitution ist kein Problem der Damen, die diese ausüben, sondern: es ist ein gesellschaftliches Problem.

Dies ist ein weiterer Kritikpunkt: Prostitution ist nicht als Beruf anerkannt, die Damen sind nicht sozial- und krankenversichert wie andere Arbeitnehmer, wie ein DGB-Mitglied und Diskussionsteilnehmer sagte. Wenn doch die Nachfrage nach Sex nie stagniert oder gar einbricht, warum wird Prostitution nicht als eigenes Berufsfeld anerkannt? Man muß die Prostitution nicht gut finden, aber man kann ihre Existenz nicht leugnen. Warum gehen vor allem Männer zu Frauen, die ihnen Sex (u.a.) anbieten? Der Prostitutionskunde am Podium meinte, dass er mit den Damen auch vertrauliche, intime Gespräche führen könne und seine sexuellen Wünsche ausleben würde. Nach der Diskussion konnte ich mit einer Mitarbeiterin der Mitternachtsmission noch näher darüber sprechen. Die Prostituierten würden den Freiern sexuelle Wünsche erfüllen, die sie ihren Partnerinnen gegenüber nicht unbedingt äußern trauen würden – und diese würden auch diese sexuellen Praktiken möglicherweise gar nicht mitmachen. Und oft genug geht es nicht mal um Geschlechtsverkehr: „Der Mann erzählt der Prostituierten – ja ich habe meinem Chef doch gesagt, dass das nicht geht. Dem habe ich die Meinung gesagt! – Die Ehefrau weiß, dass das nicht stimmt, weil er sich das nicht traut. Aber die Prostiuierte lobt ihn dann und sagt „das hast du richtig gemacht.“ Aha, interessanter Punkt. Männer suchen hier also eine Bestätigung für sich selbst, die sie offensichtlich woanders nicht bekommen. Prostitution ist also nicht das reine Problem der Frauen, sondern eine Art Reaktion, „Problemlösung“ für partnerschaftliche Konflikte.

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Nur nebenbei waren auch männliche Prostituierte, die von Frauen gekauft werden, ein Thema bei diesem Gesprächsabend. Die Mitarbeiterin der Mitternachtsmission sagte dazu leicht scherzend: „Ich wäre da zu geizig. Die Männer wollen da oft noch vorher essen gehen, da kann man als Freierin schon mal auf 300€ kommen.“

Die Tatsache, dass Prostitution erlaubt und von den Behörden auf Hygienebestimmungen etc. regelmäßig kontrolliert wird heißt natürlich nicht, dass die Prostituierten ihre Arbeit (immer) unbedingt gern machen.  Und reine Freiwilligkeit war es auch nicht, wie eine der beiden Damen ihren Einstieg ins Rotlichtmilieu beschrieben hatte – aber eben auch keine Zwangsprostitution.  Zweifelsohne geht die Arbeit als Prostituierte an niemandem in dieser Szene spurlos vorüber. Aber deshalb verbieten? Eine einfache Antwort darauf gibt es nicht.

Eine Gesprächsteilnehmerin, Mitglied der Organisation von „Terre de femmes“ kritisierte die Prostitution scharf. Männer würden Frauen kaufen, Prostitution verletze und zerstöre Frauen, es sei reine Gewalt an Frauen. Dabei machte sie keinen Unterschied zwischen Freiwilligkeit und Zwang zur Prostitution. Die Terre-de-femmes-Vertreterin sprach sich für das „nordische Modell“ aus. In Schweden ist Prostitution per Gesetz verboten. Im Gespräch danach sagte Rainer Minzel dazu: „ich weiß nicht, wie die in Schweden das nun unter Kontrolle haben. Wenn man Prostitution verbietet heißt das nicht, dass sie verschwindet. Und dann müßte man auch die Frauen bestrafen.“ Durch das „Dortmunder Modell“ habe man es unter Kontrolle. Die Szene selbst  achtet darauf, wenn ihr was auffällt, was nach Menschenhandel oder Zwangsprostitution aussieht und würde dann sofort die Polizei informieren. Letztendlich geht es auch um das Geschäft: wenn da plötzlich ein Anbieter ist, der nicht an Behördenauflagen gebunden und billiger ist, wird das innerhalb der Szene sofort sanktioniert.

 

Kernpunkt des gesamten Gesprächsabend war der Appell der Prostituierten und des ehemaligen Leiters der „Sitte“ Rainer Minzel, dass diese Frauen endlich als gleichberechtigte Mitmenschen anerkannt werden. Auch wenn sie einen -außergewöhnlichen – Beruf ausüben. Auch wenn sie in ihrer „Arbeitskleidung“ unter anderen Menschen im Alltag auffallen wie ein Pfau unter lauter Amseln, sind Prostituierte, Männer wie Frauen Mitmenschen mit den selben Rechten wie eine Verkäufer oder eine Musikerin.

 

Weitere Informationen:

FrauenTermineDortmund: https://www.dortmund.de/media/p/frauenbuero/downloads_frauenbuero/FrauenTermineDortmund.pdf  Veranstaltungen der Stadt Dortmund zum Thema Frauen und Gleichberechtigung

Arbeit der Mitternachtsmission: http://mitternachtsmission.de/   Diese Organisation unterstützt Prostituierte und hilft ihnen, wenn sie es wollen, aus der Szene auszusteigen.

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Fliegen auf 2 Rädern will gelernt sein

Ein Sitz, kein Sattel. Die Polsterung sieht aus wie ein grober, dunkelgrauer kratzender Putzschwamm beim Geschirrspülen. Ein langes Rohr, dass das kleinere Vorderrad mit dem größeren Hinterrad verbindet, läuft unter dem Sitz hindurch.. Und wo ist der Lenker? Ah so, der läuft unter dem Sitz durch, die Griffe schauen links und rechts vom Sitz hervor. Das ist der Grundaufbau eines Liegerades. Genau, deshalb liegt man mehr, als man sitzt, während man Rad fährt. Die Beine in der Waagrechten nach vorne über dem kleinen Vorderrad auf den Pedalen. Sieht seltsam aus,  klingt verrückt, ist es auch und das beste: es funktioniert. Aber man braucht Geduld, es zu lernen.

