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„Kiss me Kate“ , Musical von Cole Porter am Opernhaus Dortmund

Was tun gegen schlechte Laune, Unzufriedenheit und Einsamkeit? Man muß nicht gleich zur/zum Psychologen(in) gehen. Sondern ins Theater. Erst gestern hatte ich in der Redaktionskonferenz von terzwerk mitbekommen, dass manche Vorstellungen des Theaters Dortmund kostenfrei für Studis der TU sind. Ich staunte nicht schlecht. Musical ist an sich nicht so mein Fall; die ich bisher gesehen hatte („The last five years“ am Stadttheater Fürth langweilten mich. Keine Frage, dass die beiden Schauspieler, eine frau und ein Mann, dennoch was geleistet haben. Auch wenn ein Musical selten den inhaltlichen Tiefgang bietet den eine Oper hat ist es schon bewundernswert, wie jemand singen und tanzen kann, ohne dabei sich anmerken zu lassen, dass man außer Atem ist. Ablenkung vom Alltagsfrust hatte ich heute dringend gebraucht; und da kam mir Cole Porter mit „Kiss me Kate“ grade recht. So wie es zu Beginn heißt: „forget your present, forget your past.“ Genau das wollte ich heut abend tun. Und es wurde mir im Opernhaus Dortmund an diesem Abend nicht langweilig. Trotz der fehlenden inhaltlichen Tiefe.

Schon zu Beginn macht die Musik einfach Spaß. Ich möchte grad aufstehen und mittanzen, Hände und Füße wippen sowieso mit. Ein Orchester, das gut spielt und Spaß an der Musik hat und mit dem , was auf der Bühne geschieht, gut harmoniert. Das „Spiel im Spiel“ (im Musical „Kiss me Kate“ proben Schauspieler-/innen Shakespeares „Der Widerspenstigen Zähmung) sorgt für zusätzliche Gags. Bill Calhoun (gespielt von Josef Hofmann) soll Baptista Minola, den Vater der beiden ledigen Töchter spielen. Der große Kragen und seine Kleidung verleihen dieser Figur immer etwas tollpatschiges. Erst recht, weil seine widerspenstige Tochter Katherina, wenn sie neben ihm steht, größer als er ist.

Spiel im Spiel: In Baltimore also finden die letzten Proben einer fahrenden Theatertruppe statt. Sie wollen „Der Widerspenstigen Zählmung“ von William Shakespeare aufführen. Regisseur, Hauptdarsteller und Ex-Mann Fred und seine Ex-Frau Lilli Vanessi streiten sich privat wie auf der Bühne; Lilli hat passenderweise auch noch die die Rolle der widerspenstigen, grantigen, immer wütenden Katherina in Shakespeares Stück inne. Ein an Lilli falsch zugestllter Liebesbrief von Fred  an seine neue Flamme Lois sorgt zusätzlich für Lillis Zorn. Die Fortsetzung der Vorstellung ist gefährdet… noch dazu tauchen zwei Gangster im Nadelstreif auf, um Spielschulden (angeblich von Fred) einzutreiben. Es ist herrlich witzig, wie die beiden in bester Wiener Schmäh, auf Österreichisch reden – fies, frech, boshaft und mit rauhem, fordernden Charme. Der Inspzizient Ralph kann einem fast leid tun bei dem chaotischen Chef, damit die Organisation dennoch noch glatt läuft…

Mit der Treue, da nimmt es in dieser Theatertruppe niemand so wirklich ernst. Dafür ist es ein Musial, das Theater, das Illusion bietet. Das, was im wahren Leben nicht ist und auch keinen (langen) Bestand hätte. Wie Nedime Ince als Lois Lane singt: „I love you in my own way.“ Wenn eine Affäre ums Eck kommt, die Diamant-Armbänder oder schöne neue Kleider verspricht – warum sollte Lois als  arme Theaterschauspielerin nein sagen? Sie ist kein Kind von Traurigkeit und will den Sex auch nicht nur wegen der versprochenen Geschenke haben. Über negative Folgen von Affären reden wir mal nicht… dafür ist es ein Musical. Die Tanzeinlagen und Gesang sind jedes Mal ein Genuß für die Zuschauer-/innen.

