Allgemein, Schauspiel-Kritik

Die Liebe in Zeiten der Glasfaser – Schauspiel am Theater Dortmund

Im Nachhinein habe ich es bereut, nicht zur Premiere des Musicals „Next to Normal“ im Opernhaus gegangen zu sein. Doch da ich sehr oft im Opernhaus bin, sollte das Schauspiel auch wieder Beachtung finden… der Titel des Stücks klang vielversprechend. Wie gestalten sich Beziehungen, die über lange Distanzen gehalten werden sollen

Bis ca. Dezember 2016 wird im Schauspielhaus umgebaut, weshalb einige Vorstellungen im „Megastore“ draußen in Dortmund-Hörde stattfinden. Es ist nicht so einfach, dort hinzukommen. Von welcher der U-Bahnstationen aus man auch noch fährt, sind es locker 12 Radelminuten bis zum „Megastore für Mega-Theater“, wie es in großen Lettern auf dem Container prangt, in dem das Schauspiel Dortmund nun Platz findet. Auf die Buslinie  ist Samstag abend nicht unbedingt Verlaß.

Nun habe ich hingefunden, die Garderobe kostet nichts, es gibt nur eine Toilette. Wenn man durch die Räumlichkeiten läuft, eine Art Vorhalle mit Garderobe und daran anschließend eine große Halle, die in kleinere Räume eingeteilt ist. Ein Raum davon dient als Aufführungsort, man wird  an das Theaterhaus Jena erinnert. Keine schöne Erinnerung für mich, denn bei aller Freude am Theater kam ich mir in Jena immer vor wie im Heizungskeller und Abstellraum. Ein Jammer, dass in Jena IMMER  solche Verhältnisse herrschen. In Dortmund glücklicherweise nur  zeitlich begrenzt. Sicher kann eine Art „Baustellensituation“ der Kreativität auch förderlich sein. Auf Dauer wirkt alles aber sehr bemüht, platt und auch irgendwie nervig auf mich als Zuschauerin. Irgendwann aber sicher ist es dann nämlich auch gut mit der Improvisation, wenn man keine ordentlichen Kulissen hat.

Das Stück „Die Liebe in Zeiten der Glasfaser“ dreht sich um 2 Paare, die sich aus beruflichen Gründen für einige Monate trennen müssen und auch wollen: Prof. Wolf Adam (Uwe Schmieder), der als Mediensoziologe für einen Lehrauftrag nach Aalborg in Dänemark geht, seine Lebensgefährtin Helena (Friederike Tiefenbacher), eine Schauspielerin, die für ein Theaterprojekt „Fuck YEurope“* nach Breslau geht  – und die jüngere Fraktion:Studentin Antonia (Julia Schubert), die ihre Masterarbeit bei Prof. Adam schreiben soll und ein Auslandssemester in Rom macht und ihr Freund Tomasz (Peer Oscar Musinowski), der als einziger zurückbleibt. Für Tomasz scheint es bei IKEA auf der Karriereleiter aufwärts zu gehen.Die „Business Leadership Competence“ = BLC*(Führungskompetenz im Unternehmen) ist ein Förderprogramm für vielversprechende IKEA-Angestellte, das Autorität, sicherheit, Anerkennung verspricht – aber auch die Gefahr des Ausgesiebt-Werdens beinhaltet.  Anfangs spielen sie noch vergnügt Tischtennis, während die Zuschauerinnen eintrudeln, der Eingang ist neben der Bühne nicht hinter dem Zuschauerraum, wie man es sonst kennt. Der Zugang ist ebenerdig, die Bühne ist nicht erhöht. Ausverkauft ist das Theaterstück nicht. Ob es manchmal kalt wird, weil Decken auf jedem Stuhl liegen?

