Allgemein, Musikkritik

Was man mit Aktenkoffern so alles machen kann!

Gerne hätte ich diese Oper für terzwerk, unserer Klassiksendung und Klassikmagazin auf der Welle von eldoradio begleitet, Künstler-/innen interviewt. Leider war genau am Wochenende der Premiere am 9. Januar 2016 was anderes, die Generalprobe für unser Konzert vom Unichor meine ich. Da wäre ich abends zu fertig gewesen, zuviel andere Musik schwirrte mir im Kopf herum, als um noch so aufmerksam im Theater sitzen zu können. Jetzt habe ich es endlich geschafft – und die positiven Kritiken in der Presse hatten Recht behalten.

RINALDO Dramma per musica von Georg Friedrich Händel

Libretto von Giacomo Rossi nach einem Szenario von Aaron Hill

Wow, was für eine Wucht! „Rinaldo“, das ist eine einzige Ansammlung von Händels Hits. Und obwohl es eine Eigenart dieser Musik ist, dass sich Phrasen wiederholen, wird es keine Minute in den 3 Stunden der gesamten Aufführungsdauer langweilig.

Rinaldo, das ist der Held der Geschichte, ein Ritter und Kreuzfahrer, der als Mitglied des christlichen Heers kurz vor Jerusalem steht. Zusammen mit Goffredo (Gottfried von Boullion) dem Heerführer wollen sie nach anderen erfolgreichen Feldzügen die Stadt Jerusalem erobern. Goffredo und der undurchsichtige Eustazio geben sich siegessicher, Rinaldo hat aber keine Lust mehr auf das Kämpfen; er will endlich Schluß machen damit und seine geliebte Almirena, die Tochter Goffredos, mit der er liiert ist, heiraten. Das können die beiden Heerführer so nicht hinnehmen: erst die Arbeit, dann das Vergnügen singt einer von beiden Rinaldo vor. Ohne Rinaldo können sie die Schlacht, die letzte Schlacht für den endgültigen Sieg nicht gewinnen. Pflichtbewußtsein für den Beruf versus Privatleben-Gestaltung… für was wird sich Rinaldo entscheiden (müssen)?

Eustazio muß noch mal klar machen, wer hier die bessere und SIEGREICHE Mannschaft ist. Warum allerdings bei seinem Prunk- und Angebergesang auf dem Beistelltisch eine Plüschkatze seziert werden muß, ist einfach nur unnötig und auch widerlich,auch wenn es nur ein Stofftier ist. Die Szene hat keinerlei Nutzen oder Bedeutung für die Handlung. Im Publikum war ein Raunen und leises Reden zu hören; die Szene sorgt wohl bei einigen Zuschauer-/innen für Unverständnis.

Nächste Szene auf der drehbaren Bühne. Die gesamte Oper spielt in einem Flughafen- oder Bahnhofsgebäude, ein „Nicht-Ort“, wie Regisseur Jens-Daniel Herzog bei der öffentlichen Probe sagte: an diesem Ort will und kann niemand bleiben, es ist immer nur ein Durchgangsort für eben Leute, die unterwegs sind. Die einzigen geschlossenen Räume sind langweilige holzvertäfelte Zimmer, in denen häßliche dunkelbraune Kunstledersofas stehen, dazu Kunstpflanzen und kleine Beistelltischchen. In solch einem Raum sieht man den Sarazenenführer Argante zuerst. Mit lauten Trompeten singt er seine Worte: er habe selbst die Wut von Schlangen in sich, da brauche er sich nicht vor anderen Tieren fürchten. Es steht nicht gut um seine Stadt, Jerusalem. Seine Mitarbeiter  pfeift er ordentlich zusammen, weil sie in ihren Unterlagen nichts neues vorzuweisen haben, womit er das Kriegsglück für sich entscheiden könnte. Schade, dass die drei Tänzer Sonnenbrillen tragen müssen; ohne diese hätten sie ihre Furcht vor ihrem ausrastenden Chef, der auch keinen Plan hat, noch deutlicher spielen können.

