Alltagsbeobachtungen V – Wiedersehen

Relativ eng sitzt man sich gegenüber, wie man es sonst nicht tun würde. Denn sein Gegenüber kennt man nicht, so daß man eigentlich ihm oder ihr nicht so nah auf die Pelle rücken möchte. Und meist sitzt man auch nur wenige Minuten zusammen. Dann verläßt ein-/e oder mehrere den Raum und steigt aus. Eine meist stumme Gesellschaft, nicht immer angenehm für die wenigen gemeinsamen Minuten.

Manchmal telefonieren Leute und man wird unfreiwillig Zeuge des geführten Gesprächs, ob mich das nun interessiert oder nicht. Wenn man doch nicht schon am Ziel wäre und diese Laberbacken los wäre! Manchmal ist es lustig, manchmal nur nervig. Mein eigenes lautes Lachen hat auch schon mal ungeplant die ganze Straßenbahn-Gesellschaft unterhalten, als ich noch in einer anderen Stadt wohnte (aber das war nicht der Grund für meinen Umzug).

Wenn man nach 20 Uhr etwa U-Bahn oder Straßenbahn fährt, ist es im Fahrgastraum ruhiger. Nur wenige Menschen sind noch unterwegs, die Kinderwägen mit oftmals plärrendem Inhalt (der auch, wenn es schwer fällt, zu ertragen ist) sind inzwischen zuhause angekommen. Nur bei Großveranstaltungen wie einem Fußballspiel ist HighLife angesagt.

Am Dienstag abend den 21. März 2017 waren auf der Hinfahrt zum Hockey(Floorball)-Training auffällig viele Polizisten am Hauptbahnhof. Der Grund mag das Länderspiel England-Deutschland am morgigen Abend gewesen sein, ein paar englischsprechende Menschen waren unterwegs. Da die S-Bahn nach einigen Zwischenfällen (Brand einer S-Bahn in Essen) seit Monaten einen „Sonderfahrplan“ hat, wird es nachts immer zu spät für die Rückfahrt, weil ich zu lange auf die nächste warten müßte. Und so radel ich eben zur nächsten U-Bahn-/Straßenbahnhaltestelle, weil nach 2 Stunden Herumrennen in der Halle mein Elan zum Radfahren nicht mehr sehr groß ist.

Mit meinem Rad steige ich in die U-Bahn ein, ziemlich platt vom Sport. Oft war ich heute Torwärterin gewesen und das heißt auch: man bekommt die meisten Bälle ab, die blaue Flecken verursachen; das tut zwar weh, aber Floorball spielen macht Spaß. Dennoch sieht man nach 2 Stunden Fast-Dauerlauf nicht gerade fröhlich und erfrischt aus.

An der Haltestelle Kreuzstraße steigt ein kräftiger Mann ein, der eine schwarze längliche Tasche trägt. Er sieht mich an und lächelt. Ich sehe ihn an… aber weil ich so k.o. bin komme ich nicht gleich drauf, warum. Was mir auffällt, ist die hellviolett-bunt gemusterte kurze Mütze. Die Mütze… ich erkenne „ihn“ sofort wieder. Vergangene und wohl auch vorvergangene Woche habe ich ihn bemerkt. Ich lächle zurück. Eine kurze Gemeinschaft in der U-Bahn für wenige Minuten.

Während der Fahrt überlege ich noch, ob ich ein paar nette Worte sagen soll. Der Mann mit der bunten, aber nicht knalligen Mütze hat die Augen zu, er scheint ein Nickerchen zu machen. Mancher mag lästern, die Farbe der Mütze ist auch nicht mein Stil, aber ich finde es gut, daß es mal nicht das ewige schwarz-grau-braun-beige bei Männerkleidung sein muß. Eigentlich sollte jeder Mann auch mit einem pinken Shirt rumlaufen dürfen, ohne blöd angemacht zu werden. Frauen die Hosenanzug tragen gelten doch auch als „normal“, erst recht wenn dieser pink oder rosa oder lila ist.

Bevor ich aussteige sage ich: „Darf ich fragen: ist da eine Posaune drin?“ Er nickt und sagt:“ ja. Das mache ich schon seit 40 Jahren.“ Eine lange Zeit. Ich verrate ihm noch, daß ich da einen Hockeyschläger drin habe und vom Sport komme. „Zuhause habe ich eine Geige. Tschüs und eine schöne Woche!“ Dann bin ich auch schon draußen. Er fährt mit der „Stadtbahn“, wie die U-Bahn in Dortmund heißt, weiter.

Es ist schön, auch mal freundliche Begegnungen in der U-Bahn zu erleben. Vielleicht trifft man sich nächste Woche wieder.

 

 

 

 

Alltagsbeobachtungen II: In der U44 in Dortmund

HINWEIS: Für die Musikkritik zu RINALDO am Theater Dortmund bitte den Beitrag unter diesem hier lesen! (dieser hier ist kürzer und auch schnell gelesen und lesenswert 😉

Nirgendwo anders wird das Gefühl, dass jemand einen beobachtet und dabei unsichtbar ist deutlicher, als wenn man plötzlich eine Stimme hört, die man nicht zuordnen kann. Diese Stimme kommt meist aus Lautsprechern, der oder die Sprecher-/in sitzt irgendwo anders, außerhalb des eigenen Sichtfeldes.  Ich sitze in der U-Bahn Nummer 44 in Dortmund, es ist Nachmittag. Trotz der drängenden Notwendigkeit des Lernens für Klausuren ist es mir ein Anliegen, das heute Erlebte jetzt niederzuschreiben und mitzuteilen.