Tomasz ist anfangs eine Art Ansager mit Mikrophon, der erklärt, wie die Geschichte ungefährt ablaufen wird, man erfährt z. B. dass einer der Beteiligten sterben wird. Er trägt ein blau glänzendes Oberteil, später eine Art Overall, passend zu seinem Beruf als Logistiker bei IKEA. Umständliche, fast verlegene Abschiedsszenen spielen sich dann ab. Die Abwesenheit der einzelnen Figuren wird durch verschiedene Räume dargestellt: außer Tomasz hat jede(r) seine eigenen Raum, der das eigne Zimmer in der fremden Stadt ist: ein Metallgestell auf Rollen, umspannt von durchsichtiger Folie.Das Innere ist mit Kissen, Stühlen und anderen Einrichtungsgegenständen ausgefüllt.  Jede(r) hat sein Laptop vor sich, wenn ein Telefonat über skype stattfindet (Untertitel des Stücks „Ein Stück skype“), sind die hellen Bühnenvorhänge zugezogen und die beiden Gesichter der Telefonierenden tauchen übergroß auf dem Vorhang auf. Der skype-Klingelton in Form einer Popsong-Melodie arrangiert, kündigt das jeweilige Telefonat an.Wenn die Figuren sich dann doch mal direkt treffen statt nur übers Internet zu telefonieren, stehen und laufen sie vor den Folienquadern.

„Die Liebe in Zeiten der Glasfaser“ soll darstellen, was passiert, wenn Beziehungen zu Fernbeziehungen werden. Die Frage, ob und wieviel Gemeinsamkeit (noch) herrscht, ob man dem oder der anderen noch vertrauen kann oder was die Beziehung letztendlich kaputt macht… all das kommt nur versteckt bei mir als Zuschauerin an.Im Vordergrund sind leider platte, weil so überdeutliche Charaktere: der Professor, der immer nur beim Vornamen genannt wird („Wolf“), der ganz klar was mit einer Studentin hat, sind doch in seiner Seminarliste nur  Teilnehmerinnen verzeichnet, Antonia, die zumindest irgendeine Art von Verhältnis mit dem Prof. Adam hat, bei dem sie auch noch Masterarbeit schreiben soll und Helena, die zuerst noch ganz freimütig erzählt, sie würde abends noch heftig feiern gehen mit den anderen Schauspielkollegen in Breslau („ich habe auf dem Tisch getanzt.“) Antonia ist ein braves und doch auch rotzfreches, immer gut aussehendes Mäuschen mit Rehaugen, das immer dann zu weinen anfängt, wenn sie merkt (wie sie selber einmal sagt), dass sie keine Argumente hat, um sich durchzusetzen. Ein billiger, mieser Trick. Leider fallen darauf immer wieder Leute rein, nicht nur Männer. Mich nerven solche Damen gewaltig! Verstanden hat sie ihren Freund Tomasz noch nie („ich interessiere mich auch nicht für seine Möbel“), er kapiert auch nicht, was sie wirklich macht, wenn sie über ASMR* (Autonomous Sensory Meridian Response) ihre Abschlußarbeit schreibt. Das einzige, was die beiden, so vermutet man stark, zusammengehalten hat, war das „harte Petting“ (Zitat von Antonia). Das geht selbst natürlich über skype nicht. Sehr teeniehaft und auch lächerlich und auch hilflos, wie Antonia einen Zungenkuß vor dem Bildschirm versucht. Anfangs ist sie noch total hilflos und hat Horror vor dem „gruseligen Mitbewohner.“ Später hört man sie auf italienisch mit einem möglicherweise anderen  WG-Mitbewohner reden, der -ach welch Unhöflichkeit – ins Zimmer getreten ist, während sie mit Tomasz telefoniert. „Wir wollen ausgehen.“ Das ist für das einfachere Hirn von Tomasz zuviel. Er dreht durch, als der Gründer von IKEA zu ihm an die Arbeitsstelle kommt und er nicht die Anerkennung erfährt, die er sich erhofft hat. Das Aussieben beim BLC* hat stattgefunden.  Ein durchaus mögliches Szenario, gut gespielt.

