Allgemein, Musikkritik

Mal kein Walzergeduldel: Das Neujahrskonzert der Dortmunder Philharmoniker

Von New York bis Puerto Rico: das Neujahrskonzert der Dortmunder Philharmoniker

Am Neujahrstag 2016 gibt das Orchester der Dortmunder Philharmoniker ein Konzert zum besten, das man an einem 1. Januar so nciht erwartet hat. Anfangs war ich verwirrt, was da mit Dissonanzen und lauten Bläsern startete: „Cuban Overture“ von George Gershwin ist da zu lesen. Gershwin, ja das war der mit „Porgy and Bess“ und „I got rhythm.“ Statt Walzerseeligkeit und ewiges „Sich-Im-Kreis-Drehen“ fühlt man sich als Konzertbesucherin plötzlich in den Sommer versetzt, spätestens, wenn der mindestens 6 Menschen starke Percussionsapparat mit Bongos, Kugeln, die raschelnde Geräusche erzeugen und Klanghölzern loslegt. Das ganze findet im Opernhaus statt – und zwar mit dem Orchester AUF statt wie bei der Oper unterhalb der Bühne –  und das bedeutet: das Theater fährt seine Bühnentricks auf, die es bieten kann. Das Sommergefühl macht ein riesiges Hintergrundbild eines Sandstrandes komplett. Einfach unbeschwert am Strand sitzen und auf das Meer hinausschauen, die Wellen beobachten, wie sie im Sand auslaufen…

Doch bald holen die Konzertbesucherin die langsameren, dissonanten Klänge in den Geigen und die Bläser, die einen Einwand zu haben scheinen gegen diese Idylle, einen aus der Träumerei. Gershwin ist eben kein easy listening. Dass ungeduldigere Konzerbesucher-/innen deshalb nicht gleich das Weite suchen, liegt an dem erneuten Einsetzen der Rhythmusfreunde und weniger Dissonanzen mit beständigen Melodien. Man kann sich vorstellen, wie Menschen zu dieser Musik durch die Straßen einer Stadt in Kuba tanzen, am Straßenrand stehen die Musiker. Auf einem Foto, das im Hintergrund gezeigt wird, ist einmal ein Trommler im Großformat , im HIntergrund eine Straße zu sehen.

Nach de fulminanten Ende der „Cuban Overture finden ein paar kleine Umbauten statt, der Mitarbeiter, der reinkommt und nur die Aufgabe hat, den Flügel aufzuklappen, bekommt vom Publikum Applaus, als ob er Solist wäre – schon witzig. Dann kommt die Solistin, Tatiana Prushinskaya im roten, glänzenden, glitzernden Kleid (warum gibt es sowas nicht auch für Frauen mit Konfektionsgröße 42 aufwärts, verdammt noch mal???) . Sie sieht nicht nur schön aus, sie spielt auch gut: die sinfonischen Variationen für Klavier und Orchester „I got rhythm“ von George Gershwin. Die Melodie dazu kennt jeder, die Variationen dazu icht unbedingt. Als Akkordeonspielerin habe ich Variationen immer gehaßt, es war für mich immer das selbe, immer genauso langweilig. Doch mit „I got rhythm“ wird es nicht langweilig. Bemerkenswert, was Gershwin aus dieser einfachen Melodie alles rausholt. Auf der Bühne ist einiges los: es gibt zwar weniger Schlagwerk, dafür sieht man hin und wieder die Bläser-/innen ihre Dämpfer, die wie große Pommestüten aussehen, rein- oder rausholen aus dem Trichter. Plötzlich ist ein Oboensolo zu hören, mit dem man bei den sonst dominierenden Trompeten oder Saxophonen (jaaa, diese wunderschöne Instrument darf endlich mal im Orchester mit dabei sein!) nicht gerechnet hätte.

Nach den sinfonischen Variationen von „I got rhythm“ wird der Flügel eingeklappt und hinausgeschoben – ohne Applaus für die Bühnenarbeiter 😉

Was folgt ist, wenn man so will, ein Schnelldurchlauf durch Leonard Bernsteins Musical „West Side Story.“ IM Programm sind die „sinfonischen Tänze aus „West Side Story“ angekündigt. Bei dieser Fülle von Rhythmen und Melodien wird der Zuhöreri nie langweilig. Dissonante Klänge, Staccato bei den hohen Blästern, da kann man sich gut Verfolgungsjagden der beiden verfeindeten Banden vorstellen. Autohupen, LKW-Hupen oder Hupgeräusche von U-Bahnen und Straßenbahnen meint man zu hören, wenn ein Gong regelmäßig erklingt. Beim Xylophon denkt man zwangsläufig an Treppen, die hinauf- und hinuntergelaufen werden, immer schnell laufen, immer auf dem Sprung sein, um dem Gegner nicht in die Hände zu fallen. Sogar eine Polizistenpfeife ist mal zu hören. Im Hintergrund sind Bilder von der Stadt New York zu sehen, das Empire State Building und die gesamte Betonwüste, die dennoch zu einem Sinnbild für Kultur geworden ist…. Manchmal wären allerdings Bilder von Straßenzügen noch passender für die „sinfonischen Tänze aus „West Side Story“ gewesen. Bei manchen Bläser – und Streicherklängen hat man das Gefühl, mit dem Auto durch New Yorks Straßen zu fahren, wenn nicht zu rasen – Bandenkrieg eben.

