Das Geschäft mit dem Sex ist verpönt – doch es läuft. Über ein verschwiegenes und verspottetes Phänomen in der Gesellschaft

Am Mittwoch abend, den 26. September 2018 lud die Mitternachtsmission zu einer Diskussionsrunde ein. Ort und Teilnehmer-/innen waren ungewöhnlich: es wurde in einer Kirche auch mit einem Prostitutionskunden und 2 Prostituierten diskutiert. Die Mitarbeiterinnen der Mitternachtsmission und der ehemalige Leiter der „Sitte“, der für das Rotlichtmilieu zuständigen Behörde gaben Ihre Erfahrungen an das Publikum weiter.

Interessant zu beobachten: Als Leser oder Leserin von Online-Nachrichten erfuhr man auf

https://www.nordstadtblogger.de/alles-nutten-oder-was-ehemaliger-chef-der-sitte-diskutiert-in-petri-kirche-ueber-die-situation-von-prostituierten/

von dieser Veranstaltung.

Auf der Seite http://www.dortmund.de wird man nur nach längerem Suchen fündig, in der Broschüre „FrauenTermineDortmund“, jedoch nicht bei den Veranstaltungsankündigungen.

Prostitution ist immer noch ein Thema, das polarisiert. Prostituierte werden in der Gesellschaft als minderwertige Menschen betrachtet und beschimpft. Bei manchen Diskussionsteilnehmern, auch auf dem Podium schien immer noch eine Unsicherheit zu existieren, das Thema wirklich anzusprechen: wenn man von „Arbeit“ spricht, kann man auch gleich klar sagen, was diese „Arbeit“ ist: eben Sex  die Befriedigung für den Kunden.  Der geladene Kunde auf dem Podium trug eine Maske, die beiden Prostituierten Perücken und Sonnenbrillen. Was einige Diskusssionsteilnehmerinnen bewegte: warum macht man diesen „Job“ überhaupt?

Zunächst wurde klar gestellt: es geht hier um eine freiwillige Tätigkeit. Auf Nachfrage wurde aber klar, dass es bei einer der beiden Prostiuierten noch einen anderen, wichtigeren Grund hatte: sie ist vor etwa 10 Jahren mit anderen Landsleuten nach Deutschland gekommen. In Rumänien herrsche bis heute Perspektivlosigkeit. Die deutschen Gesetze hatten es ihr damals verboten, einer Arbeit als z. B. als Verkäuferin nachzugehen. So hat sie sich für die Prostitution entscheiden (müssen), seit 7 Jahren übt sie diesen Beruf (der als solches nicht anerkannt ist), aus.

Das macht betroffen, dass eine Gesetzeslage Frauen ohne deutsche Staatsangehörigkeit keine andere Arbeit als die im Rotlichtmilieu möglich macht. Prostitution ist kein Problem der Damen, die diese ausüben, sondern: es ist ein gesellschaftliches Problem.

Dies ist ein weiterer Kritikpunkt: Prostitution ist nicht als Beruf anerkannt, die Damen sind nicht sozial- und krankenversichert wie andere Arbeitnehmer, wie ein DGB-Mitglied und Diskussionsteilnehmer sagte. Wenn doch die Nachfrage nach Sex nie stagniert oder gar einbricht, warum wird Prostitution nicht als eigenes Berufsfeld anerkannt? Man muß die Prostitution nicht gut finden, aber man kann ihre Existenz nicht leugnen. Warum gehen vor allem Männer zu Frauen, die ihnen Sex (u.a.) anbieten? Der Prostitutionskunde am Podium meinte, dass er mit den Damen auch vertrauliche, intime Gespräche führen könne und seine sexuellen Wünsche ausleben würde. Nach der Diskussion konnte ich mit einer Mitarbeiterin der Mitternachtsmission noch näher darüber sprechen. Die Prostituierten würden den Freiern sexuelle Wünsche erfüllen, die sie ihren Partnerinnen gegenüber nicht unbedingt äußern trauen würden – und diese würden auch diese sexuellen Praktiken möglicherweise gar nicht mitmachen. Und oft genug geht es nicht mal um Geschlechtsverkehr: „Der Mann erzählt der Prostituierten – ja ich habe meinem Chef doch gesagt, dass das nicht geht. Dem habe ich die Meinung gesagt! – Die Ehefrau weiß, dass das nicht stimmt, weil er sich das nicht traut. Aber die Prostiuierte lobt ihn dann und sagt „das hast du richtig gemacht.“ Aha, interessanter Punkt. Männer suchen hier also eine Bestätigung für sich selbst, die sie offensichtlich woanders nicht bekommen. Prostitution ist also nicht das reine Problem der Frauen, sondern eine Art Reaktion, „Problemlösung“ für partnerschaftliche Konflikte.

