„Sie sind gerade verstorben.“

Eine quadratisch aufgestellte Tischreihe, dahinter Menschen, die einer Pressekonferenz gleich zum Publikum in der Mitte sprechen. „Wir müssen Ihnen mitteilen, dass Sie gerade gestorben sind.“ Wichtig wirken sie, die Sprecherinnen und Sprecher, wenn auch nicht hochmütig.

Ein absurder, deshalb lustiger Satz. Wer tot ist, bekommt doch nichts mehr mit. Oder doch? Was geht hier vor? WO sind wir hier eigentlich?

Nur 1 Stunde dauert das Theaterstück After Life von Thorsten Bihegue, gespielt vom Dortmunder Sprechchor. Die Begrüßung „Sie sind gerade verstorben“ ist absurd und verwirrend,  das „Firmenlogo“ After Life wirkt grotesk. Was ist das für eine seltsame Gemeinschaft, die hier die Neuankömmlinge = das Publikum begrüßt? Was ist das für ein Ort, an dem es keine Liebe und keine Angst mehr gibt? Ein luftleerer Raum wie das Weltall, nur ohne Weltraumschrott?

After Life ist nach einem Film entstanden, dessen eingeblendeten Namen und Regisseur ich vergessen habe. Name dropping ist nun auch unwichtig. Wichtig sind die Erinnerungen, die man mit ins Jenseits nimmt; wer keine hat, der muß an dieser seltsamen „Firma“ After Life teilnehmen, die alles firmenartige inne hat: eine Frauenbeauftragte, ein Fundbüro, und – Besonderheit: jemand, der die verlorenen Seelen aufsammelt, eine andere katalogisiert die Träume.  Das ist berührend. Die Erinnerungen von 2 Personen werden erzählt. Und als Zuschauer-/in ist man nicht gelangweilt  oder genervt wie in der U-Bahn, wenn wildfremde ihre intimsten Dinge erzählen müssen, nach denen man nicht gefragt hatte. Das ist das ‚Faszinierende am Theater.

Niemand weiß, was nach dem Tod kommt. Umso wichtiger ist es, sich darüber Gedanken zu machen, was  danach sein könnte. After Life berührt auf besondere Weise: mehr nachdenklich als amüsiert bleibt man als lebende Theaterbesucherin zurück. Bei manchen Dingen reicht es, wenn man sich erinnern kann. Doch bei den Menschen, von denen man sich nicht verabschieden konnte und die zu früh gestorben sind – weil es die Familienmitglieder verweigerten oder Krieg und Verfolgung unmöglich machten- wünscht man sich die griechisch-antike Sage von Persephone und Demeter ins eigene Leben. Auch wenn es keine Wiederbelebung mehr geben kann: wenigstens einmal im Monat, überhaupt nur noch einmal ins Totenreich hinabsteigen können, um einem lieben Menschen Adé zu sagen. Um das zu erzählen, was man so gern gesagt hätte, was der grausige Tod aber verboten hat.

Denn im luftleeren Raum bei After Life zu sein, ohne Angst zwar, aber auch ohne Liebe…ohne Alterungsprozeß… auch das hält kein Mensch lange aus, ohne wahnsinnig zu werden.

Sehr positiv ist auch, dass das Thema Tod und Leben  in After Life abseits von religiösen Kontexten betrachtet wird.

Danke an das Theater Dortmund /Schauspiel für dieses Stück. Es ist toll, auch mal Laien, also Dortmunder Bürgerinnen und Bürger auf der Bühne zu sehen. Viel Handlung gibt es in After Life nicht – und dennoch wird es nie langweilig und man versteht den Text. Durch das Sprechen im Chor entfaltet sich eine ganz andere Wirkung: die Worte wirken deutlicher, wie mit Nachdruck gesprochen.

