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Bochum liegt auf dem Land

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Bochum – was ist das?

Da war mal das Album von einem gewissen Herrn Grönemeyer, das ist die Stadt, wo eine bestimmte Automarke ihre Werke (hatte) und es einmal einen Mobiltelefonhersteller gab, der dann alles dicht und platt gemacht hat. Dessen Fußballverein immer noch von der 1. Liga träumt. Meine alte Heimat Fürth hatte das auch mal getan, aber die Zeit in der 1. Liga hatte nur eine Saison lang angedauert. Ist eben nicht so einfach,  in der 1. Bundesliga zu spielen und – zu bleiben. Da gelten andere Regeln. Frank Goosen sagt dazu: „der Fan muß leiden.“

Bochum das ist auch die Stadt des Autors Frank Goosen, der manch lustige, aber auch nahdenkliche Geschichten über das Ruhrgebiet und seine Stadt – und natürlich seinen Verein – verfaßt hat. Dank ihm gibt es auch den Film Radio Heimat ( https://fahrrad3gruen.wordpress.com/2017/01/04/der-ort-fuer-traeume-muss-nicht-weichen/ ).

Und zwischen Bochum und Hattingen liegt das Haus Kemnade, eine ehemaliger Adelssitz und Ort für mehrere Sammlungen. Wenn man von Hattingen zum Haus Kemnade fährt, wundert man sich fast, wie ländlich die Atmosphäre ist; nur das Rauschen der Autobahn im Hintergrund stört etwas. Bochum liegt (auch) auf dem Land 😉

Am 1. Sonntag im Monat findet um 12 Uhr immer eine Führung durch die MUSIKINSTRUMENTENSAMMLUNG Hede und Hans Grumbt statt. Hans Grumbt (1898-1989) war von Beruf Cellist bei den Bochumer Symphonikern und sammelte Musikinstrumente aus allen Teilen der Welt. Tasteninstrumente, verschiedenste Flöten und Klarinetten, letztere von der Sammlung Johan van Kalker und natürlich Streichinstrumente sind im Haus Kemnade zu sehen. Da ich selbst Geige spiele, war ich neugierig, diese Instrumente zu sehen – und gern hätte ich auch die eine oder andere Geige gespielt. Es gibt soviele verrückte Formen! Eine Taschengeige, vielleicht 10 cm breit, flacher statt bauchiger Korpus und vielleicht 30 cm (ohne Hals) hoch – und gespielt ohne Kinnhalter. „Der Kinnhalter ist eine moderne Erscheinung“ erläuterte der Herr vom Förderverein, der durch die Sammlung führt. Oh, das gibt dann beim Geigespielen noch mehr rote Flecken am Hals, die nicht von verliebten Mitmenschen stammen….

Johan van Kalker war Pilot  bei der zivilen Luftfahrt gewesen. Überall, wo er sich aufhielt, hat er Klarinetten erworben, so z.B. das „Oktavin in C“, das aussieht wie ein kleines Stück eines Fagotts mit silberfarbenem Trichter dran, eine „Klarinette d´amore“ (im Orchester wird nur die Oboe d´amore gebraucht, sie hat einen weicheren Klang, aber nicht eine ebensolche Klarinette)… amüsiert laufe ich  an den Vitrinen entlang. Langweilig wird es in der Musikinstrumentensammlung nicht… ein Jugendlicher fragte auch, ob man mal eine der Blasinstrumente spielen dürfe, spielt er doch selbst auch eines.

Manchmal gibt es tatsächlich Konzerte, bei denen ein Teil des Programms mit Ausstellungsstücken gespielt wird. Meist aber bleiben sie in der Vitrine, damit sie erhalten bleiben. Der Förderverein hat auch nicht das Geld, alle Instrumente in ihrer Funktion zu erhalten; so hört man leider kein Lied, wenn man die Kurbel der  „jukebox“, die gleich neben dem Eingang steht, betätigt. Wer also fachkundig ist und ehrenamtlich für eine gute und schöne Sache tätig werden mag… ich denke, der Förderverein wird sich freuen.

Die Gambe führte uns der Herr vom Förderverein selbst vor: er selbst besitzt und spielt ein Instrument. Etwa so groß wie ein Cello, aber mit einem breiteren Untersatz, C-Löcher statt F-Löcher, die Korpus-Form erinnert leicht an eine Birnenfrucht. Die Gambe hat keinen Stachel, auf dem sie stehen könnte, deshalb muß man den Korpus zwischen die Beine klemmen. Auf dem Hals sind Bünde, ähnlich der modernen Gitarre. Und so ein wunderschöner Klang… da kann man diese ganze „relaxing-music“ auf CD oder als mp3 vergessen. Joseph Haydn hat noch Werke für Gambe geschrieben, weil sein Arbeitgeber, der Fürst von Esterhazy, ein Gambenspieler gewesen war. Im 18. Jahrhundert geriet die Gambe dann aber in Vergessenheit, die Orchester wurden im 19. Jahrhundert größer, da hatte so ein sanftes und weicher klingendes Instrument keine Chance mehr, gehört zu werden. Im 20. Jahrhundert erst taucht die Gambe in der Musikpädagogik wieder auf und ist Bestandteil von Alte-Musik-Ensembles „wenn kein Cembalo da ist.“ (Orginialton des Museumsführers 😉

