Allgemein, Musikkritik

„Ich bin da! Ich bin IMMER da!“ – das „Musical „Next to normal“ am Theater Dortmund

Nichts ist so, wie man denkt. Das scheinbar intakte Familienleben ist getrübt wie eine nicht ganz saubere Fensterscheibe. Warum, das ist schon zu Beginn klar, der Inhalt des Stücks behandelt die Art und Weise des Umgangs mit dieser ‚Trübnis.‘

„Next to normal“, das „Rock-Musical von Tom Kitt und Brian Yorkey hat in seiner Heimat USA schon einige Preise einfahren können. Es mag wohl an der Ungewöhnlichkeit des Stoffs liegen, der da in ein „Musical“ gepackt wurde: keine seichten Schmalz-/Liebesgeschichten mit tragischem Ausgang, wenig Komik. Stattdessen: das Thema „bipolare Störung“, also eine Art der Depression, die eine der Hauptfiguren seit 16 Jahren plagen. Mutter Diana ist die psychisch Kranke und „Next to normal“ macht klar, wie das die Familie (ihr Mann Dan, ihre Tochter Natalie und später deren Freund Henry) verkraften muß.

Kann das funktionieren?

In Anbetracht der vielen Preise mag man denken: ja, ein Tabuthema in Musical zu packen, das funktioniert. Die Idee ist nicht schlecht, weil mit dieser Musikform ein schwieriges Thema, das  jede(n) betreffen kann, jenseits vom Ratgebergesülze an die Öffentlichkeit kommt. Die totale Begeisterung für „Next to normal“ teile ich aber nicht. Das Stück hat Längen, der Text ist meist schlecht verständlich.Oft läuft der Gesang Gefahr, ins Rührselige abzudriften; so kurz davor ist dann immer Schluß. Ha, grade noch die Kurve gekriegt!  Und es ist ’sehr amerikanisch.‘ Nur gut, dass das Ende weder gut noch schlecht ist – das sichert dem Stück dann doch eine gewisse Ernsthaftigkeit.

„Next to normal“, das ist nicht nur ein Stück über Depression und die Folgen für die Umwelt, es ist auch ein Stück über Leistungsdruck und Medikamentenmißbrauch. Darüber, wie irrsinnig es ist zu glauben, mit der Einnahme von Pillen alle Krankheiten, auch psychische, komplett beseitigen zu können. Weit gefehlt.  Bestenfalls in den Griff kann man Krankheiten bekommen. Doch in den USA (und auch in Europa) darf man das nicht so laut sagen, weil die scheinbar allmächtige Pharma-Lobby sonst die Theatermacher bedroht. Denn es geht weniger um das Wohl des/der Patient-/in, sondern ums Geld.  Und „Next to Normal ist  ein Stück über das Erwachsenwerden in einer schwierigen Familiensituation, die einen ankotzt, die einen als Tochter belastet, mit der das eigene Umfeld außerhalb der Familie (in diesem Fall: Schule) nicht umzugehen weiß und eine Situation für die man sich als Tochter  auch schämt, erst recht dem Schulkollegen Henry  gegenüber, der trotz allem seine freundlichen Avanchen startet.

Auf der Bühne sieht man eine Art Gerüst, das aussieht wie zwei offene Stockwerke des Hauses der Familie Goodman (welch ein Name. Er soll wohl die scheinbar heile Familie suggerieren: hier ist alles gut und in Ordnung). Die Sänger und Sängerinnen laufen über eine Treppe rauf und runter, unten steht ein Tisch, an dem zeitweise gegessen wird, ein Kühlschrank,  der Raum oben rechts dient auch mal als Klavierüberaum oder Schul-Aula für´s Klaviervorspiel. Auch mit sporadischer Bühnenausstattung ist die Zuschauerin immer im Bilde, was gerade gespielt wird.

Da der Originaltext in englisch gehalten ist drängt sich die Frage auf, was die Übersetzung ins Deutsche taugt. Dies kann hier nicht bewertet werden.

Der Ehemann Dan  (Rob Fowler) ist bereit, vieles, wenn nicht alles mögliche zu tun für seine kranke Frau Diana (Maya Hakvoort). Wenigstens hat Diana kapiert, dass sie Hilfe braucht (das ist bei Depressiven nicht immer der Fall). Die Odysee von Arzt zu Arzt (seltsam, dass hier von Anfang an nicht von „Psychologe“ oder nur „Therapeut“ gesprochen wird) zehrt an den Nerven. Schön lächerlich, wie Arzt Nr. 1 seiner Patientin minutiös sagt, welche Pillen sie mit welchen nehmen soll und welche nicht und wann. Auch wenn diese Medikamente nötig und richtig sind. Mediziner_innenkauderwelsch, das keine(r) braucht und keine(r) versteht. Richtig, die Ärzteschaft so zu karikieren, wenn sie nur auf naturwissenschaftlicher Ebene agieren, statt auch auf den Menschen einzugehen. Diana scheint „stabil“ zu sein mit den Medikamenten, für die Umwelt erträglicher. Aber sie ist wohl nicht mehr sie selbst, meint sie.  Eigenmächtig setzt sie dann plötzlich alle Pillen ab. Das belastet natürlich wieder die Familie mehr.

