Alltagsbeobachtungen IV

Es gibt Momente im Alltag, da denkt  man, dass man träume, daß das nicht jetzt im Moment echt sein kann, was man da sieht. Bei einer Radtour in Thüringen war das ein Pfau – ja ein echter, lebendiger! – der plötzlich auf der Landstraße stand und mir den Weg versperrte. Ein Pfau in der Thüringer Pampa… das ist grade so, als ob der Metzger um die Ecke plötzlich zwischen Wurst und Steaks lauter dicke Salatköpfe in der Auslage liegen hat. Kann eigentlich nicht sein.

Am Montag abend vor 2 Wochen ging es mir wieder so. Auch wenn die „Erscheinung“ nicht ganz so exotisch und außergewöhnlich war.

Diese Woche war ich am Montag abend beim Fitnesstraining gewesen. Geschafft aber zufrieden stand ich mit dem Rad am Bahnsteig der Haltestelle Dortmund-Universität. Plötzlich sehe ich eine zweite Radfahrerin am Bahnsteig, eher ungewöhnlich für die Zeit zwischen 21 und 23 Uhr. Ein sehr junges Mädel mit unfaßbar dünnen Beinen und Stiefeletten mit Pfennigabsatz. Dazu trug sie einen schwarzen Minirock, ein schwarzes offenes Lederjäckchen, hatte blonde lange glatte Haare,große Augen und stark geschminkte rote Lippen. Bei diesem Anblick kann es dem Betrachter (der Betracherin auch) die Sprache verschlagen. (Für die männlichen Leser, die jetzt die Luft anhalten müssen: nein, ich habe ihre Nummer nicht notiert. Und selbst wenn, würde ich sie nicht rausrücken). Es war so angenehm: keine schaute auf die andere herab. Es stand nicht zur Debatte, warum die eine schick , und die andere praktisch angezogen war. Gleichheit. Endlich mal kein Konkurrenzdenken – wenigstens für die Warte- und Fahrtzeit der S-Bahn.

Das Fahrrad, das sie dabei hatte, war ein uraltes „Oma-„Rad, hatte aber funktionierendes Licht. Ich schmunzelte innerlich, wie man mit Schuhen, die Pfennigabsätze haben, noch radfahren können will. Flache Absätze, wenn überhaupt, sind wesentlich praktischer (und genauso elegant und fußfreundlicher) für´s Radfahren.

Das Mädel kommt auf mich zu und fragt mich, wie das mit der Fahrradmitnahme wäre, sie hätte das noch nie gemacht. Sie wolle zu einer Party fahren und nachts müsse man irgendwie heimkommen, weshalb sie das Rad dabei habe (richtige Entscheidung!). Gerne antworte ich ihr und bin ihr behilflich, Rad und Bahn ist schließlich auch mein Thema. Irgendwie fühle ich mich ihr auch verantwortlich, wie eine ältere Schwester. Mehrere Gedanken schießen mir durch den Kopf, doch mein Mund bleibt  freundlich bei der Sache: Fahrradmitnahme in der S1 in NRW.

Ich will sie nicht ständig anstarren und krame in meiner Tasche herum. Mancher Studienkollege würde jetzt wohl austicken. Auch mein Hirn rattert. Aber aus anderen Gründen.

Noch vor 10 und mehr Jahren hätte ich mir gedacht: oh Gott Mädel, wie ziehst du dich an! Kein Wunder, wenn du angegriffen wirst! Das wird vielen Mädels anerzogen. Seit einigen Jahren weiß ich, wie ungerecht und dumm diese Einstellung ist: es ist das totale victim blaming. Es gibt der Frau die Schuld an möglichen Gewaltverbrechen, die sie – meist durch Männerhand – erleiden muß. Aber keine Frau verletzt sich selbst oder bringt sich durch ihre Kleiderwahl in Gefahr!  Das Umkehren der Schuld funktioniert leider immer noch – und das ist ein riesen Skandal. Jede und jeder muß das Recht haben in unserer Gesellschaft, sich nach eigenem Geschmack/Befinden zu kleiden. Daß man sich keine verfassungsfeindlichen Dinger ans Revers hängt, versteht sich von selbst.