Vor ca. 10 Jahren bin ich schon mal Liegerad gefahren. Ein Nürnberger ADFC-Kollege hatte mich auf diese außergewöhnliche Fahrradgattung aufmerksam gemacht, einmal war ich mit ihm auf der Spezialradmesse (SPEZI) in Germersheim im Süden von Rheinland-Pfalz. Ich hatte Geschmack an dieser Art des Radfahrens gefunden: man kann schnell beschleunigen, es macht riesen Spaß, der Gegenwind braucht die Fahrerin nur noch wenig zu kümmern. Der ganze Beckenbereich ist entspannter, weil man mit seinem Gewicht nicht auf den Sattel drückt.  Mit dem ausgeliehenden FLUX C 500 erlebte ich Fahrspaß pur, ein richtiger Rausch hatte mich ergriffen. Doch leider war es vor ca. 10 Jahren Herbst gewesen, ich hatte das nasse Laub auf dem Weg vergessen  – und wusch! flog ich hin. Das Gute am Liegerad: man kann nicht tief fallen. Das schlechtes: es gut dennoch weh. Die ganze Beinseite war blau und geprellt.

Es hatte große Mühe gemacht, das FLUX C 500 damals auszuleihen: ich mußte mit dem Zug erst nach Ansbach fahren, das bedeutete hin und zurück mehree Stunden Fahrt. Und dann das vergleichsweise schwere Liegerad in den Zug hieven, der noch so häßliche alte Klapptüren hatte…

Von damals habe ich nur Bilder von einem entwickelten Film, die (noch) nicht digitalisiert sind.

Der Traum vom Liegerad-Fahren blieb, aber Geld, eins zu kaufen, hatte ich keins. Wenn man es einmal gelernt hat, will man nie wieder absteigen.

Heute, 10 Jahre und zwei Umzüge in eine andere Stadt später ergibt es sich, dass ich im Monat nicht nur eine Critical Mass mitfahren kann. Hier und da gibt es nette Kontakte, man findet Gleichgesinnte. In Gelsenkirchen gibt es offenbar eine Liegerad-Szene, die ganz fußballfern und über Stadtgrenzen hinweg ihre Leidenschaft pflegt. G. mit seinem gelben Velomobil (ein Liegerad mit Verkleidung rundherum, sieht lustig aus und ist super schnell!) ist einer davon. Weil ihm der Arzt irgendwann auch das Rennradfahren verbot, fährt er Liegerad. Einige Exemplare, darunter auch ein Dreispurer (Scorpion von HP Velotechnik) besitzt er nun schon. Und mir versprach er, dass ich eins leihen könne. Hey cool, endlich nach 10 Jahren wieder Liegerad fahren!

Von einem Kollegen aus eben dieser Stadt hatte ich mir schon Ausflugstips geben lassen, was ich alles sehen könnte: Schloß Berge, Schloß Horst… (nein, das „böse“ Stadion der „Blauen“ steht nicht auf meiner Sightseeing-Liste 😀 ) ich malte mir einen ruhigen Freitag nachmittag aus, der evtl. sogar mit der Critical Mass in Bochum enden könnte. Im Gegensatz zu Nürnberg und Ansbach, der Region Nordbayern sind die Städte im Ruhrgebiet sehr nah beieinander. Bochum sollte also bis abends erreichbar sein.

Doch Fahrräder sind eigenwillig. Fast wie echte Pferde auch, sagen sie nicht zu jeder und jedem sofort „ja.“ G. stellte das Rahmenrohr so ein, dass ich mit den Beinen bequem die Pedale vorn an der Spitze erreichte. Ich dachte, ich kann es noch…. aber immer wieder kippte ich um. Es ist genau so, als wenn man Radfahren lernt: der Kopf kapiert, dass man das Gleichgewicht halten kann, aber der Körper braucht länger, um es zu kapieren. „Du mußt die Beine oben halten, lenken und treten, lenken und treten!“ sagte G. immer wieder. Er feuerte mich an, schob an – und irgendwann konnte ich das erste Stück, den kurzen Radweg entlang der U-Bahn-Haltestelle frei fahren. Juhuu! Die Gelsenkirchener Jugend, die an der Haltestelle abhing, hatte an diesem Nachmittag eine besondere Unterhaltung 😉

Nach ein paar technischen Schwierigkeiten konnten wir abends dann losfahren. Ich wollte es noch bis nach Bochum zum Hbf schaffen, von dort aus mit dem Zug nach Haus fahren. G. schob wieder an – mit Gepäck radeln am Liegerad war noch mal eine ganz andere Herausforderung – und ich fuhr auf der Trasse, vorbei an der Zeche Consol los. Wieder war er da, der Rausch der Geschwindigkeit. Und G. hinter mir plötzlich verschwunden.

Ich freute mich, merkte aber auch, wie erschöpft ich war. Ich habe dann unfreiwillig heftig angehalten, es ist nichts passiert, der Untergrund war ja weich und außer mal umkippen ist nichts passiert. Ich glaube, ich hatte auch etwas Muffensausen bekommen, weil der Weg an dieser Stelle kurz vor der A42 so ist wie der, an dem ich vor 10 Jahren mit dem Flux C 500 gestürzt war: es geht auf jeder Seite schön bergab. Arrgh. Ich machte erst mal Rast, denn ich hatte immer nur etwas, aber nie sehr viel gegessen. Ich war tagsüber ungewollt immer wieder müde, obwohl ich morgens das Gefühl gehabt hatte, ausgeschlafen zu sein.

Ich merkte: ich muß Geduld mit mir selber haben, mal tief durchatmen – dann kann ich wieder losfahren und es klappt auch.

An der Kreuzung, an der es zur Autobahn 42 rein und auf der anderen seite zur Zoom Erlebeniswelt geht, legte ich mcih wieder hin. Ein Autofahrer, der an der Ampel wartete, fragte sogar, ob ich Hilfe brauche. Sehr freundlich, wow, das überraschte mich.

Ich war verwirrt, WO es weiterginge… ich merkte, dass ich richtig k.o. war. Zuerst wollte ich zur Zoom E. fahren, doch dann sah ich die Zufahrt zur Trasse. Ich schob das Rad runter, dann hieß es: aufsteigen und wieder losfahren… wie einfach das auf dem „Hochrad“ (so nennt der ADFC-Kollege aus Nürnberg immer die Fahrräder) doch ist!

Ich war immer noch unsicher, doch ich fuhr los. Und hui, nach ein paar Versuchen, einmal Fluchen und tief Druchatmen klappte es!

Allerdings merkte ich auch, dass mein Kopf und Nacken irgendwie keine passende Position hatten. Das Fahren hätte so schön sein können, wenn ich nicht die ganze Zeit das Gefühl gehabt hätte, dass die Kopfhaltung nicht stimmt und ich eine unangenehme Verspannung spüre. Ich fuhr eine ganze Weile, die Schaltung zickte manchmal, aber im großen und ganzen funktionierte es. Wenn mir jemand entgegen kam, war ich nicht mehr so panisch. Allerdings, wenn zwei nebeneinander fahren, das macht mich immer noch unsicher.

