Musikkritik

Figaros Hochzeit ins Blaue hinein

Als Wiederaufnahme aus dem Jahr 2013 läuft am Opernhaus Dortmund „Le nozze di Figaro“, Figaros Hochzeit in der Inszenierung von Marie Clément als Koproduktion mit dem Staatstheater Nürnberg. Der Figaro fehlte mir als eine der wenigen Opern von Mozart noch. Jetzt habe ich mir die „Hochzeit des Figaro“ heute angesehen.

Am Anfang spielt eine Szene, in der das Orchester noch schweigt. Die Gräfin liegt im Bett, nacheinander treten der Graf, Figaro , Susanna und eine Dienerin auf. Figaro macht durch Gesten dem Grafen klar, dass Susanna ihm gehört. Sogar die Küchenmagd wird abgeküßt, bis sie sich verschämt losreißt. (heute würde man von sexueller Belästigung sprechen, aber wir sind in einer komödiantischen Oper).

Die Ouvertüre beginnt. Auf der Bühne ist der Hintergrund meist blau, die Figuren sind nur Schatten, außer eine Szene wird mal voll ausgeleuchtet. Alle Beteiligten und auch die Bühnenmitarbeiter-/innen schieben immer wieder Tische, Stühle oder Wände auf die Seite oder auf die Bühne. Es ist immer Leben auf der Bühne: während eines Duetts wie dem von Susanna und Figaro, als Susanna Wäsche aufhängt, wird im Hintergrund in einer konstruierten Küche gearbeitet: Mägde sitzen am Tisch und putzen Gemüse, eine andere bügelt an einem Schrank mit ausgeklapptem Tischbrett die Wäsche, der Gärtner Antonio kehrt ganz hinten im Bühnenbild das Laub zusammen. Trotzdem wirkt die Bühne seltsam leer und öde.

Im 2. Akt wird mir der Gesang, die ganze Oper zu lang. Ich wundere mich, warum der Funken nicht überspringt. Müdigkeit und leider auch Langeweile machen sich breit. woran liegt es? An meiner Müdigkeit vorher oder am schlechten Gewissen, in die Oper gegangen zu sein, anstatt vorher noch den Lernstoff für die bevorstehende Prüfung noch weiter durchzugehen?

An den Sängerinnen und Sängern lag es sicher nicht. Auch wenn Gerado Garciano nur spielen, aber nicht singen konnte, hat er dies mit dem singenden Michael Dahmen gut gemeistert. Manchmal hatte man dennoch den Eindruck, wie gern er gesungen hätte…. Morgan Moodys Baß habe ich schon in „Kiss me Kate“ gern gehört. Spiel und Singen, das gehört eben zusammen.(Das stürmische Wetter von heute ist wenig stimmenfreundlich und schreit nach Kopfweh). Ashley Thouret als Susanna singt ausdrucksstark und dosiert das Vibrato richtig, während Emily Newton als Gräfin Almaviva es gern mal übertreibt – und dafür immer wieder Szenenapplaus bekommt. Es scheint sich inzwischen institutionalisiert zu haben, dass im Opernhaus auch Szenenapplaus gegeben wird. Bei Mozart finde ich diesen Applaus eher störend, auch wenn ich die Begeisterung der Zuhörer_innen verstehen kann.

Schade, dass Cherubino nicht mehr Auftritte hat. Gesungen von der phantastischen Mezzosopranistin Ileana Mateescu (Hauptrolle in „Rinaldo“ und Partie des Hänsel in „Hänsel und Gretel“) ist sie eine der wenigen, die für ein Stück Spannung und Unterhaltung in dieser Oper sorgen.Man kann ihm als Frauenheld gar nicht so recht böse sein, vielleicht weil Cherubino noch so jung ist. Ein ewiger Schmeichler, Spaßmacher und Charmeur, gerne auch mal leicht trottelig und deshalb sympathisch. Ich mußte spontan an den Popsong „Herz verloren“ von Farin Urlaub denken, als Cherubino sein Lied der Gräfin singt: „Sagt mal, ihr Frauen, die wissen, was Liebe ist, sagt mir, warum werde ich so verrückt, wenn ich Euch sehe? Warum ist mir gleichzeitig heiß und kalt?“ (sinngemäße Wiedergabe des Textes). Und in der Gartenszene am Ende, als es Gräfin Almaviva und Susanna mit ihrem Verwirrspiel schaffen, den Grafen und Figaro reinzulegen, singt Cherubino „ich rieche Frauen.“ Da mußte ich lachen, einer der seltenen Lacher an diesem Abend. Man kann dem Schlingel nicht böse sein. Dem überambitionierten Grafen Almaviva, der seine sexuelle Lust nicht zügeln kann, sehr wohl. Möglicherweise hätte heute ein Psychoanalytiker bei ihm Sexsucht diagnostiziert und ein großes Frustpotential bei beiden Eheleuten festgestellt. Merke: man löst seine eigenen Eheprobleme nicht, indem man mit einer anderen anbandelt. Wenn, dann isses nur eine  kurze Freude und noch dazu sehr anstrengend, weil man die Beziehung ständig vor der eigenen Ehepartnerin geheim halten muß.

