Aber bitte mit Ü! Wenn da nicht die (Aus-)sprache wäre.

Kommentar zur Vorlesung und zum Konzert der Reihe Bild und Klang:

Oratorio de Noel von Camille Saint-Saens

(Ur-)Aufführung der ersten wissenschaftlich-kritischen Ausgabe

am Dienstag, den 11. Dezember 2018 um 19.30 Uhr,

evangelische Stadtkirche St. Reinoldi, Dortmund

Zunächst ein Lob an die Musikerinnen und Musiker. Sie haben einen guten Job gemacht, als Besucher-/in hat man der Musik gerne zugehört, während draußen vor der Kirchentür Klampfenmusik gepaart mit geistlosem Liedgut zum Weihnachtsmarkt geboten wurde. Nur schnell rein in die Reinoldikirche, um dem Grauen zu entkommen! Es war spannend, Hintergründe zu einem bereits bekannten Werk zu erfahren: dass es verschiedene Fassungen gab, warum Camille Saint-Saens dieses „Oratorio de Noel“, das zuerst nur einen lateinischen Titel hatte, geschrieben hat. Alles schön, die nicht immer sauber getroffenen hohen Töne verzeiht man als Zuhörerin, denn hier sind Lehramtsstudierende am Werk, keine angehenden Opernsängerinnen und -sänger. Der Zauber und die Schönheit dieses Stücks kam beim Publikum an, die musikwissenschaftlichen Informationen vorher sorgten neben der sorgsamen Interpretation der Musik dafür, dass nichts in den Kitsch abgleitet; denn Kitsch-Potential hat dieses Weihnachtsoratorium, das wußte der Komponist und Intellektuelle Camille Saint-Saens selbst auch.

Wenn da nur nicht die Sprache wäre.

Und nein, es ist kein französischer, sondern ein lateinischer Text, der da gesungen werden soll. Während des ganzen Abends wurde man den Eindruck nicht los, dass sich manche-/r von ihrer oder seiner besonders intellektuellen Seite zeigen will. Dabei sind muttersprachlich-bedingte Aussprachen doch völlig normal. Warum sollte man jemand, die oder der ein deutschsprachiges Werk singt dauernd verbessern, wenn sie oder er bei manchem Wort es einfach nicht schafft, richtig auszusprechen? Richtige Töne und Klang sind dabei wirklich wichtiger als die ganz korrekte Aussprache.

Verehrte Musikwissenschaft. Bei aller berechtigten Wissenschaftlichkeit: es ist affig, ein „Alleluja“ als „Allelüja“ zu singen. Es klingt künstlich, angestrengt wichtig und angestrengt richtig. So als ob man mit aller Gewalt und unbedingt ein fremdsprachiges Wort „richtig“, also der Landessprache gemäß aussprechen wollte, obwohl man es nicht wirklich kann. Dafür sind die Sprachen auf der Welt eben zu verschieden, als dass man als Nicht-Muttersprachler-/in manches Wort wirklich richtig aussprechen könnte. Es ist auch gar nicht schlimm, wenn z. B. jemand deutsche Wörter wie „Hähnchen“ nicht wirklich aussprechen kann; das gilt auch für den Bereich der Wissenschaft. Denn auch die Wissenschaft wird von Menschen gemacht, nicht von Göttern. Leider kann man auch nicht in die Zeit zurückreisen, Monsieur Saint-Saens (dessen Namen jetzt aufgrund der deutschen Tastatur auch nicht wirklich richtig geschrieben werden kann) hätte mich wohl mit einem abfälligen, blasierten Blick bedacht – ach nein, ich bin ja eine Frau, und die hatten damals nichts zu sagen, nicht in der Kirche zu singen, sondern nur „gut“ auszusehen (was man damals als „gutes Aussehen“ definiert hatte). Ich hätte mich vorher in einen Mann verwandeln müssen (juhuu, endlich mal Krawatten tragen). Diese bösen Musikkritiker machen einem auch (fast) jedes Konzert zunichte!

Verehrte Musikwissenschaft. Pardon, aber „Sanctüs“ zu hören, das nervt. Das schmerzt. Es tut mir in den Ohren weh und stört den Kunstgenuss ebenso wie das andachtsvolle, gespannte, aufmerksame Zuhören. Bei fast jedem „ü“ bin ich zusammengezuckt. Und warum dieses künstlich ausgesprochene „gentes“ beim Choral „Quare fremuerunt gentes“ („Warum toben die Heiden“)? Dieses lateinische „gentes“ hat nichts, aber auch gar nichts mit dem französischen Wort „gentil“ zu tun! Mag sein, dass die französischen Sängerinnen und Sänger das so singen, dass le Grand Compositeur das auch so wollte…aber bitte, bei aller Wissenschaftlichkeit: der Musik und den nicht-französischen Sänger-/innen die Freiheit lassen, es nicht so gekünstelt auszusprechen! Musik ist nicht nur Wissenschaft, sie ist auch Kunst, die muß frei sein, Kunst darf und soll auch Ausdruck von Gefühlen sein! Und bei allem Respekt vor dem Komponisten und Ihnen, der Musikwissenschaft:

