Allgemein, Filmkritik, Radverkehr

Der Ort für Träume muß doch nicht weichen

Am Ende der Brückstraße, wenn man die gläsernen Tempel der Klassik inklusive Holzkasten-mit-Saiten-Ausstellung hinter sich gelassen hat, erreicht man das Kino Schauburg. Schon lange wollte ich diese Traditions-Kino besuchen, da erreichte mich die Nachricht vor Weihnachten, daß das Kino am alteingesessenen Standort schließen müsse, wie ein Schock. Der Vermieter wollte den Mietvertrag nicht verlängern. Die Begründung hierfür mutet seltsam wie auch nicht nachvollziehbar an. Inzwischen ist diese Begründung schon wieder belanglos geworden.

http://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/lokalzeit-dortmund/video-abschied-vom-kino-schauburg-in-dortmund-100.html

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Die Kinokasse und Popcornversorgungsstelle (…und leckeres Flensburger Bier haben sie auch….)

Es war grausam, den Abbruchcontainer vor dem Kino zu sehen. Als ob man in eine offene Wunde blicken würde.

Am Montag den 26. Dezember 2016 war der letzte Vorstellungstag im Kino Schauburg. Natürlich fuhr ich mit dem Rad hin… Ich fühlte mich sofort wohl zwischen den roten Wänden und goldenen Ornamenten. Und ich dachte an die Kinos in Nürnberg und Fürth zurück, die ich besucht hatte. Sie können heute zum Teil nur durch Bürgerinitiativen überleben, weil dem Großmogul des  Multiplexkinos“CineCitta“ die kleinen Traditionskinos „Meisengeige“ oder das „Casablanca“ egal sind.

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Alle Fotoaufnahmen wurden mit freundlicher Genehmigung der Schauburg angefertigt.

Das Foyer war voll mit Besucher-/innen, der WDR war mit Kamera vertreten. Es lief der Film „Radio Heimat“ von Adolf Winkelmann und Peter Thorwarth, nach Geschichten von Frank Goosen.

Es machte großen Spaß, den Film zu sehen: vier Jungs sind die Hauptfiguren der Geschichte, wie sie im Ruhrgebiet aufwachsen – in den 1980er Jahren. Selbst wenn man nicht direkt in diesem Jahrzehnt Teenager war, wird das Lebensgefühl gut eingefangen. Dazu tragen vor allem die Requisiten bei: das grüne Telefon, die ehrfürchtig berührten Cassetten, die Schallplatte, die man vorsichtig aus der Hülle nimmt und auf den Plattenteller legt. Ich konnte den Mief, den grünlich-weiße Fliesen in der Küche oder im Bad zusammen mit zu zahlreichen Zimmerpflanzen verbreiten, im Kinosaal riechen. Man kann vor lauter Zeug gar nicht richtig lüften.  Die zum Teil unsäglichen Klamotten sind glücklicherweise kaum richtig sichtbar. Kein Mensch braucht schließlich Schulterpolster oder  große Flächen  von schreiend pinkem und neonfahrbenem Zeug am Leib.

Anfangs war es verwirrend, daß einer der Hauptfiguren auch gleichzeitig Erzähler ist – doch es stört nicht weiter und die Geschichte wirkt dennoch glaubhaft.

Und wer träumt nicht auch gern von dieser Zeit… als man sich noch nicht so sehr um die Organisation des eigenen Lebens kümmern mußte, als man Sachen getan hat, ohne darüber nachzudenken und dies deshalb nicht zwangsweise bereuen mußte, diese nicht unbedingt „falsch“ oder gar eine Straftat waren. Wenn man nur immer ehrliche Freunde haben kann! Peinlichkeiten, die man leider durchzustehen hat, kennt auch jeder, nervige Eltern oder gar autoritäre Lehrer. Ein ähnliches Arschloch von Lehrer hatten wir nicht nur einmal, damals in der beschissenen Hauptschule und Realschule in der elenden Kleinstadt. Unfaßbar, daß heute im Jahr 2016 und 2017 erneut Menschen autoritäre Herrschaft voll befürworten. Die haben nichts gelernt. Lästige Verwandtenbesuche, bei denen man als Teenager bald kapiert, daß nicht alles stimmt, was so gesagt wird… Warum der Onkel sagt, Fremdgehen lohne sich nicht… weil er sich selbst dann die Stulle schmieren müsse… haha! Das Patriarchat herrscht bundesweit und nervt bis heute.  Die Schwierigkeiten, die die Jungs haben, können in diesem Film nur angedeutet werden; mögliche Realität sind sie allemal.

http://www.radioheimat-film.de/

Ich bin den Filmemachern sehr dankbar, daß sie bestimmte Musik aus den 1980er Jahren nicht genommen haben, dafür hört man auch gute Musik von den Fehlfarben. Musik ist und bleibt wichtig, wenn man Teenager ist. Und kein Film kann ohne Musik existieren.

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Zwischen Weihnachten und Neujahr nun kam plötzlich die erlösende Nachricht: das Kino Schauburg kann an Ort und Stelle bleiben, wo es schon seit über 100 Jahren steht! 🙂

http://nordstadtblogger.de/die-schauburg-ist-ueberraschend-gerettet-bereits-am-freitag-geht-der-betrieb-im-aeltesten-kino-von-dortmund-weiter/

Und da gehört es auch hin. Am Ende der Brückstraße, Filmkultur neben der Musikkultur weiter vorne im Glasbau.

Das aktuelle Programm gibt es unter:

http://www.schauburg-kino.com

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Ein Gedanke zu “Der Ort für Träume muß doch nicht weichen

  1. Pingback: Bochum liegt auf dem Land | fahrrad3gruen

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