Allgemein, Ausstellung, Kunstkritik, Stadtrundfahrt

Gekritzel, Geschmiere oder Kunst? StreetArt als Subkultur oder Hochkultur?

Jeder Stadtbewohner-/in kennt sie: unleserliche Schriftzüge und Namenskürzel auf Häuserwänden, Pfeilern von Autobahnbrücken oder auf Zügen. Manchmal mit politischer oder gesellschaftlicher Botschaft versehen. Manchmal bunt, mit dicken Buchstaben, was manchen langweilig-einfarbigen Waggon eines Zuges richtig schön macht. Für die Besitzer-/innen von Häusern oder die DB AG ist das nur Sachbeschädigung, eine Straftat, die geahndet werden muß. Doch wie der Löwenzahn trotz aller Unkrautvernichtungsmittel immer wieder aus allen Ritzen sprießt wie es ihm beliebt, gibt es immer wieder. Graffiti als persönliche Ausdrucksform, frecher Protest und Beweis dafür, dass man zur Szene gehört. Denn was die Passantin/der Passant als unschönes Gekritzel wahrnimmt, sind Namenskürzel.

Am Dienstag den 6. September 2016 gab es mit der  StreetArtGallery44309 einen Kunstspaziergang durch Teile des Unionviertels. Start war an der Galerie und Büro in der Rheinischen Straße 16, dort wurden die Besucher-/innen begrüßt und die StreetArtGallery vorgestellt.Anders als bei den gewöhnlichen Museen kann man hier selbst ausprobieren, was z. B. Siebdruck ist. ziel dabei ist es, die Bildende Kunst, die „fine art“ mit der Studio- und StreetArt-Kunst zusammenzubringen. Diese praktische Variante werde ich einmal nutzen – auch selbst Kunst machen, anstatt nur Kunst anzusehen, zu konsumieren. Das Durchschnittsalter der Spaziergänger-/innen dürfte jedoch weit über dem der meisten Sprayer/Graffiti-Künstler gelegen haben…

Nach der Einführung ging es dann aber hinaus: die Straße als Ort der Kunst.

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links die legale StreetArt mit Zustimmung des Hausbesitzers, rechts das tagging: offensichtlich ist der Respekt da, nicht in das bestehende Bild hinein seinen eigenen Namen zu „taggen“.

Landesteile werden durch Grenzen markiert, die Zugehörigkeit zu einem Land z.B. durch eine Flagge. Der eigene Stadtteil, der eigene Kiez wird durch das Namenskürzel an der Häuserwand, durch einen „Tag“ markiert. Tagging ist wichtig für das Abstecken von Grenzen. Hunde heben ihr Beinchen, um zu sagen: hey hier ist mein Revier, komm mir nicht zu nahe. StreetArt ist eine männlich dominierte Form. Es gibt viel mehr männliche als weibliche Künstler wie im HipHop als Musikrichtung.

Jedoch gibt es auch weibliche Kunst in der StreetArt: Alice Pasquini aus Rom mit einem Motiv nahe der StreetArtGallery selbst. Monia Labidi von der StreetArtGallery sagt dazu, dass dieses Motiv ein weiblicher Bilck auf den Frauenkörper sei. Wie Frauen sonst oft dargestellt werden, braucht an dieser Stelle nicht erwähnt zu werden. Sehr angenehm, mal eine andere Sichtweise auf Weiblichkeit in der Kunst zu erleben. Eigentlich hatte sich der Hausbesitzer als Motiv ein Trike gewünscht, weil im Haus eine Autowerkstatt gewesen war. Das war Alice Pasquini aber zu männlich dominiert. Bilder von Trikes gibt es aber schon viele.20160906_181631

Ob es in dem Laden daneben nur Kraut und Rüben gab, konnten wir beim Kunstspaziergang nicht testen 😉

Auffällig war bei der gesamten Führung, dass es kaum Deutungen der Bilder durch die Künstler-/innen selbst gibt. Man sei frei in der Interpretation, sagte Monia Labidi.