Möglicherweise ist das in den USA anders geregelt als in Deutschland. Hier gibt es Psychiater-/innen und Psycholog-/innen und Psychotherapeut-/innen. Letztere können auch Medizin studiert haben und verschreiben dann auch Medikamente. Zuerst ist aber immer die Psychologie ohne den Tablettenkram dran – sollte man meinen. Doch bei einer manischen Depression, wie sie die Figur Diana hat, hilft eine Psychotherapie, also Gespräche allein nicht, da muß auch eine Medikamentation sein.

Arzt oder Therapeut Nr. 2 im häßlichen dunkelbraun-grauen Anzug statt Arztkittel (wohl im Stile der 1930er Jahre etwa) ist da schon besser, weil nicht nur an Fakten und nüchterner Beurteilung des Krankheitszustandes interessiert.  Er dokumentiert nicht nur, als ob es sich um ein totes Tier handelt, das begutachtet und dann im Museum ausgestellt wird, er redet erst mal mit der Patientin Diana. Dan ihr Ehemann hat wieder Hoffnung, dass es besser wird mit der Depression (verschwinden wird diese niemals). Gleichzeitig werden auch überzogene Erwartungen an den Arzt deutlich: Zu einer Art Rockfanafare (die Band spielt hinter dem Haus-Gerüst auf der Bühne) kniet er plötzlich vor Diana und „betet sie an.“ Das müssen Dianas Gedanken sein, sie sieht die im Arzt die Lichtgestalt, den Befreier von all ihren Problemen. Später im Stück sagt sie mal „Sie sind kein Rockstar mehr für mich“ , was der Arzt nüchtern und mit einem Nicken kommentiert. Therapeuten und Ärzte sind keine Götter. Auch wenn es auf Patienten- und Arztseite immer noch solche Deppen gibt, die das denken.  Es wird nur kurzzeitig ‚besser‘ mit Diana. Was schockierend ist: es gibt immer noch die Elektroschock-Behandlung, wenn auch mit geringen Stromstößen. Das soll die schlechten Erinnerungen auslöschen. Allerdings wird in Dianas Gehirn mehr gelöscht bzw. das falsche gelöscht, was sie besser behalten hätte. Schön dumm und hilflos, wer solch eine Methode anwendet! Bei aller Verzweiflung, aber das ist abartig! Das ist Körperverletzung.

Wie groß muß die Ratlosigkeit von denen sein, die Depressionskranke behandeln, dass sie EKT anwenden. Als ob man im Dunkeln stochern würde, dass man das kranke Stück findet und rausholen kann. Nur so einfach ist es eben nicht.

Diana benimmt sich nach dieser Behandlung fast wie eine Demenzkranke, sie kann nicht mal mehr ihren Mann erkennen. Das ist schockierend, genau wie die Behandlungszene selbst. Mit Fotos sollen die wichtigen Erinnerungen wieder hergestellt werden. Na danke auch! Wieder so eine hilflose Geste des Arztes. Die Tochter Natalie wird zu Recht noch wütender, weil ihre Mutter sie nicht erkennt. Schon immer fühlt sie sich von ihrer Mutter vernachlässigt. „immer geht es nur um dich!“ wirft Natalie ihrer Mutter vor.

Eltern sind immer peinlich, vor allem wenn man selbst Teenager ist. Eine an manischer Depression erkrankte Mutter ist noch peinlicher, als Zuschauerin kann man durchaus Mitgefühl für die Figur der Tochter Natalie haben. So ist ihre Mutter bei einem Schwimmwettbewerb der Schule einfach ins Becken gesprungen, beim Klaviervorspiel nicht aufgetaucht, was die Tochter gekränkt hat. Die einzig beständige Figur in dem ganzen Drama ist ausgerechnet ihr Freund Henry, der sie nach dem verpatzten Vorspiel abholt (wie gut, Trost zu haben in dieser Situation!) Zwar ist es er, der Natalie das erste Mal einen Bong zeigt und Drogen inhaliert mit ihr, doch gleichzeitig macht er sie auch auf ihren eigenen Medikamentenmißbrauch aufmerksam. Der Leistungsdruck in der Schule muß enorm sein, wenn Natalie nachts noch das so grausige RedBull trinken muß, um Hausaufgaben zu machen. Da will man doch auch mal feiern gehen! Kurzerhand wurde der Medikamentenschrank der Eltern, v.a. der der Mutter eben geplündert, um die Nächte durchfeiern zu können. Henry ist es, der die am Ende völlig kaputte Natalie aus mehreren Clubs rausholt. Oh Mädel… du kannst einem leid tun und irgendwie versteht man dich auch….