Die Website vom Theater Dortmund zu After Life : https://www.theaterdo.de/detail/event/19029/

 

 

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Kein stolzer Held

Mehrere sich kreuzende, übereinander gelegte Baumstämme auf der Bühne. Zweit Gestalten in Lodenmänteln und Karohemden sitzen auf den Baumstämmen, man hört Kuhglocken: Hirten, die ihre Kuh- oder Schafherden hüten. Idylle auf einer Alpenwiese.Scheinbar. Es regnet immer wieder, manchmal gibt es auch Gewitter – die Natur bedroht den Menschen in der rauen Alpenregion immer wieder.

Im Kinder- und Jugendtheater (KJT) Dortmund läuft „Wilhelm Tell“ von Friedrich Schiller. Am 4. Mail 2016 habe ich mir das Stück einmal angesehen. Den Stoff kannte ich schon, ein gewisser Rossini hat dazu mal Musik geschrieben – jetzt wurde es Zeit für das Schauspiel des Sohns vom Gärtner des badischen (oder württembergischen?) Fürsten. Das Thema Freiheit muß für Friedrich Schiller auch sehr wichtig gewesen sein,wurde seine persönliche Freiheit doch ebenso bedroht wie die von Wilhelm Tell.

Bevor der berühmte Schuß auf den Apfel stattfinden kann wird der Zuschauerin die Lebenswelt der Bewohnerinnen und Bewohner in den Teilen der Schweiz um das Jahr 1300 gezeigt. Der Reichsvogt, der anstelle des österreichischen Kaisers hier regiert, tut dies mit einer Willkür und Grausamkeit, die kaum zu ertragen ist, auch wenn diese Greueltaten auf der Bühne des KJT nur angedeutet werden: Soldaten können einen Verdächtigen nicht finden, also morden sie dessen Herde (man hört die nachgeahmten Schreie des sterbenden Viehs, aber keine zerfetzten Tierleiber) und vernichten somit die Lebensgrundlage des Hirten Baumgart. Baumgart hat einen anderen Vogt erschlagen, weil dieser nicht nur sein Haus verwüsten, sondern auch seine Frau vergewaltigen wollte. Absolutismus und Leibeigenschaft in reinster Form und mit voller Gewalt.Die Regeln von Achtung vor dem Leben und Besitz des anderen gelten nciht für den Reichsvogt; er holt sich mit Gewalt alles, was er will (Schafe, Geld, Sex u. a.). Heuchlerisch klingt da die Rede von Gessler über das gesetzlose Volk, das ihm nicht gehorchen wolle.

Wenn man sich dies bewußt macht, was Absolutismus und Monarchie als Regierungsform bedeuten so erschreckt es, dass es heute im 21. Jahrhundert noch Menschen gibt, die sich einen König oder Fürsten wünschen; „einen starken Mann“, der alles regelt. Grausame Vorstellung.Manche und Mancher hat aus der Geschichte nichts gelernt.

Die Menschen in den Alpentälern der Schweiz haben genug von den Grausamkeiten des Reichvogts Gessler.. Aus verschiedenen Landesteilen, die heute die Kantone (z. B. Uri) sind, kommen sie zusammen, um Umsturzpläne gegen den Tyrannen zu besprechen. Wilhelm Tell selbst ist nicht dabei, er will abwarten, weil er meint, dass vor allem Herrscher, die schnell an die Macht kommen, auch schnell wieder verschwinden würden. Diese Ansicht Tells bestätigt sich in einer Begegnung mit dem Reichsvogt, von der Tell erzählt: der Vogt sei ihm mal in den Bergen begegnet, allein. Der Weg war zu schmal, als dass man sich ausweichen hätte können. Der Reichsvogt war allein und unsicher, fast angstvoll – und Tell der eigentlich stärkere, mächtigere als Mensch. Leider hat der Reichsvogt aber mehr Macht – auch über Tell.  Das Wohl seiner Familie ist Wilhelm wichtiger. In dieser Haltung kommt einer der zentralen Konflikte dieses Dramas vor:

Soll man sich für die Allgemeinheit einsetzen und seine eigene Familie dafür ggf. im Stich lassen? Oder ist es legitim, wenn man zuerst auf die eigenen Leute achtet? Der Vowurf des Egoismus steht im Raum, ganz gleich, wie man sich entscheidet.

