Aber bitte mit Ü! Wenn da nicht die (Aus-)sprache wäre.

Kommentar zur Vorlesung und zum Konzert der Reihe Bild und Klang:

Oratorio de Noel von Camille Saint-Saens

(Ur-)Aufführung der ersten wissenschaftlich-kritischen Ausgabe

am Dienstag, den 11. Dezember 2018 um 19.30 Uhr,

evangelische Stadtkirche St. Reinoldi, Dortmund

Zunächst ein Lob an die Musikerinnen und Musiker. Sie haben einen guten Job gemacht, als Besucher-/in hat man der Musik gerne zugehört, während draußen vor der Kirchentür Klampfenmusik gepaart mit geistlosem Liedgut zum Weihnachtsmarkt geboten wurde. Nur schnell rein in die Reinoldikirche, um dem Grauen zu entkommen! Es war spannend, Hintergründe zu einem bereits bekannten Werk zu erfahren: dass es verschiedene Fassungen gab, warum Camille Saint-Saens dieses „Oratorio de Noel“, das zuerst nur einen lateinischen Titel hatte, geschrieben hat. Alles schön, die nicht immer sauber getroffenen hohen Töne verzeiht man als Zuhörerin, denn hier sind Lehramtsstudierende am Werk, keine angehenden Opernsängerinnen und -sänger. Der Zauber und die Schönheit dieses Stücks kam beim Publikum an, die musikwissenschaftlichen Informationen vorher sorgten neben der sorgsamen Interpretation der Musik dafür, dass nichts in den Kitsch abgleitet; denn Kitsch-Potential hat dieses Weihnachtsoratorium, das wußte der Komponist und Intellektuelle Camille Saint-Saens selbst auch.

Wenn da nur nicht die Sprache wäre.

Und nein, es ist kein französischer, sondern ein lateinischer Text, der da gesungen werden soll. Während des ganzen Abends wurde man den Eindruck nicht los, dass sich manche-/r von ihrer oder seiner besonders intellektuellen Seite zeigen will. Dabei sind muttersprachlich-bedingte Aussprachen doch völlig normal. Warum sollte man jemand, die oder der ein deutschsprachiges Werk singt dauernd verbessern, wenn sie oder er bei manchem Wort es einfach nicht schafft, richtig auszusprechen? Richtige Töne und Klang sind dabei wirklich wichtiger als die ganz korrekte Aussprache.

Verehrte Musikwissenschaft. Bei aller berechtigten Wissenschaftlichkeit: es ist affig, ein „Alleluja“ als „Allelüja“ zu singen. Es klingt künstlich, angestrengt wichtig und angestrengt richtig. So als ob man mit aller Gewalt und unbedingt ein fremdsprachiges Wort „richtig“, also der Landessprache gemäß aussprechen wollte, obwohl man es nicht wirklich kann. Dafür sind die Sprachen auf der Welt eben zu verschieden, als dass man als Nicht-Muttersprachler-/in manches Wort wirklich richtig aussprechen könnte. Es ist auch gar nicht schlimm, wenn z. B. jemand deutsche Wörter wie „Hähnchen“ nicht wirklich aussprechen kann; das gilt auch für den Bereich der Wissenschaft. Denn auch die Wissenschaft wird von Menschen gemacht, nicht von Göttern. Leider kann man auch nicht in die Zeit zurückreisen, Monsieur Saint-Saens (dessen Namen jetzt aufgrund der deutschen Tastatur auch nicht wirklich richtig geschrieben werden kann) hätte mich wohl mit einem abfälligen, blasierten Blick bedacht – ach nein, ich bin ja eine Frau, und die hatten damals nichts zu sagen, nicht in der Kirche zu singen, sondern nur „gut“ auszusehen (was man damals als „gutes Aussehen“ definiert hatte). Ich hätte mich vorher in einen Mann verwandeln müssen (juhuu, endlich mal Krawatten tragen). Diese bösen Musikkritiker machen einem auch (fast) jedes Konzert zunichte!

