Allgemein, Musikkritik

La Traviata, Oper von Giuseppe Verdi am Opernhaus Dortmund

Wilde Swinger-Party vor kahler Kulisse oder: Rauschende Feste in schlüpfrigen Kleidern vor kahlen Zimmerwänden: das Leben als einzige Party

Nüchtern betrachtet geht es in „La Traviata“ nur um die Interessen der Männer. Frauen sind nur schmückendes Beiwerk und Opfer der gesel-lschaftlichen Konventionen. Die Zeit, in der die Geschichte spielt, ist eben die Mitte des 19. Jahrhunderts. Es gibt die Ansicht, dass Verdis „La Traviata“ schon sehr „abgenudelt“ sei, weil sie so gut wie auf jedem Spielplan eines Opernhauses zu finden ist. Dennoch ist und bleibt sie sehenswert – erst recht in Dortmund.

Zu Beginn ist der Bühnenvorhang schon geöffnet, was ungewöhnlich ist. Man sieht einen schmucklosen Raum, im Hintergrund sind große Fenster angedeutet, einige Sektflaschen und Gläser stehen am Boden herum – hier wurde wohl ordentlich gefeiert … Mehrere graue Sofas stehen vor den hell-graugrün/hellgelbgrünen Wänden: Violetta Valérys Salon. Ein nackter Mann erhebt sich von einem Sofa, kleidet sich an und geht zur Tür hinaus. Dann beginnt die Ouvertüre. Wenig später steht auch die Titelfigur, Violetta Valéry, auf. Man sieht sie also bei ihrer Arbeit als Prostituierte, als Kurtisane. Ein paar Augenblicke des Nachdenkens, dann ein kurzer Anfall wegen TBC, Violetta sucht schnell nach den Tabletten, die sie mit einem Schluck aus einem Sektglas hinunterspült. Ob es Sekt oder Wasser ist, was im Glas war?

Doch das Leben ist eine einzige Party und die geht fast nahtlos weiter. Plötzlich stürmen die Gäste Violettas Salon und alle Schwäche ist vergessen. Sofort ist Violetta auf den Beinen, trägt ihr Kleid, ist Mittelpunkt der Gesellschaft. Bezeichnend ist, dass alle Gäste, also der Chor, immer schlüpfrige Kleider tragen: Strapse und nur ein Netzkleid oder ein Netzhemd darüber. Ein schwules Paar darf sich sogar mal küssen, während eine Party sich an die nächste reiht, wird das Treiben immer schriller: Männer in Frauenkleidern treten auf. Hauptsache Vergnügen, das heißt: Trinken, Essen und Sex haben. Dagegen wirkt Alfredo, der ebenfalls zur 1. Party in Violettas Salon stößt, in seinem graublauen Anzug richtig bieder und langweilig. Gerade der soll es sein, der die Gastgeberin Violetta wirklich liebt? Als Prostituierte kann man über derartige Bekenntnisse nur lachen. „Liebe“, die ist flüchtig, der Sex ein Geschäft. Was soll man auch tun als Frau, wenn man nicht heiraten will, oder kann und Geld für seinen Lebensunterhalt verdienen will, da man doch auch keinen Beruf ausüben darf – richtig: Prostitution. Und zwar in der feinen Pariser Gesellschaft, um von und mit ihr leben zu können – in vollen Zügen. Wäre da nur nicht diese im 19. Jahrhundert unheilbare Krankheit…

Violetta schenkt Alfredo eine rote Blume, die er ihr zurückbringen soll, wenn er sie liebt. Im Laufe der Handlung taucht diese Blume immer wieder auf und steht in der Vase, meist links im Bühnenbild. Zuerst lacht sie ihn aus, ihr schriller Gesang übertönt seine Liebesschwüre, die auch nach der Party zu ihr ans Fenster hinauf dringen. Man hört eine Gitarre und denkt sofort an eine italienische Stadt und einen Sänger auf der Straße, der sehnsüchtig zu einem Fenster hinaufschaut: kitschig, aber eben so schön…. Doch dann muss sich Violetta eingestehen, dass sie doch etwas für diesen Fremden Alfredo empfindet…

Wie in anderen Geschichten wie „Aschenputtel“ oder „Pretty Woman“ auch versucht die Hauptfigur, ihrer Vergangenheit zu entfliehen und ein neues Leben, ein geordnetes Leben zu beginnen: zusammen mit Alfredo zieht sie aufs Land. Jetzt trägt Violetta kein dünnes Spitzenkleid mehr, sondern einen roten Hosenanzug mit Hochsteckfrisur: wie eine moderne Geschäftsfrau. Lustiger Einfall: Alfredo leger in Hemd und Unterhose, wie er Fußball im Zimmer spielt – wohl auch als fußballfreundliche Geste an Dortmund gedacht. Alles scheint gut zu werden.