Genervt hat mich genau das, was anderen immer so gut gefällt: die ‚historischen‘ Kostüme. Ich habe mit jeder Frau Mitleid, die dieses grausige Korsett tragen muß. Man muß sich mit diesem weit ausgestellten Rock vorkommen, als ob man von der Taille ab in einem Faß steht und damit rumlaufen muß…. bei der Gräfin noch grausiger als bei Susanna. Warum nicht ein reichhaltigeres Bühnenbild und dafür weniger Aufwand beim Kostüm? Der Garten in der Schlußszene, das waren nur kümmerliche Haufen mit bunten Blättern und einer Holzhütte. Nicht überzeugend, wenn in diesem Garten Verwechslungsspiele und Versteckspiele gespielt werden sollen.

Die Musik gibt einiges her, der Inhalt auch… aber es lag wohl an der Inszenierung, dass bei mir der Funke dieses Mal leider nicht übersprang. Mozart hat einige Hits in der Oper „Figaros Hochzeit“ , sagte mir ein guter Freund. Ich glaube ihm als langjährigen Opernfreund. Dennoch habe ich kaum was im Kopf behalten (Rinaldo dagegen läuft in Endlosschleife 😉 . Bei aller Verachtung für solche Schürzenjäger wie dem Grafen Almaviva ist es wohl so, wie Dramaturg Georg Holzer im Programm schrieb: in „Figaros Hochzeit“ geht es um die Menschen und ihr privates Glück. Niemand will eine Revolution anzetteln (die Oper wurde am 1. Mail 1786, als es schon revolutionäre Gedanken gab und bevor die Franz. Revolution losbrach, uraufgeführt). Jede und jeder hat seine Schwächen, die die Mitmenschen nerven oder auch belustigen. Ob der Graf am Ende, als ihm die Gräfin seine Untreue verzeiht (oh wie großherzig für den Hallodri 😀 , seine Gelüste gegenüber Susanna aufgibt, weiß man als Zuschauer-/in nicht (die Psychotherapie gab es noch nicht). Auch Cherubinos Frage, was denn mit ihm los sei, dass er immer so verrückt werde, wenn er Frauen sieht, wird nicht beantwortet (gab es da mal nicht einen Film von Woody Allen drüber?) Die wirklich starken Figuren sind in der Komödie immer die, die im realen Leben benachteiligt sind: die Diener und Kammerzofen sind ein Stück schlauer und geschickter als ihre Herrinnen und Herren und wissen sich geschickt gegen Ungerechtigkeit zu verteidigen. Die Herrschaft des Adels bedeutet immer Willkürherrschaft – und deshalb hat es 1789 von Frankreich ausgehend auch so gekracht.

Gerne werde ich mir die Oper noch mal ansehen – aber bitte mit einer anderen Inszenierung. Tut mir leid, ich bin früher auch gern ins Staatstheater Nürnberg gegangen, als ich in Mittelfranken gewohnt hatte. Nur gab es damals noch kein Internet und keine Blogs wie diesen hier, in den man Kritiken schreiben kann.

 

Figaros Hochzeit, Commedia per musica von Wolfgang Amadeus Mozart

Libretto von Lorenz Da Ponte nach Beaumarchais

Inszenierung: Marie Clément

Opernhaus Dortmund, weitere Termine: 3., 16. und 30. April 2016

http://www.theaterdo.de/detail/event/16001/#prettyPhoto

 

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Am  16. April 2016 habe ich mir den „Figaro“ noch mal angesehen. Diesmal vom Orechestersessel aus (Das sind die vordersten Reihen im Opernhaus Dortmund). Auf verhältnismäßig kleiner Fläche passieren viele Nebenhandlungen, die ich vom Orchestersessel aus besser verfolgen konnte – und bis auf eine Szene hat es mich nun gepackt! Ich langweilte mich nicht mehr und habe öfter gelacht. Allein die Szene im Schlafzimmer der Gräfin, als Cherubino aus dem Fenster gesprungen ist (auf der Flucht vor dem Grafen) zieht sich in eine schwerer erträgliche Länge. Die Musik ist fast immer gleich laut, die Ausdrücke der Figuren unterscheiden sich kaum. Aber sonst… ein schöner Abend! Und einige Hits gibt es… mancher paßt sogar als Protestgesang gegen Autoritäten!

 

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