Musikkritik

Das Leben: ein Schachspiel

 

Kritik zum Balett von Xin Peng Wang: „Faust I – Gewissen!“

Fast jede Schülerin und Schüler kennt den Stoff um Doktor Faustus, geschrieben von einem gewissen J W. von Goethe. Dieser Herr  Faust hat alle Wissenschaften studiert und ist doch unzufrieden weil er immer noch nicht weiß, was die Welt im Innersten zusammenhält. Das schafft innere Unruhe, Rastlosigkeit. Dann begegnet ihm der Teufel, der aufgrund einer Wette mit Gott dem Faust das Blaue vom Himmel (oder besser: das Rote von der Hölle) verspricht. Na wenigstens soll es in der Hölle immer schön warm sein. Im Himmel dagegen sollen kontinuierliche lästige Chorproben die Regel sein.

Der Stoff um Doktor Faust oder „Faustus“ wurde oft vertont.1797 schreibt Johann Ignaz Walter die erste Oper über diese Erzählung. In England entsteht der Schauerroman (Ann Ratcliff „The Italian“ und Horace Walpole). Den Komponisten Walter kennt man heute kaum mehr, aber einen anderen, erst recht, wenn man Violinunterricht hatte: Louis Spohr. Er schreibt ebenfalls im Jahr 1816 eine Oper über den Alchemisten, Juristen und Metaphysiker.

Faust, das ist durchaus auch ein Inhalt für Schauer- und Horrorromane, weshalb sich im Programmheft einige Hinweise auf Lord Byron und andere Dichter der schwarzen Romantik finden – englische Pendants zu Faust entstehen. Parallel zur literarischen Romantik im 19. Jahrhundert sind einige andere Komponisten eifrig am Werk: Hector Berlioz mit seinem Oratorium „La Damnation du Faust“ 1845 und die heute noch bekannte Oper „Faust et Maguerite“ von Charles Gounod  im Jahr 1859 (Gounods Oper ist derzeit in Essen zu erleben. Ein Bericht von der Premiere hier: http://terzwerk.de/faust-essen/  – danke an die terzwerk-Redaktion). Sogar Giuseppe Verdi schrieb ein Musikdrama namens „Mefistofele.“ Gegen Ende des 19. Jahrhundert war es dann aber wohl genug mit dem Hochlob und Kult um Doktor Faustus, so dass es 1869 eine Persiflage als Opéra-bouffe „let petit Faust“ von Hervé (bürgerlicher Name Louis Auguste Florimond Ronger) gibt.

Faust als Oper – ja, das kann man sich vorstellen. Aber Faust als Ballett? Mit welcher Musik soll dann getanzt werden?

Die Idee, „Faust“ zu tanzen, ist nicht neu. In Mailand  an der Scala gibt es am 12. Februar 1848 ein Ballett, choreographiert von Marius Petipa (Mitschöpfer der Ballette von Tschaikowsky) und zur ;usik von Giacomo Panizza und Niccolò. Leider erfährt man im Programm nicht, ob die Musik speziell für diesen Tanz geschrieben wurde oder ob auf bereits bekannte Stücke getanzt wurde.

Im deutschsprachigen Raum gibt es bis ins 20. Jahrhundert hinein keine Oper, „Faust“ wird in symphonischen Werken vertont; Richard Wagner mit seiner „Faust-Ouvertüre“ im Jahr 1840, Franz Liszt mit einer „Faust-Sinfonie“ als Charakterbilder von Faust, Margarete und Mephisto. 1907 findet das Faust-Thema Einzug in Gustav Mahlers achte Sinfonie, allerdings mit der Himmelfahrtszene aus „Faust II.“ Noch 1994 entsteht eine Oper „Historia von D. Johann Fausten“ von Alfred Schnittke und 2003 von Pascal Dusapin „Faust – die letzte Nacht.“

Das Dortmunder Ballett „Faust I – Gewissen!“ vn Xin Peng Wang

45 Min vor Beginn gibt es eine Einführung in den Stoff, die Musik  (die fast ausnahmslos live vom Orchester gespielt wird) und die einzelnen Szenen. Man sollte diese Einführung unbedingt hören, damit man die Bedeutung der einzelnen Bühnenbilder begreift. Im Programmheft für 2,50€ ist das meiste nachzulesen. Schade nur, dass der Vortrag recht eintönig verläuft, so dass man nach 15 min nicht unbedingt mehr geneigt ist, zuzuhören.