Den Anfang für die StreetArt als Kunstform  machte tatsächlich das tagging, bevor später Buchstaben im „bubble“-Stil ( dicke Buchstaben aneinander als Wort) daraus wurden. Bei den Bildern gibt es überraschendes bei der Gestaltung. Nicht einfach hingesprüht ist das; jede-/r hat seine oder ihre bestimmten Motive und Techniken.

 

Der brasilianische Künstler Rodrigo Branco malt mit Schablonentechnik sein Thema: Technik und Mensch, ohne daß er eine genaue Definition vorgibt. Ähnlich arbeitet auch Blek le Rat aus Frankreich.

TITEL: Sacri loves You Mai/Juni 2014 . Am Telefon war wohl jeder schon mal genervt….

 

Im Gegensatz zur sogenannten Hochkultur steht die StreetArt im starken Widerspruch: sie ist öffentlich zugänglich und temporär. Ein Museum, das Bilder ausstellt ist immer bestrebt, diese zu erhalten. StreetArt-Bilder auf „mirrals“ = großen Wänden werden von Zeit zu Zeit übermalt. Das wird nicht als Zerstörung des eigenen Werkes mit den entsprechenden Rechtsfolgen angesehen, nein: das ist eben in der Szene so.

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…man beachte die Augen der gemalten Figur….

Spannend war auch zu hören, was die Kunsthistorikerin Monia Labidi zu den Künstlerpersönlichkeiten sagen konnte. Manche seien zuverlässig und bringen ihre Arbeit wie vereinbart zu Ende. Andere wiederum vergessen, ihr Visa zu verlängern oder zeigen sich pikiert, wenn sie nicht wie erhofft die große Wand bemalen dürfen. Der Künstler L7M malt als sein Motiv Vögel, meist Kolibris. Möglicherweise war er pikiert, nicht auf die große Wand, auf der es kein Fenster gab, seine Kolibris malen zu dürfen – deshalb nun der Adler. Auf der großen Hauswand, einem großen „mirral“ nun ein Portrait.

 

So gerade wie das Gesicht geschnitten ist, könnte man an ein künstlich geschaffenes Gesicht wie das von Pinocchio denken.

Den Adler übersieht man fast, wenn man auf den Parkplatz des angrenzenden Supermarktes kommt; schon allein deshalb, weil man auf den Verkehr achten muß. Es schien, als ob die einkaufenden Menschen uns verwundert ansehen würden und erst nach und nach begreifen würden, warum wir hier sind – nicht zum Einkaufen eben.

 

An der Rheinischen Straße 62 gibt es ein überdachtes Bild, weil dort eine Arcade an den Geschäften verläuft. Die polnischen Künstler PROEMBRION und Pener sollen sogar bei winterlichen Temperaturen und Flutlicht im Januar 2014 gemalt haben. Der Hausbesitzer war nicht so begeistert, wollte er doch die Metzgerei seiner Eltern auf der Wand vermerkt haben. Mit der Unterschrift  „Metzgerei Ludwig Lumper“ am Bild war er dann zufrieden.

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….doch irgendwie erinnern die Linien an Nervenstränge, Blutbahnen im Fleisch… .hmm...

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Zwei Künstler mit gegensätzlichen Malweisen machen ein Bild. Unmöglich, möchte man denken. Doch es funktioniert: Sepe  malt figurativ, Chazme abstrakte Formen. Geschickt bauen sie die baulichen Gegebenheiten der Hauswand in ihr Bild ein, damit öffnet sich das Haus – so scheint es – noch einmal.

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Man kann das Bild laut Monia Labidi so deuten: Es sind anonyme Menschenmassen in der Stadt, die nach Haus gehen. Die Atmosphäre ist bedrückend, schon allein durch die Hochhäuser.Helden sind sie nicht, sondern müde und geschafft. Wie nimmt der Mensch sein urbanes Umfeld wahr?