 

„Ich bin da, ich bin immer da!“

Klingt schön der Satz, nicht? So verläßlich, so vertrauenserweckend. Man muß keine Angst vorm Alleinsein haben (das hat Dan, der Ehemann von Diana, wie er einmal bekennt, er hängt trotz aller Schwierigkeiten an seiner Frau Diana). Beim Konzert des Unichores gab es einen Popsong „I´ll be there.“ Die Aussage dieses Satzes ist aber zweideutig. Und die zweite Bedeutung ist eine negative. Die negative Bedeutung heißt: es werden Besitzansprüche angemeldet („du gehörst zu mir und hast hier bei mir zu bleiben“),  man will nicht loslassen. Das Gefühl des Geborgenseins weicht dem Gefühl des Bedrückt-/Erdrücktseins durch den oder die, die man eigentlich liebt.

Sehr bald wird in „Next to normal“ klar, warum Diana so depressiv ist: sie hat den frühen Tod des Sohnes nicht überwunden. Bald wird auch ungefähr klar, warum der 8 Monate alte Säugling sterben mußte – aber man erfährt erst gegen Ende des Stücks seinen Namen. Der tote Sohn ist jedoch ständig präsent. Als vielleicht 16jähriger Teenager schwirrt er in der Wohnung herum, streitet sich mit seiner Mutter, ob er heute ausgehen darf (Teenie-Probleme eben, ganz normal), penetrant und fast schon unerträglich tanzt und singt er an mehreren Stellen laut „ich bin da, ich bin immer da!“ Diana schafft es  nicht, ihn loszulassen. Unverarbeitete Trauer. Allerdings: warum macht Dan, dem Vater der Verlust des Sohnes -scheinbar – nichts mehr aus? Warum ist gerade die Mutter Diana so fertig? Diese Fragen bleiben leider unbeantwortet. Natalie bleibt außen vor, sie hatte gar keine Möglichkeit gehabt, ihren Bruder kennenzulernen.

Keine Frage, es ist gruselig, was Diana , die an der „bipolaren Störung“ leidet,  tut. Hochstimmung und Überdreht-Sein wechselt mit Niedergeschlagenheit. Da wird ein Geburtstagskuchen mit vielen Kerzen serviert, der für den -eigentlich toten – Sohn ist. Noch peinlicher ist dies, weil Henry mit am Tisch sitzt, der dies aber offensichtlich mit Gelassenheit quittiert  (die Berufsfeuerwehr hatte bestimmt ihren „Spaß“, so oft wie in diesem Stück offenes Feuer auf der Bühne ist). Eine euphorische Stimmung mit höchster Aktivität folgt völliger Niedergeschlagenheit , wenn Diana nur noch auf dem Sofa sitzt. Das Problem für die Angehörigen ist ähnlich dem bei Demenzkranken: man weiß, dass sie „nicht schuld“ sind, man will ihnen helfen – und gleichzeitig schwindet mit jedem Tag die eigene Kraft, die Krankheit der/des anderen auszuhalten.

Wer als Zuschauerin jemanden kennt, die oder der ähnliche Symptome, also Verhaltensweisen wie die Figur Diana Goodman hat wird jedoch weniger geschockt das Opernhaus verlassen. Bei allem gebotenen Mitgefühl oder Verständnis muß man sich auch selbst schützen, sonst geht man zusammen mit der kranken Person kaputt.

Das Ende bleibt offen – was der Authentizität und Ernsthaftigkeit des Stückes gut tut. Natalie hat sich wohl gegen ihren Verstand durchgerungen und „ja“ zu Henry gesagt. Er verspricht ihr, dass er für sie da sein wird (wie lange wird er die Situation aushalten?)Dennoch, irgendwie süß die beiden…. Man wünscht Ihnen sehr, dass sie beide nicht in die Situation von Natalies Eltern geraten mögen und ihre Beziehung gelingt.

Der Leistung im Spiel und Gesang ist Achtung zu geben, ob man jedoch -wie es fast alle Zuschauer-/innen taten – am Ende standing ovations geben muß, bleibt fraglich. Schlechtes Textverständnis, teilweise Längen im Stück machen „Next to normal“ zu einem guten, aber nicht zu einem großartigen Musiktheater.

Seltsam, in der Pause sah man mehrere knutschende Pärchen. Das lag wohl daran, dass mehr junge Leute im Opernhaus waren. (Was nicht heißen soll, dass  ältere Menschen in der Öffentlichkeit nicht knutschen dürften). Das halbe Parkett war leer, auch die Empore und die Logen waren nicht voll besetzt. Nun, auch schön, so findet man schneller ein Garderobenfach und muß an der Toilette nicht so lange anstehen.

„Next to Normal“, Rock-Musical von Tom Kitt und Brian Yorkey

am Opernhaus Dortmund

Nächste Termine: 2./8./10./13./21./19. April und auch im Mail 2016

http://www.theaterdo.de/detail/event/16166/

 

 

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