Es ist zum Teil mühsam, den Monologen der Schauspieler zu folgen, weil sie „nur“ erzählen, was sie erlebt haben – so wie im griechischen antiken Theater. Aber das ist eben Schiller. Vielleicht hätte man den Text hier und da noch etwas kürzen sollen.

Eintrittskarte_1

Ganz zurückziehen ins Private kann aber auch Tell sich nicht. Die Ruhe hat Wilhelm Tell nur, wenn er dem Reichsvogt nciht begegnet – seine Sicherheit ist trügerisch.  Weil er sich weigert, dem im Ort aufgestellten Hut des Vogts zu grüßen, stellt ihn der Reichsvogt Gessler zur Rede. Jede(r) weiß, wie lächerlich das ist; selbst die Soldaten lästern über den Hut – aber der Wille des Diktators gilt, mag er noch so ein dummer oder schwacher Mensch sein – dies ist bis heute so. Tell soll den Apfel vom Kopf seines Sohnes schießen. Später wird ihm seine Frau Vorwürfe machen, doch Tell muß sich dem perfiden und brutalen Willen des Mächtigen beugen.

„Wilhelm Tell“ mag mancher und manchem in der Sprache verstaubt klingen (bei den langen Monologen gab es schon eher mal Geflüster im jungen Publikum), auf menschlicher Ebene spiegelt das Drama einen weiteren aktuellen Konflikt wider: soll ich in Zeiten von Hartz IV anderen helfen trotz Gefahr, finanziell und materiell abzustürzen oder soll ich nur für mich selbst sorgen? Wilhelm Tell hat den flüchtigen Baumgart über den See gesetzt, der Fährmann hat sich aufgrund des starken Sturms geweigert, seine Arbeit zu tun. Die Überfahrt gelingt, Baumgart kann fliehen – doch Tells Frau ist entsetzt, dass ihr Mann sich dieser Gefahr ausgesetzt hat.

Doch auch wenn Wilhelm Tell mit seiner guten Treffsicherheit den Apfel statt seinen Sohn trifft, ist die Schreckensherrschaft nicht vorbei. Erst wenn die Diktatoren nicht mehr sind, hat die Gewalt ein Ende, können sich die Menschen selbst organisieren und frei sein.

Frieden gibt es noch lange nicht. Mit Heugabeln und Äxten kommen die Hirten am Ende auf die Bühne gelaufen, eine Geräuschkulisse deutet blutige Kämpfe an. Tell sitzt nachdenklich mit hängendem Kopf und ohne seinem Hut auf einem Baumstamm. Er ist kein stolzer Held, wie ihn die anderen gern hätten; er rühmt sich nicht, denn er hatte nicht zum Mörder werden wollen; gilt nicht für den einfachen Mann die selbe Regel wie für den Sohn des Kaisers, dass man seinen Vater ehren solle? Die Willkür und Grausamkeit eines sadistischen Fürsten hebeln all diese Regeln aus; sie gelten nciht mehr.

Freiheit – auch ein aktueller Stoff.

Freiheit wünscht sich jede und jeder; niemand möchte in ihrem und seinen Denken eingeengt werden, in ihrem oder seinem Handeln behindert werden. Die meisten der jugendlichen ZuschauerInnen werden wohl kaum solch starke Grenzen von ihren Eltern aufgezeigt bekommen haben, die sie in ihrer Entwicklung behindern; finanziell und materiell schränkt Hartz IV die Menschen elend ein.