Auf den ersten Blick wirkt so ein junges Mädel als „leichte Beute.“ Schon allein dieser Ausdruck „Beute“ macht deutlich, wie manche Menschen immer noch denken. Wie Tiere, die sich das erhaschen, rauben, fangen, also mit Gewalt holen müssen, was sie zum Leben brauchen. Tiere können nicht anders, deshalb trifft sie keine Schuld. Menschen aber können denken! Sicher kann man es auch witzig meinen; eine damalige Freundin in der alten Heimat sprach davon, daß ein Mann, der ihr gefiele in ihr „Beuteschema“ passe. Bei allem Witz: Frauen sind keine „Beute“, die man sich einfach so gewaltsam holen kann. Auch Männer nicht. In einer freien und gerechten Gesellschaft hat sich JEDE und JEDER FREI BEWEGEN ZU KÖNNEN, ohne Schaden zu nehmen! Das muß möglich sein, sich unbeschadet in jeder Art von Kleidung in der Öffentlichkeit zu bewegen. Ob dem anderen Menschen die eigenen Klamotten gefallen oder nicht oder die Frisur, das Gesicht, die Figur…spielt keine Rolle. Man hat es zu akzeptieren.

Als wir am Dortmunder Hauptbahnhof ankamen, verabschiedete ich mich am Vorplatz von ihr und sah ihr noch nach. Was sie wohl in dieser Nacht noch erleben würde? Hoffentlich passiert ihr nichts… aber sie muß ihren eigenen Weg gehen, wird sich bewußt sein, wie sie aussieht und wirkt (denn beeindruckend kann man es schon nennen, im positiven Sinne wohlgemerkt). Warum auch im Jutesack herumlaufen? Das Leben ist zu kurz für schlechte oder häßliche Klamotten. Wenn es schon eine Party gibt, dann kann man auch was schönes anziehen, womit man sich wohlfühlt. Ganz gleich, wie jung oder alt man ist, ganz gleich, welche Figur man hat.

Kein stolzer Held

Mehrere sich kreuzende, übereinander gelegte Baumstämme auf der Bühne. Zweit Gestalten in Lodenmänteln und Karohemden sitzen auf den Baumstämmen, man hört Kuhglocken: Hirten, die ihre Kuh- oder Schafherden hüten. Idylle auf einer Alpenwiese.Scheinbar. Es regnet immer wieder, manchmal gibt es auch Gewitter – die Natur bedroht den Menschen in der rauen Alpenregion immer wieder.

Im Kinder- und Jugendtheater (KJT) Dortmund läuft „Wilhelm Tell“ von Friedrich Schiller. Am 4. Mail 2016 habe ich mir das Stück einmal angesehen. Den Stoff kannte ich schon, ein gewisser Rossini hat dazu mal Musik geschrieben – jetzt wurde es Zeit für das Schauspiel des Sohns vom Gärtner des badischen (oder württembergischen?) Fürsten. Das Thema Freiheit muß für Friedrich Schiller auch sehr wichtig gewesen sein,wurde seine persönliche Freiheit doch ebenso bedroht wie die von Wilhelm Tell.

Bevor der berühmte Schuß auf den Apfel stattfinden kann wird der Zuschauerin die Lebenswelt der Bewohnerinnen und Bewohner in den Teilen der Schweiz um das Jahr 1300 gezeigt. Der Reichsvogt, der anstelle des österreichischen Kaisers hier regiert, tut dies mit einer Willkür und Grausamkeit, die kaum zu ertragen ist, auch wenn diese Greueltaten auf der Bühne des KJT nur angedeutet werden: Soldaten können einen Verdächtigen nicht finden, also morden sie dessen Herde (man hört die nachgeahmten Schreie des sterbenden Viehs, aber keine zerfetzten Tierleiber) und vernichten somit die Lebensgrundlage des Hirten Baumgart. Baumgart hat einen anderen Vogt erschlagen, weil dieser nicht nur sein Haus verwüsten, sondern auch seine Frau vergewaltigen wollte. Absolutismus und Leibeigenschaft in reinster Form und mit voller Gewalt.Die Regeln von Achtung vor dem Leben und Besitz des anderen gelten nciht für den Reichsvogt; er holt sich mit Gewalt alles, was er will (Schafe, Geld, Sex u. a.). Heuchlerisch klingt da die Rede von Gessler über das gesetzlose Volk, das ihm nicht gehorchen wolle.

Wenn man sich dies bewußt macht, was Absolutismus und Monarchie als Regierungsform bedeuten so erschreckt es, dass es heute im 21. Jahrhundert noch Menschen gibt, die sich einen König oder Fürsten wünschen; „einen starken Mann“, der alles regelt. Grausame Vorstellung.Manche und Mancher hat aus der Geschichte nichts gelernt.