Was man alles so mit einem schöden langweiligen Aktenkoffer machen kann. Das Tanzensemble, das als Delegation vom christlichen Heer unter Goffredo unterwegs ist, trägt immer Aktenkoffer mit sich. Die werden in alle Richtungen geschwungen, zu Türmen aufgebaut, zu Wänden stilisiert, so dass es einmal aussieht, als stünde Rinaldo auf einer Burg… echt witzig! Und vielleicht eine satirische Anspielung auf das Gehampel bei tatsächlichen Friedensverhandlungen.

Und dann donnert es. Endlich kommt die, die Argante so heiß ersehnt hat: die Zauberin Armida. Sie soll herausgefunden haben, wie man das christliche Heer am besten schwächen kann… Eleonore Maguerre singt die Armida mit Verve, ausdrucksstark in Stimme und Gestus. Man meint wirklich, eine Zauberin, die allmächtig scheint, vor sich zu haben. Vom Balkon oben, auf dem man zuerst noch langweilige Anzugträger gesehen hat, taucht sie plötzlich auf, reißt sich den Anzug vom Leib und trägt ihr rotes, kurzes Kleid. Rot, das ist ihre Farbe und wird sie bleiben. (Die Schneider-/innen müssen da echt Geduld haben, weil sie die Knöpfe des aufgerissenen Hemdes nach jeder Vorstellung wieder und wieder annähen müssen 😉 Doch Argante ist nicht nur Kriegsherr, er ist auch lüstern, er will nicht nur die Kriegsstrategie von Armida wissen, er will die Frau haben. Mit großem Grinsen und Belustigung habe ich zugesehen, wie sie ihn zuerst anlockt und dann entweder mit dem Knie oder den Pumps von sich stößt, manchmal auch ganz fies in die weiche Mitte. Tja, eine Armida bekommt man nicht so leicht… die muß man sich verdienen! Frau kann auch wehrhaft sein!

Nun hat Argante erst mal von den hochnäsigen Christen (Goffredo zu Argante: „bedenke, wie großzügig ich bin“) einen Waffenstillstand abgerungen.

Rinaldo schafft es, seine geliebte Almirena doch noch kurz zu sehen, bevor er seine Pflicht als Ritter erfüllen muß. Eine freundliche Liebesszene auf einem der Kunstledersofas in der Wartehalle. Doch das Glück währt nur kurz: Donner und Blitz kommen auf, Rauch kommt aus der vermeintlichen Toilettentür: Armida entführt Almirena – so kann man das christliche Heer schwächen! Rinaldo ist entsetzt und bleibt am Boden zerstört zurück; ja er liegt wirklcih auf dem Boden, schwach und kraftlos. Das können Goffredo und Eustazio, die mit Melonenhüten wie Dedektive aus einem englischen Krimi der 1960er Jahre daherkommen, so nicht dulden. Wieder werden in aufwendiger Zeremonie die klinisch reinen blauen Handschuhe angezogen, die Tänzer bilden eine Art Sitz, auf den der erschlaffte Körper des Rinaldo gesetzt wird. Eustazio drückt einer Schlange Gift aus dem Maul, um es Rinaldo als Stärkung in den Mund zu geben. Im Gegensatz zur Sezierungs-Szene der Plüschkatze nicht ganz so grausam, aber immer noch unheimlich, was dieser Eustazio da macht…

Schlangengift als Muntermacher? Eher denkt man, es würde einen töten.

Nicht so bei Rinaldo. Langsam wird er wieder munter. Während die Winde wehen, alle anderen sich an den Sitzmöbeln oder an Löchern in der Wand festhalten müssen, um nicht davongetrieben zu werden, steht er aufrecht da, unbehelligt von allem Windbrausen und singt davon, dass ihm die Winde Kraft geben mögen. Das Spiel aller Beteiligten ist so authentisch, als ob wirklcih ein heftiger Sturm durch´s Theater blasen würde… Mit Rinaldos erhobener linker Faust endet der 1. Akt.

Ob eine Oper gut oder schlecht ist merke ich auch daran, ob und wie oft ich auf die Uhr schaue. Trotz Smartphone, auch einer Art moderner „Taschenuhr“, trage ich gern Armbanduhren. Heute sah ich nie auf die Uhr – und hatte kein Bedürfnis danach.