Verehrte Musikwissenschaft. Pardon, aber „Sanctüs“ zu hören, das nervt. Das schmerzt. Es tut mir in den Ohren weh und stört den Kunstgenuss ebenso wie das andachtsvolle, gespannte, aufmerksame Zuhören. Bei fast jedem „ü“ bin ich zusammengezuckt. Und warum dieses künstlich ausgesprochene „gentes“ beim Choral „Quare fremuerunt gentes“ („Warum toben die Heiden“)? Dieses lateinische „gentes“ hat nichts, aber auch gar nichts mit dem französischen Wort „gentil“ zu tun! Mag sein, dass die französischen Sängerinnen und Sänger das so singen, dass le Grand Compositeur das auch so wollte…aber bitte, bei aller Wissenschaftlichkeit: der Musik und den nicht-französischen Sänger-/innen die Freiheit lassen, es nicht so gekünstelt auszusprechen! Musik ist nicht nur Wissenschaft, sie ist auch Kunst, die muß frei sein, Kunst darf und soll auch Ausdruck von Gefühlen sein! Und bei allem Respekt vor dem Komponisten und Ihnen, der Musikwissenschaft:

Künstlerischen Mehrwert hatte dieser Aussprachen-Purismus nicht, wenn er auch wissenschaftlich gesehen richtig sein mag, genauso wenig, als wenn ein-/e zeitgenössische-/r Komponist-/in verlangt, dass man mit dem Bogen über ein Seil streicht. Die Vorlesung hatte schon stattgefunden, nun war die Musik dran. Würde man in Frankreich, Belgien oder einem anderen französischsprachigen Land dieses Musikstück hören, wäre die Aussprache „Sanctüs“ nachvollziehbar und wenig überraschend. Aber hier in Deutschland wirkt es gekünstelt, statt authentisch.

Doch machen wir ruhig weiter mit dem Aussprachen-Purismus. Der nächste Besuch aus Dortmunds Partnerstädten kommt bestimmt. Wenn da mal ein „Dortmünd“ zu hören ist, dann setzt es was. Das geht gar nicht, denn ein „u“ ist ein „u“ im Deutschen, damit das klar ist. Sofort den Falschsprecher oder die Falschsprecherin verbessern!

Oratorio de Noel“, ist ein bemerkenswertes Werk, zu dem heute abend interessante und spannende Hintergrundinformationen genannt wurden. Als eines der wenigen größeren Werke zur Weihnachtsmusik ist es das einzige, was neben dem umfangreichen, fast übermächtigen Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach steht. Bemerkenswert, dass hierzulande das Werk eines protestantischen Komponisten oftmals bekannter ist und öfter aufgeführt wird als das eines katholischen. Auch wer Camille Saint-Saiens` geistliches Werk schon kannte, hatte an diesem Abend Neues darüber erfahren können. Schade nur, dass die Musik so sehr vom Aussprachen-Purismus gestört wurde. Da hat man es natürlich leichter, wenn man einen hölzernen Hohlkörper zwischen Schulter und Kinn geklemmt hat oder die eigenen kräftigen Finger auf Stahlsaiten wandern läßt. Aus der Musik-Text-Zwickmühle ist man als Instrumentalmusiker-/in fein raus. Ach wie schön kann das sein. Je nachdem, auf welche Fassung man sich einigt, sind geschriebene Noten eben Noten, sie werden überall auf der Welt gleich ausgesprochen. Über Dynamik, über Interpretation kann man verhandeln, über Tonhöhen von geschriebenen Noten aber nicht.

(P.S. Wer jetzt Groll auf Musikkritiker-/innen hat, der oder dem empfehle ich Georg Kreislers „Musikkritiker.“ Schenkt mir aber beim nächsten Konzert bitte weder Platten noch Krawatten. Plattenspieler habe ich – leider – keinen mehr und Krawatten sind dann doch so umständlich zu tragen wie Highheels. Mit den einen tritt man ungeplant auf das andere drauf).