Ein Kuriosum für Klavierspieler* und Organisten*:  Ein Instrument, das aussieht wie ein Klavier mit Pedal. Hm, ein Zwitter zwischen Orgel und Klavier?

Nein. Es ist ein Klavier mit Pedal, damit der Organist zuhause üben kann und nicht stundenlang in der kalten Kirche sitzen muß. Allerdings gibt es nur ein Manual, das heißt, nur eine Tastenreihe. Orgeln haben mindestens 2 Manuale.

…und noch mehr Klaviere! Ein Spinett, und – ein Harmonium.

So schön, wie manche das Harmonium finden, da kann ich nicht ganz mitgehen. „Harmonium und Männerchor, so stell ich mir die Hölle vor.“ 😀 Es ist ein komisches Ding, nicht Orgel aber auch nicht Klavier…. und klingt wie eine vergrößerte, gedämpfte Melodica. So wie ich es verstanden habe, war es im 19. Jahrhundert bis ins 20. Jahrhundert hinein ein Ersatz für eine Orgel, da es besser zu transportieren war. Der Herr erzählte uns, daß er das Harmonium aus den Gottesdiensten seiner Kindheit kannte. In meiner alten Heimat Fürth hatte unser Frauenchor zum Kirchenjubiläum die „Petit messe solenelle“ von Giuseppe Rossini aufgeführt, Besetzung: Chor, Klavier und Harmonium. Eine Freundin dieses Instruments bin ich trotzdem nicht geworden, auch wenn das Singen dieses Werks große Freude gemacht hatte.

Wer eine Sammelleidenschaft pflegt, muß auf vieles verzichten. Die Frau von Hans Grumbt war nicht immer begeistert über all die Entbehrungen, die zugunsten des Instrumentenerwerbs ertragen werden mußten. Das Ehepaar hätte in ärmlichen Verhältnissen gelebt, so der Herr (ehemaliger Bratschist bei den Bochumer Symphonikern), der uns durch die Musikinstrumentensammlung führte. Welche Frau das mitmacht… so schön wie die Sammlung anzusehen ist, bei allem Respekt , die diese Sammeltätigkeit verdient: ich wüßte nicht, ob man das als Partner-/in mitmachen würde. Der Bratschist hatte Hans Grumbt noch persönlich gekannt. „Was ich von ihm gelernt habe: den Umgang mit Zeit. Nach der Probe war er der erste, der draußen war. Viele hielten ihn natürlich für einen Spinner.“

Aufgrund des Urheber*rechts werden hier keine Bilder der Instrumente gezeigt – schaut sie Euch selbst an, die Musikinstrumentensammlung Hede und Hans Grumbt ist sehr sehenswert! Außerdem lädt die Lage des Hauses Kemnade dazu ein, den Museumsbesuch mit einer Radtour entlang der Ruhr und des Kemnader Sees zu verbinden.

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Was nervt, ist der umständliche Fahrradständer im Hof….bis man da eine Stelle gefunden hat, um sein Rad wirklich ANzuschließen!

 

Wie schön, wenn man keine Eile haben muß… auf einer Bank in Sichtweite des Hauses Kemnade machte ich Rast. Dem Rat eines Radel-Freundes folgend, fuhr ich nach der Pause am Kemnader See entlang bis zum Ende, Richtung Zeche Gibraltar. Gefühlt dauerte das länger, als ich vermutet hatte. Den Abzweig „Blumenau“ genommen, und ich hatte die Straße „Im Lottental“ gefunden! 🙂 Dieser Weg war wesentlich leichter mit seinen Steigungen zu bewältigen als die Kemnader Straße.

Bei gutem Wetter ist viel los am Kemnader Stausee, fast wurde es mir zwischen den Skatern, Radlern, Läufern zuviel. Was aber wirklich erschreckend ist, sind die Blechlawinen, die fast nonstop von bzw. zum Kemnader See und auch zum Haus Kemnade kommen. Es ist nicht nachvollziehbar, daß alle, die mit dem Auto kommen, entweder fußkrank sind , mindestens 4 Kinder haben oder zu weit weg wohnen. Mehrere Buslinien fahren sowohl zum Stausee wie zum ehemaligen Adelssitz. Es ist mir ein Rätsel, wie man sich bei diesem Gestank von Abgasen und Motorenlärm noch erholen will- denn zur Erholung fährt man doch zum Kemnader Stausee oder freut sich am Haus Kemnade?

