Allgemein, SENDUNGSKRITIK

Sendung „nachtsession“ wird abgesetzt: offener Brief an Bayern2Radio

Sehr geehrte Redaktion von Bayern2Radio,

Sehr geehrter Herr Intendant Ulrich Wilhelm,

mit großer Überraschung und auch Verwunderung habe ich die Ankündigung, die bei mir nur als Nebenbei-Moderation vom Zündfunk ankam gehört, dass die Sendung „nachtsession“ (Sendezeit: Freitag auf Samstag , Samstag auf Sonntag und Sonntag auf Montag jeweils 24 – 2 Uhr) abgesetzt wird, bzw. schon wurde.

http://www.br.de/radio/bayern2/musik/nachtsession/nachtsession-abschied100.html

Warum das??

Nur aus Kosteneinsparungsgründen??

Das kann wohl nicht sein. Mir fallen genug andere Sendungen ein, die man entweder abschaffen oder zusammenlegen hätte können.

Eine kurze Historie in eigener Sache:

Ich bin mit Bayern2Radio aufgewachsen. Meine Mutter hatte fast immer Bayern2 gehört, auf einem alten Grundig „concertboy“-Radio, das so alt ist wie meine Schwester (etwa Baujahr 1969), wenn mein Vater nicht seine grausige Schlager – und Volksmusik auf Bayern1 hören hatte müssen. Hammer, wie lang das Ding lief… Für mich hatte Radio immer was faszinierendes, was da aus dem mit Kunstholz verkleideten Lautsprecher kam; allen Widerständen und Spott zum Trotz habe ich immer den „Kinderfunk“ (damals Sendezeit um 14 Uhr) gehört. Das war auch (noch) erlaubt gewesen im dörflichen katholischen Haushalt. Allerdings hat meine Mutter Bayern2 ungefiltert und unreflektiert durchlaufen lassen. Als 10- oder 14jährige versteht man noch nicht unbedingt, was im „Zündfunk“ (damals noch um 16.30 Uhr) läuft. Im Vergleich mit heute erscheinen mir die Beiträge von damals auch schwerer, d.h. ernster und schwer zu verdauen, weil auch mit weniger Musik, bzw. mit ernsterer Pop- oder Alternativerockmusik (wie man es nennen will) verpackt. Die verschiedene Wahrnehmung liegt wohl einfach auch daran, dass ich heute schon älter bin. Dennoch, der ZÜNDFUNK IST UND BLEIBT eine der WICHTIGSTEN, wenn nicht DIE wichtigste Sendung im Bayerischen Rundfunk. Der Bayerische Rundfunk und das Fernsehen ist voll von Schrott, das muß ich leider so deutlich sagen. Diesen Schrott wollen die Leute aber hören, klar, sonst würde er nicht bestehen bleiben. Und damit wäre ich jetzt bei dem, was bzw. wo man statt der popmusikalisch hochwertigen „nachtsession“ einsparen hätte können.

1.) Unsäglich, furchtbar und wenig, wenn gar nicht informativ: das Sendung „Gesundheitsgespräch.“