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Gekritzel, Geschmiere oder Kunst? StreetArt als Subkultur oder Hochkultur?

Jeder Stadtbewohner-/in kennt sie: unleserliche Schriftzüge und Namenskürzel auf Häuserwänden, Pfeilern von Autobahnbrücken oder auf Zügen. Manchmal mit politischer oder gesellschaftlicher Botschaft versehen. Manchmal bunt, mit dicken Buchstaben, was manchen langweilig-einfarbigen Waggon eines Zuges richtig schön macht. Für die Besitzer-/innen von Häusern oder die DB AG ist das nur Sachbeschädigung, eine Straftat, die geahndet werden muß. Doch wie der Löwenzahn trotz aller Unkrautvernichtungsmittel immer wieder aus allen Ritzen sprießt wie es ihm beliebt, gibt es immer wieder. Graffiti als persönliche Ausdrucksform, frecher Protest und Beweis dafür, dass man zur Szene gehört. Denn was die Passantin/der Passant als unschönes Gekritzel wahrnimmt, sind Namenskürzel.

Am Dienstag den 6. September 2016 gab es mit der  StreetArtGallery44309 einen Kunstspaziergang durch Teile des Unionviertels. Start war an der Galerie und Büro in der Rheinischen Straße 16, dort wurden die Besucher-/innen begrüßt und die StreetArtGallery vorgestellt.Anders als bei den gewöhnlichen Museen kann man hier selbst ausprobieren, was z. B. Siebdruck ist. ziel dabei ist es, die Bildende Kunst, die „fine art“ mit der Studio- und StreetArt-Kunst zusammenzubringen. Diese praktische Variante werde ich einmal nutzen – auch selbst Kunst machen, anstatt nur Kunst anzusehen, zu konsumieren. Das Durchschnittsalter der Spaziergänger-/innen dürfte jedoch weit über dem der meisten Sprayer/Graffiti-Künstler gelegen haben…

Nach der Einführung ging es dann aber hinaus: die Straße als Ort der Kunst.

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links die legale StreetArt mit Zustimmung des Hausbesitzers, rechts das tagging: offensichtlich ist der Respekt da, nicht in das bestehende Bild hinein seinen eigenen Namen zu „taggen“.

Landesteile werden durch Grenzen markiert, die Zugehörigkeit zu einem Land z.B. durch eine Flagge. Der eigene Stadtteil, der eigene Kiez wird durch das Namenskürzel an der Häuserwand, durch einen „Tag“ markiert. Tagging ist wichtig für das Abstecken von Grenzen. Hunde heben ihr Beinchen, um zu sagen: hey hier ist mein Revier, komm mir nicht zu nahe. StreetArt ist eine männlich dominierte Form. Es gibt viel mehr männliche als weibliche Künstler wie im HipHop als Musikrichtung.

Jedoch gibt es auch weibliche Kunst in der StreetArt: Alice Pasquini aus Rom mit einem Motiv nahe der StreetArtGallery selbst. Monia Labidi von der StreetArtGallery sagt dazu, dass dieses Motiv ein weiblicher Bilck auf den Frauenkörper sei. Wie Frauen sonst oft dargestellt werden, braucht an dieser Stelle nicht erwähnt zu werden. Sehr angenehm, mal eine andere Sichtweise auf Weiblichkeit in der Kunst zu erleben. Eigentlich hatte sich der Hausbesitzer als Motiv ein Trike gewünscht, weil im Haus eine Autowerkstatt gewesen war. Das war Alice Pasquini aber zu männlich dominiert. Bilder von Trikes gibt es aber schon viele.20160906_181631

Ob es in dem Laden daneben nur Kraut und Rüben gab, konnten wir beim Kunstspaziergang nicht testen 😉

Auffällig war bei der gesamten Führung, dass es kaum Deutungen der Bilder durch die Künstler-/innen selbst gibt. Man sei frei in der Interpretation, sagte Monia Labidi.