Freiheit bedeutet aber auch: für sich selbst und andere Verantwortung übernehmen. Wenn mir niemand vorschreibt, was ich zu tun und zu lassen habe, muß ich mir selbst Gedanken machen, wie ich mich organisiere, was ich mache oder nicht mache. Das kann auch anstrengend, nervend oder furchtbar sein – doch es ist wichtig, dass man sich dieser Verantwortung stellt. Nur dann kann man auch wirklich leben, anstatt wie eine Marionette von anderen für deren Willen mißbraucht werden; sei es dass man emotional, materiell oder finanziell ausgenutzt wird.

Freiheit erscheint manchen Menschen auch trügerisch. Sie scheuen die Verantwortung oder haben nie gelernt, sie für sich und andere zu übernehmen. Immer brauchen sie jemanden der oder die ihnen sagt, wo es langgeht. Diesen Leuten erscheint es verführerisch, solche Machthaber wie Reichsvogt Gessler zu haben – trotz der damit verbundenen Unterdrückung, weil Einschränkung der eigenen persönlichen Freiheit. Lieber kuschen, solange der Kühlschrank noch voll ist und man regelmäßig Nachschub an Essen und anderen materiellen Dingen bekommt. Wen kümmert Politik, wen kümmert Gesellschaft, die Not der anderen, die vielleicht grade nicht so aussehen und sprechen wie wir?

 

Trotz allen Ernstes machte es großen Spaß, „Wilhelm Tell“ auf der Bühne des Kinder- und Jugendtheaters zu sehen. Dafür sorgte ein gut aufgelegtes Ensemble, das auch mit der Ersatzbesetzung durch die Regisseurin überzeugen konnte (an dieser Stelle meine Genesungswünsche für den erkrankten Schauspieler). Zwar wirkte sie als kleiner Soldat weniger bedrohlich, konnte dieses Manko aber durch eine laute, ausdrucksstarke Stimme ausgleichen. Putzig erschien der Schauspieler von Tells Sohn, dem man das Klein-Kind-Sein in seinem großen Erwachsenenkörper nicht so recht abnehmen wollte – dennoch wurde die Handlung klar. Große Bewunderung verdienen die Musiker und Musikerinnen. Wie man aus Plastikrohren, Staubsaugerschläuchen sowie Benzintrichtern sich Alphörner bauen kann… und dann auch noch Töne herausbekommt! Tolle Idee! Trotz der Belustigung für die Musik sind die „Alphörner“ aber nicht nur lustig. Sie spiegeln im Klang und Ausdruck den Ernst der Lage wider, indem sie als Signal bei Aufständen gegen den Reichsvogt dienen.Hier und da hätte man sich auf der Bühne etwas Gras- oder Moosmatten gewünscht, ist doch ständig von Schafen und Weiden die Rede; die Baumstämme allein wirken doch recht kahl.

Und hey liebe Schülerinnen und Schüler: ab sofort könnt Ihr mit geflügelten Sprüchen bei Euren LehrerInnen angeben. 😀 Ich habe selbst gemerkt: aha, daher kommt als dieser Spruch! (z. B. „Wer viel bedenkt, wird wenig leisten“ stammt aus dem Drama „Wilhelm Tell“ von Friedrich Schiller). Die Szene, als Tells Frau das geschlachtete Tier aufschneidet, mag auf Euch brutal gewirkt haben; aber jede(r) braucht eben auch was zu essen, auch Fleisch. Die Wurst, die man abgepackt kauft, ist nicht anders entstanden als durch Schlachtung. Wobei die Menschen um 1300 niemals soviel Fleisch gegessen haben wie es viele heute tun (und über ihren hohen Fleischkonsum nachdenken sollten).

Wilhelm Tell, Schauspiel von Friedrich Schiller

am Kinder- und Jugendtheater des Theaters Dortmund

http://www.theaterdo.de/detail/event/16813/

Nächste Vorstellungen: 8, 9., 10. und 12 Juni 2016 – ANSEHEN! (und die Karten werden knapp….)