Später dann, auf dem Weg Richtung Erzbahnbude gibt es immer wieder Brücken, die hone Wände links und rechts des Weges haben. Ich dachte auch erst, dass mir die Zäune auf den Brücken Sicherheit geben.

Da gibt es doch das mehrere hundert Meter lange Stück als Brücke, bei dem links und rechts Metallwände sind, danach erreicht man die Erzbahnbude. Langsam überwog der Gedanke: „Warum tue ich mir das an?“ vor „Liegeradfahren macht Spaß.“ Zwei Schlaumeier kamen mir entgegen, nebeneinander, und das bei der relativ engen Brücke. Ich schaffte es noch, ihnen zuzurufen, sie mögen doch bitte hintereinander fahren, ich glaube sie taten es auch, aber zusammen mit der Erschöpfung verlor ich den Mut und fuhr gegen die Wand. Juhu, auch das Knie angehauen und noch mehr Prellungen (aber keine offenen Wunden). Ich war wütend und genervt, aber ich hatte keine Kraft mehr, zu fluchen (auch wenn es notwendig gewesen wäre). Die beiden entshculdigten sich, ich erklärte ihnen die Sache, sie fragten, ob sie helfen könnten… nun, was sollten sie auch tun, ich war froh, dass sie mir überhaupt zuhörten.

Die Erzbahnbude hatte noch offen, ich fragte nach Kaffee, der war verständlicherweise aus. Ein Eis füllte meinen Zuckerhaushalt auf. Aber nachher merkte ich: heute kann ich mit diesem Rad nicht mehr fahren. J., der soeben die Bude geschlossen hatte, war plötzlich neben mir und meinte, er würde mir ein Taxi rufen. Ich hatte keine Lust, die restlichen 6 km bis zur Jahrhunderthalle zu schieben!

Das ist echt eine Gelsenkirchen-Woche: Montag war ich bei der CM, heute kam ich so schnell aus GE nicht raus, weil Julian mich zu einer Kreuzung in GE begleitete. Nach mehreren Telefonaten wußten die Taxifritzen endlich, WO sie hinkommen sollten. Es hat mich schon gewurmt, 23 € für ein Taxi ausgeben zu müssen, um nach Bochum Hbf zu kommen. Aber gut, das war eben ein Notfall…. Und wie ich zu Julian sagte: „man muß nicht gleich Bungee-jumping machen, aber wenn man sich gar nichts traut, ist das Leben elend langweilig.“

Das Liegerad passte gut in den Zug und in den Aufzug. Was ich sonst nie mache, habe ich heute gemacht: ich bin mit der U-Bahn die eine Station ab Hbf zu der Station  gefahren, von der aus die Ux99 zu mir nach Hause fährt.

An den Beinen habe ich viele Veilchen, das rechte Knie tut noch etwas weh, beugen geht, wenn auch mit leichten Schmerzen. Dennoch bin ich froh, es heute mich getraut zu haben, Liegerad gefahren zu sein. Ich war heute morgen erneut  mit Frust aufgewacht. Irgendwas muß man tun, sich aufmachen… Der Lenker sollte nach unten gebogen sein, damit beim Sitzen, ohne dass ich fahre, der Lenker nicht gegen die Beine drückt. Aber wenn man umonst ein Liegrad nutzen kann, motzt man nicht. Jede-/r hat eben einen anderen Körper, G. paßt auf dieses Liegerad eben besser drauf.Das Liegerad bleibt die nächsten Tage erst mal im Stall, abgesperrt.  Aber ich werde wieder losfahren – bis ich so sicher bin wie auf dem „Hochrad.“

Mein herzlicher Dank gilt G., seine Geduld bei der Liegerad-Fahrschule ist unbezahlbar. Er hat an mich geglaubt und mich immer wieder angefeuert. Meine Mutter hätte nur ständig panisch geschrieen, weil alles ach so gefährlich ist (deshalb, meine Damen, zuhause bleiben und sich einschließen – haha!) Und danke an J. und die Erzbahnbude für die Hilfe, damit ich ohne Streß und sicher nach Hause kam.

 

 

 

 

 

 

 

Alles für die Katz? – Kunst am Zug

Die Deutsche Bahn Aktiengesellschaft hat es nicht gern, wenn man ihre Fahrzeuge bearbeitet. Aber verehrte DB AG, Euer Knallrot tut schon in den Augen weh. Wie wäre es mit einem dezenteren Rot?

Da freue ich mich doch immer wieder über Graffiti auf Zügen und auf langweiligen, öden Bahnhofswänden. Ich finde, dass es sich farblich gut ergänzt. Auch wenn ich nicht unbedingt immer weiß, was sich genau hinter manchem „tag“ (Namenskürzel), vermeintlichen Gekritzel oder „Geschmiere“ oder anderen Zeichen verbirgt. Das wissen nur Szenekenner (meist Männer, seltener Frauen).

 

Ah, und noch so nebenbei: ich war´s nicht. Denn so gut malen bzw. sprayen kann ich nicht 😉

Kunst am Zug, entdeckt am 6. Juni 2018 in Dortmund.

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KUNST am ZUG: Alles für die Katz?

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Vor ein paar Jahren am Bahnhof „Neue Schenke“ in Jena/Thüringen entdeckt. Leider wurde es von der DB AG beseitigt.

Hier  auf http://www.fahrrad3gruen.wordpress.com bekommen dieses Bilder ein bleibendes Denkmal.

Are you where you want to be?

Eine Frage, die man sich am Bahnhof durchaus stellen kann.

Uniform am Bhf. Neue Schenke

Einhörner müssen nicht immer schlank und rank sein 😉 so wie wir Menschen auch.

Stadtradeln eröffnet – mit Überraschung

Gestern fand die Auftaktveranstaltung zum STADTRADELN in Essen statt. Einige Städte machen mit, Dortmund glänzt mal wieder mit Abwesenheit. Das ist sehr, sehr traurig. Die Gründe dafür sind mir unbekannt; ein allgemeines Desinteresse und eine 2012 bei der CM fahrradFEINDLICH auftretende Polizei tat viel dazu, dass der Radverkehrsanteil rapide gesunken ist. Glückwunsch, Stadt Dortmund. Doch Sturheit siegt, deshalb fahre ich auch nach der Begegnung mit eben dieser miesen Sorte von Polizisten (wenn auch nicht bei der CM) im Mai 2017 weiterhin Rad. Und weil Sturheit siegt, gibt es auch wieder eine Critical Mass Dortmund.