Ich mußte aufgrund der kantigen Gesichtsformen und einer Mützenform an die Kunstwerke des DDR-Künstlers denken, der im Auftrag des DDR-Staates bei der Bergbaugesellschaft Wismut in Ronneburg/Thüringen gelebt hat und die Arbeiter portraitiert hat. Auf seinen riesigen Bildern, die heute auf dem inzwischen stillgelegten Bergbaugelände  (Uran-Bergbau für die Sowjetunion) ausgestellt sind, werden die Bergleute muskelbepackt als die Helden und in Siegerpose dargestellt, zusammen mit ihren blitzenden Werkzeugen. Frauen sind auch zu sehen, wie die Männer fast ganz nackt, aber sie sind nur Beiwerk als Gebährmaschine, Kinder quellen aus ihren Unterleibern, um neue Arbeiter hervorzubringen. Diese Bilder empfand ich als abstoßend, übertrieben. Nicht, weil die Arbeit von Bergleuten nicht zu würdigen wäre. Es ist diese maßlose Übertreibung, die nur das verdecken soll, was die DDR-Führung konsequent verschwieg: daß hier nicht „Wismut“ , sondern das gesundheitsgefährdende Uran abgebaut wurde, das nicht wenige Menschen an Krebs erkranken und sterben ließ. Gleichzeitig war die Belegschaft der Wismut-Bergbau eine eigene, verschwiegene Gesellschaft: wenn man wirtschaftliche Vorteile bekommt, schweigt man eben über das, was die Wahrheit ist.

Und der Künstler selbst? Möglicherweise war er überzeugt vom Sozialismus, wie ihn die DDR propagierte. In den ersten Jahren nach 1945 mag sich die Alternative, das Neue nach all den Grausamkeiten des NS-Regimes gut und rettend angehört haben. Was daraus geworde ist, ist bekannt. Eine ehemalige Kollegin der Unibibliothek Jena erzählte mir, wie ihr Vater zu ihr gesagt hatte: „Für das habe ich bei Hitler nicht im Zuchthaus gesessen.“ Gemeit war, wie die DDR-Führung sich zeigte: z.B. in schicken West-Autos statt Trabant und Wartburg.

StreetArt ist schon allein deshalb wilder, weil sie sich im öffentlichen Raum Platz suchen muß. Keine freie Leinwand, kein Blatt Papier wartet darauf, bespielt zu werden. Hindernisse sind da und können nciht beseitigt werden, sondern müssen ins Bild eingebaut werden. Das ist Herausforderung und Chance für zusätzliche Effekte zugleich.

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Die Menschen die gern behaupten, Flüchtlinge würden bei uns komfortabel leben, sollen sich dieses Gebäude ansehen. Die ehemalige Schule ist ein graues, tristes Gebäude aus den 1950er Jahren. Nur die StreetArt verleiht dem Ort etwas Leben und Freude.

 

Auf ein gutes Miteinander un Ankommen mit den geflüchteten Menschen!

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Das letzte Kunstwerk des Spaziergangs mit der StreetArtGallery ist von Alice Pasquini. Bei Hausbesitzern und -bewohnern hat es Kontroversen ausgelöst. So ein bedrückendes Bild, das wolle man nicht auf der Hauswand haben. Und ja, es macht betroffen, macht traurig. Zwei Kinder auf der Flucht… aber ist das nicht das, was man fast täglich in den Nachrichtenmeldungen hört und sieht?

Kunst muß nicht immer schön oder lustig sein. Sie kann auch ernst, politisch oder ‚häßlich‘ sein.

Dank geht an Frau Dr. Pahlke von der Stabstelle kunst im öffentlichen Raum die StreetArtGallery und vor allem Monia Labidi, die uns die StreetArt so lebendig und anschaulich näher gebracht hat. Man muß das tagging nicht toll finden – aber man weiß nach dem Kunstspaziergang mehr über die Hintergründe Bescheid.

http://44309streetartgallery.net/

 

 

 

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