Sehr bald wird auch klar, wieviel man sich gegenseitig vorspielt und auch vorlügt, wenn die Beziehung fast nur noch über Skype läuft.Ein Stück Selbstironie ist wohl auch dabei, als Helena in einem der ersten skype-Telefonate sagt: „Die machen in Polen (man bedenke dabei auch die derzeitige Kulturpolitik im Nachbarland)  so krasses politisches Theater. Das braucht man als Schauspielerin.“ So sehr wie Helena über das gemeinsame Feiern mit den Kollegen (die „Kollegen“ werden von den Zuschauern „dargestellt“, indem die Schauspielerin das Laptop vor einen der Zuschauer hält) begeistert erzählt, so wird bald klar, dass ihr die zugeteilte Rolle als „Nazi-Schlampe“ nicht gefällt. Läuft eben doch nicht so toll, wie man es sich gewünscht htte. Symbolhaft dafür: der Rock, den sie tragen soll, paßt nicht. Die erwarteten blonden Haare hat sie auch nicht. Etwas schmunzeln mußte ich über den gefüllten BH, den sie im „Stück des Stücks“ in Breslau tragen soll.Andere Damen haben genauso (un)freiwillig schon natürliche Füllung, die genug ist…. Das ganze spitzt sich zu, weil sie eine Vergewaltigungsszene spielen soll. Nach Aussage des Produktionsdramaturgen kam die Idee zu dieser Szene von der Schauspielerin Friederike Tiefenbacher selbst.  Es ist grausam, wie die Regisseur_innen nur ganz nüchtern Ansagen treffen, Helenas Spiel sei immer noch nicht realistisch genug. Das ist schon klar, dass hier das Regietheater damit auf die Schippe genommen werden soll. Aber muß es solch eine grausame Szene sein? Auch wenn es nur angedeutet ist weiß jeder, welches grausame Verbrechen damit dargestellt wird. Ich hatte, weil diese Szene auch einige Zeit dauert überlegt, in diesem Moment zu gehen. Leider saß ich jedoch so ungünstig, dass ich einige Leute aufscheuchen hätte müssen. Also pardon, das muß wirklich so nicht sein, wenn man das Regietheater kritisieren will! Diese Szene schockt nicht nur, sie widert an und läßt einen getroffen und verletzt zurück. Das Thema Vergewaltigung kann man auch anders behandeln!

Wolf ist ratlos ob solcher Szenen, die Helena spielen soll. „Ist das deine Wahrheit?“ fragt er sie über Skype. Es wird klar, dass Helena an diesem Punkt ihren Job haßt. Die Frage bleibt, was man einer Schauspielerin oder einem Schauspieler zumuten kann und darf,  damit sie oder er nicht seine Würde, ihr und sein Menschsein verliert. Letztendlich ist es dann doch nciht so toll in Breslau und in Aalborg: das Stück wird verboten, Helenas Rolle ist gestrichen und Wolfs Wohnhaus ist tief verschneit, so dass er nicht mehr raus kann. ein mysteriöses europaweites Flugverbot macht jeden Besuch fast unmöglich. Studentin Antonia hat es satt, immer nur die „Sekretärin“ für den Prof. Wolf Adam zu sein, das Thema ASMR* nervt sie sowieso (im ZÜNDFUNKvom 22.01.2016 sagte Moderatorin F. Storz zu Recht sie würde bei dem blöden Geflüstere und Geraschel, das beruhigend wirken soll und auf youtube anzuhören ist, richtig aggressiv werden) – und hält ihrem Prof eine laute Standpauke. Das kann der wiederum überhaupt nicht verstehen, dass sie sich ihre Karriere im Institut selbst kaputt macht. Es spricht Bände, dass der Prof bei einem Vortrag auf die auf dem Bauch liegende Antonia (auf dem Tisch liegend) immer wieder seine Hände legt und umher streicht. Das sind wohl seine Gedanken, was er noch so gern von Antonia gehabt hätte…. Sein Auftritt als Teufel mit der Maske, wie er über eine Luftmatratze streicht und solche ASMR-Geräusche erzeugt, während Antonia spricht machen deutlich, wie blank die Nerven liegen und das dieses seltsame ASMR alles andere als beruhigend wirkt.