 

 

 

 

 

 

Die Liebe in Zeiten der Glasfaser – Schauspiel am Theater Dortmund

Im Nachhinein habe ich es bereut, nicht zur Premiere des Musicals „Next to Normal“ im Opernhaus gegangen zu sein. Doch da ich sehr oft im Opernhaus bin, sollte das Schauspiel auch wieder Beachtung finden… der Titel des Stücks klang vielversprechend. Wie gestalten sich Beziehungen, die über lange Distanzen gehalten werden sollen

Bis ca. Dezember 2016 wird im Schauspielhaus umgebaut, weshalb einige Vorstellungen im „Megastore“ draußen in Dortmund-Hörde stattfinden. Es ist nicht so einfach, dort hinzukommen. Von welcher der U-Bahnstationen aus man auch noch fährt, sind es locker 12 Radelminuten bis zum „Megastore für Mega-Theater“, wie es in großen Lettern auf dem Container prangt, in dem das Schauspiel Dortmund nun Platz findet. Auf die Buslinie  ist Samstag abend nicht unbedingt Verlaß.

Nun habe ich hingefunden, die Garderobe kostet nichts, es gibt nur eine Toilette. Wenn man durch die Räumlichkeiten läuft, eine Art Vorhalle mit Garderobe und daran anschließend eine große Halle, die in kleinere Räume eingeteilt ist. Ein Raum davon dient als Aufführungsort, man wird  an das Theaterhaus Jena erinnert. Keine schöne Erinnerung für mich, denn bei aller Freude am Theater kam ich mir in Jena immer vor wie im Heizungskeller und Abstellraum. Ein Jammer, dass in Jena IMMER  solche Verhältnisse herrschen. In Dortmund glücklicherweise nur  zeitlich begrenzt. Sicher kann eine Art „Baustellensituation“ der Kreativität auch förderlich sein. Auf Dauer wirkt alles aber sehr bemüht, platt und auch irgendwie nervig auf mich als Zuschauerin. Irgendwann aber sicher ist es dann nämlich auch gut mit der Improvisation, wenn man keine ordentlichen Kulissen hat.

Das Stück „Die Liebe in Zeiten der Glasfaser“ dreht sich um 2 Paare, die sich aus beruflichen Gründen für einige Monate trennen müssen und auch wollen: Prof. Wolf Adam (Uwe Schmieder), der als Mediensoziologe für einen Lehrauftrag nach Aalborg in Dänemark geht, seine Lebensgefährtin Helena (Friederike Tiefenbacher), eine Schauspielerin, die für ein Theaterprojekt „Fuck YEurope“* nach Breslau geht  – und die jüngere Fraktion:Studentin Antonia (Julia Schubert), die ihre Masterarbeit bei Prof. Adam schreiben soll und ein Auslandssemester in Rom macht und ihr Freund Tomasz (Peer Oscar Musinowski), der als einziger zurückbleibt. Für Tomasz scheint es bei IKEA auf der Karriereleiter aufwärts zu gehen.Die „Business Leadership Competence“ = BLC*(Führungskompetenz im Unternehmen) ist ein Förderprogramm für vielversprechende IKEA-Angestellte, das Autorität, sicherheit, Anerkennung verspricht – aber auch die Gefahr des Ausgesiebt-Werdens beinhaltet.  Anfangs spielen sie noch vergnügt Tischtennis, während die Zuschauerinnen eintrudeln, der Eingang ist neben der Bühne nicht hinter dem Zuschauerraum, wie man es sonst kennt. Der Zugang ist ebenerdig, die Bühne ist nicht erhöht. Ausverkauft ist das Theaterstück nicht. Ob es manchmal kalt wird, weil Decken auf jedem Stuhl liegen?