 

Das Leben: ein Schachspiel.

Vom ersten Augenblick an ist man bei „Faust I Gewissen!“ gebannt vom Bühnenbild. Farbige oder glänzende Kostüme, Federflügel, die durch die Luft wehen, ein Eimer, der Mephisto analog zum Pferdefuß eines Teufels am rechten Fuß klebt, sorgt für etwas Komik. Dazu wechselnde Ebenen, auf denen die Tänzer  tanzen, im Hintergrund zeitweise ein riesiger Spiegel, der mit dem Abbild toter Körper eingerahmt, alles spiegelt, was auf der Bühne passiert. (Gut, wenn man in der Loge sitzt: da kann man die unteren Bühnenebenen schon sehen, bevor sie nach oben kommen). Immer wieder taucht eine scheinbar nackte Menschenmasse mit undeutlichen Gesichtern auf (die Menschheit? Die Gesellschaft, die Faust nicht versteht?).  Und: das immer wieder kehrende Schachbrett. Bei der Einführung wurde dies so erklärt:

Das Schachbrett steht für eine wohlgeformte Ordnung im Leben. Figuren in Kostümen, die Könige oder Türme oder Läufer sein könnten, schreiten langsam über das Schachbrett, Im Hintergrund verkörpern Tänzer(innen) in aufwendigen Kostümen die  vier Wissenschaften des 16. Jahrhunderts: Theologie, Jura, Medizin, Philosophie. Der alte Faust, der zuerst mehr über die Bühne schlurfte als ging, tanzt mit jeder der Wissenschaften, nachdem diese ihren schweren Umhang abgelehnt haben. Wow, wie schwungvoll so ein alter Mann plötzlich tanzen kann.

Mephisto taucht auf. Seinen „Pferdefuß“ hat er nun verloren und kann sich so freier bewegen. In Goethes Erzählung wird von der Verjüngung des Faust erzählt: im Ballett löst ein anderer Tänzer den „alten Faust“ ab. Jetzt wirbeln sie beide über die Bühne, gern im Duett: der schwarz-glänzende Teufel und Faust im weißen Hosenanzug mit offenem Hemd. Da möchte man gleich mittanzen, denn jetzt geht es durch das pralle Leben, das nur der Jugend offensteht. Dieses „pralle Leben“ soll durch an die Wand und den Bühnenboden projizierte Nachrichten- und Börsenkursmeldungen symbolisiert werden… dies wird ohne einen Blick ins Programm nicht wirklich klar. Ein paar andere Requisiten, die z. B. an reichhaltiges Essen, wenn nicht an Völlerei erinnern, wären da deutlicher gewesen. Auch was das Gitter, das an eine Stahlkonstruktion erinnert und von oben immer wieder herabgelassen wird, bleibt rätselhaft.

Gut umgesetzt ist hingegen die Begegnung Margaretes mit Faust im Haus der Tante Margaretes. Die Vorsicht und Ablehnung der Tante, ihr Entsetzen über Faust, der ihre Nichte plötzlich im Arm hält, wird sehr deutlich. Die wechselvolle Musik, die einige Überraschungen bereithält in Sachen Stil („Klassik“, Elektronik, Minimal-Music und sogar Rammstein) sorgt zusätzlich für Spannung, wenn die Tanzbewegungen manchmal langatmig erscheinen.