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Nur nebenbei waren auch männliche Prostituierte, die von Frauen gekauft werden, ein Thema bei diesem Gesprächsabend. Die Mitarbeiterin der Mitternachtsmission sagte dazu leicht scherzend: „Ich wäre da zu geizig. Die Männer wollen da oft noch vorher essen gehen, da kann man als Freierin schon mal auf 300€ kommen.“

Die Tatsache, dass Prostitution erlaubt und von den Behörden auf Hygienebestimmungen etc. regelmäßig kontrolliert wird heißt natürlich nicht, dass die Prostituierten ihre Arbeit (immer) unbedingt gern machen.  Und reine Freiwilligkeit war es auch nicht, wie eine der beiden Damen ihren Einstieg ins Rotlichtmilieu beschrieben hatte – aber eben auch keine Zwangsprostitution.  Zweifelsohne geht die Arbeit als Prostituierte an niemandem in dieser Szene spurlos vorüber. Aber deshalb verbieten? Eine einfache Antwort darauf gibt es nicht.

Eine Gesprächsteilnehmerin, Mitglied der Organisation von „Terre de femmes“ kritisierte die Prostitution scharf. Männer würden Frauen kaufen, Prostitution verletze und zerstöre Frauen, es sei reine Gewalt an Frauen. Dabei machte sie keinen Unterschied zwischen Freiwilligkeit und Zwang zur Prostitution. Die Terre-de-femmes-Vertreterin sprach sich für das „nordische Modell“ aus. In Schweden ist Prostitution per Gesetz verboten. Im Gespräch danach sagte Rainer Minzel dazu: „ich weiß nicht, wie die in Schweden das nun unter Kontrolle haben. Wenn man Prostitution verbietet heißt das nicht, dass sie verschwindet. Und dann müßte man auch die Frauen bestrafen.“ Durch das „Dortmunder Modell“ habe man es unter Kontrolle. Die Szene selbst  achtet darauf, wenn ihr was auffällt, was nach Menschenhandel oder Zwangsprostitution aussieht und würde dann sofort die Polizei informieren. Letztendlich geht es auch um das Geschäft: wenn da plötzlich ein Anbieter ist, der nicht an Behördenauflagen gebunden und billiger ist, wird das innerhalb der Szene sofort sanktioniert.

 

Kernpunkt des gesamten Gesprächsabend war der Appell der Prostituierten und des ehemaligen Leiters der „Sitte“ Rainer Minzel, dass diese Frauen endlich als gleichberechtigte Mitmenschen anerkannt werden. Auch wenn sie einen -außergewöhnlichen – Beruf ausüben. Auch wenn sie in ihrer „Arbeitskleidung“ unter anderen Menschen im Alltag auffallen wie ein Pfau unter lauter Amseln, sind Prostituierte, Männer wie Frauen Mitmenschen mit den selben Rechten wie eine Verkäufer oder eine Musikerin.

 

Weitere Informationen:

FrauenTermineDortmund: https://www.dortmund.de/media/p/frauenbuero/downloads_frauenbuero/FrauenTermineDortmund.pdf  Veranstaltungen der Stadt Dortmund zum Thema Frauen und Gleichberechtigung

Arbeit der Mitternachtsmission: http://mitternachtsmission.de/   Diese Organisation unterstützt Prostituierte und hilft ihnen, wenn sie es wollen, aus der Szene auszusteigen.

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Diese Woche (KW 33 vom 10. – 15. August 2015: Die Initiative von amnesty international zur Legalisierung von Prostitution

Wieder ein – vor allem aber nicht nur – Frauenthema. Und da muß ich meinen Senf dazugeben, weil mir 2 Frauen, jeweils vom gegnerischen Lager, auf die Nerven gehen.