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Die Stiepeler Straße verlief dann doch anders als auf dem Plan… lustige Verwirrungen gibt es immer wieder mal. Die Wiemelshauser Straße fand ich, nur ungünstig, daß gerade heute ein Radrennen dort stattfand.. einmal ließ lautes Gebrüll die wenigen Passanten aufschrecken. Es kam von einem Rennfahrer. Ein Hundespaziergänger war wohl auf die Fahrbahn getreten. Nein, ein Rennrad hat kein Hundekörbchen am Lenker…

Ich verließ das Radrennen und fuhr in ein Wohngebiet hinein. Plötzlich Blasmusik. Hm, hat da eine-/r ihre/seine Stereoanlage aufgedreht? Seltsam auch, daß ein Polizist an der Kreuzung stand. Dann Spielmannszug-Flöten. Ah, Schützenumzug… und Bergmannskappen mit roten „Wuscheln“ am Hut. Und die 2 Kutschen, die waren heute schon mal an mir vorbei gefahren, auf einen Hänger geladen, inklusive von 2 weiteren Fahrzeugen mit dem pferdischen Antrieb darin. Ein Königspaar will schließlich entsprechend gefahren werden. Wow, was in den Sommerferien in Bochum los ist!

Ich dachte, im Bereich Waldring, am Ende der Wiemelshauser Straße etwa den sagenhaften Springorumradweg zu finden. Und tatsächlich, da war endlich, nach dem Gehopser über stillgelegte Straßenbahnschienen, einer gesperrten Straße und einer Schützenprozession endlich ein schöner Radweg, ebengleich der Erzbahntrasse! Also rauf und los! Die Richtung stimmte erst mal, denn das Schild weiter außen zeigte „Bochum Ehrenfeld“ und „Bochum Zentrum.“

Allerdings… schön zu fahren war er ja der Weg. Aber nach Innenstadt sah es irgendwann nicht mehr aus. Eine freundliche Hunde-Spaziergängerin sagte mir, daß man in dieser Richtung bis zum Haus Weitmar käme. Oh!

Also umgedreht… aber die gesamte Gegenrichtung zum „rewirpower-Stadion“ (wer hat diesen groben Rechtschreibfehler angeordnet??? Das tut weh!) fahren, um in die Bochumer Innenstadt zu kommen?

Also ließ ich den schönen Radweg seufzend links liegen und fuhr auf der Straße Richtung Zentrum und Ehrenfeld. Schwupps, war plötzlich die Oskar-Hoffmann-Straße da und ich hatte meine letzte Station für heute erreicht: das Café Fräulein Coffea.

Jetzt erst mal Kuchen und Kaffee schmecken lassen!

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Durch einen Bericht im Blog http://www.mein-ruhrgebiet.blog/zauberhafter-metropolenflair-bei-fraeulein-coffea/ bin ich auf diesen Laden aufmerksam geworden. Den erwähnten Flamingo hätte ich sonst gar nicht entdeckt 😉

Mir geht es nicht um „ziemlich bio“ wie auf einer Reklametafel am Haus geschrieben wird, sondern darum, daß es in einer Stadt auch noch eigene Cafés und Kneipen gibt statt nur noch Gastronomie-Ketten. In Essen, so schien es mir, hat man fast keine Wahl mehr, bzw. muß man als Nicht-BewohnerIn der Stadt schon suchen, um eigenständige Kneipen zu finden. Fast jede hat ihren eigenen Charme.

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Nachteil: der Verkehr brüllt hier noch lauter als beim Kugelpudel. Und leider gibt es in jeder Stadt selbsternannte motorisierte „Rennfahrer.“ Schade, daß es keinen Fahrradparkplatz gibt, bei dem man sein Rad sicher anschließen kann. Hallo, Stadt Bochum, da könnte man was tun…. nicht nur die radfahrenden Gäste von Fräulein Coffea werden es dir danken.

Nicht viele Kilometer waren es heute, die ich mit dem Rad gefahren bin. Dafür gab es schöne und bleibende Eindrücke von dem, was ich erlebt habe.

 

Infos zur Musikinstrumentensammlung Hede und Hans Grumbt:

http://www.fv-hauskemnade.de/index.php/de/die-sammlungen/sammlung-grumbt.html

Meinen herzlichen Dank an den Förderverein für die Pflege und das Engangement für diese Musikinstrumentensammlung!

 

das zauberhafte Café Fräulein Coffea:

http://fraeulein-coffea.de/

 

Ah, und wer mir Tips geben kann, wie man den geheimnisvollen Gral, äh den Springorum-Radweg finden kann: Gerne was in die Kommentare! 😉

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