Allgemein, Musikkritik

Der „Rosenkavalier“ am Opernhaus Dortmund

Ich habe lange überlegt, ob ich mir das antun soll: 4 Stunden Musik von Richard Strauß. Auf 3sat hatte ich schon einmal die halbe Oper „Der Rosenkavalier“ gesehen, in der Pause abgeschalten, weil ich die Musik nicht mehr ausgehalten habe.

Jetzt nach einigen Jahren höre ich Musik anders. Und nehme auch den Inhalt anders wahr.

Wohl hatten viele keine Lust, sich aus dem schönen Sonnenschein hinein ins dunkle, im Foyer mit künstlichem Licht beleuchtete Opernhaus zu begeben. Das Parkett war halbleer, auf den Logen und auf der Empore waren auch kaum Zuschauer-/innen. 18 Uhr Freitag ist wohl für einige eine ungünstige Zeit. Und ja, 19.30 Uhr ist eher die passende Zeit für den Beginn einer Oper. Doch Richard Strauß hat für den „Rosenkavalier“ 4 Stunden Musik komponiert, daher mußte die Vorstellung schon um 18 Uhr anfangen.

Zum Inhalt: Die Feldmarschallin, Therese von irgendwas (phantasisch: Emily Newton)  (natürlich ist man vom Hochadel) ist unglücklich verheiratet wie soviele Frauen im 18. Jahrhundert. „Der Rosenkavalier“ wurde 1908/09 geschrieben, spielt aber in der Zeit der österreichischen Kaiserin Maria Theresia. Als Adlige hat sie aber die Möglichkeit, ungestraft sich einen Liebhaber zu nehmen: den jungen Grafen Octavian (frech und einfallsreich gegen den brutalen Verwandten von Ochs: Ileana Mateescu). Gleich zu Beginn sieht man die beiden sich im Bett vergnügen, leider ist die Frau beim Sex wieder unten, bevor sie ihm, die wesentlich ältere Frau, die Richtung weist. Die Geschlechterrollen sind im 18. Jahrhundert noch ganz klar verteilt. Eine Frau hat sich immer unterzuordnen. Wobei man es als adlige Frau noch ein großes Stück leichter hat. Selbst wenn man beim Sex mit dem Liebhaber ungewollt ein Kind gezeugt hat, muß das nicht zum Skandal werden – das Kind wird eben ins Kloster gesteckt. Die Feldmarschallin wird aber so um die 50 Jahre alt sein, weshalb der Sex mit Octavian keine Folgen haben wird.

Als sich Besuch ankündigt, muß sich Octavian im Schlafzimmer der Feldmarschallin schnell verstecken. Zuerst vermutet sie  die Rückkunft ihres Mannes, der irgendwo im Kaiserreich Bären und Luchse jagt (Artenschutz gab es damals noch nicht). Doch der ungewollte Ehemann, von dem Therese so enttäuscht ist, taucht nie in der Handlung des „Rosenkavalier“ auf.

Der Vetter der Feldmarschallin, der grobschlächtige Baron von Ochs  auf Lerchenau tritt auf. Großer Name und Landadel, aber kein Geld hat er und vor allem: keine Manieren. Er begrapscht und verfolgt die angebliche Kammerdienerin Mariandl (die niemand anderer ist als Ochtavian in Frauenkleidern). Das ist schön komödiantisch, der Witz wird aber durch die rohe sexuelle Gewalt des Baron von Ochs getrübt. Er braucht von seiner Cousine eine Empfehlung für einen „Rosenkavalier“, einen Adligen, der seiner zukünftigen Ehefrau eine silberne Rose überbringt mit der Frage, ob sie mit der Heirat einverstanden sei (Hugo von Hoffmannsthal hat sich diesen „Brauch“ ausgedacht, den gab es nicht wirklich).

Octavian wird als junger Adliger die Rose der Sophie (Ashley Thouret) überbringen – und wie es die lebenserfahrene, selbstreflektierende Feldmarschallin vorausgesagt hat („Du wirst eine jüngere Frau statt meiner nehmen“) verliebt sich Octavian in Sophie. Diese Liebe scheint zunächst aussichtslos: denn Baron von Ochs stürmt mit seiner besoffenen Bande ins Haus der von Faninal und pöbeln herum, was das Zeug hält. Während von Ochs sich an die entsetzte und enttäuschte Sophie versucht ranzumachen, wird in kürzester Zeit das Hauspersonal von Sophies Vater  von Fannial terrorisiert, auch gern mal die Einrichtung verwüstet. Das Schlimme dabei ist zum einen die Zügellosigkeit und Grobhheit derer „auf Lerchenau“, für die Frauen auch nur Dinge sind, die man nach Belieben benutzen kann  – zum anderen auch, dass der Vater von Sophie das ganze Spiel mitspielt, anstatt den Mißhandler seiner Tochter vor die Tür zu weisen.

Das ist eindeutig keine Komödie mehr. Das ist Gesellschaftskritik.

Und wer jetzt sagt, dass dies doch nicht so ernst zu nehmen sei, weil die Oper „Der Rosenkavalier“ von Richard Strauß im 18. Jahrhundert spielt, hat übersehen, dass es derartige Menschentypen bis heute gibt.Auch wenn sie nicht immer gleich so grob und platt auftreten wie der Baron von Ochs auf Lerchenau.  Sexuelle Gewalt nimmt leider kein Ende, auch wenn das Bewußtsein dafür heute viel größer geworden ist und es Strafgesetze gibt (die aber längst nicht weit genug gehen!). Und dazu das patriarchalische Denken, das Frauen als Ware statt als Menschen deklariert, die keine Rechte haben.