Tomasz ist anfangs eine Art Ansager mit Mikrophon, der erklärt, wie die Geschichte ungefährt ablaufen wird, man erfährt z. B. dass einer der Beteiligten sterben wird. Er trägt ein blau glänzendes Oberteil, später eine Art Overall, passend zu seinem Beruf als Logistiker bei IKEA. Umständliche, fast verlegene Abschiedsszenen spielen sich dann ab. Die Abwesenheit der einzelnen Figuren wird durch verschiedene Räume dargestellt: außer Tomasz hat jede(r) seine eigenen Raum, der das eigne Zimmer in der fremden Stadt ist: ein Metallgestell auf Rollen, umspannt von durchsichtiger Folie.Das Innere ist mit Kissen, Stühlen und anderen Einrichtungsgegenständen ausgefüllt.  Jede(r) hat sein Laptop vor sich, wenn ein Telefonat über skype stattfindet (Untertitel des Stücks „Ein Stück skype“), sind die hellen Bühnenvorhänge zugezogen und die beiden Gesichter der Telefonierenden tauchen übergroß auf dem Vorhang auf. Der skype-Klingelton in Form einer Popsong-Melodie arrangiert, kündigt das jeweilige Telefonat an.Wenn die Figuren sich dann doch mal direkt treffen statt nur übers Internet zu telefonieren, stehen und laufen sie vor den Folienquadern.

„Die Liebe in Zeiten der Glasfaser“ soll darstellen, was passiert, wenn Beziehungen zu Fernbeziehungen werden. Die Frage, ob und wieviel Gemeinsamkeit (noch) herrscht, ob man dem oder der anderen noch vertrauen kann oder was die Beziehung letztendlich kaputt macht… all das kommt nur versteckt bei mir als Zuschauerin an.Im Vordergrund sind leider platte, weil so überdeutliche Charaktere: der Professor, der immer nur beim Vornamen genannt wird („Wolf“), der ganz klar was mit einer Studentin hat, sind doch in seiner Seminarliste nur  Teilnehmerinnen verzeichnet, Antonia, die zumindest irgendeine Art von Verhältnis mit dem Prof. Adam hat, bei dem sie auch noch Masterarbeit schreiben soll und Helena, die zuerst noch ganz freimütig erzählt, sie würde abends noch heftig feiern gehen mit den anderen Schauspielkollegen in Breslau („ich habe auf dem Tisch getanzt.“) Antonia ist ein braves und doch auch rotzfreches, immer gut aussehendes Mäuschen mit Rehaugen, das immer dann zu weinen anfängt, wenn sie merkt (wie sie selber einmal sagt), dass sie keine Argumente hat, um sich durchzusetzen. Ein billiger, mieser Trick. Leider fallen darauf immer wieder Leute rein, nicht nur Männer. Mich nerven solche Damen gewaltig! Verstanden hat sie ihren Freund Tomasz noch nie („ich interessiere mich auch nicht für seine Möbel“), er kapiert auch nicht, was sie wirklich macht, wenn sie über ASMR* (Autonomous Sensory Meridian Response) ihre Abschlußarbeit schreibt. Das einzige, was die beiden, so vermutet man stark, zusammengehalten hat, war das „harte Petting“ (Zitat von Antonia). Das geht selbst natürlich über skype nicht. Sehr teeniehaft und auch lächerlich und auch hilflos, wie Antonia einen Zungenkuß vor dem Bildschirm versucht. Anfangs ist sie noch total hilflos und hat Horror vor dem „gruseligen Mitbewohner.“ Später hört man sie auf italienisch mit einem möglicherweise anderen  WG-Mitbewohner reden, der -ach welch Unhöflichkeit – ins Zimmer getreten ist, während sie mit Tomasz telefoniert. „Wir wollen ausgehen.“ Das ist für das einfachere Hirn von Tomasz zuviel. Er dreht durch, als der Gründer von IKEA zu ihm an die Arbeitsstelle kommt und er nicht die Anerkennung erfährt, die er sich erhofft hat. Das Aussieben beim BLC* hat stattgefunden.  Ein durchaus mögliches Szenario, gut gespielt.