Rammstein: ja tatsächlich wird ein Lied dieser Band für die Walpurgisnachtszene benutzt. Diese Art von Musik ist eine echte Geschmacksfrage und würde sie draußen aus irgendeinem Lautsprecher dröhnen, würden sich viele angewidert abwenden. Beim Ballett Dortmund paßt die Musik Rammsteins  („ich will“) in Rhythmus und Aussage genau zum Tanz: „Ich will das du  mir vertraust […] Ich will dass du mich siehst….“ Genau darum geht es: Mephisto will, dass Faust ihm vertraut. Faust will Margarete haben, die nun des Mordes an ihrer Tante bezichtigt wird (die aber von Mephisto getötet wurde). (In Xin Peng Wangs Ballett „Faust I – Gewissen!“ kommt keine schwangere Margarete, die später ihr Kind tötet, vor). Die Walpurgisnacht ist die stärkste Szene des gesamten Abends: fast wie Striptänzer auf einer schmalen Bühne tanzen die Hexen mit schwarzen, wehenden Federflügeln, die Gesichter unter Masken verborgen. Darunter zu Beginn eine Art Labyrinth von kreisförmigen, schachbrettgemusterten Stoffbahnen, aus denen erneut diese seltsamen Wesen, die wie nackte Menschen aussehen, plötzlich hervorkommen. Ohne deren Auftauchen hätte man die verschiedenen Stoffbahnen auch nur für eine geschickte 3D-Spielerei der Bühnen- und Beleuchtungstechnik halten können. Nach der Walpurgisnacht gibt es Szenenapplaus. Ein Zeichen für die richtige Platzierung der Musik.

Schlußszene: Margarete steht nur noch in einem weißen Nachthemd (kein Kleid mehr) vor einer Wand, wie eine Art Marterpfahl. Die Teufel oder die zu Teufeln gewordene Menschen werfen blutige Batzen an die Wand. Mit jedem Aufprallen an der Wand sinkt sie mehr in sich zusammen, bis sie am Boden liegt. Der junge Faust liegt am vorderen Rand der Bühne, der alte Faust taucht wieder auf. Warum jedoch der alte Faust nicht nur das tote Mädchen ansieht und anfaßt, sondern mit ihr tanzt, als sei sie plötzlich wieder zum Leben erwacht, bleibt ein Rätsel.

Das Leben kann ein Schachbrett sein. Alles ist wohlgeordnet, alles bewegt sich nach Regeln. Nur wenn Mephisto (in Form von anderen Geschehnissen) auf das Schachbrett tritt, kommt alles durcheinander, manchmal verschwindet das Schachbrett völlig. Ob man sich dann den „bösen Mächten“ zuwendet, um wieder Ordnung zu schaffen? Einen Pakt mit dem (vermeintlich) Bösen schließen? Ist es vielleicht nur das schlechte Gewissen, seine Pflicht oder einfach nur das, was man tun wollte, nicht getan zu haben?

Auffällig war die starke Präsenz junger Leute beim Ballettabend „Faust I – Gewissen!“ am Dortmunder Opernhaus. Ob sie „nur“ wegen der moderner anmutenden Musik kamen? Ein paar Mädels hörte ich im Hinausgehen erzählen, dass sie auch Revuetheater gerne mögen würden, da paßte das Ballett heute auch dazu. Und wie haben die Senioren, die sich sonst „La Traviata“ oder „Rosenkavalier“ ansehen, den „Krach“ von Rammstein ertragen?

Faust I – Gewissen!“ Ballett von Xin Peng Wang am Opernhaus Dortmund.

Weitere Termine:

13. März 27. März, 1. April, 1. Mai, 21. Mai, 4. Juni und 1. Juli 2016.

http://www.theaterdo.de/detail/event/16165/

Weitere Rezension: http://terzwerk.de/faust/

 

 

 

 

 

 

 

 

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