Künstlerischen Mehrwert hatte dieser Aussprachen-Purismus nicht, wenn er auch wissenschaftlich gesehen richtig sein mag, genauso wenig, als wenn ein-/e zeitgenössische-/r Komponist-/in verlangt, dass man mit dem Bogen über ein Seil streicht. Die Vorlesung hatte schon stattgefunden, nun war die Musik dran. Würde man in Frankreich, Belgien oder einem anderen französischsprachigen Land dieses Musikstück hören, wäre die Aussprache „Sanctüs“ nachvollziehbar und wenig überraschend. Aber hier in Deutschland wirkt es gekünstelt, statt authentisch.

Doch machen wir ruhig weiter mit dem Aussprachen-Purismus. Der nächste Besuch aus Dortmunds Partnerstädten kommt bestimmt. Wenn da mal ein „Dortmünd“ zu hören ist, dann setzt es was. Das geht gar nicht, denn ein „u“ ist ein „u“ im Deutschen, damit das klar ist. Sofort den Falschsprecher oder die Falschsprecherin verbessern!

Oratorio de Noel“, ist ein bemerkenswertes Werk, zu dem heute abend interessante und spannende Hintergrundinformationen genannt wurden. Als eines der wenigen größeren Werke zur Weihnachtsmusik ist es das einzige, was neben dem umfangreichen, fast übermächtigen Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach steht. Bemerkenswert, dass hierzulande das Werk eines protestantischen Komponisten oftmals bekannter ist und öfter aufgeführt wird als das eines katholischen. Auch wer Camille Saint-Saiens` geistliches Werk schon kannte, hatte an diesem Abend Neues darüber erfahren können. Schade nur, dass die Musik so sehr vom Aussprachen-Purismus gestört wurde. Da hat man es natürlich leichter, wenn man einen hölzernen Hohlkörper zwischen Schulter und Kinn geklemmt hat oder die eigenen kräftigen Finger auf Stahlsaiten wandern läßt. Aus der Musik-Text-Zwickmühle ist man als Instrumentalmusiker-/in fein raus. Ach wie schön kann das sein. Je nachdem, auf welche Fassung man sich einigt, sind geschriebene Noten eben Noten, sie werden überall auf der Welt gleich ausgesprochen. Über Dynamik, über Interpretation kann man verhandeln, über Tonhöhen von geschriebenen Noten aber nicht.

(P.S. Wer jetzt Groll auf Musikkritiker-/innen hat, der oder dem empfehle ich Georg Kreislers „Musikkritiker.“ Schenkt mir aber beim nächsten Konzert bitte weder Platten noch Krawatten. Plattenspieler habe ich – leider – keinen mehr und Krawatten sind dann doch so umständlich zu tragen wie Highheels. Mit den einen tritt man ungeplant auf das andere drauf).

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Robert Gernhardt: Die Geburt. Weihnachten mal anders

Dieses Jahr wäre ein toller Autor 8o Jahre alt geworden:Robert Gernhardt. Im Gegensatz zu Eugen Roth sind seine Texte nicht nur witzig, sie haben auch keinen erhobenen Zeigefinger. Nichts wird moralisch überhöht und kritisiert, sondern mit feiner Ironie kritisiert. Das erfordert bei manchem und manchem natürlich etwas Denkleistung. Und Denken ist anstrengend, manch gewonnene Erkenntnis ist nicht unbedingt angenehm.

Ein Interview zu Robert Gernhardts Komik:

http://www.deutschlandfunkkultur.de/80-geburtstag-von-robert-gernhardt-komik-als-lustgewinn.1008.de.html?dram:article_id=403059

 

Auch zu WEIHNACHTEN hat sich Robert Gernhardt geäußert. Oder doch nicht? Bei dem vielen Kitsch ist das Gedicht „Die Geburt“ ein sehr gutes Stück Kunst und Lyrik. 😀

 

Die Geburt

Als aber in der finstern Nacht

die junge Frau das Kind zur Welt gebracht,

da haben das nur zwei Tiere gesehn,

die taten grad um die Krippen stehn.

 

Es waren ein Ochs und ein Eselein,

die dauerte das Kindlein soklein,

das da lag ganz ohne Schutz und Haar,

zwischen dem frierenden Ehepaar.

 

Da sprach der Ochs: „ich geb dir mein Horn.