STADTRADELN, das ist eine Aktion des KlimaBündnisses, ein Zusammenschluß verschiedener Kommunen. Diese Aktion soll Menschen dazu ermutigen, statt mit dem Auto öfter mit dem Rad im Alltag zu fahren und Radelkilometer zu sammeln, möglichst viele sollen zusammenkommen. Ein paar Preise gibt es zu gewinnen, das wichtigste aber ist: CO2 und Stickoxide vermeiden, denn: Fahrräder stinken nicht und sorgen damit für eine bessere Luft in den Städten. (www.stadtradeln.de) .

Los ging es um 13 Uhr am Willy-Brandt-Platz Essen,  Ziel war der Revierpark Gelsenkirchen-Nienhausen. Insgesamt wirkte die Teilnehmer-/innenzahl auf mich klein; einer der Organisatoren meinte, dass das am „langen Wochenende“ von Fronleichnam liegen würde.

Zuerst plauderte ich mit Freunden immer wieder mal über u.a. den Tierklinikbesuch ihres Katers und anderes. Zu meiner Überraschung fragte mich dann eine der Organisatoren*, ob ich „absperren“ könne. „Du meinst corken?“ fragte ich. „Ja klar.“ Mache ich bei der Critical Mass ja auch.

Wer nicht weiß, was die „Critical Mass“ ist und was „corken“ bedeutet, hier findet man Infos dazu am Beispiel der CM Bochum. Die Verhaltensregeln sind weltweit die selben.

http://www.urbanradeling.de/?page_id=305

 

Also kurz von den Freunden verabschiedet und so weit es ging, nach vorne gefahren. Nicht alle Autofahrenden sind so weitsichtig, dass sie stehenbleiben und abwarten, ob vielleicht doch noch Radfahrende kommen, wenn die Radfahrer-Gruppe eine Straße quert.  Dann wird „gecorkt,“ d.h. Radfahrer-/innen stellen sich quer auf die Straße, damit alle sicher diese Straße überqueren können. Wenn die Ampel für Autofahrer* schon rot ist, ist es einfacher, weil die Fahrzeuge dann schon stehen. Viele beharren auf ihr Recht, wenn die Ampel auf Grün springt und fahren los, weil gerade eine Lücke in der radfahrenden Gruppe entstanden ist. Dabei vergessen viele, dass § 27 der STVO der radfahrenden Gruppe Vorrang gewährt, wenn es mindestens 16 Teilnehmer-/innen sind. Bei der Auftaktveranstaltung zum STADTRADELN waren es mehrere hundert Radfahrer-/innen, die Zahl 16 also gut übertroffen.

Auch wenn es, erst recht aufgrund der herrschenden Aggressivität im Straßenverkehr schwer fällt: wer corkt, soll ruhig bleiben und freundlich zu den Autofahrenden sein.

Das war heute auch nicht das Ding, es gelang mir gut, freundliche Blicke zu den Blechkisten zu senden. Ein anderes Erlebnis war es, das mich verwirrte und auch ärgerte.

Kurz vor dem Zielpunkt corke ich die Zufahrtsstraße zum Revierpark. Nicht nötig, mag man denken, ist doch alles ruhig hier. Das Wetter ist zumindest trocken heute. Doch weil viele mit dem Auto dort hin fahren, ist reger Verkehr. Plötzlich spüre ich eine Berührung am Rücken. Nicht so furchtbar wie damals auf den elenden Dorffesten, auf denen ich als Teenagerin von mindestens 10 Jahre älteren Idioten belästigt und mißhandelt wurde (Frauen sind eben nur Ware, keine Menschen, die es zu achten gilt, so deren Überzeugung), aber spürbar. „Fahr weiter, ich corke hier“ sagt er laut. Ich sehe ihn erstaunt an. Ruhig erwidere ich ihm: „nein, ich corke, das ist so ausgemacht mit S. von den Organisatoren.“ Der Typ wirkt überrascht, ist sprachlos. So recht kann er das nicht glauben, dass ich das mache. Eine Ablösung war nicht vorher besprochen und abgemacht worden, deshalb bleibe ich. Nach einer kurzen Weile zieht er ab.

Nichts besonderes, dieses Erlebnis?

Doch.

Es zeigt erneut: einer Frau wird vieles nicht zugetraut, was als „typisch“ oder doch „eher männliche Aufgabe“ gilt. Corken heißt Absichern der Straße zugunsten der Gruppe, mit der man durch die Stadt radelt. Der Beruf „Sicherheitskraft“ wird meist immer noch mit dem Geschlecht „Mann“ in Verbindung gebracht, auch wenn Polizistinnen und Soldatinnen längst ihren Dienst tun. In den Köpfen ist das leider immer noch nicht angekommen, unsere Gesellschaft ist leider immer noch patriarchalisch aufgestellt. Die meisten Chefposten sind mit Männern besetzt. Seltsam, dass genau die, die so gern auf Sachlichkeit und sachlicher Kritik beharren, beim Thema Geschlecht und Aufgabe/Beruf plötzlich so unsachlich werden.

Während meines Studiums in Jena hatte ich ein Seminar zum Thema „Beruf und Geschlecht“ bei Prof. Dr. Sylka Scholz. ( http://www.soziologie.uni-jena.de/Arbeitsbereiche/Qualitative+Methoden+und+Mikrosoziologie/Mitarbeiter_innen/Prof_+Dr_+Sylka+Scholz.html )

Wem wissenschaftliche Texte zu mühsam sind:  ein aktueller Titel des Künstlers Danger Dan bringt es treffend auf den Punkt, wie furchtbar Zuschreibungen aufgrund des Geschlechts sind.

Danger Dan von der AntilopenGang mit „Sand In Die Augen.“

Aus Fairnessgründen bitte die Musik selbst kaufen, damit alle. Künstler-/innen davon leben können.

Gender und das Thema Radverkehr haben eben doch miteinander zu tun. Auch wenn manche-/r das nicht wahrhaben will.

In den vergangenen Tagen hatte es auf der Facebook – Seite eines Lastenrad-Herstellers, den ich sehr schätze, einen neuen Pinnwandeintrag gegeben. Eine Neuheit von Lastenrad mit Namen „Mrs (Markenname). Ich stutzte zunächst wegen der Farbe: der Rahmen war rosa. „Die Farbe ist nicht Euer Ernst“ kommentierte ich. Dazu die Bezeichnung „Mrs“ mit dem Markennamen des Lastenrades. Auerla. Lieber Lastenrad-Hersteller, da hast du leider nicht nachgedacht.