Mein Hörerinnenbrief an DRadioKultur.

Sehr geehrte Damen und Herren,
mit großem Interesse habe ich die Beiträge und Diskussionen zum Vorschlag von amnesty international , die Prostitution zu legalisieren, verfolgt.
Es ist dabei zu bemerken dass:

– jede Seite nur ihre Sicht hat und dabei auch Scheuklappen auf hat.

Verwirrt und auch geärgert hat mich die Schriftstellerin Pieke Biermann mit ihrem Kassiererinnen-Vergleich. Es ist wohl ein grooßer Unterschied, ob ich meinen Körper verkaufe oder an der Kasse bei Aldi Zahlen eintippe und Waren verrechne! Ihr Einwand mit der Schauspielerei stimmt natürlich, das ist der wunde Punkt, wenn man nackt auf der Bühne oder im Film sein soll, weil es die Szene und der Regisseur (die sind meistens männlich) verlangt.

– Thema Freiheit.
sicher soll jeder die Freiheit haben zu tun und zu lassen, was man will. Aber wie weit soll die Freiheit gehen? Ist es wirklich Freiheit, wenn Frauen aus wirtschaftlicher Not, weil sie sonst keinen Job finden, sich als Prostituierte anbieten? Dazu gab es in Ihrem Sender mal einen guten Bericht aus Berlin über einen Caf´ebetreiber, der hauptsächlich solche Frauen als Kunden hat, weil bei ihm das Essen für diese Kundinnen noch bezahlbar ist und sie dort auch keine „sexuellen Dienstleistungen“ anbieten müssen.

– auf fluter.de und auch in der Druckversion dieses Heftes der bpb gab es mal ein sehr gutes Interview mit einem Polizisten der alles andere als begeistert ist über die Regelung der damaligen rot-grünen Bundesregierung – weil er nicht mehr so einfach ein Bordell kontrollieren kann, um Zwangsprostitution aufzudecken. Allgemein habe ich den Eindruck – vor allem auf dem land! – dass die deutsche Polizei dringend, dringend geschult werden muß in Sachen Prostitution, wenn Zwang und Gewalt im Spiel ist (Aber was sollen wir ach so tollen erfolgreichen Bayern auf die blöden Berliner hören, hahahaha! )

– Das Interview mit Johanna Weber von dem noch nicht allzu lang existierenden „Berufsverband für erotische Dienstleistungen“ auf DRadioWissen war mal wieder mehr als unterirdisch.
http://dradiowissen.de/beitrag/prostitution-amnesty-fordert-legalisierung

Wichtige Fragen wurden nur angetippt, nicht ausgesprochen und beantwortet.
Sicher hängt es vom eigenen kulturellen Hintergrund ab was man empfindet, wenn man Prostituierte auf z. B. der Reeperbahn sieht. Ich persönlich kann den Satz von Frau J. Weber nicht nachvollziehen, sie hätte als Taxifahrerin den Anblick von Prostituierten als „toll“ empfunden und hätte das erfahren wollen wie das ist, so zu arbeiten.

Aber gut, das ist ihre Sache.
Ich hätte der überzeugten „Hure“ wie sie sich selbst bezeichnet (und dabei es nicht als Schimpfwort empfindet) als Moderatior_in die Frage gestellt: „..und was machen Sie, wenn Ihr Kunde gewalttätig wird? Wünsche äußert, die Sie so nicht wollen bei den Sexpraktiken? Hatten Sie nie das Gefühl, sich vor einem Mann ekeln zu müssen? Sind Priostituierte wirklich immer Herrinnen der Lage?“

Offensichtlich ist es so, dass es Frauen gibt, die es toll, sogar abenteuerlich finden, ständig andere Männer im Bett zu haben. Es gab mal ein Interview in den Nürnberger Nachrichten bei dem eine Prostitutierte tatsächlich gemeint hätte, dass nur die Freier ihr wirklich Respekt entgegen bringen würden… nachzuprüfen ist das nicht, genauso wie die Gründe, weshalb – meistens Männer – diese ’sexuelle Dienstleistung‘ in Anspruch nehmen.