Schon vorvergangenen Montag habe ich was interessantes in der U44 erlebt, aber aus verschiedenen Gründen noch nicht aufgeschrieben (daher: in der Überschrift ist kein Schreibfehler enthalten 😉 Die Begebenheit heute war  noch eine Spur härter.

Nachmittags steige ich in die U-Bahn. An der 2. Haltestelle nach meiner Station kommt plötzlich die scheinbar überirdische Durchsage des U-Bahnfahrers: „Wenn die Erziehungsberechtigten ihren Nachwuchs bitte besser beaufsichtigen würden…. Nicht an die Bahn fassen und festhalten! Das Fahrzeug wiegt 36 Tonnen und wer sich festhält, wird mitgeschleift, das heißt es gibt Dönerteller. Also wenn Sie ihren Nachwuchs so gerne haben wie ich meine Kinder, dann passen Sie auf, dass der sich nicht an der Bahn festhält!“ – Ich schreckte auf. Der Typ hatte wirklich „Dönerteller“ gesagt. Schnauf.

In der Nordstadt Dortmunds, wo die U 44 sich zu diesem Zeitpunkt gerade befand, wohnen hauptsächlich Menschen nicht-deutscher Herkunft. Imbißbuden, Cafés und Spielotheken findet man in den Straßen. Vergangene Woche hatte die Polizei eine Razzia veranstaltet, weil – das stimmt schon – es einige Kriminelle gibt, die sich in diese Cafés zurückziehen. Auch Menschen ausländischer Herkunft sind eben Menschen mit Fehlern und Stärken wie die Deutschen auch. Deshalb gibt es auch unter ihnen Straftäter-/innen. Das ist kein Grund, sie deshalb zu beschimpfen oder unter Generalverdacht zu stellen.

Allerdings fand ich es ein sehr starkes Stück, was der U-Bahn-Fahrer da anbrachte. „Dönerteller“ als Bezeichnung für Fahrgäste, die – so vermute ich stark (ich habe ja keine Überwachungsbilder der Videokamera vor mir wie der Typ in seiner Fahrerkabine) eben z. B. Türken waren. Viele Fahrgäste schauen nicht-deutsch aus. Sollte dies eine flapsige Bemerkung sein, weil es viele Dönerbuden an den Haltestellen der Nordstadt gibt?? Meine Güte, jetzt aber! Das ist Alltagsrassimus. Ich frage mich nur, ob das dem Typen bewußt war. Oder ob er aus lauter Frust und Streß über den Tag heute einfach so barsch, groddaher gredd hod (= geradeheraus daher geredet hat) ohne nachzudenken.

An der nächsten Haltestelle gab es eine erneute Ansage: „Wenn der junge Mann genug Luft geschnappt hat, soll er seinen Arsch in die Bahn bewegen, damit wir weiterfahren können. Danke.“ – das ist verständlich und den „Arsch“ kann man verzeihen. Jede(r) will sicher mit der U-Bahn fahren können, das ist klar, der Fahrer oder die Fahrerin ist dafür verantwortlich.

Gleich darauf kam „Ich entschuldige mich für meine flapsige Ausdrucksweise. Doch ich habe heute schon 5000mal gesagt, die Leute sollen nicht in der Tür stehen.“

U-Bahnfahren als Fahrer-/in: keine Frage, das kann stressig sein. Vor allem, wenn wie nachmittags viele Menschen unterwegs sind. Aber „Dönerteller“ für verunglückte nicht-deusche Menschen als Bezeichnung zu verwenden… das war – bei allem Verständnis für den Frust und Verärgerung des Fahrers  – nicht in Ordnung.Ich würde diese Person nicht gleich als Neonazi deklarieren. Aber ich würde ihn schon fragen, ob er es beim nächsten Mal nicht beim „kannst du deinen Arsch nicht in die Bahn bewegen“ oder „Pfoten weg von der Bahn, sonst wirst du mitgeschleift und stirbst!“ oder ähnlichem belassen. Dass für große Höflichkeiten kein Platz noch Zeit ist in dieser Situation, das ist voll und ganz verständlich.

Ich bin gespannt, was mir das hiesige Nahverkehrsunternehmen noch bieten wird. Vielleicht gibt es mal ein „best of“ von Sprüchen von U-Bahn-Fahrerinnen. Ich meine, kreativ sind sie schon. Hätte ich die wenigen Ansagen aus Jena notiert, hätte ich nur eine Tonaufnahme mit lautem Gegrummel und Geschimpfe gehabt, das nur sehr wenige Wörter enthalten hat. Grumpy-Cat-Stimmung eben. Und das über 20 Jahre nach der „Wende.“ Und das in einer der wenigen Städte Ostdeutschlands, wo man es noch aushalten kann, weil noch nicht alles am Boden ist und es eine starke linke Szene gibt.