Den Anfang für die StreetArt als Kunstform  machte tatsächlich das tagging, bevor später Buchstaben im „bubble“-Stil ( dicke Buchstaben aneinander als Wort) daraus wurden. Bei den Bildern gibt es überraschendes bei der Gestaltung. Nicht einfach hingesprüht ist das; jede-/r hat seine oder ihre bestimmten Motive und Techniken.

 

Der brasilianische Künstler Rodrigo Branco malt mit Schablonentechnik sein Thema: Technik und Mensch, ohne daß er eine genaue Definition vorgibt. Ähnlich arbeitet auch Blek le Rat aus Frankreich.

TITEL: Sacri loves You Mai/Juni 2014 . Am Telefon war wohl jeder schon mal genervt….

 

Im Gegensatz zur sogenannten Hochkultur steht die StreetArt im starken Widerspruch: sie ist öffentlich zugänglich und temporär. Ein Museum, das Bilder ausstellt ist immer bestrebt, diese zu erhalten. StreetArt-Bilder auf „mirrals“ = großen Wänden werden von Zeit zu Zeit übermalt. Das wird nicht als Zerstörung des eigenen Werkes mit den entsprechenden Rechtsfolgen angesehen, nein: das ist eben in der Szene so.

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…man beachte die Augen der gemalten Figur….

Spannend war auch zu hören, was die Kunsthistorikerin Monia Labidi zu den Künstlerpersönlichkeiten sagen konnte. Manche seien zuverlässig und bringen ihre Arbeit wie vereinbart zu Ende. Andere wiederum vergessen, ihr Visa zu verlängern oder zeigen sich pikiert, wenn sie nicht wie erhofft die große Wand bemalen dürfen. Der Künstler L7M malt als sein Motiv Vögel, meist Kolibris. Möglicherweise war er pikiert, nicht auf die große Wand, auf der es kein Fenster gab, seine Kolibris malen zu dürfen – deshalb nun der Adler. Auf der großen Hauswand, einem großen „mirral“ nun ein Portrait.

 

So gerade wie das Gesicht geschnitten ist, könnte man an ein künstlich geschaffenes Gesicht wie das von Pinocchio denken.

Den Adler übersieht man fast, wenn man auf den Parkplatz des angrenzenden Supermarktes kommt; schon allein deshalb, weil man auf den Verkehr achten muß. Es schien, als ob die einkaufenden Menschen uns verwundert ansehen würden und erst nach und nach begreifen würden, warum wir hier sind – nicht zum Einkaufen eben.

 

An der Rheinischen Straße 62 gibt es ein überdachtes Bild, weil dort eine Arcade an den Geschäften verläuft. Die polnischen Künstler PROEMBRION und Pener sollen sogar bei winterlichen Temperaturen und Flutlicht im Januar 2014 gemalt haben. Der Hausbesitzer war nicht so begeistert, wollte er doch die Metzgerei seiner Eltern auf der Wand vermerkt haben. Mit der Unterschrift  „Metzgerei Ludwig Lumper“ am Bild war er dann zufrieden.

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….doch irgendwie erinnern die Linien an Nervenstränge, Blutbahnen im Fleisch… .hmm...

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Zwei Künstler mit gegensätzlichen Malweisen machen ein Bild. Unmöglich, möchte man denken. Doch es funktioniert: Sepe  malt figurativ, Chazme abstrakte Formen. Geschickt bauen sie die baulichen Gegebenheiten der Hauswand in ihr Bild ein, damit öffnet sich das Haus – so scheint es – noch einmal.

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Man kann das Bild laut Monia Labidi so deuten: Es sind anonyme Menschenmassen in der Stadt, die nach Haus gehen. Die Atmosphäre ist bedrückend, schon allein durch die Hochhäuser.Helden sind sie nicht, sondern müde und geschafft. Wie nimmt der Mensch sein urbanes Umfeld wahr?