Die Umwelt dieses Barons, der Essen, Trinken und Sex als einzigen Lebensinhalt hat, ist auch ratlos, wie sie ihn loswerden kann… denn er ist  beratungsresistent. Selbst wenn er sich blamiert: es kümmert ihn nicht. Gesellschaftliche Regeln und Konventionen gelten für ihn nicht. Das läßt die Kinnlade erstaunt und entsetzt heruntersinken. Sagt mal, hat der noch alle??? WIE WEHRT MAN SICH GEGEN SOLCHE PERSONEN??? Als Zuschauerin hätte man große Lust, den von Ochs einfach zu erschießen. Blöd nur, dass die Oper dann urplötzlich zu Ende wäre.

Da hilft nur eins: ein erfolgreiches Strafverfahren mit jahrelanger Haft oder:

EINE LIST.

Und die gelingt, auch mit Hilfe der schmierigen Skandaljournalisten hervorragend. Die beiden und Octavian und die Feldmarschallin schaffen es, den scheinbar gegen alle Kritik immun befindlichen Baron von Ochs dermaßen zu blamieren, dass er sich trollen muß. Der Dummkopf von Sophies Vater ist nun auch aufgewacht und will keine Verheiratung mit diesem Holzklotz mehr. So ein Dummkopf. Hatte auch nur das eigene Ansehen statt das Wohl seiner Tochter im Kopf! Pfui!

Sicher geht es im „Rosenkavalier“ auch noch um was anderes: um die Zeit. Die Feldmarschallin weiß, dass ihre Liebesbeziehung zu Octavian nicht ewig sein kann. Die „Zeit läuft ihr davon“, die als schön bezeichnete Zeit hatte sie mit ihrem Ehemann nicht, weil sich dieser nicht für sie interessiert. Und jetzt läuft ihr die Zeit mit Octavian davon, sie weiß, dass sie wieder allein sein wird, weil der junge Graf eine andere heiraten wird. Ach könnte man die Zeit in schönen Augenblicken doch anhalten und der Arroganz der Zeit Einhalt gebieten.

 

Ein Studienkollege meinte, dass die Musik des „Rosenkavaliers“ so schön wäre, dass man dazu nur noch träumend in der mit warmen Wasser gefüllten Badewanne liegen möge. Das Schlußduett von Sophie und Octavian lädt durchaus dazu ein. Zurück bleibt trotz aller Komödie und Liebelei dennoch ein fader, bitter Nachgeschmack über das, was Männer Frauen antun können. Ein Freund, der Opern liebt meinte gar, er würde sich genau wegen dieser offenen Gewalt gegen Frauen diese Oper nicht ansehen wollen. Doch soll man nicht zeigen (dürfen), was „sich nicht gehört“ oder was die Gesellschaft nicht sehen will?

So abstoßend die Gewalt gegen Frauen auch ist: sie soll auf der Bühne gezeigt werden bis zu einem erträglichen Maß. Nur weil etwas nicht gezeigt wird heißt es nicht, dass es nicht existieren würde!  Denn der Inhalt sagt auch viel über die Gesellschaft aus (in diesem Fall in der Hauptsache aber nicht nur über die des 18. Jh.), die es duldet, dass Frauen unglücklich in ihrer Ehe sind, nicht gefragt werden, wen sie heiraten wollen (dass sie heiraten wollen, wird ohnehin vorausgesetzt und ist eine finanzielle Notwendigkeit – in manchen Gegenden bis heute) und die jede Gewalt gegen Frauen ungestraft duldet. Hauptsache die Töchter machen „eine gute Partie“ und haben einen reichen Ehemann. Gefühle spielen dabei keine Rolle.

 

Ob Sophie und Octavian glücklich werden als Paar? Zumindest hat Octavian Manieren, wenn er auch so forsch und möglicherweise beim Sex noch unbeholfen und grob ist…. vielleicht hat er durch die Affäre mit der Marschallin auch schon ein Stück gelernt, wie man mit Frauen umgeht. Vielleicht wäre auch eine Feldmarschallin in ihrer verstecktesten Überzeugung lieber Single geblieben, weil die Männer die Frauen ohnehin nur ausnutzen? Das wäre im 18. Jahrhundert kaum möglich gewesen, als Frau unverheiratet zu bleiben.

 

Fazit: „Der Rosenkavalier“ am Theater Dortmund ist hörens- und sehenswert, aber man muß die sexuelle Gewalt, die auf der Bühne gezeigt wird (und u. a. auf großen Volksfesten wie dem Oktoberfest immer noch trauriger Alltag ist), aushalten können. Der großartigen Leistung der Sängerinnen und Sänger sowie den Dortmunder Philharmonikern und der abwechslungsreichen Inszenierung  ist es zu verdanken, dass die Oper im gesamten eine gelungene Sache geworden ist. Im Gegensatz zur Fernsehübertragung habe ich mich nicht gelangweilt, auch wenn manche Teile langwierig sind und ggf. eine Kürzung vertragen hätten.

 

Der Rosenkavalier, Oper von Richard Strauß am Opernhaus Dortmund

http://www.theaterdo.de/detail/event/16012/

nächste Vorstellung: 7. Mai 2016, 18 Uhr. Die sehr informative Einführung gibt es bereits um 17.15 Uhr im Foyer.

 

 

 

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