Am Ende stirbt einer, der dann in der Schlußszene noch mal als Engel in durchsichtiger Plastikfolie auftaucht (und auch ein eingepacktes IKEA-Möbelstück sein könnte). Das Leben geht weiter – aber wie? Ist es besser, gar keine Beziehungen zu haben, weil man dann keine (0der weniger tiefgehende) Enttäuschungen erfährt? Wie behält man das Vertrauen und die Liebe zueinander, wenn man eine Fernbeziehung führt oder führen muss? Leider wird das, um was es im Titel „Die Liebe in Zeiten der Glasfaser“ wirklich gehen soll, nicht so deutlich klar, wie ich es mir gewünscht hätte.

Im Vordergrund sind die Figuren, die die Klischees vollständig ausfüllen: der eher stumpfsinnige IKEA-Logistik-Mitarbeiter  Tomasz und seine noch halb-teeniehafte Freundin Antonia, die ihm zum Beweis „wir sind frei!“ ein blutiges Tampon vor die skype-Kamera hält (wie lange ist es schon her, dass sie Sex mit Tomasz hatte? Kann man noch Vertrauen ineinander haben?), der Professor, der ein oder mehrere Techtelmechtel mit „seinen“ Studentinnen hat. Es gab sogar Kritiker-/innen, so konnte ich im Pressespiegel nachlesen, die der Vergewaltigungsszene was Humoriges abgewinnen konnten. Nein, in dem Stück ist sehr wenig bis gar kein Humor.

Es wäre besser gewesen, statt der klischeehaften Charakterzeichnungen – das Stück wurde mit den Schauspieler-/innen entwickelt, es gab keine Vorlage – eben das in den Vordergrund zu stellen, was „die Liebe in Zeiten den Glasfaser“ ausmacht und was sie kaputtmacht: das Sich-Auseinander-Leben, das Fremdwerden oder auch Sich-Wieder-Begegnen-Können, das gegenseitige Anlügen oder doch die Wahrheit erzählen. Nur an wenigen Punkten kommt dies im Stück raus (Helena sehr bemüht:“Man kann doch nicht immer mit den selben Worten eine Mail beenden“).

Beim Nachgesprach in der von gelben Leuchtröhren bekränzten Bar (bei diesen Wellblechwänden muß man sich wie in dem MAN-Haus im Freilichtmusieum Bad Windsheim fühlen- alles andere als gemütlich) betonte die Schauspielerin Julia Schneider die Ambivalenz der Figur Antonia: einerseits spielt sie immer das arme, hilflose  Mäuschen, das unterstützt werden will, andererseits haßt sie diese Rolle auch. Und einmal hat sie auch genug von der dienenden Rolle für den Professor, den selbst die Studentin Antonia immer „Wolf“ nennt (hui, wie persönlich! Und das zu einem Prof?). Diese Ambivalenz der Figur Antonia  ist bei mir angekommen. Dennoch läßt mich „Die Liebe in Zeiten der Glasfaser“ enttäuscht und ratlos und auch teilweise geschockt zurück. Wer es sich ansehen mag: bitte. Empfehlen kann ich es nicht.

„Die Liebe in Zeiten der Glasfaser“ , Regie Ed Hauswirth am Theater Dortmund

http://www.theaterdo.de/detail/event/16780/

Weitere Vorstellungen:

MIttwoch 30. März 2016, 19.30 Uhr im „Megastore“

17. April 2016

27. April 2016

 

* Die mit * gekennzeichneten Wörter und Abkürzungen sind dem Programm-Faltblatt zum Theaterstück „Die Liebe in Zeiten der Glasfaser“ entnommen.

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