> Gibt es nicht außerhalb dieser Sendung genug Foren und Sendungen (auch im Fernsehen), wo sich – meist alte Frauen als Anruferinnen – gegenseitig mit dem Studiogast (meist ein Mann, also ein Arzt) über ihre tatsächlichen oder nur wenig vorhandenen Leiden volljammern können?? Neben der Verbrauerberaterinnen Annliese Pfeifer einer der furchtbarsten und unnötigsten Sendungen in Bayern2. Herrgott noch mal! Was hilft es denn, dort anzurufen?? So viele Anrufer-/innen hören sich sowieso an, als ob sie besser beim Psychologen auf der Couch wären: sitzend, um im Kopf ihr Leiden auszutragen. Aber ach ja, ich vergaß, Psychologen gelten hierzulande als böse. Man kann lang und breit über seine kranke Leber reden in der Öffentlichkeit, aber nicht sagen, dass man regelmäßig eine Gesprächssitzung beim Psychologen hätte. Dabei werden Ärzte doch auch angebetet, so doof sind die Patientinnen – mit dem Psychologen klappt das möglicherweise nicht so. Denn da fängt es an, auch jede körperliche Krankheit: wie nimmt man sie wahr, wie geht man damit um?? Bestimmt nicht damit, in der Öffentlichkeit das lang und breit auszubreiten! Das wirkt lächerlich, so wie die ganze Sendung lächerlich wirkt. Meine Güte, wie arm muß diese Gesellschaft sein, wenn all diese Anrufer-/innen offensichtlich oder scheinbar keine Möglichkeit zur Aussprache – auf Kosten wertvoller Sendezeit – haben. Ich habe meine Mutter nie verstanden, warum sie sich das anhört. Kümmert Euch um Eure eigenen Krankheiten/Gebrechen – aber laßt die Hörer-/innen damit in Ruhe! Ah und übrigens: die Ärztinnen und Ärzte sind hauptsächlich für körperliche Leiden zuständig, deshalb: labert den Psychologen oder die Psychologin voll und nicht die Mediziner-/innen, die haben anderes, auch wichtiges zu tun. Und: entgegen gesellschaftlicher vorherrschender Meinung sind Psychologen genauso wichtig, gut und kompetent wie Mediziner!

Also mein erster Vorschlag: Sendung „Gesundheitsgespräch“ absetzen.

2. Sendungskritik: Sendungen „Katholische Welt“ und „Evangelische Perspektiven“

Auch das mußte meine Mutter hören. Im Doppelpack. Obwohl sie danach immer zur Kirche rennt. Das ist genauso schlimm wie Leute, die nach 3 STunden Richard Wagner immer noch nicht genug von dieser wuchtigen und pathetisch überladenen Musik haben. Ich finde beide Sendungen am Sonntag morgen überflüssig, weil IMMER im Deutschlandfunk und im ZDF oder der ARD Gottesdienste übertragen werden. Die gläubigen Menschen, die nicht zur Kirche gehen können, haben also noch genug Möglichkeiten, ihrer scheinbar geistigen Erbauung nachzukommen.

Pardon auch bei den Sendungsnamen. Wie das schon klingt „Katholische Welt“ – genau das, was es ist und nach eigener Auffassung nicht sein will: eine eigene Welt, die sich der Moderne und der Freiheit verschließt. Genau als solches habe ich die Katholische Kirche wahrgenommen und lehne sie ab. „Evangelische Perspektiven,“ die andere Kirchensendung klingt etwas offener, Perspektiven kann jeder und jede haben. Dennoch ein weiterer Einsparungsvorschlag:

Sendungen „Katholische Welt“ und „Evangelische Perspektiven“ zusammenlegen.

Und: wer braucht die Sendung „Theo.Logik“ , in der sowieso nur das durchgekaut wird, was v. a. der Papst sagt und die Katholische Kirche vorschreibt?? Wen interessiert das, der oder die einigermaßen gebildet ist?? Diejenigen, die nichts hinterfragen vor allem bei der Religion, werden ohnehin wenig Bayern2 hören. Wer nachdenkt und hinterfragt, kann kein gläubiger Mensch sein, in keiner Konfession oder Religion. Denn jede Religion behauptet, die Wahrheit zu kennen. Und das ist gefährlich und führt immer wieder zu Streit, sogar zum Krieg (auch wenn man den IS nicht als Vertreter des Islam bezeichnen kann). Deshalb: vergeßt Religion, sie entzweit die Menschen nur mehr. Und gebt ihr nicht soviel Sendezeit, auch oder erst recht im katholischen Bayern.

Weiterer Einsparungsvorschlag: „Theo.Logik“ absetzen.