Eine Diskussion ergab sich, viele konnten meine Kritik nicht verstehen, rosa sei doch nur eine Farbe. Mein Einwand, dass es leider nicht so sei, das könne man auf den Seiten von http://www.pinkstinks.de nachlesen, wurde ignoriert. Mir wurde sogar „Polarisierung“ von einem CM-Mitfahrer, den ich für sein Engagement bei der CM sehr schätze, vorgeworfen. Das macht mich traurig. Er gehört wohl zu der Gruppe Männer, die Jack Urwin in seinem sehr lesenswerten Buch „Boys don´t cry“ die „Lads“ nennt. Das sind Typen, die grundsätzlich schon für Gleichberechtigung von Frauen und Männern sind, aber dann doch wieder in die alten Verhaltensmuster fallen. Bei einer CM in Ostwestfalen, die wir mal gemeinsam besuchten, hatte ein CM -Mitfahrer wieder einen chauvinistischen Spruch geklopft, für den er sogar von seiner Freundin gerügt wurde. Es ist zu befürchten, dass er es wieder tut.

Ich habe nicht erwartet, dass alle, die sich für den Radverkehr einsetzen, voll informiert sind, was die Themen Sexismus, Geschlechterungerechtigkeit und Feminismus angeht. Dennoch ist es traurig, auf soviel Unverständnis zu stoßen. In Augsburg gibt es einen „Clitoris-Ride“, was die CM Essen auf ihrer Facebook-Seite nannte und fragte, wie man das finde. Finde ich gut, dass dazu diskutiert wird. Auch in der Fahrrad-Gemeinschaft haben meist Männer das Sagen, bzw. sind sie es, die als Vertreter der Radlobby auffallen, in Erscheinung treten. Es ist erfreulich, dass beim ADFC NRW ein Frauennetzwerk existiert und es auch weibliche Blogger gibt wie Juliane Schumacher https://radelmaedchen.de/ und diese sind auch bitter notwendig.

Denn bei Produkten & Geschlecht polarisieren, das tut schon die Spielwarenindustrie. Bei Produkten für Erwachsene geht dieser Sexismus munter weiter: Frauen sollen mal schön nur die rosafarbenen Produkte, die auch noch teurer sind kaufen („gender pricing“), Männer bitte nur die blauen. Und wehe, ein Mann möchte ein rosa T-Shirt tragen (der muß doch schwul sein! – „schwul“ =schlecht). Eine freie Auswahl ist da nicht oder kaum mehr möglich. Wer solche Produkte schafft, der sorgt auch dafür, dass sich das Denken der Menschen zementiert: es geht nicht mehr um die freie Wahl von Produkten, es geht auch nicht mehr um Gleichberechtigung aller Geschlechter, nein: es geht wieder nur darum, Unterschiede aufzuzeigen und festzumachen, die keine sind. Gewinnmaximierung auf Kosten der Gleichberechtigung.

Leider ist das auch mt dem rosa Lastenrad so, wenn der Hersteller dieses Rad „Mrs ….“ nennt.  Ich fragte in den Kommentaren auch „gibt es denn auch einen Mr (Markenname)….“ in blau? Eben nicht. Echte Wahlfreiheit ist nicht an Farben gebunden! Deshalb freut es mich, wenn ein Mann (der nicht mal schwul ist, haha), gern rosa Sachen trägt, ganz einfach, weil es ihm gefällt und er sich damit wohl fühlt. Ich selbst mußte mir diese Freiheit erst erkämpfen, weil Mutter und Schwester ein Rosa-/Pink (und Lila)-Diktat bei der Kleidung hatten. Das macht mich heute noch wütend, auch als mein Bruder forderte, ich solle doch kein blaues T-Shirt anziehen.

Eine Anmerkung noch: Gerade weil -oh wie es mich schon beim Blick in ein Schaufenster im Ostenhellweg Dortmund graust – also wenn die Industrie schon beim Spielzeug alles in qietschrosa „für Mädchen“ packt, ist eine Wahlfreiheit nicht mehr möglich. Denn denkt doch mal weiter: „rosa Prinzessin„, was bedeutet das, selbst wenn das Mädchen, das nicht nur zum Karneval mal Prinzessin war (dafür reicht schon entsprrechender Haarschmuck), längst Teenagerin und dann Erwachsene ist? Es ist an ein bestimmtes Verhaltensmuster geknüpft, wie Frauen zu sein haben: zurückhaltend, ja nicht laut, immer höflich, freundlich und – ganz wichtig: gut aussehend. Männer dagegen haben immer erfolgreich zu sein, Kleidung und Aussehen, naja, nicht so wichtig. Jemanden bestimmte Verhaltensmuster aufgrund des Geschlechts zuzuschreiben, ohne es sachlich begründen zu können, das ist Sexismus. Und den finde ich einfach nur zum Kotzen.

Es gibt keine sachliche Begründung dafür, dass Frauen/Mädchen nur rosa und pink tragen dürfen und sich so oder so verhalten sollen. Das selbe gilt für Männer und die Farbe Blau. Und es gibt keinen Grund dafür, dass Frauen, nur weil sie Frauen sind, bestimmte Berufe nicht ausüben könnten. Das selbe gilt auch für Männer. Ich freue mich sehr, dass ein Sportkollege Grundschullehramt studiert: es braucht dringend ein männliches Vorbild für die Kinder.

Deshalb habe ich mich über das rosa Lastenrad aufgeregt. Und über den Typen, der mir nicht zugetraut hatte, dass ich  beim Stadtradeln corken kann.

 

 

 

 

 

 

 

 

„…vom LKW übersehen“ – Ride of Silence erinnert an getötete Radfahrende im Straßenverkehr

Am 3. Mittwoch im Monat Mai findet der Ride of Silence statt. An diesem Tag gedenken Radfahrerinnen und Radfahrer den im Straßenverkehr getöteten Radlerinnen und Radlern. Am 16.05.2018 waren es in Dortmund rund 20, in Essen rund 70 Teilnehmer-/innen. Beim Anblick der Ghostbikes, die an den Unfallstellen aufgestellt werden, kamen mir einige Gedanken, die ich im folgenden formuliere.

„Radfahrer(in) vom LKW übersehen“, diesen Satzteil mußte man in den vergangenen Monaten sehr oft in Polizeiberichten lesen. Beim Rechtsabbiegen hat der Radverkehr zwar oft grün an der Ampel, doch der abbiegende LKW-Fahrer denkt wohl oft gar nicht daran, dass nicht nur der motorisierte Verkehr abbiegen will. Der „Tote Winkel“ wird oft als Ursache aufgeführt. Ob dieser aufgrund fortgeschrittener Technik wie z. B. Abbiege-Assistenten noch existiert, darf bezweifelt werden.