Ich mußte aufgrund der kantigen Gesichtsformen und einer Mützenform an die Kunstwerke des DDR-Künstlers denken, der im Auftrag des DDR-Staates bei der Bergbaugesellschaft Wismut in Ronneburg/Thüringen gelebt hat und die Arbeiter portraitiert hat. Auf seinen riesigen Bildern, die heute auf dem inzwischen stillgelegten Bergbaugelände  (Uran-Bergbau für die Sowjetunion) ausgestellt sind, werden die Bergleute muskelbepackt als die Helden und in Siegerpose dargestellt, zusammen mit ihren blitzenden Werkzeugen. Frauen sind auch zu sehen, wie die Männer fast ganz nackt, aber sie sind nur Beiwerk als Gebährmaschine, Kinder quellen aus ihren Unterleibern, um neue Arbeiter hervorzubringen. Diese Bilder empfand ich als abstoßend, übertrieben. Nicht, weil die Arbeit von Bergleuten nicht zu würdigen wäre. Es ist diese maßlose Übertreibung, die nur das verdecken soll, was die DDR-Führung konsequent verschwieg: daß hier nicht „Wismut“ , sondern das gesundheitsgefährdende Uran abgebaut wurde, das nicht wenige Menschen an Krebs erkranken und sterben ließ. Gleichzeitig war die Belegschaft der Wismut-Bergbau eine eigene, verschwiegene Gesellschaft: wenn man wirtschaftliche Vorteile bekommt, schweigt man eben über das, was die Wahrheit ist.

Und der Künstler selbst? Möglicherweise war er überzeugt vom Sozialismus, wie ihn die DDR propagierte. In den ersten Jahren nach 1945 mag sich die Alternative, das Neue nach all den Grausamkeiten des NS-Regimes gut und rettend angehört haben. Was daraus geworde ist, ist bekannt. Eine ehemalige Kollegin der Unibibliothek Jena erzählte mir, wie ihr Vater zu ihr gesagt hatte: „Für das habe ich bei Hitler nicht im Zuchthaus gesessen.“ Gemeit war, wie die DDR-Führung sich zeigte: z.B. in schicken West-Autos statt Trabant und Wartburg.

StreetArt ist schon allein deshalb wilder, weil sie sich im öffentlichen Raum Platz suchen muß. Keine freie Leinwand, kein Blatt Papier wartet darauf, bespielt zu werden. Hindernisse sind da und können nciht beseitigt werden, sondern müssen ins Bild eingebaut werden. Das ist Herausforderung und Chance für zusätzliche Effekte zugleich.

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Die Menschen die gern behaupten, Flüchtlinge würden bei uns komfortabel leben, sollen sich dieses Gebäude ansehen. Die ehemalige Schule ist ein graues, tristes Gebäude aus den 1950er Jahren. Nur die StreetArt verleiht dem Ort etwas Leben und Freude.

 

Auf ein gutes Miteinander un Ankommen mit den geflüchteten Menschen!

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Das letzte Kunstwerk des Spaziergangs mit der StreetArtGallery ist von Alice Pasquini. Bei Hausbesitzern und -bewohnern hat es Kontroversen ausgelöst. So ein bedrückendes Bild, das wolle man nicht auf der Hauswand haben. Und ja, es macht betroffen, macht traurig. Zwei Kinder auf der Flucht… aber ist das nicht das, was man fast täglich in den Nachrichtenmeldungen hört und sieht?

Kunst muß nicht immer schön oder lustig sein. Sie kann auch ernst, politisch oder ‚häßlich‘ sein.