 

3.) Sendung „Kalenderblatt“ und „Reflexionen“

sind wenig Information und vor allem die zweitere Sendung ist stark religiös angehaucht. Das Thema Religion hat einen viel zu hohen Stellenwert in Bayern2Radio. Fast erscheint es mir als Hörerin wie ein unausgesprochener Zwang, in jede Sendung irgendwie noch ein Stück Religion – und dazu meist unkritisch – hineinzupacken. Und das nervt gewaltig! Und das macht mich – vor allem an der katholischen Kirche – auch so wütend und fassungslos, dass Kritik nicht erlaubt oder anerkannt ist. Erst recht nicht von einer Frau. Das wird heute nur schöner verpackt als noch vor 10 oder 20 Jahren, es hat sich aber nichts geändert. Man weiß ja, wie „reformfreudig“ der Mannsbilderverein aus Rom ist. Pfui Deifl!

(wie es in der Evang. Kirche ist, kann ich nicht sagen. Homophobie ist dort aber auch vorherrschend, wie eine Sendung in DRadioKultur zeigte).

Schon mal drüber nachgedacht, dass es auch andere Möglichkeiten gibt, über das Leben nachzudenken?? Ja, ich weiß, da haben Sie auch Ihre Sendungen. Aber sie sind wenig sichtbar, die Religionssendungen überschatten alles, so wie eine Nonne einmal (in bezug auf sexuelle Gewalt gegen Schutzbefohlene) einmal gesagt hat: „Mein Gewand deckt alles.“ Das sagt alles aus über diesen Verein. Nein, danke.

Daher mein Änderungsvorschlag: „Reflexionen“ abschaffen oder zumindest kürzen. Wenn dies bei der ohnehin kurzen Sendungszeit möglich ist.

Es ist wichtig und gut, dass Sie den Hörer und Hörerinnen ein Forum zur Äußerung bieten. Das wurde von einem Journalisten als Interviewter selbst in DRadioKultur kritisiert. Allerdings ufert das beim „Tagesgespräch“ mehr und mehr aus. Es ist stellenweise unerträglich, wieviel Dummheit und unreflektierte Meinungen da zu hören sind. Wenn man das hört und manche Kommentare in sozialen Netzwerken liest, möchte man am liebsten dieses Land verlassen. SO sind die Leute hier drauf. Sicher kommt es deshalb nicht gleich zu einem Bürgerkrieg. Aber Dummheit ist und bleibt gefährlich. Sicher würde sie nicht verschwinden, würde man die Sendung „Tagesgespräch“ komplett einstampfen. Aber die Dummheit hätte nicht mehr soviel Platz im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Es ist wichtig, dass der Journalismus Mittel entwickelt, um gegen diese oft offen ausgesprochenen Bedrohungen gegen sich vorzugehen („Lügenpresse“ und all dieser Müll, der die Vorwürfe gegen die Presse prägt).

Deshalb mein Vorschlag: Kosteneinsparung durch weniger „Tagesgespräch“ – Sendungen. Auch DRadioKultur hat seine Schnatter-/Plaudersendung „2254“ abgeschafft. Ich konnte das nachvollziehen. Es gibt nur noch am Samstag morgen eine Sendung mit Hörer-/innenbeteiligung, die völlig ausreichend ist.

Wenn Bayern2Radio ein modernes, gutes Medium bleiben will anstatt vor allem Religions-Selbstbeweihräucherung und HeimatGedudel machen zu wollen (diese Hörer-/innen sollen gefälligst Bayern 1 und diesen neuen Sender „BayernHeimat“ im Netz einschalten!), müssen bestimmte Sendungen vorhanden sein. Dazu gehört neben dem ZÜNDFUNK, der Sendung „Jazz und Politik“ eben auch die „nachtsession.“

Die gesamte Radiolandschaft ist voll vom Dudelfunk. Deshalb : NACHTSESSION WEITER SENDEN!!

Nur dann wird Bayern2Radio seinem Anspruch gerecht, ein gutes, wertvolles und hörenswertes Medium gegen die Dummheit (gegen Rassismus, gegen Homophobie, gegen einseitiges Denken u. a.) zu sein.

Mit radiofreundlichen

und ultrakurzwelligen Grüßen

 

A.St.

 

 

 

 

 

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