Auch weiter entfernt von der Stadt gelten jedoch die selben gesellschaftlichen Regeln. Eine ehemalige Prostituierte als Schwiegertochter – das darf nicht sein. Germont, Alfredos Vater kommt auf den Landsitz und versucht durch Schmeicheleien und scheinbar gute Ratschläge Violetta dazu zu bringen, dass sie sich von Alfredo trennt. Klar geht es Germont nur um die Familienehre, was aus Violetta wird, ist ihm völlig egal. Resigniert erkennt diese: „Gott vergibt, aber die Menschen nicht.“ Der Gipfel des Hohns und der Selbstverliebtheit ist dann, wenn Germont gar behauptet, Gott selbst hätte ihn geschickt und Violetta solle ein Engel für seine Familie sein. „Engel“ wohl deshalb, weil sie wegen der Tuberkulose sowieso bald sterben wird? Nein, Germont geht es nur um seinen Sohn Alfredo aus gutem Hause. Dadurch, dass er Violetta die Ohrringe abnimmt und auf den Boden wirft und die Haarnadel von ihrem Kopf rauszieht, demontiert er die Person Violetta innerlich und äußerlich. Durch die Rückgabe der roten Blume an Violetta besiegelt Germont symbolisch im Voraus das Ende der Liebe zwischen ihr und seinem Sohn. Grausam, wenn Eltern und die Gesellschaft über die Gültigkeit und den Fortbestand einer Liebesbeziehung zu bestimmen haben. Die Spitze seiner Verachtung ist dann seine körperliche Annäherung, als Germont Violetta am Busen anfasst: Schließlich ist sie nur eine Prostituierte, da kann man das ruhig machen; keine Frau, die man wirklich ernst nehmen oder gar achten muss. In dieser Geste wird auch die Doppelmoral und Verlogenheit einer Gesellschaft deutlich: Einerseits verachtet man Prostituierte und will sie nicht als Schwiegertochter oder Freundin haben – gleichzeitig ist es genau die Gesellschaft, die auf das Vergnügen und die erotischen Abenteuer, die die Dienstleistungen einer Prostituierten versprechen, nicht verzichten will.

Doch selbst der geliebte Alfredo ist nicht ganz so rein in seinem Verhalten, wie er es selbst sein möchte: Die Tatsache, dass er vom Landsitz aus nach Paris fährt, um Geld zu beschaffen, weil Violetta all ihren Besitz zur Finanzierung des Landlebens verkauft hat, zeugt von dem Zwang, die eigene Ehre zu erhalten, anstatt sich dazu „herabzulassen“, eine Gabe anzunehmen. Heute wäre es üblich, bzw. würde man es erwarten, dass beide Partner etwas zum gemeinsamen Leben beitragen.

Germont erreicht das, was er haben will: Violetta schreibt Alfredo einen Brief, dass sie ihn nicht mehr liebe und bricht sofort nach Paris auf, um nun doch die Einladung der „Freundin“ Flora anzunehmen. Man leidet als Opernbesucher-/in fast mit, wenn Violetta diesen Brief schreiben muss.

Auf der Party von Flora hat Alfredo Glück im Spiel und gewinnt eine Runde nach der anderen – was dem scheinbar neuen Lover von Violetta, den Grafen Duphol, der gerade mit Violetta am Arm in den Salon kommt, vor Eifersucht noch verärgerter macht: Alfredo soll gegen ihn, Duphol spielen. Und Alfredo gewinnt wieder. Aus Wut wirft er das gewonnene Geld Violetta vor die Füße: Die Partygäste sind geschockt. Obwohl jeder die Prostitution in Anspruch nimmt, gilt es als absolutes No-Go, eine Prostituierte öffentlich zu bezahlen. Wieder ein Zeichen der Doppelmoral einer Gesellschaft.

So sehr wie Violetta das Kurtisanen Leben mit seiner Freiheit genießt (Arie, bei der sie ihre einzelnen Kleider vom Bügel nimmt und einen großen Reifrock schließlich anzieht), so sehr merkt man, dass sie zwar bekannt und gefragt, aber nicht geliebt ist: bei jeder Party in der Mitte der Feiernden, aber auch hin- und hergeworfen von den Gästen. Wenn sie ihre TBC-Anfälle hat, ist meist niemand bei ihr außer ihrer Dienerin Annina. In der Sterbeszene ist niemand der sogenannten Freunde bei ihr, die sonst mit ihr gefeiert haben. Die Festgesänge vom Karneval, die in ihr Krankenzimmer dringen, mag sie gar nicht mehr hören, sie hält sich die Ohren zu. Das Kleid, das sie wieder anzieht, wirkt wie ein Totengewand. Wohl um noch ihren Frieden mit der Welt zu machen, vergibt sie den noch auftauchenden Germont, auch Alfredo kann sie noch ade sagen, bevor sie sterben muss – ohne Rührseligkeit ist diese Sterbeszene so schön gespielt und gesungen, dass man als Opernbesucher-/in einfach mitgenommen sein muss. So schön sterben… und auch noch dazu singen… bemerkenswert ist, dass Violettas letzte Worte nicht „ich liebe dich oder Ähnliches lauten, sondern „ich fühle neues Leben…“ – ein Zeichen, dass sie nun bereit ist, in die ‚andere Welt‘, das Totenreich, hinüberzugehen.

In der Inszenierung am Opernhaus Dortmund wirkt nie etwas zu überladen, weil die Wände so schmucklos sind; dies stört jedoch in keinster Weise, im Gegenteil: Die Sänger und Sängerinnen sind so gut in Form, dass jeder Ton sitzt. Die Musik füllt das aus, was an den Wänden sonst Bilder und Schmuck wären. Es macht Freude, allen Beteiligten zuzusehen und zuzuhören. Allerdings hätten die Partygäste nicht unbedingt alle Strapse und Netzkleider tragen müssen – das war schon etwas zu viel, um ein vergnügungssüchtiges Publikum darstellen zu wollen. Die Prostituierte selbst, Violetta Valéry hingehen trägt nie Strapse und Netzkleider – was ihre Rolle als die „Gefallene“ (Prostituierte) und gleichzeitig als Frau, die so gerne zur Gesellschaft gehören möchte, genau diese Ambivalenz, aufzeigt. Es nützt eben nichts, wenn man nur beliebt ist – man muß auch geliebt werden.

La Traviata, Oper von Giuseppe Verdi am Opernhaus Dortmund, Musikalische Leitung: Philipp Armbruster.

Termine: http://www.theaterdo.de/detail/event/16133/

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