Dank geht an Frau Dr. Pahlke von der Stabstelle kunst im öffentlichen Raum die StreetArtGallery und vor allem Monia Labidi, die uns die StreetArt so lebendig und anschaulich näher gebracht hat. Man muß das tagging nicht toll finden – aber man weiß nach dem Kunstspaziergang mehr über die Hintergründe Bescheid.

http://44309streetartgallery.net/

 

 

 

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Neues im Alltäglichen entdecken

Tagtäglich fährt oder läuft man daran vorbei. In der Eile oder aus Unachtsamkeit bemerkt man gar nicht, was hier eigentlich ist: Kunst im öffentlichen Raum, Kunst im Alltag. Bei den Dortmunder Spaziergängen und Radtouren kann man Kunst leibhaftig und lebendig erleben.

„Nordwärts“ ist das  auf 10 Jahre angelegte Projekt der Radtour-Serie, die am Donnerstag den 1. September zum 2. Mal stattfand.Die meisten besuchten Kunstobjekte sind Teil der „EmscherKunst.“Zumindest 8 Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren gekommen.

 

In lockerer Atmosphäre fuhr man auf einer Strecke von 8 km durch die Stadt, lauschte dem Vortrag von Astrid Wendelstigh und konnte die Kunstwerke ansehen, manchmal sogar ausprobieren – und wurde dann auch überrascht.

  1. Station am Dortmunder U: Ah, wie gut dass wir uns vor dem Regenschauer in die Trinkhalle flüchten können!

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Die Trinkhalle. Einst errichtet nahe der Zechen, um die Arbeiterinnen und Arbeiter mit alkoholfreien Getränken zu versorgen, entwickelten sich die „Büdchen“, die „Kioske“ oder „Spätis“ zu soziokulturellen Zentren der Gesellschaft.

Doch die Künstlerin Lena Dues spielt uns einen Streich: hier ist gar keine Trinkhalle 😉 Sie hat die Fähnchen selbst als Kunstobjekte gestaltet. Die Fähnchen sind nur Schmuck, kein Kiosk ist hinter den Fähnchen, sondern ein Büro. Auf dem Platz vor der „Trinkhalle“ stehen die orangen Container, die Informationspunkte für die Emscher-Kunst (bis 18 Uhr geöffnet) sind.

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Container im Regen

 

Die Radtour zur Kunst im öffentlichen Raum geht weiter um das Dortmunder U herum. Zwei Feuerwehrautos stehen davor, doch die Atmosphäre ist entspannt (wohl nur eine Bereitschaftstätigkeit heute, noch kein Einsatz). Bei der Tour und anhand der alten Wegeweiser wird klar, wie groß das Gelände der ehemaligen Union-Brauerei Dortmund überhaupt ist… wir biegen ein in eine Nebengasse, die sehr heruntergekommen wirkt, ihr Name „Übelgönne.“ Woher wohl dieser Name kommt… Wildes Grün sprießt am Wegesrand und aus Mauerritzen , Autos parken auf einer Seite. Fast unscheinbar wirkt das 2. öffentliche Kunstobjekt, das man im Vorbeifahren fast übersieht: die „Knutschecke“ von Holger Küper.

Großformatige Bilder von küssenden Paaren sind auf der Backsteinmauer zu sehen, allesamt mit Personen aus Dortmund (wer mag, kann sich auch von vom Künstler fotografieren lassen). Der Künstler will diesen häßlichen Ort in einen Liebes-Ort verwandeln, Licht und Sorglosigkeit hineinbringen, wenigstens für wenige Augenblicke den Geist in eine Traumwelt versetzen.Den Alltag eine Zeitlang vergessen – und ein Lächeln im Gesicht haben, das soll die Betrachterin oder der Betrachter der „Knutschecke“ empfinden.Eine schöne  Sache und in seiner Art der Gestaltung paßt das Werk gut in diese Gasse namens „Übelgönne.“  Jede(r) sollte jemanden zum Küssen haben, meint Holger Küper – ein schöner Plan.