Allerdings fällt auf, dass nur die weiblichen Darsteller in Strapsen tanzen und im Rampenlicht stehen, nur am Rande sieht man manchmal einen nackten männlichen Oberkörper.

„Kiss me Kate“ – das ist nicht „nur“ guter Swing und das sind nicht nur tolle Tanzeinlagen, das ist auch das ewige Spiel zwischen den Geschlechtern, warum man sich nicht mehr versteht, warum Frau „plötzlich“ so kratzbürstig und boshaft ist. Gerade letzteres hat mir gut gefallen: Shakespeares Figur „Katherina“ , wie sie „I hate men“ mit einer Vehemenz singt und sogar dem Dirigenten den Stab aus der Hand reißt. Und sie fragt, wozu die Männer überhaupt da sind, denn sie würden doch nur Ärger in Form eines Kindes bringen, nur sie hätten Spaß beim Sex, bzw. geht es nur um sie, die Männer und ihre sexuelle Lust. Wie zeitlos und wahr das ist! Erst vor kurzem wurde wieder irgendein seltsames Medikament vorgestellt, dass lustlosen Frauen zu mehr Freude am Sex verhelfen soll. Sieht man sich die Sache genauer an, geht es gar nicht um die Lust der Frau sondern allein darum, möglichst immer dem Mann als Sexpartnerin zur Verfügung zu stehen. Pfui Deifl! Nein, nicht mit uns!

Hinter der Bosheit und Kratzbürstigkeit der Figur „Katherina“ in „Der Widerspenstigen Zähmung“ kann Enttäuschung über die Nicht-Anerkennung ihrer selbst stecken, auch fehlendes Geliebt-Sein (nicht im Sinne von Sex).

Die „Lösung“ , um Katherina klein zu kriegen und gefügig zu machen, sind für ihren Verehrer Petruchio (Figur Fred) Schlaf – und Nahrungsentzug. Nach heutigen Maßstäben wäre der Ehemann Petruchio nicht nur ein notgeiler Arsch und Schürzenjäger, sondern auch ein Folterer, ein Straftäter. Katarinas Bekenntnis dann, daß doch von Frauen nichts Böses kommen könne und Frauen nur zur Versorgung und Freude des Mannes da seien: hätte man die Theaterbesucher-/innen gefragt, hätten viele diesen Sexismus verneint. Auf der Musical-Bühne gibt es nur Illusion. Also Hirn ausschalten und nur genießen? Leider können wohl viele Rezipient_innen dennoch Dichtung und Realität nicht auseinanderhalten. Sieht man sich die Wirklichkeit an, existieren diese höchst fragwürdigen Zustände, werden gelebt und nicht hinterfragt. Es ist ein Skandal, dass bis heute im 21. Jahrhundert immer noch die meisten Frauen allein für Kinder und Haushalt da sind und höchstens Teilzeit oder in schlecht bezahlten Jobs arbeiten. Nicht anders funktioniert leider auch die Wirtschaft in Deutschland weil viele ARbeitgeber davon ausgehen, dass die Frau zuhause bleibt oder höchstens Teilzeit arbeitet. Nein danke, sage ich da nur.

Klar wäre es Quark, jetzt das Theater zu beschimpfen, sie würden ein frauenfeindliches Stück spielen. Theaterstücke sind immer ein Spiegel ihrer Zeit. Die Entstehungszeit von Cole Porters „Kiss me Kate“ war eine frauenfeindliche Zeit., die nur mit schönen Farben und Glanz von Konsumgütern übertüncht wurde. Jede Theaterbesucherin und jeder Theaterbesucher ist aufgefordert, bei allem Spaß an der Musik, dem Tanz und den bunten Kostümen die untertänigen Worte der Figur Katharina zu reflektieren, um im Leben, in der Realität Ungerechtigkeiten und sexistischen Vorurteilen (vor allem gegenüber Frauen) entgegenzuwirken oder gar nicht zuzulassen.

Kiss me, Kate , Musical von Cole Porter, Theater Dortmund. Weitere Vorstellungen: http://www.theaterdo.de/detail/event/16026/

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