Fakt ist: jede-/r tote Radfahrende ist eine und einer zuviel! Die Politik ist dringend aufgefordert, Abbiegeassistenz-Systeme gesetzlich vorzuschreiben – denn daran wird in vielen Speditionen und Fuhrunternehmen gespart. Freiwillig läßt kaum jemand sowas einbauen. Ah und da wären noch die zusätzlichen Spiegel, die man benutzen kann – oder sind die dafür am Fahrzeug, dass der Beifahrer und Fahrer jeweils seine Schönheit im Spiegel bewundern kann?

Auch wenn jeder Unfall wütend macht: Bis auf die Unfallflüchtigen wird es keinem LKW-Fahrenden egal sein, dass sie oder er einen Radfahrenden totgefahren hat. Es wäre zu einfach, nur die Bestrafung des motorisierten Verkehrsteilnehmers/der Verkehrsteilnehmerin zu fordern.

Ansprache von Norbert Paul von VeloCityRuhr an der Kreuzung Mallinckrodtstraße/Schützenstraße in Dortmund. Hier wurde ein 11-jähriger Schüler im November 2017 durch einen rechtsabbiegenden LKW getötet.

Im Februar 2018 starb eine 13-jährige Schülerin in Essen… in ganz Deutschland sind schon mehrere radfahrende Kinder getötet worden. Es verwundert, dass noch niemand deshalb auf die Straße ging, um zu protestieren. Wenn man sich die Empörung und Wut bei einer Straftat wie Kindesentführung ansieht… was dem Täter (meist, nicht immer männlich) an den Hals gewünscht wird und mit welchem Druck die Ermittlungsbehörden zurecht kommen müssen… Die Niederlande wären heute noch ein Autoland wie Deutschland, wenn nicht einmal die Eltern protestiert hätten: „Stoppt das Morden unserer Kinder!“ Damit wandten sie sich gegen das Verhalten der motorisierten Verkehrsteilnehmer-/innen.

 

Fakt ist auch: indirekt wird in vielen Polizeiberichten den Geschädigten eine Mitschuld gegeben. Das ist nicht nur unverschämt, das ist ein Skandal. Victim blaming – es beschämt die, die ohnehin am meisten zu leiden haben. Es heißt dann oft, die verletzenden Radfahrenden wären nicht aufmerksam genug gewesen oder hätten keinen Helm getragen – letzteres ganz unabhängig davon, welches Körperteil verletzt wurde. In den Niederlanden werden deutsche Radfahrende mit ihren Styropor-Halbkugeln zu Recht ausgelacht. Wann, WANN ENDLICH geht das in die Hirne der Deutschen ein, dass Fußgänger-/innen und Radfahrer-/innen mehr Platz brauchen, und nicht der Autoverkehr noch eine Spur u.a. bekommt??? Wenn mehr Platz ist neben einem abbiegenden LKW ist, kann der/die Radfahrende weiter rechts fahren und wird somit von vornherein eher von den LKW-Fahrenden wahrgenommen.

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An der Bornstraße in Dortmund: Ghostbike für einen 58-jährigen Radfahrer. Mahnmal für alle Verkehrsteilnehmer-/innen.

Man kann dazu auch einwenden: Warum Abbiegeassistenten in LKWs als gesetzliche Vorgabe wollen, anstatt gleich ein Fahrverbot für LKWs in den Städten fordern?

Die Schwierigkeit ist: ein Supermarkt, der in der Innenstadt oder im Umkreis der Innenstadt ist, läßt sich schlecht mit noch sovielen Lastenrädern und Anhängern beliefern. Ganz ohne die LKWs wird es nicht gehen – sehr wohl aber mit den technischen Einrichtungen, die auf Radfahrende und Fußgänger* aufmerksam machen. Und auf einen großen Markt „auf der grünen Wiese“ vor der eigentlichen Stadt, den man mit dem Rad nur schlecht erreichen kann, den will kein radfahrender Mensch haben.  Außerdem braucht es bei jedem motorisiertem Verkehrsteilnehmer* ein Bewußtsein für den Radverkehr: wenn man mit einem Zweirad rechnet beim Abbiegen, verhält man sich anders.

Das wahre Problem in den Städten, vor allem im Bereich in und um die Innenstadt ist der MIV, der motorisierte Individualverkehr Sie verstopfen die Wege und parken alles zu. In der Betenstraße kommt es oft zu Stau, weil ein Parkplatz für die Blechkiste gesucht werden muß. Oftmals sitzt nur 1 Mensch in einem Viersitzer oder gleich einem SUV. Auch Jeeps bis zu diesem furchtbaren „Hammer“ oder wie das Fabrikat heißt, war schon in Dortmunds Innenstadt zu entdecken. Wäre der Autobesitzer gerade anwesend gewesen, als ich sein Monster passierte, hätte ich ihn gefragt, in welchen Krieg er denn ziehen wollen. Pardon, aber sowas hat nur was im Militärbereich, nicht im Privatbereich verloren!

Und wollen nicht Autofahrer-/innen auch gute Luft zum Atmen? Leider fällt niemand sofort oder bald tot um, nachdem die Stickoxide eingeatmet wurden. Sonst würde die Politik sofort handeln, anstatt wie der Bundesverkehrsminister (be)Scheuer(t) der Autoindustrie erneut in den Arsch zu kriechen. Niemand kann sich schließlich eine Glasglocke über den Kopf stülpen. Auch der Bundesverkehrsminister nicht.

Ah ja, und bevor jetzt das Protestgeschrei losgeht, von wegen, man würde in seiner/ihrer persönlichen Freiheit beschränkt, wenn Fahrverbote erlassen werden: Auch die Autofahrenden haben was davon: Wenn weniger Autos auf den Straßen sind, gibt es weniger Stau und bessere Luft. Wenn der Nahverkehr ausgebaut wird, wird er attraktiver für die Alltagswege. Wenn die Radfahrenden mehr Platz bekommen – was natürlich auf Kosten des Autoverkehrs geht – gibt es weniger Autos auf den Straßen, also auch weniger Stau. Und wenn die Verkehrsinfrastruktur für Radfahrende besser wird, dann wagen sich mehrere Leute für ihre Alltagswege zur Arbeit, zum Kindergarten, zur Schule etc. auf das Rad – weil sie sich sicher fühlen können. Es geht NICHT um den Ausflugsverkehr mit dem Rad am Sonntag oder in den Ferien, es geht um die täglichen Wege, die jede-/r von uns zurücklegt.