Sehr bald wird auch klar, wieviel man sich gegenseitig vorspielt und auch vorlügt, wenn die Beziehung fast nur noch über Skype läuft.Ein Stück Selbstironie ist wohl auch dabei, als Helena in einem der ersten skype-Telefonate sagt: „Die machen in Polen (man bedenke dabei auch die derzeitige Kulturpolitik im Nachbarland)  so krasses politisches Theater. Das braucht man als Schauspielerin.“ So sehr wie Helena über das gemeinsame Feiern mit den Kollegen (die „Kollegen“ werden von den Zuschauern „dargestellt“, indem die Schauspielerin das Laptop vor einen der Zuschauer hält) begeistert erzählt, so wird bald klar, dass ihr die zugeteilte Rolle als „Nazi-Schlampe“ nicht gefällt. Läuft eben doch nicht so toll, wie man es sich gewünscht htte. Symbolhaft dafür: der Rock, den sie tragen soll, paßt nicht. Die erwarteten blonden Haare hat sie auch nicht. Etwas schmunzeln mußte ich über den gefüllten BH, den sie im „Stück des Stücks“ in Breslau tragen soll.Andere Damen haben genauso (un)freiwillig schon natürliche Füllung, die genug ist…. Das ganze spitzt sich zu, weil sie eine Vergewaltigungsszene spielen soll. Nach Aussage des Produktionsdramaturgen kam die Idee zu dieser Szene von der Schauspielerin Friederike Tiefenbacher selbst.  Es ist grausam, wie die Regisseur_innen nur ganz nüchtern Ansagen treffen, Helenas Spiel sei immer noch nicht realistisch genug. Das ist schon klar, dass hier das Regietheater damit auf die Schippe genommen werden soll. Aber muß es solch eine grausame Szene sein? Auch wenn es nur angedeutet ist weiß jeder, welches grausame Verbrechen damit dargestellt wird. Ich hatte, weil diese Szene auch einige Zeit dauert überlegt, in diesem Moment zu gehen. Leider saß ich jedoch so ungünstig, dass ich einige Leute aufscheuchen hätte müssen. Also pardon, das muß wirklich so nicht sein, wenn man das Regietheater kritisieren will! Diese Szene schockt nicht nur, sie widert an und läßt einen getroffen und verletzt zurück. Das Thema Vergewaltigung kann man auch anders behandeln!

Wolf ist ratlos ob solcher Szenen, die Helena spielen soll. „Ist das deine Wahrheit?“ fragt er sie über Skype. Es wird klar, dass Helena an diesem Punkt ihren Job haßt. Die Frage bleibt, was man einer Schauspielerin oder einem Schauspieler zumuten kann und darf,  damit sie oder er nicht seine Würde, ihr und sein Menschsein verliert. Letztendlich ist es dann doch nciht so toll in Breslau und in Aalborg: das Stück wird verboten, Helenas Rolle ist gestrichen und Wolfs Wohnhaus ist tief verschneit, so dass er nicht mehr raus kann. ein mysteriöses europaweites Flugverbot macht jeden Besuch fast unmöglich. Studentin Antonia hat es satt, immer nur die „Sekretärin“ für den Prof. Wolf Adam zu sein, das Thema ASMR* nervt sie sowieso (im ZÜNDFUNKvom 22.01.2016 sagte Moderatorin F. Storz zu Recht sie würde bei dem blöden Geflüstere und Geraschel, das beruhigend wirken soll und auf youtube anzuhören ist, richtig aggressiv werden) – und hält ihrem Prof eine laute Standpauke. Das kann der wiederum überhaupt nicht verstehen, dass sie sich ihre Karriere im Institut selbst kaputt macht. Es spricht Bände, dass der Prof bei einem Vortrag auf die auf dem Bauch liegende Antonia (auf dem Tisch liegend) immer wieder seine Hände legt und umher streicht. Das sind wohl seine Gedanken, was er noch so gern von Antonia gehabt hätte…. Sein Auftritt als Teufel mit der Maske, wie er über eine Luftmatratze streicht und solche ASMR-Geräusche erzeugt, während Antonia spricht machen deutlich, wie blank die Nerven liegen und das dieses seltsame ASMR alles andere als beruhigend wirkt.