Leider gibt es auch Leute, die unnötige Symbole auf die Kunstwerke schmieren müssen. Sie sind nicht Teil des Werks von Holger Küper. http://www.emscherkunst.de/knutschecke/

 

Die Fahrradhäuschen sind Bestandteil in vielen Stadtteilen Dortmunds (http://www.vcd-dortmund.de/cms/front_content.php?idcat=23 ). Wenn sich genug Interessierte finden, kann ein neues Haus aufgebaut werden, wo man sein Fahrrad sicher lagern kann. Dafür fällt eine geringe Jahresgebühr an. Nicht in jedem Wohnhaus gibt es sichere und gute Abstellmöglichkeiten für das Rad.

Die Studentin der Kunstakademie Münster, Lioba Knape hat so ein Fahrradhäuschen mit Kupferplatten eingekleidet, Arbeitstitel ihres Werks „CU“ („see you“ oder auch die englische Aussprache des chemischen Elements Kupfer). Ohne den Vortrag von Astrid Wendelstigh wäre man wohl an dem Kunstwerk vorbeigefahren, weil die Kupfereinkleidung die selbe Farbe hat (wohl auch durch Umwelteinwirkung entstanden) wie alle Fahrradhäuschen auch. Ein Schild erinnert daran, dass es sich bei der Einkleidung des Fahrradhäuschens im Unionviertel nahe der S-Bahnstation Dortmund West (Lange Straße/Sternstraße) um ein Kunstobjekt der „EmscherKunst“ handelt.

Laut der Künstlerin sollen alle Spuren des Alltags auf dem Kupfer festgehalten und später auf Papier übertragen in eine Ausstellung gebracht werden; das Kunstwerk ist ein Experiment zwischen Alltagsgebrauch, Architektur und Kunst. Wer hier drauf sprüht oder malt wird wohl nicht damit rechnen müssen, dass der städtische Reinigungstrupp kommt und die „Fettecke“ wegputzt…….

Das 4. öffentlich zugängliche Kunstwerk würde man auch übersehen, weil es zum einen unscheinbar ist, zum anderen an der stark befahrenen Rheinischen Straße liegt.Der Künstler und Produktdesigner von z. B. Lampen, Samuel Treindl hat zwei übrig gebliebene Buchstaben einer Leuchtreklame genutzt, „ö“ und „l.“ Früher wurden hier wohl einmal Möbel verkauft.Samuel Treindl ergänzt diese Buchstaben zu Vögel. Für nichts wird hier geworben, nichts wird verkauft, denn das Ladenlokal gibt es längst nicht mehr, das Haus ist heruntergekommen, es gab keine Intervention, keine Erneuerung, Das neue Wort liefert keine Information. „Ich schaue in den Himmel und sehe Vögel.“ So einfach kann Kunst sein. Wer dieses Werk nicht kennt, wird sich über das Wort „Vögel“ wundern, im Vorbeifahren wird man es aber nicht als Kunstwerk wahrnehmen.

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Haus Rheinische Straße 131: „Vögel“

Irgendwie zum Schmunzeln, andererseits kommt man nciht umhin sich zu fragen, warum nicht wenigstens  ein paar Sachen an der Fassade neu gemacht wurden. Die Sinnlosigkeit des Wortes „Vögel“ ist Programm, fast eine Art von Dada.

 

Die nächste Station gleich einem monströsen antiken Tempel, der im Laufe der Zeit dunkel und unbegehbar geworden ist: das alte Hoesch-Verwaltungsgebäude (ehemaliger Firmensitz der Union AG für Berbau, Eisen- und Stahl-Industrie in Dortmund). Über dem Eingangsportal steht in grünspan-gefärbten Kupferbuchstaben:

„Es lobt den Mann die Arbeit und die Tat.“

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Die koreanischen Künstlerinnen Eu Sun Ko, Hyuna Kang und Shinah Lee wollten diese altmodische pathetische Sprache, die nur an die Leistung von Männern denkt, so nicht hinnehmen. Kurzerhand entwarfen Sie eine Postkarte, bei der man durch leichte Verwacklung den Satz lesen kann:

Es lobt die Frau die Arbeit und die Tat.

