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4. Philharmonisches Konzert im Konzerthaus Dortmund

Titel: „beziehungs_weise“ in der Serie Philharmonische Konzerte „liebes -gefühl -rausch“

Selten, dass ich in ein Konzert eher „reinstolpere“ als dass ich mich wirklich vorbereite, d.h. ich schaue vorher noch mal nach, was auf dem Programm steht und kaufe mir dann auch eines. Leider dauert der Kontowechsel immer „2-3 Bankarbeitstage“ wie es so schön aus dem Mund der in „meiner“ Bank arbeitenden, dürren Angestellten heißt (schlank ist was anderes. War übrigens bei der Schwesterbank schon so, was mich schon verwirrt und auch kopfschütteln läßt. Als ob kräftigere Frauen diese ARbeit nicht machen könnten… Eine Diskriminierung ist diese Einstellungspraxis allemal. ist mir übrigens egal, welche Figur Bankmenschen jeden Geschlechts haben, solange sie einigermaßen fair zur Kundin sind!) Diese blöde Lappalie der „Bankarbeitstage“ hat zur Folge, dass ich mir heute eben kein Programm kaufen konnte.

Schade. Aber gut, daheim bleiben und schmoren wäre auch Blödsinn.

An sich sollte Clara Schumanns Klavierkonzert in a-moll erklingen, der Solist war aber erkrankt und es wurde die Tragische Ouvertüre d-moll von Johannes Brahms gespielt. Beim Wort „tragisch“ denke ich zuerst an leise, klagende Töne. Nichts da bei Brahms´ Musikstück: laut und fordernd, anklagend kommt die Musik der „Tragischen Ouvertüre daher. Es wäre spannend zu wissen, wozu diese Ouvertüre geschrieben wurde. Klage kann auch laut sein, polternd, fordernd.

Das Klavierkonzert in a-moll (interessant, dass beide Eheleute Schumann die selbe Tonart gewählt haben) von Robert Schumann wurde mit der Solistin Martina Filjak gespielt. Ist natürlcih erfreulich (und das Publikum erwartet das wohl auch), dass jemand einspringt. Ich habe ihr auch gern zugehört, jeder Handgriff am Klavier hat gesessen. Aber pardon… an der Kleidung muß ich heute ausnahmsweise mal Kritik üben. Es ist wichtig und gut, dass jede(r) die freie Wahl bei ihrer oder seiner Kleidung hat. Allerdings setzt sich eine Solistin oder ein Solist bei bestimmter Kleidung dem Vorwurf aus (so mein Eindruck), sie oder er würde das mit einer bestimmten Absicht tun. Es gibt da eine schon ältere Geigerin, die gern auch als Werbeträgerin für die Spende-Bettelaktion eines Radiosenders in Bayern auftritt. Diese Madamm (ich schreibe das Wort absichtlich falsch) trägt immer schulterfrei. Schade, dass man nachher selten die „Geigenküsse“ , d.h. rote Flecken von der Druckstelle der Geige, die es IMMER am Hals gibt, nicht sieht. Dieses schulterfreie Kleid-Tragen, das regt mich auf. Was soll das?? Soll das schick sein oder schön?? Ich find´s einfach nur lächerlich. Ich habe einmal als Hobby-Orchestermusikerin eine Solistin – auch mit Geige – erlebt, wie sie völlig radikal mit legerer Samthose und buntem Samtoberteil reinkam und spielte; eine Art Overall, den man, so erwartet man es, eigentlich nur zuhause tragen würde. Sehr mutig. Weg vom Frauenkleider-Schick-und-schön-sein-müssen-Wahn.

Die Solistin des heutigen Abends hatte einen sehr tiefen Ausschnitt mit Spitze an. Welch Glück, dass die Natur sie von größerem Elend am Körper verschont hat, sonst könnte man sowas gar nciht tragen! Bei aller Freiheit der Kleiderwahl halte ich es für absolut unangemessen, eine solch tiefen Ausschnitt mit Spitze noch dazu zu tragen, dass man den Brustansatz sieht. Muß das sein?? Man kann nur hoffen, dass männliche Kritiker und Besucher bei aller Freude an der Musik einen kühlen Kopf bewahren. Und männliche Konzertbesucher? Gehen die (fast) nur wegen dieser doch recht freizügigen Kleidung rein? Reicht wohl das Geld für den Blähboy nicht, was?? (ach so, ich vergaß, dass keine Musik losgeht, wenn man dieses „Magazin“ aufschlägt).  Es wäre unfair allen anderen Solist-/innen gegenüber, diese Art von Kleidung dafür zu benutzen, um mehr Applaus, mehr Erfolg zu generieren!

Ah übrigens, wenn das so ist: ich wünsche mir beim nächsten männlichen Solisten dann ein Netzhemd mit tiefem Ausschnitt (Haare auf der Brust sind egal). Und bitte ein Spitzeneinsatz statt geschlossenes Hosentürchen. Auch heterosexuelle Frauen wollen was zum Glotzen haben. Haha.