Am Ende stirbt einer, der dann in der Schlußszene noch mal als Engel in durchsichtiger Plastikfolie auftaucht (und auch ein eingepacktes IKEA-Möbelstück sein könnte). Das Leben geht weiter – aber wie? Ist es besser, gar keine Beziehungen zu haben, weil man dann keine (0der weniger tiefgehende) Enttäuschungen erfährt? Wie behält man das Vertrauen und die Liebe zueinander, wenn man eine Fernbeziehung führt oder führen muss? Leider wird das, um was es im Titel „Die Liebe in Zeiten der Glasfaser“ wirklich gehen soll, nicht so deutlich klar, wie ich es mir gewünscht hätte.

Im Vordergrund sind die Figuren, die die Klischees vollständig ausfüllen: der eher stumpfsinnige IKEA-Logistik-Mitarbeiter  Tomasz und seine noch halb-teeniehafte Freundin Antonia, die ihm zum Beweis „wir sind frei!“ ein blutiges Tampon vor die skype-Kamera hält (wie lange ist es schon her, dass sie Sex mit Tomasz hatte? Kann man noch Vertrauen ineinander haben?), der Professor, der ein oder mehrere Techtelmechtel mit „seinen“ Studentinnen hat. Es gab sogar Kritiker-/innen, so konnte ich im Pressespiegel nachlesen, die der Vergewaltigungsszene was Humoriges abgewinnen konnten. Nein, in dem Stück ist sehr wenig bis gar kein Humor.

Es wäre besser gewesen, statt der klischeehaften Charakterzeichnungen – das Stück wurde mit den Schauspieler-/innen entwickelt, es gab keine Vorlage – eben das in den Vordergrund zu stellen, was „die Liebe in Zeiten den Glasfaser“ ausmacht und was sie kaputtmacht: das Sich-Auseinander-Leben, das Fremdwerden oder auch Sich-Wieder-Begegnen-Können, das gegenseitige Anlügen oder doch die Wahrheit erzählen. Nur an wenigen Punkten kommt dies im Stück raus (Helena sehr bemüht:“Man kann doch nicht immer mit den selben Worten eine Mail beenden“).

Beim Nachgesprach in der von gelben Leuchtröhren bekränzten Bar (bei diesen Wellblechwänden muß man sich wie in dem MAN-Haus im Freilichtmusieum Bad Windsheim fühlen- alles andere als gemütlich) betonte die Schauspielerin Julia Schneider die Ambivalenz der Figur Antonia: einerseits spielt sie immer das arme, hilflose  Mäuschen, das unterstützt werden will, andererseits haßt sie diese Rolle auch. Und einmal hat sie auch genug von der dienenden Rolle für den Professor, den selbst die Studentin Antonia immer „Wolf“ nennt (hui, wie persönlich! Und das zu einem Prof?). Diese Ambivalenz der Figur Antonia  ist bei mir angekommen. Dennoch läßt mich „Die Liebe in Zeiten der Glasfaser“ enttäuscht und ratlos und auch teilweise geschockt zurück. Wer es sich ansehen mag: bitte. Empfehlen kann ich es nicht.

„Die Liebe in Zeiten der Glasfaser“ , Regie Ed Hauswirth am Theater Dortmund

http://www.theaterdo.de/detail/event/16780/

Weitere Vorstellungen:

MIttwoch 30. März 2016, 19.30 Uhr im „Megastore“

17. April 2016

27. April 2016

 

* Die mit * gekennzeichneten Wörter und Abkürzungen sind dem Programm-Faltblatt zum Theaterstück „Die Liebe in Zeiten der Glasfaser“ entnommen.