Die Menschen in den Alpentälern der Schweiz haben genug von den Grausamkeiten des Reichvogts Gessler.. Aus verschiedenen Landesteilen, die heute die Kantone (z. B. Uri) sind, kommen sie zusammen, um Umsturzpläne gegen den Tyrannen zu besprechen. Wilhelm Tell selbst ist nicht dabei, er will abwarten, weil er meint, dass vor allem Herrscher, die schnell an die Macht kommen, auch schnell wieder verschwinden würden. Diese Ansicht Tells bestätigt sich in einer Begegnung mit dem Reichsvogt, von der Tell erzählt: der Vogt sei ihm mal in den Bergen begegnet, allein. Der Weg war zu schmal, als dass man sich ausweichen hätte können. Der Reichsvogt war allein und unsicher, fast angstvoll – und Tell der eigentlich stärkere, mächtigere als Mensch. Leider hat der Reichsvogt aber mehr Macht – auch über Tell.  Das Wohl seiner Familie ist Wilhelm wichtiger. In dieser Haltung kommt einer der zentralen Konflikte dieses Dramas vor:

Soll man sich für die Allgemeinheit einsetzen und seine eigene Familie dafür ggf. im Stich lassen? Oder ist es legitim, wenn man zuerst auf die eigenen Leute achtet? Der Vowurf des Egoismus steht im Raum, ganz gleich, wie man sich entscheidet.

Es ist zum Teil mühsam, den Monologen der Schauspieler zu folgen, weil sie „nur“ erzählen, was sie erlebt haben – so wie im griechischen antiken Theater. Aber das ist eben Schiller. Vielleicht hätte man den Text hier und da noch etwas kürzen sollen.

Eintrittskarte_1

Ganz zurückziehen ins Private kann aber auch Tell sich nicht. Die Ruhe hat Wilhelm Tell nur, wenn er dem Reichsvogt nciht begegnet – seine Sicherheit ist trügerisch.  Weil er sich weigert, dem im Ort aufgestellten Hut des Vogts zu grüßen, stellt ihn der Reichsvogt Gessler zur Rede. Jede(r) weiß, wie lächerlich das ist; selbst die Soldaten lästern über den Hut – aber der Wille des Diktators gilt, mag er noch so ein dummer oder schwacher Mensch sein – dies ist bis heute so. Tell soll den Apfel vom Kopf seines Sohnes schießen. Später wird ihm seine Frau Vorwürfe machen, doch Tell muß sich dem perfiden und brutalen Willen des Mächtigen beugen.

„Wilhelm Tell“ mag mancher und manchem in der Sprache verstaubt klingen (bei den langen Monologen gab es schon eher mal Geflüster im jungen Publikum), auf menschlicher Ebene spiegelt das Drama einen weiteren aktuellen Konflikt wider: soll ich in Zeiten von Hartz IV anderen helfen trotz Gefahr, finanziell und materiell abzustürzen oder soll ich nur für mich selbst sorgen? Wilhelm Tell hat den flüchtigen Baumgart über den See gesetzt, der Fährmann hat sich aufgrund des starken Sturms geweigert, seine Arbeit zu tun. Die Überfahrt gelingt, Baumgart kann fliehen – doch Tells Frau ist entsetzt, dass ihr Mann sich dieser Gefahr ausgesetzt hat.

Doch auch wenn Wilhelm Tell mit seiner guten Treffsicherheit den Apfel statt seinen Sohn trifft, ist die Schreckensherrschaft nicht vorbei. Erst wenn die Diktatoren nicht mehr sind, hat die Gewalt ein Ende, können sich die Menschen selbst organisieren und frei sein.

Frieden gibt es noch lange nicht. Mit Heugabeln und Äxten kommen die Hirten am Ende auf die Bühne gelaufen, eine Geräuschkulisse deutet blutige Kämpfe an. Tell sitzt nachdenklich mit hängendem Kopf und ohne seinem Hut auf einem Baumstamm. Er ist kein stolzer Held, wie ihn die anderen gern hätten; er rühmt sich nicht, denn er hatte nicht zum Mörder werden wollen; gilt nicht für den einfachen Mann die selbe Regel wie für den Sohn des Kaisers, dass man seinen Vater ehren solle? Die Willkür und Grausamkeit eines sadistischen Fürsten hebeln all diese Regeln aus; sie gelten nciht mehr.

Freiheit – auch ein aktueller Stoff.