Die Arbeit der Frauen ist auch zu würdigen, nicht nur die der Männer.

Was mit dem Gebäude nun geschehen soll, nachdem es ein Schweizer Investor gekauft hat, ist noch nicht sicher.

 

Stadtauswärts fahren wir weiter, die Dorstfelder Allee entlang. Im Hintergrund sieht man zwei Brücken für die Autobahn sowie die Stadtbahn. Beide sind aber nur das Hintergrundrauschen für die Kunstwerke.

Was soll das denn sein? Ein Hinkelstein von Obelix auf 4 Füßen?

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..ob darin goldene Schätze zu finden sind? „Zur kleinen Weile“ vom Künstler*kollektiv raumlabor

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Ein rätselhaftes Kunstwerk.So wie es mitten in der Landschaft am Wegesrand von der Straße und Radweg steht, fällt der große Stein auf. Die Neugierde treibt die Besucherinnen und Besucher dann doch hinein in den goldenen Innenraum. Es ist überraschend und angenehm hell da drin. Licht, Wärme und Schutz soll den Leuten in der „kleinen Weile“, wie das Kunstwerk heißt, vermittelt werden. Durch die goldene Farbe und die Öffnung oben ist es erstaunlich hell da drin.Aber Wärme und Schutz habe ich da drin nicht empfunden. Es ist eher ein eher banges Gefühl, weil man nicht weiß, wo die Wand beginnt und der Boden und Grund aufhört. Ein jüngerer Besucher konnte einem Bahnradfahrer gleich im Kreis herumrennen. Die eigene Stimme klingen wie… im Weltraum, wie in einem Popsong, bei dem die menschliche Stimme elektronisch verzerrt klingt. Heimelig klingt das nciht. Kein Gefühl der Bedrohung oder Angst, ber auch kein heimeliges Gefühl. So bleibt man auch nur eine „kleine Weile“ in diesem Kunstwerk, bevor man wieder herausklettert.

 

 

Das letzte Kunstobjekt der Tour würde man als Radler-/in übersehen, wenn man nicht gerade auf Kunst-Tour ist. Einem Steg am Fluß oder See gleich führt das Werk „Kunstpause“ durch einen Haselnußhain, den sonst nur überzeugte Haselnußfans kennen. Tatsächlich befindet sich unter der Stadtbahn- und Autobahnbrücke  eine Art kleines Haselnußstrauch-Wäldchen. Und tatsächlich: nachdem man durch den Haselnußhain gestreift ist, kann man sich wie an einem Flußufer auf Holzstufen niederlassen. Pause von der Kunst oder Kunstpause, also mal keine Skulptur, kein Bild ansehen?

 

Mit der „Kunstpause“ endete die Radtour „Nordwärts“ im Rahmen der EmscherKunst 2016 in Dortmund. Es hat Spaß gemacht, mitzufahren und neue Ecken der Stadt sowie Kunstwerke zu entdecken, die man sonst übersehen hätte. Es muß nicht immer alles gefallen, wichtig ist, dass man sich immer wieder aufmacht und neugeirig bleibt, was es in der eigenen Stadt so gibt und was passiert. Offenheit und Neugierde machen eine Stadt und die darin lebenden Menschen lebendig und können positiv auf die Zukunftsgestaltung wirken.

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Kunst im öffentlichen Raum: Das Museum für Kunst und Kulturgeschichte Dortmund bietet mit Frau Dr. Rosemarie E. Pahlke regelmäßig geführte Spaziergänge und Radtouren an. Heute hat Astrid Wendelstigh von der Initiative „VeloKitchenDortmund“ die Tour geführt. Herzlichen Dank dafür!

http://www.kunst-im-oeffentlichen-raum.dortmund.de

http://www.emscherkunst.de

http://www.velocityruhr.net