Das christliche Heer braucht aber nun einen magischen Rat, denn es hat seinen wichtigsten Kämpfer verloren. In Wanderschuhen und „outdoor-„Jacken sieht man im 2. Akt Eustazio, Goffredo und Rinaldo durch die Wartehalle laufen. Einer hält die Karte falsch herum, Rinaldo hat es satt, noch länger nach dem christlichen Magier zu suchen. Mensch Jungs, nicht mal die Karte könnt ihr richtig lesen! Magische Wesen tauchen auch auf: es sind allerdings 3 Sirenen in quietschrosa Kleidern in einer Art orientalischem Stil… Wie angenehm, dass es nicht drei blonde dünne Frauen sein müssen. doch es sind Zauberwesen, geschickt von Armida, die ihm versprechen, er würde seine Almirena wieder sehen, würde er mit ihnen gehen… wie von Zauberhand wird er in die rauchige Toilettentür hineingezogen. Seine Kumpels können ihm nicht helfen, so stark ist die Zaubermacht. Verzweifelt stolpern Eustazio und Goffredo durch das Flughafengebäude, stoßen mit anderen Passagieren zusammen, streiten mit ihnen. Witziger Einfall, dass genau der unscheinbare Putzmann im Durchgang des Wartesaals genau dieser christliche Zauberer ist. Das große Wechselbild über dem Kunstledersofa stellt nun eine riesige Satellitenschüssel in einer Mittelmeerlandschaft dar. (Wer späht wen aus?) Der Putzeimer auf dem Wagen mit den Putzutensilien wird zum Kessel für den Zaubertrank, aus dem Goffredo und Eustazio trinken. Doch bevor sie die großen aufrechten Krieger sein können, torkeln sie erst mal herum; war wohl doch etwas stark der Trank für einen sterblichen Menschen, was? 😉

Almirena beschimpft in ihrer Gefangenschaft – einem kahlen, leergeräumten Konferenzraum – ihre Peinigerin , die Zauberin Amira. doch die lacht sie nur dreckig aus,  vom Balkon runter. Schlingpflanzen bedecken das Balkongeländer, ein passendes Metapher für die Macht der Zauberin. In Hand und Fußschellen liegt Almirena auf dem Boden und beklagt in „Lascia chi´o pianga“ ihr Leid. Wie bei manchen anderen Arien gibt es danach spontan Applaus. Interessanterweise verärgert mich das dieses Mal nicht; es liegt wohl daran, dass fast jede Arie ein echter Händel-Hit ist und man deshalb versucht ist, seine Begeisterung schon während der Oper kund zu tun.

Dennoch, so leid wie sie einem tun kann, die Almirena in ihrem weißen Kleid, die unschuldige: die coole Sau ist ganz klar die Zauberin Armida. Sie ist die starke, selbständige Frau, die sich auch ohne Rücksicht das holt, was sie will. Schlau und auch hinterfotzig ist sie. Verlieren, das gibt es für sie nicht. Furien und Sirenen, auch die Elemente wie der Donner gehorchen ihr. Sie hat es geschafft, die wichtigste Person des christlichen Heeres zu entführen, noch dazu dessen Geliebte…. Großer Beruflicher Erfolg im Dienste des sarazenischen Heeres.

Hm, doof nur, dass Argante wieder nur an was anderes als die Kriegsstrategie denkt. Nix da mit stringent den neuen Plan seiner Beraterin Armida durchziehen. Da wird Almirena angeschmachtet und begehrt; sie schafft es, dass er ihr die Hand- und Fußschellen löst. Seine Umarmung und seinen Kuß erwidert sie nicht. Weit kommt Almirena – jetzt von Fesseln befreit –  nicht, die Sicherheitsleute nehmen sie gleich im Aufzug mit, Argante hat nichts von ihr. Als seine Geliebte Armida von seinen Gelüsten erfährt, wird sie stinksauer. Furien umkreisen ihn, sein „Schwert“, ein aufgeklapptes Taschenmesser, ist wirkungslos, seine Hand gehorcht ihm nicht mehr. Die Tänzerinnen, ebenfalls in roten Kleidchen, machen das mit einem Schwung, dass man denken könnte, es geht wirklcih ein kräftiger, schwungvoller Wind über die Bühne. Eine Wonne für Augen und Ohren, das zu erleben!