Freiheit wünscht sich jede und jeder; niemand möchte in ihrem und seinen Denken eingeengt werden, in ihrem oder seinem Handeln behindert werden. Die meisten der jugendlichen ZuschauerInnen werden wohl kaum solch starke Grenzen von ihren Eltern aufgezeigt bekommen haben, die sie in ihrer Entwicklung behindern; finanziell und materiell schränkt Hartz IV die Menschen elend ein.

Freiheit bedeutet aber auch: für sich selbst und andere Verantwortung übernehmen. Wenn mir niemand vorschreibt, was ich zu tun und zu lassen habe, muß ich mir selbst Gedanken machen, wie ich mich organisiere, was ich mache oder nicht mache. Das kann auch anstrengend, nervend oder furchtbar sein – doch es ist wichtig, dass man sich dieser Verantwortung stellt. Nur dann kann man auch wirklich leben, anstatt wie eine Marionette von anderen für deren Willen mißbraucht werden; sei es dass man emotional, materiell oder finanziell ausgenutzt wird.

Freiheit erscheint manchen Menschen auch trügerisch. Sie scheuen die Verantwortung oder haben nie gelernt, sie für sich und andere zu übernehmen. Immer brauchen sie jemanden der oder die ihnen sagt, wo es langgeht. Diesen Leuten erscheint es verführerisch, solche Machthaber wie Reichsvogt Gessler zu haben – trotz der damit verbundenen Unterdrückung, weil Einschränkung der eigenen persönlichen Freiheit. Lieber kuschen, solange der Kühlschrank noch voll ist und man regelmäßig Nachschub an Essen und anderen materiellen Dingen bekommt. Wen kümmert Politik, wen kümmert Gesellschaft, die Not der anderen, die vielleicht grade nicht so aussehen und sprechen wie wir?

 

Trotz allen Ernstes machte es großen Spaß, „Wilhelm Tell“ auf der Bühne des Kinder- und Jugendtheaters zu sehen. Dafür sorgte ein gut aufgelegtes Ensemble, das auch mit der Ersatzbesetzung durch die Regisseurin überzeugen konnte (an dieser Stelle meine Genesungswünsche für den erkrankten Schauspieler). Zwar wirkte sie als kleiner Soldat weniger bedrohlich, konnte dieses Manko aber durch eine laute, ausdrucksstarke Stimme ausgleichen. Putzig erschien der Schauspieler von Tells Sohn, dem man das Klein-Kind-Sein in seinem großen Erwachsenenkörper nicht so recht abnehmen wollte – dennoch wurde die Handlung klar. Große Bewunderung verdienen die Musiker und Musikerinnen. Wie man aus Plastikrohren, Staubsaugerschläuchen sowie Benzintrichtern sich Alphörner bauen kann… und dann auch noch Töne herausbekommt! Tolle Idee! Trotz der Belustigung für die Musik sind die „Alphörner“ aber nicht nur lustig. Sie spiegeln im Klang und Ausdruck den Ernst der Lage wider, indem sie als Signal bei Aufständen gegen den Reichsvogt dienen.Hier und da hätte man sich auf der Bühne etwas Gras- oder Moosmatten gewünscht, ist doch ständig von Schafen und Weiden die Rede; die Baumstämme allein wirken doch recht kahl.

Und hey liebe Schülerinnen und Schüler: ab sofort könnt Ihr mit geflügelten Sprüchen bei Euren LehrerInnen angeben. 😀 Ich habe selbst gemerkt: aha, daher kommt als dieser Spruch! (z. B. „Wer viel bedenkt, wird wenig leisten“ stammt aus dem Drama „Wilhelm Tell“ von Friedrich Schiller). Die Szene, als Tells Frau das geschlachtete Tier aufschneidet, mag auf Euch brutal gewirkt haben; aber jede(r) braucht eben auch was zu essen, auch Fleisch. Die Wurst, die man abgepackt kauft, ist nicht anders entstanden als durch Schlachtung. Wobei die Menschen um 1300 niemals soviel Fleisch gegessen haben wie es viele heute tun (und über ihren hohen Fleischkonsum nachdenken sollten).

Wilhelm Tell, Schauspiel von Friedrich Schiller

am Kinder- und Jugendtheater des Theaters Dortmund

http://www.theaterdo.de/detail/event/16813/

Nächste Vorstellungen: 8, 9., 10. und 12 Juni 2016 – ANSEHEN! (und die Karten werden knapp….)