So bist du wenistens sicher vorn.“

Da sprach der Esel: „Nimm meinen Schwanz,

auf daß du dich hintenwehren kannst.“

 

Da dankte die junge Frau, und das Kind,

empfing Hörner vorn und ein Schwänzlein hint.

Und ein Hund hat es in den Schlaf gebellt.

So kam der Teufel auf die Welt.

 

aus: Robert Gernhardt. Reim und Zeit. Gedichte. Reclam-Verlag, S. 103.

 

Wie ich mir Weihnachten wünsche

..und das nicht nur im Jahr 2o17.

Dieser Kommentar wurde auch in der Sendung „Heiligenmorgen“ am 24.12.2o17 von 9-12 Uhr auf eldoradio* UKW Dortmund 93.o und http://www.eldoradio.de gesendet.

Weihnachten? – Nein danke!

Schneebedeckte Hügel, kleine Häuschen in einem Tal, eine Kirche, geschmückte Weihnachtsbäume im und am Haus, so stellen sich viele Weihnachten vor. Dazu traditionelles Essen, meist Braten, viele Geschenke und alle sind freundlich und gut zueinander.

Störgeräusch

Aber so ist Weihnachten nicht. Erst recht nicht dort, wo ich aufgewachsen bin. „Zuhause“ ist das für mich schon lange nicht mehr.

Der Heiligabend lief jedes Jahr nach dem selben Schema ab:

Morgens aus dem eigenen Waldgrundstück einen Baum holen. Keine schöne Tanne mit weichen Nadeln, nein eine kratzige Fichte. „Picea abies“, wie das Kraut in der botanischen Fachsprache heißt, ist auch noch „Baum des Jahres 2017. Dieses häßliche Ding! Dann zuhause schmücken, Mittag essen… danach mußten wir Kinder ins Bett, weil das Christkind und meine Mutter in geheimer Mission im Wohnzimmer zugange waren. Um 17 Uhr war Pflichttermin: Gottesdienst. Und nicht nur einer.

Gut, das gemeinsame Schmücken vom Baum hat auch mir Spaß gemacht. Und sicher hat mir auch das eine oder andere Geschenk gefallen. Aber immer diese Gier, mit der sich alle auf die Geschenke stürzten, zum Kotzen. Und warum, warum immer so ein Theater ums Essen?  Wird hier für die Bundeskanzlerin gekocht?? -“Neeein, hier fehlt noch etwas Sahne!“ – „Spinnst du, da kommt doch kein Essig rein!“ – „Mußt du wieder die Tischdecke vollsauen?!“ – „nein, pass auf! Die Zuckerdose fällt gleich in die Schüssel!“ 

 Zum Essen daheim kamen immer noch die Verwandtenbesuche. Ständig ist man im Streß: weil man immer zum Gottesdienst rennen muß (und wehe, man kommt zu spät), weil man kochen und den Saustall in der Küche wieder aufräumen muß (und wehe, es bleibt auch nur ein Krümel Dreck auf der Arbeitsplatte) oder weil man selbst essen muß. Selbst freundlich vorgetragene Kritik  darf nicht vorgebracht werden: aber nein, niemals! Jedes noch so verbrannte oder einfach ungeliebte Essen (Rote Bete – bääääh!) muß gelobt werden. Ebenso dürfen Geschenke nicht zurückgegeben werden, auch wenn man die pinke Bluse am liebsten verbrennen würde.

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Weihnachten, das stelle ich mir anders vor. Weg von der Verlogenheit, daß alles immer perfekt sein muß. Weg von dem Zwang, zur Kirche zu gehen. Wenn man nicht mehr an den angeblich existierenden Gott glaubt: warum soll ich dann zur Kirche gehen? Nur, um auf dem Land „gesehen“ zu werden und „mein Ansehen“ zu wahren?

Mein Weihnachten würde so aussehen: im Freundeskreis sich treffen, gemeinsam essen. Das erfordert schon auch Organisation und Vorbereitung, aber wenn mal der Salat nicht so gelungen ist – dann wird das in der Runde zwar gesagt, aber es ist keine Katastrophe. Nach dem Essen muß auch nicht gleich hektisch aufgeräumt werden, weil am nächsten Tag schon die nächste Fressrunde – äh das Festessen mit den Verwandten ansteht. Stattdessen kann man einfach noch schön zusammen sitzen und sich unterhalten, Bier trinken. Echte Zuwendung, echter „Friede auf Erden“, wie er in der Weihnachtsbotschaft ständig herausposaunt wird, der ist dann möglich. Weil keine und keiner ständig mit Äußerlichkeiten beschäftigt sind. Und wer mag, der trifft sich am 2. Weihnachtsfeiertag zum Spaziergang oder einer kleinen Radtour. Das wäre mein Weihnachten.

Aber leider denken viele hier immer noch traditionell. Deshalb bleibe ich an Weihnachten alleine.

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