… oder gibt es doch etwas, das Armida besiegen könnte?

Jetzt ist der Sieg für die Sarazenen doch eigentlich sicher…. Als sie noch singt, dass sie mit den Furien Rinaldo foltern wolle und ihm mit Knien und Händen ein paar Schläge verpaßt, muß Armida plötzlich inne halten: wow ist der Kerl schön… den kann ich gar nicht töten… huch, ich werde doch nicht verliebt sein? Rinaldo ist empört, beleidigt sie und weist sie ab. Doch Verlieren, nein, das gibt es für eine Armida nicht! Wen sie liebt, der hat auch sie zu lieben! Also wird sie Almirena umbringen, diese Puppe, dieses dumme Mädchen, die ihr im Weg steht. Rinaldo kann den Mord an Almirena noch verhindern, die herannahenden christlichen Krieger vertreiben Armida… da nützt auch ihre Nebelmaschine nichts mehr. Warum allerdings zu den beiden Pistolen von Goffredo und Eustazio Geräusche von Maschinengewehren sein mußten…. das wirkte seltsam.

In der letzten Szene, da ist Rinaldo wieder ganz Staatsmann. Im Anzug mit Krawatte stolziert er zuerst auf und neben den Tischen, auf denen der Friedensvertrag unterzeichnet werden soll – und dann auch wird. Als die Sarazenen kommen, gibt es eine Rauferei in Zeitlupe, denn Argante kann nicht glauben, was er da im Vertrag liest. Ein letztes Mal versucht Armida, verkleidet als Diplomatin im Anzug, Rinaldo anzumachen. Sie wird aber erkannt und ihr die Kleider vom Leib gerissen (auch rote Spitzenunterwäsche fliegt durch den Raum). Die Christen zielen mit Pistolen auf ihre Gegner. Armida singt, sie wolle konvertieren und vielleicht der Zauberei abschwören – aber das klingt belustigend, statt ernst. Ist auch völlig egal: Hauptsache die Liebe hat gesiegt und nicht der Krieg, nicht das Militär. Doch auch im weißen Kleidchen will Armida den schönen Rinaldo, der nun neben seiner Geliebten Almirena steht und davon singt, jetzt werde geheiratet, nicht aufgeben. Sie macht sich an ihn ran, Argante meint, Almirena wieder angrabschen zu müssen… so gibt es beim versöhnlich klingenden Schlußchoral noch mal eine kleine, lustige Rauferei statt braves Nebeneinander-Stehen. Ich habe herrlich gelacht.

Besonders beeindruckt hat mich Ileana Mateescu, die den Rinaldo singt und spielt. Wie es wohl ist, einen Mann zu spielen? Ich kannte sie schon von ihrer Rolle als Hänsel in Engelbert Humperndincks „Hänsel und Gretel.“ Was für ein schöner Mann, der Rinaldo. Auch ein Draufgänger, klar, das sind sie alle, die Ritter und Kämpfer. Aber nicht zuviel. Er hat auch eine weichere Seite, eine liebevolle. Ein Mann, mit dem man nicht unbedingt ein ganzes Leben verbringen möchte; aber treffen möchte man ihn schon und eine Zeitlang mit ihm zusammen sein. Schmacht. 🙂 Seufz….

RINALDO Dramma per musica von Georg Friedrich Händel

an der Oper Dortmund.

http://www.theaterdo.de/detail/event/16155/#prettyPhoto

Nächste Vorstellungen:

Sonntag 14. Februar 2016 , 18 Uhr (vielleicht mal was anderes zum Valentinstag außer Blumen oder Pralinen?) ,

18./28. Februar 2016 zum letzten Mal. – ALSO LOS!

 

Hintergrundinfos: http://www.opernhausblog.de/2015/12/10-dinge-die-sie-ueber-rinaldo-wissen-muessen/

 

 

 

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