Natürlich darf, wenn es um das Musical „West Side Story“ geht, das Lied „somewhere“ nicht fehlen. Das Duett mit Geige und Bratsche ist so wunderschön, aber nicht kitschig oder beliebig. Die Dortmunder Philharmoniker schaffen es, diesen schmalen Grat einzuhalten: nicht langweilig nüchtern, aber auch nicht triefend vor Schmalz lassen sie „somewhere“ erklingen. Allerdings wäre ein Sternenhimmel über der Skyline von New York dazu passender gewesen als nur ein schwarz-weiß-Bild mit der Skyline. Einen Platz für die Liebe zweier Menschen, an dem die Liebe leben kann, ohne Angst und nicht bedroht wird… das wünscht man sich…. mit einem Seufzer beenden Flöten und die Streicher diesen sehnsuchtsvollen Traum, der oft genug auch in der Realität nicht gelebt werden kann. Es nervt, dass das Publikum diese schöne Stimmung nicht auskosten kann, für ein paar Sekunden und gleich applaudieren muß.

Das letzte Stück des Abends „Estanica“ von Alberto Gianstera zerstört leider all diese Idylle. Wild und laut geht es los, im Hintergrund ist Mexico Stadt mit der Jesus-Statue aus der Vogelperspektive zu sehen. Uuuaaah, was kommt denn jetzt?? Das Gepolter von „Estanica“ macht die schöne Atmosphäre von Bernsteins symphonischen Tänzen zunichte. Weglaufen geht nciht, wenn man fast mittig in der Reihe sitzt… bald wird klar: hier werden Sambarhythmen herausgeschleudert. Als Hintergrundbild muß eine Sambatänzerin dienen, übergroß und in Vorderansicht, wie sie ihre Beine dem Zuschauer entgegenschleudert. Die Haut glänzt künstlich. Absolut doofes Bild mit plumpen, billigen Effekten. Warum nicht einfach ei Foto einer ganzen Sambagruppe auf der Straße? Mich stört nicht die knappe Bekleidung, das ist eben so, mich stört die Betonung einzelner Körperteile.

Nach der Darbietung dieser Tanzmusik applaudiert das Publikum zu recht begeistert, manche rufen sogar „Bravo.“ Der Intendant, der Ballettchef und der Dirigent halten eine kurze Ansprache, verweisen auf das 50jährige Theaterjubiläum im März, vom Bühnenhimmel kommt ein rotes „Prosit Neujahr 2016“ geschwebt. Der gesprochene Neujahrsgruß der Orchestermitglieder kommt jedoch nicht so sauber und einheitlich rüber wie der  Klang, den sie heute abgeliefert haben. Naja… wenn man es wie der Wiener Mannsbilderverein jedes Jahr macht, hat man im gemeinsamen Aufsagen eben mehr Übung. Ist auch nicht so wichtig.

Bei der Zugabe ist dem Dirigenten Gabriel Feltz wohl wieder die Kinoleidenschaft durchgegangen. Schon zum 2. Mal nach dem Philharmonischen Konzert „love, space ,hell“ gab es den Tango aus dem Film „Der Duft der Frauen.“ Die 1. Konzertmeisterin spielte das Solo, dazu sieht man als Hintergrundbild ein Tango tanzendes Paar. Voll in Ordnung. Aber warum auch hier wieder auf billige Effekte gesetzt werden muß, kann nur Dummheit der Grund sein. Warum mußte das Foto genau in dem Augenblick aufgenommen werden, als die Tänzerin einen großen Schritt macht und es aussieht, als ob sie in die Hosen gemacht hätte? Und wen interessiert tatsächlich der durch den hohen Schlitz im Kleid sichtbaren Oberschenkel? Also nein Leute, was für ein Bildermüll! Geht woanders hin , wenn ihr solchen billigen Schrott sehen wollt. Aber nicht hier im Opernhaus. Hier geht´s auch um Musik und nicht um eine Operninszenierung, in der eine Prostituierte eine Rolle spielt. Sondern um gleichberechtigte Tanzpartner_innen.

Nach dem Neujahrskonzert spendierte das Orchester Sekt an die Besucher-/innen. Schön war´s … schade nur, dass gar so wenige junge Menschen mit dabei waren. Und ich hätte gern mit den Schlagwerkern geredet, was die da alles geklopft, geschlagen und gepfiffen haben 😉 immer konnte man das nämlich nicht sehen.

 

 

 

 

http://www.theaterdo.de/detail/event/16289/

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