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3. Philharmonisches Konzert der Dortmunder Philharmoniker am 10.11.2015

Die kindliche Lust am Lärmmachen – das kam mir in dem Sinn, als ich der Solistin  des Abends, Evelyn Glennie, zusah. Sie ist die Solistin des Schlagzeugkonzertes „Der gerettete Alberich“ von Christopher Rouse (*1949), das Konzert wurde extra für sie geschrieben. Schnell kommen Vorurteile auf, dass Schlagzeug doch nichts besonderes sei, das sei nur Krach, die Percussionisten keine echten Musiker, weil sie eben nur draufhauen können. Aber halt: Percussion bedeutet nicht nur draufhauen können! Rhythmus und Fingerfertigkeit sind gefragt.

Schlagzeugkonzerte sind was Seltenes, denn Schlagwerk spielt meist nicht die Hauptrolle in der Musik für Orchester. Mächtig viel Schlagwerk ist bei diesem Konzert auf der Bühne aufgebaut: ganz links liegen auf dem Boden mehrere Guiros, eine Art Holzratsche, die mit einem darüber gestrichenen Stab gespielt werden (ratterndes, knatterndes Geräusch). Dazu muß sich die Solistin bücken… Evelyn Glennie macht das mit einer Ruhe und ohne Schwierigkeiten, als dass ihr z. B. ihre langen grauen Haare irgendwie im Weg wären… Bemerkenswert auch, dass sie komplett barfuß auf der Bühne umhergeht!  Wohl, um den Rhythmus noch mehr zu spüren, weil ihre Ohren selbst kaum was hören, seit dem 12. Lebensjahr ist dies schon so. An sich ist es einem sonst unangenehm, wenn man auf einer Fläche steht und diese vor Musik/Rhythmus bebt… Die nackten Füße  fallen nur nicht weiter auf, weil sie weit geschwungene Hosen trägt. Neben den Guiros Bongos, Tom-Toms, Timbales…. auf der rechten Seite neben dem Dirigentenpult (vom Publikum aus gesehen) ein Marimbaphon und bei der letzten ‚Station‘ ein Drumset wie bei einer Rockband oder BigBand. Und daneben ganz am Rand noch eine Art Metallschüssel, die an zwei Fäden hängt: Steel Pan. Wenn man darauf mit Stöckchen schlägt, erinnert das an Calypso, an Hawaii. Während der Aufführung muß die Solistin immer wieder hin- und hergehen, um die einzelnen Schlaginstrumente zu spielen; obwohl man ihr einmal ansieht, wie ihre Hand vor Aufregung zittert, kommt dennoch auf der Bühne keine Unruhe auf. Die Orchestermusikerinnen und -musiker lassen sich nicht aus der Ruhe bringen; nur im letzten Teil mehrkt man, dass Solistin und Orchester nicht ganz im Takt sind (bei der Passage, die nach BigBand klingt).

Ah und dann sind da natürlich noch die drei Schlagwerker im Orchester selbst: die Pauken, einerder die Glockentöne mit dem Hammer anschlägt und einer mit Glockenspiel, Gong und einer Metallwand, die immer wieder mal geschüttelt  wird, so dass es ein blechernes Geräusch gibt. Wenn alle drei und die Solistin zeitgleich aktiv sind und durch das zurückgenommene Orchester mehr zu hören sind dann wirkt es wie das, was ‚Konzert‘ bedeutet: ein Wettstreit. Allerdings einer, bei dem man schmunzeln muß. Hier geht es nicht darum, den andern fertig zu machen, sondern darum, miteinander zu spielen. Und das klappt erstaunlich gut! Am schönsten ist es, wenn Orchester und Schlagwerk direkt in Dialog treten: ganz deutlich merkt man das beim Klang des Marimbaphons mit der Harfe. Das hätte noch ein paar schöne Takte so weitergehen können….