Wohlgemerkt: ich wünsche mir auf keinen! Fall die erstickenden Hemd- und Kleiderkrägen der Kaiserzeit zurück!

So, genug über Nebensachen (die aber viel ausmachen) gelabert.

Zum wichtigsten, der MUSIK.

Martina Filjak beherrscht das Instrument, keine Frage. Nuancen bei der Lautstärke werden vielfach ausgeleuchtet, allerdings hätte es nicht gar soviel verzogener, verzückter oder seufzender Gesichtsausdrücke bedurft, man glaubt ihr auch so, dass sie in der Musik „drin“ ist.

 

Was mich wirklich mitnahm und ins Herz ging war Johannes Brahms´ 3. Symphonie in F-Dur op. 90. Schon nach den ersten paar Tönen wußte ich: das Stück kennst du. Aber im Radio wirkte es nicht, eher schaltete ich ab, weil ich von der Wucht, mit der der erste Satz daher kommt, überfordert war. Live war es ganz was anderes.

Ich konnte meine Gedanken schweifen lassen, die ebenso von Zweifeln, Sorgen und Verbitterung/Traurigkeit durchdrungen waren wie die Musik es war. Der erste Satz kommt wieder wie eine laute Anklage daher. Der 2. Satz: ruhiger, von goldener Farbe. Am Anfang ist es wie ein Morgen, an dem langsam die Sonne aufgeht, bis sie in vollem hellen Glanz steht. Dafür sorgen die Streicher ebenso wie die Hörner (aaah, bei Hörnerklang muß ich auch immer an den Wald denken 🙂 Tiere, die im Wald leben, tauchen auf, z. B. Vögel (Flöten) oder Hirsche, Rehe (tiefe Streicher), manchmal hüpft auch ein kleineres Säugetier am Waldboden herum (leisere Geigentöne, ich meine, Pizzicato war noch dabei). Den großen Auftritt haben im 2. und im letzten Satz die Celli, meine absoluten Lieblinge. So ein voller, schöner Klang, nicht so piepsig wie die Piccolo oder manchmal auch die Geigen.

Der Tag schreitet voran, er ist hell, erfüllt von Freude über die Zeit, die man gemeinsam mit den Freunden oder/und  dem/der Liebsten verbingen darf, bevor man beim Sonnenuntergang Abschied nehmen muß. Doch der wohlige, satte schöne Klang der Abendsonne durch die Celli verspricht Hoffnung auf ein Wiedersehen, man muß nicht so traurig sein beim Abschied. In Frieden kann man nach Hause zurückkehren und zu Bett gehen.

 

Doch das Leben geht weiter.

Ein neuer Tag bricht an, düsterer, lauter, der 3. Satz. Nicht alle, aber doch die meiste Hoffnung erfüllt sich nicht. Durch die Melodie in den Geigen, die an ein Hin und Her erinnert, als ob man zuhause ungeduldig wartend dort sitzt, dann wieder aufsteht und hin- und hergeht, weil der sehnlich erwartete Mensch einfach nicht kommen will. Eine nicht ganz so laute, aber doch deutliche Klage an das Leben, an die Zustände, vielleicht auch an die Gesellschaft, die manches nicht zuläßt, was man sich selbst so dringend wünscht: die Verbindung zu eben diesem jenen fernen geliebten Menschen.

Der 4. Satz knüpft in seinem Wesen an den 1. Satz an: die laute, polternde Klage dominiert. Nur wenig Trost gibt es, nur wenig Hoffnung. Bei einigen Stellen mußte ich an Dvorak denken. Mit einem Unterschied: bei Dvorak wird man mit einer Hoffnung entlassen, die hier bei Brahms fehlt. Dennoch: ein wunderschönes Stück Musik. Gut auch, dass das Publikum (im Gegensatz zu verg. Sonntag) noch ein paar Sekunden gewartet hat, bevor der begeisterte Applaus losging. So ein Stück muß eben wirken, die Spannung muß da sein und man muß sie zulassen. Ich konnte nachher auch nicht sofort klatschen, weil ich von der Musik so mitgenommen war.

Wie schön, hier solch ein gutes Orchester zu haben. Von Thüringer Orchestern war ich meist enttäuscht (schlechte Finanzierung macht wohl auch Frust und damit schlechtes Spiel aus).

Manchmal frage ich mich auch, wieviel Anteil die Musiker-/innen an Freude und welchen sie an „naja, ist halt meine ARbeit“ haben. Eine frühere Dirigentin meines alten Chores in J., die jetzt die dortige Philharmonie dirigiert sagte einmal: „Am Montag bekommen die frische Noten auf´s Pult, dann wird die ganze Woche geprobt und am Freitag ist Konzert. Das war´s dann. Am nächsten Montag von vorn.“ Verliert man dabei durch Routine die Freude an der Musik? Oder wie schafft man es, sich einen Teil Freude, Gefühl, Mitgenommensein zu bewahren, trotz aller notwendigen Professionalität?

Das wäre mal spannend zu erfahren.

 

 

 

 

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