Als Radfahrerin könnte ich übrigens jeden Tag in Protestgeschrei ausbrechen: Radwege sind zugeparkt, voller Müll, v.a. Glasscherben, Wege sind zu schmal oder voll von Schlaglöchern. Stattdessen soll ich mein Maul halten und „um die Falschparker herum“ fahren. Blöd nur, dass das „mal schnell ausschwenken auf die Fahrbahn“ gefährlich ist.  Seltsam, wenn man  aus dem vorbeifahrenden Auto heraus angeschrieen wird, man solle auf dem Radweg fahren (den es oft nur theoretisch auf Schildern gibt). Wenn das so ist: demnächst gebe ich Autofahren auch Anweisung, wie sie zu fahren haben. Die werden sich bestimmt freuen – haha.

Es geht mir nicht darum, eine Gruppe, in diesem Fall die motorisierten Verkehrsteilnehmer-/innen zu hassen. Es geht auch nicht darum zu sagen: Radfahrende sind die besseren Menschen. In jeder Gruppe der Gesellschaft gibt es Idioten und Idiotinnen. Radfahrende sind keine Engel, Autofahrer-/innen auch nicht. Es geht darum, dass die Städte endlich aufhören, eine Autostadt zu sein und den Menschen wirklich Lebensraum sind. Den Dreck machen nunmal die motorisierten Fahrzeuge – deshalb muß der MIV (nicht Einsatz- und Lieferfahrzeuge) RAUS AUS DER STADT.

 

Beim Ride of Silence am 16.05.2018 wurde ein neues Ghostbike in Lünen aufgestellt. Zahlreiche Teilnehmer-/innen, die nicht mit der Gruppe Radfahrender aus Dortmund gekommen waren, zeigen das Interesse an diesem traurigen Ereignis.

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„Sie sind gerade verstorben.“

Eine quadratisch aufgestellte Tischreihe, dahinter Menschen, die einer Pressekonferenz gleich zum Publikum in der Mitte sprechen. „Wir müssen Ihnen mitteilen, dass Sie gerade gestorben sind.“ Wichtig wirken sie, die Sprecherinnen und Sprecher, wenn auch nicht hochmütig.

Ein absurder, deshalb lustiger Satz. Wer tot ist, bekommt doch nichts mehr mit. Oder doch? Was geht hier vor? WO sind wir hier eigentlich?

Nur 1 Stunde dauert das Theaterstück After Life von Thorsten Bihegue, gespielt vom Dortmunder Sprechchor. Die Begrüßung „Sie sind gerade verstorben“ ist absurd und verwirrend,  das „Firmenlogo“ After Life wirkt grotesk. Was ist das für eine seltsame Gemeinschaft, die hier die Neuankömmlinge = das Publikum begrüßt? Was ist das für ein Ort, an dem es keine Liebe und keine Angst mehr gibt? Ein luftleerer Raum wie das Weltall, nur ohne Weltraumschrott?

After Life ist nach einem Film entstanden, dessen eingeblendeten Namen und Regisseur ich vergessen habe. Name dropping ist nun auch unwichtig. Wichtig sind die Erinnerungen, die man mit ins Jenseits nimmt; wer keine hat, der muß an dieser seltsamen „Firma“ After Life teilnehmen, die alles firmenartige inne hat: eine Frauenbeauftragte, ein Fundbüro, und – Besonderheit: jemand, der die verlorenen Seelen aufsammelt, eine andere katalogisiert die Träume.  Das ist berührend. Die Erinnerungen von 2 Personen werden erzählt. Und als Zuschauer-/in ist man nicht gelangweilt  oder genervt wie in der U-Bahn, wenn wildfremde ihre intimsten Dinge erzählen müssen, nach denen man nicht gefragt hatte. Das ist das ‚Faszinierende am Theater.

Niemand weiß, was nach dem Tod kommt. Umso wichtiger ist es, sich darüber Gedanken zu machen, was  danach sein könnte. After Life berührt auf besondere Weise: mehr nachdenklich als amüsiert bleibt man als lebende Theaterbesucherin zurück. Bei manchen Dingen reicht es, wenn man sich erinnern kann. Doch bei den Menschen, von denen man sich nicht verabschieden konnte und die zu früh gestorben sind – weil es die Familienmitglieder verweigerten oder Krieg und Verfolgung unmöglich machten- wünscht man sich die griechisch-antike Sage von Persephone und Demeter ins eigene Leben. Auch wenn es keine Wiederbelebung mehr geben kann: wenigstens einmal im Monat, überhaupt nur noch einmal ins Totenreich hinabsteigen können, um einem lieben Menschen Adé zu sagen. Um das zu erzählen, was man so gern gesagt hätte, was der grausige Tod aber verboten hat.

Denn im luftleeren Raum bei After Life zu sein, ohne Angst zwar, aber auch ohne Liebe…ohne Alterungsprozeß… auch das hält kein Mensch lange aus, ohne wahnsinnig zu werden.

Sehr positiv ist auch, dass das Thema Tod und Leben  in After Life abseits von religiösen Kontexten betrachtet wird.

Danke an das Theater Dortmund /Schauspiel für dieses Stück. Es ist toll, auch mal Laien, also Dortmunder Bürgerinnen und Bürger auf der Bühne zu sehen. Viel Handlung gibt es in After Life nicht – und dennoch wird es nie langweilig und man versteht den Text. Durch das Sprechen im Chor entfaltet sich eine ganz andere Wirkung: die Worte wirken deutlicher, wie mit Nachdruck gesprochen.

Die Website vom Theater Dortmund zu After Life : https://www.theaterdo.de/detail/event/19029/

 

 

Sehnsucht nach draußen

Dank des Klimawandels sind die die Winter wärmer geworden. Der Mensch ist eines der wenigen, wenn nicht das einzige Lebewesen, das so dumm ist, seinen eigenen Lebensraum zu zerstören.

Doch „wärmer“ heißt nicht, daß es für das Radfahren nun besser wäre im Winter. Im Gegenteil. „Wärmer“ heißt oft: einstellige Plusgrade und dazu Regen, kalter Regen. Früher war mit Sicherheit nicht alles besser, aber: bei minus 3 Grad Celsius läßt sich besser radfahren. Ich erinnere mich heute noch gerne an eine Radtour im Winter durch das Fürther Land in meiner alten Heimat in Mittelfranken/Nordbayern. Es lag Schnee, die Straßen waren aber frei, nur hier und da mußte man wegen Glatteis aufpassen. Und als Krönung war es auch noch ein sonniger Tag gewesen. Trockene Kälte läßt sich viel besser aushalten. Man muß sich gut einpacken, aber: dann friert man nicht mehr.