Als Thema hatte Komponist Christopher Rouse die Geschichte aus Richard wagners „Nibelungen“ als Vorlage genommen. Die Figur Alberich wird in der Oper „Das Rheingold“ von den Rheintöchtern verspottet, all seine Mühe nützten nichts.  Schließlich schmiedet er nicht nur den Unheil bringenden Ring, sondern verflucht auch die LiebeIm Laufe der „Fantasie für Solo-Schlagzeug und Orchester“ wie das Konzert auch genannt wird, werden Motive aus allen Teilen des „Rings verwendet, Rouse beginnt mit dem Ende der „Götterdämmerung“, der Solistenpart ist Alberich, der – musikalisch gesehen – auf die Bühne stürmt. Die Musik schwillt im letzten Satz immer mehr und mehr zu einem bedrohlichen Sturm an, das Drumset wird heftigst traktiert, alles ist in Bewegung – ein Höllenlärm. Und dann plötzlich: fast Stille. Am Ende sind nur noch die Kontrabässe zu hören. Entgegen jeden Vorurteils mit sauberem, leisen, schönem Klang, kein Knarzen und Kratzen stören diesen Schluß. Laut und leise bestimmen das Konzert, mit vielen Nuancen – das macht es so spannend, zuzuhören. Die Guiro, die das Konzert begonnen hat, beschließt es auch wieder. Alberichs Wüten hat ein Ende.

Als Zugabe machte Evelyn Glennie eine Ansprache ans Publikum – sehr erstaunlich für jemanden, der/die nicht hört. Denn wer nciht hört, der spricht meist nicht, auch wenn die Sprechwerkzeuge in Ordnung sind, ganz einfach, weil er/sie ncihts hört. Es folgte ein Solo auf der Snaredrum, das Instrument, dass sie nach eigener Aussage mit auf eine einsame Insel nehmen würde…. dabei lotet sie alle Spielmöglichkeiten aus, die es bei einer Trommel gibt: verschiedene Haltungen der Sticks, mit verschiedenen Teilen des Sticks auf die Membran schlagen, das ergibt jedes Mal ein anderes Geräusch. Nichts, dass man sich stundenlang anhört – aber im Zusammenspiel mit dem Orchester ein insgesamt lohnenswertes Konzert! Am Ende gab es höflichen Applaus, auch ein paar begeisterte waren wohl dabei, auch einige Buh-Rufe. Als Solistin wirkt Evelyn Glennie auch nicht überheblich. Sie spricht mit dem Publikum und geht am Ende zu den Percussionisten im Orchester und bedankt sich für das Zusammen-Spielen.

Umrahmt wurde das zugegeben doch schräge Schlagzeugkonzert von Richard STrauss´Tondichtung über den größten Schürzenjäger der Geschichte, „Don Juan.“ Naja, wer Strauß mag. Für die Dauer dieser Tondichtung ist seine Musik ok, ein paar schöne Passagen sind zumindest dabei.

Am Ende nach der Pause gab es Beethovens 7. Symphonie. Jetzt würden auch die Kritiker-/innen des Schlagzeugkonzerts milde gestimmt und friedlich in den Abend entlassen…Es war wunderbar, diese Musik mal live statt nur von CD zu hören. Ich entdeckte manches, was ich beim CD-Hören überhört hatte… Im Programmheft sind außerdem ein paar interessante Details zu lesen, dass die Uraufführung dieser Symphonie den Gefallenen der Napoleonischen Kriege gewidmet gewesen war (daher der 2. Satz als eine Art Trauermusik). Auch soll dieser 2. Satz Beethovens Trauer über eine verlorene Liebe zeigen; einer Frau, der er sehnsuchtsvolle briefe geschrieben haben soll, deren Identität aber bis heute nicht geklärt ist.

Das Orchester spielte wunderbar – aber ich wurde während der ganzen Symphonie und danach den Eindruck nciht los, dass die Musikerinnen und Musiker mit diesem Dirigenten Mario Venzago irgendwie nicht können. Da wird schon öfter mal grimmig zum Dirigenten geschaut oder genervt oder gleichgültig oder gelangweilt die Noten angesehen beim Spielen. Venzago jedoch macht unverzagt weiter, manchmal wirkt es fast zum Lachen, weil er sich gar so weit vorbeugt um den Celli den Einsatz zu geben oder ihnen zu sagen, wie sie spielen sollen. Gehört hat man diese scheinbare oder tatsächliche Unstimmigkeit zwischen Dirigent und Orchester aber nicht. Das sind eben Profis…

verführungs_kunst: 3. Philharmonisches Konzert im Konzerthaus Dortmund.

Weitere Aufführung: MIttwoch, 11. November, 20 Uhr.

https://www.konzerthaus-dortmund.de/de/programm/konzertkalender/100221140/

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