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Alltagsbeobachtungen II: In der U44 in Dortmund

HINWEIS: Für die Musikkritik zu RINALDO am Theater Dortmund bitte den Beitrag unter diesem hier lesen! (dieser hier ist kürzer und auch schnell gelesen und lesenswert 😉

Nirgendwo anders wird das Gefühl, dass jemand einen beobachtet und dabei unsichtbar ist deutlicher, als wenn man plötzlich eine Stimme hört, die man nicht zuordnen kann. Diese Stimme kommt meist aus Lautsprechern, der oder die Sprecher-/in sitzt irgendwo anders, außerhalb des eigenen Sichtfeldes.  Ich sitze in der U-Bahn Nummer 44 in Dortmund, es ist Nachmittag. Trotz der drängenden Notwendigkeit des Lernens für Klausuren ist es mir ein Anliegen, das heute Erlebte jetzt niederzuschreiben und mitzuteilen.

Schon vorvergangenen Montag habe ich was interessantes in der U44 erlebt, aber aus verschiedenen Gründen noch nicht aufgeschrieben (daher: in der Überschrift ist kein Schreibfehler enthalten 😉 Die Begebenheit heute war  noch eine Spur härter.

Nachmittags steige ich in die U-Bahn. An der 2. Haltestelle nach meiner Station kommt plötzlich die scheinbar überirdische Durchsage des U-Bahnfahrers: „Wenn die Erziehungsberechtigten ihren Nachwuchs bitte besser beaufsichtigen würden…. Nicht an die Bahn fassen und festhalten! Das Fahrzeug wiegt 36 Tonnen und wer sich festhält, wird mitgeschleift, das heißt es gibt Dönerteller. Also wenn Sie ihren Nachwuchs so gerne haben wie ich meine Kinder, dann passen Sie auf, dass der sich nicht an der Bahn festhält!“ – Ich schreckte auf. Der Typ hatte wirklich „Dönerteller“ gesagt. Schnauf.

In der Nordstadt Dortmunds, wo die U 44 sich zu diesem Zeitpunkt gerade befand, wohnen hauptsächlich Menschen nicht-deutscher Herkunft. Imbißbuden, Cafés und Spielotheken findet man in den Straßen. Vergangene Woche hatte die Polizei eine Razzia veranstaltet, weil – das stimmt schon – es einige Kriminelle gibt, die sich in diese Cafés zurückziehen. Auch Menschen ausländischer Herkunft sind eben Menschen mit Fehlern und Stärken wie die Deutschen auch. Deshalb gibt es auch unter ihnen Straftäter-/innen. Das ist kein Grund, sie deshalb zu beschimpfen oder unter Generalverdacht zu stellen.

Allerdings fand ich es ein sehr starkes Stück, was der U-Bahn-Fahrer da anbrachte. „Dönerteller“ als Bezeichnung für Fahrgäste, die – so vermute ich stark (ich habe ja keine Überwachungsbilder der Videokamera vor mir wie der Typ in seiner Fahrerkabine) eben z. B. Türken waren. Viele Fahrgäste schauen nicht-deutsch aus. Sollte dies eine flapsige Bemerkung sein, weil es viele Dönerbuden an den Haltestellen der Nordstadt gibt?? Meine Güte, jetzt aber! Das ist Alltagsrassimus. Ich frage mich nur, ob das dem Typen bewußt war. Oder ob er aus lauter Frust und Streß über den Tag heute einfach so barsch, groddaher gredd hod (= geradeheraus daher geredet hat) ohne nachzudenken.

An der nächsten Haltestelle gab es eine erneute Ansage: „Wenn der junge Mann genug Luft geschnappt hat, soll er seinen Arsch in die Bahn bewegen, damit wir weiterfahren können. Danke.“ – das ist verständlich und den „Arsch“ kann man verzeihen. Jede(r) will sicher mit der U-Bahn fahren können, das ist klar, der Fahrer oder die Fahrerin ist dafür verantwortlich.

Gleich darauf kam „Ich entschuldige mich für meine flapsige Ausdrucksweise. Doch ich habe heute schon 5000mal gesagt, die Leute sollen nicht in der Tür stehen.“

U-Bahnfahren als Fahrer-/in: keine Frage, das kann stressig sein. Vor allem, wenn wie nachmittags viele Menschen unterwegs sind. Aber „Dönerteller“ für verunglückte nicht-deusche Menschen als Bezeichnung zu verwenden… das war – bei allem Verständnis für den Frust und Verärgerung des Fahrers  – nicht in Ordnung.Ich würde diese Person nicht gleich als Neonazi deklarieren. Aber ich würde ihn schon fragen, ob er es beim nächsten Mal nicht beim „kannst du deinen Arsch nicht in die Bahn bewegen“ oder „Pfoten weg von der Bahn, sonst wirst du mitgeschleift und stirbst!“ oder ähnlichem belassen. Dass für große Höflichkeiten kein Platz noch Zeit ist in dieser Situation, das ist voll und ganz verständlich.

Ich bin gespannt, was mir das hiesige Nahverkehrsunternehmen noch bieten wird. Vielleicht gibt es mal ein „best of“ von Sprüchen von U-Bahn-Fahrerinnen. Ich meine, kreativ sind sie schon. Hätte ich die wenigen Ansagen aus Jena notiert, hätte ich nur eine Tonaufnahme mit lautem Gegrummel und Geschimpfe gehabt, das nur sehr wenige Wörter enthalten hat. Grumpy-Cat-Stimmung eben. Und das über 20 Jahre nach der „Wende.“ Und das in einer der wenigen Städte Ostdeutschlands, wo man es noch aushalten kann, weil noch nicht alles am Boden ist und es eine starke linke Szene gibt.

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