Anders bei dieser verfluchten Nässe, die heute immer wieder vom Himmel kam. Manche-/r mag einwenden: „Ja warum fährst du heute überhaupt Fahrrad?“ – Ganz einfach: weil ich Lust darauf hatte, endlich wieder richtig zu fahren und nicht wie im Alltag das nervige „Stop-and-Go“ im Straßenverkehr (der oft genug ein Kampf mit uneinsichtigen anderen Verkehrsteilnehmer-/innen ist) erleben zu müssen.

Außerdem hatte ich die letzten 3 Tage Film- und Videokurs gehabt. War interessant, wir hatten auch mal draußen gedreht, z. T. bei schönstem Wetter. Doch beim Rumstehen und Kamera einstellen, Set einrichten etc. frieren bald die Hände – und irgendwann auch mal der Rest.

Es sollte nur eine kleine Runde werden: Von der Jahrhunderthalle in Bochum zum Tetraeder in Bottrop. Ich fluchte, weil es schon bei Ankunft am Bochumer Hauptbahnhof regnete. Die netten Herren von der Radstation versorgten meine Reifen mit der nötigen Luft. Am Rathaus Bochum wartete ich unter dem Vordach den Regen ab (ersten Müsliriegel essen, für´s Mittagessen kochen & machen war noch keine Zeit gewesen).

Dann aber los auf die Erzbahntrasse!

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Schon von weitem hörte man laute Rufe, vermischt mit anderen Geräuschen. Spielte heute der VfL Bochum? Es hörte sich so an, als ob das Feiervolk direkt auf der Trasse unterwegs wäre… aber das Faschingsgedöns kam von der Ortschaft herüber, die man nur in der unmittelbareren Entfernung sieht (etwa auf der Höhe: wenige hundert Meter hinter der Erzbahnbude -diese ist auf dem Bild nicht mehr zu erkennen).

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Doch statt Feiern und „Gwerch“ (Menschenmassen und Gewühle auf den Straßen) genoß ich heute lieber tiefer gehende Gedanken…

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…und schaue links und rechts vom Weg, was dort ist.

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Und wie immer im Ruhrgebiet geht´s vorbei an Industriegebäuden. Das ist die Firma, die jetzt mit einem schon großen Stahlkonzern fusionieren wird. Die Gewerkschaftsmitglieder haben zugestimmt.

 

Die Erzbahntrasse wird – so habe ich es verstanden- dann zum EmscherParkWeg ab der Zoom-Brücke. Sie ist die weißfarbene Schwester der roten Erzbahnschwinge, die nach der Jahrhunderthalle Bochum die Gahlensche Straße überspannt. Hier an der Zoom-Brücke taucht das erste Mal der Wegweiser zum Tetraeder in Bottrop auf. Es ist seltsam, daß im „Radroutenplaner NRW“ keine Wegweisung über die Trassen erfolgt!

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Nach Bottrop geht´s aber unterhalb der Brücke entlang des Rhein-Herne-Kanals weiter… und leider mußte wieder Regen einsetzen. Richtig schön heftig. also Gamaschen wieder an… nach ca. 10 Minuten etwa war der Spuk wieder vorüber.

 

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Die Wegbeschaffenheit läßt, kaum hat man die Erzbahntrasse verlassen, sehr zu wünschen übrig… und das Rad wurde wieder schön dreckig.

 

Eine Rakete, auf deren Abflug man vergeblich wartet.

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Entlang des Kanals sieht man immer wieder Industrie oder Häuserbaustellen. Im Hintergrund auf dem linken Bild sind fertige Reihenhäuser zu erkennen – eines so  langweilig wie das andere. Wer will dort bitte so abgelegen wohnen?  Dagegen wirken die Backstein-Ruinen fast schön. Was das wohl mal war, direkt am Kanal?

 

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Im Hintergrund sehen Sie ungewollte Schleichwerbung verkehrt herum für einen Heizungshersteller. Das gehört zu den Impressionen am den Rhein-Herne-Kanal.

 

Bei aller ekelhaften Naßkälte sind die Lichtspiele des Himmels an diesem Tag beeindruckend. Überirdische Zeichen künden von der Zukunft….

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Auch wenn kein Regenschauer mehr einsetzte: die Füße waren nun wirklich kalt, die Hosenbeine trotz Gamaschen, die ich zeitweise auch mal abgenommen hatte, naß. Geradeaus am Kanal wäre ich wohl weiter nach Bottrop zum Tetraeder gekommen. Es nervte schon, daß ich diese Strecke nicht mehr schaffen würde. Bei Naßkälte kann jeder Kilometer eine Plage statt eine Freude sein. Also folgte ich dem EmscherRadweg weiter. Seltsam nur, daß dieser erst über eine Brücke (es muß in der Nähe der „Zoom-Erlebniswelt“ gewesen sein) und auf der andren Seite des Flusses wieder zurück führte. In Sichtweite war wieder ein Industriegebiet, Straßennamen waren aber leider nicht auszumachen. Nach ein paar hundert Metern aber sah man am Eingang des Industriegeländes Rad-Wegweiser. Kein Hinweis mehr auf den Tetraeder, der ist wohl nur über den Kanal erreichbar. Na gut, dann wird eben nach Gelsenkirchen gefahren… den Schwenk zum Nordsternpark sparte ich mir (gibt´s da was Sehens- oder Besuchenswertes?) und fuhr Richtung Innenstadt, mitten durch das „böse Blau“ des bestimmten Stadtteils hindurch.

Eine Brücke, die unter Denkmalschutz steht… wow. Straßenname: „An den Sumtener Brücken.“

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Es war leider kaum möglich, die Brücke im ganzen zu fotografieren….

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Ach ja, ein Radwegweiser führte direkt zum Stadion. Mir ist Fußball ziemlich egal, nur eins sei hier bemerkt: Ihr grausliges Bier können sie selbst trinken, die sogenannten „Blauen.“

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Auf der Fahrt durch Gelsenkirchen entlang der häßlichen, weil mehrspurigen Autostraße (Kurt-Schumacher-Straße) und Berliner Brücke, deren „gemeinsamer Rad- und Fußweg“ ein Witz ist, wurde ich erstaunlicherweise nicht wütend angehupt. Ich  kam vor der „Flora“ an. Dann kurz das MiR (www.musiktheater-im-revier.de ) gegrüßt… und dann nicht ganz zufrieden mit der S2 nach Haus gefahren. Wenigstens war ich heute mal für ca. 2 Stunden draußen gewesen.

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Die Emscher an den Sumtener Brücken in Gelsenkirchen.