Und Zwangsprostitution ist zu verurteilen – daran zweifelt niemand, der Verstand hat! Deshalb finde ich die Sicht von Lea Ackermann einseitig. (Interview hier: http://www.deutschlandradiokultur.de/debatte-ueber-sex-arbeit-ein-jahr-in-der-prostitution-und.1008.de.html?dram:article_id=328077 ) Sie sieht durch ihre Arbeit nur die eine Seite, die dunkle Seite des Prostiutionsgeschäfts. Mich regt diese Frau deshalb auf, weil sie auch noch aus dem kirchlichen Lager kommt. Die katholische Kirche verurteilt jede ARt von Sexualität und Erotik, es geht nur darum Nachwuchs zu zeugen. Sowas wie Lust, erst recht nicht von seiten der Frau, darf es nicht geben. Ich habe diesen verlogenen Verein selbst erleben müssen, diese Bigotterie, die da geduldet wird: einerseits alles Sexuelle verurteilen, gleichzeitig die Vorherrschaft von Männern dulden, in Ämtern (Frauen haben NICHTS zu sagen in der kath. Kirche!) und zulassen, dass Frauen (und Kinder) mißbraucht, zum Sex gezwungen werden, weil die Mädchen dumm gehalten und nicht aufgeklärt werden (huch, woher kommen plötzlich all die Kinder gern von Minderjährigen oder noch nicht ganz volljährigen jungen Frauen auf dem Land her? – Seltsam. Ach, das sind ja „Geschenke Gottes“, die mal so eben zusammen mit dem Regen vom Himmel gefallen sind! – Pfuil Deifl!) . Auch wenn Frau Ackermann gute Intentionen haben mag: solange sie – noch dazu als zur Keuschheit verpflichtete Ordensschwester – für diesen Verein arbeitet, ist sie UNglaubwürdig.
Bevor jemand von der katholischen Kirche ein Prostitutionsverbot fordert, soll dieser drecks verlogene Verein erst mal in seinen eigenen Reihen mehr Rechte für Frauen einrichten und die sexuelle Lust von Frauen, die es gibt! – anerkennen!
Eine Therapie von Verwaltigungsopfern und Zwangsprostituierten muß auch immer zum Ziel haben, dass jede Frau den Glauben, dass Sex auch schön für sie sein kann, wieder gewinnt (ob es immer gelingt, ist die Frage, aber es ist ein wichtiger Punkt). Denn alles andere würde eine Stigmatisierung der anderen Seite bedeuten und auch die sexistische Ansicht bestätigen, dass sowieso alle Männer nur böse, sexsüchtig und gewalttätig seien. Man muß dabei auch beachten, über welches Land man spricht, also kulturelle Hintergründe beachten.

Ein Verbot der Prostitution zu fordern ist einfacher, als sich mit den Wurzeln und den Fakten zu befassen.
leider gibt es immer noch viele Männer, die meinen, öfter oder ständig Sex haben zu müssen – aus welchen Gründen auch immer. Das Geschäft der Pr. gibt es schon sehr lange, diese ‚Dienstleistung‘ ist also gefragt. Deshalb: Prostitution zulassen, solange diese Frauen es freiwillig und ohne wirtschaftliche Not machen und mit gesetzlichen – und deshalb kontrollierbaren -Auflagen vom Staat! Auch jede andere Branche, der Gartenbau, die Metallindustrie etc. müssen sich an Auflagen halten. Weil es bei der Prostitution  nicht um Waren, sondern nur um Menschen und ihren Körper und ihre Gefühle geht, müssen diese Auflagen auch genauer formuliert udn strenger kontrolliert werden. Wie weit die Regelungen und Kontrollen gehen, darüber muß möglichst sachlich diskutiert werden. Wie beim Arbeitsschutz in einem Unternehmen muß der Schutz der Beschäftigten an vorderster Stelle stehen.

Mit freundlichen Grüßen

A.St.

Weitere Informationen, mehr sachlich und weniger aufgeladen hier:

http://www.deutschlandfunk.de/reform-des-prostitutionsgesetzes-heikle-mission-im-rotlicht.724.de.html?dram:article_id=312773