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TRÄUM VOM MEER. Das Sommerkonzert des Psycho-Chores der Universität Jena am 18. Juli 2015

Den ganzen Tag eine feuchte Hitze, immer hat man einen feuchten, lästigen Film auf dem Gesicht… auch das ist Sommer. Keine gute Voraussetzung für gleich 2 Konzerte an einem Tag. Doch der Psycho-Chor der Universität Jena hat es ganz gut geschafft. Am Freitag in Berlin, trat dieser Chor am Samstag den 18. Juli um 16.30 Uhr und 20 Uhr im Volksbad Jena auf.

Das „Volksbad“, das in Nürnberg leider ein trübes Dasein als leerstehendes, verfallenes Gebäude fristet (einziger öffentlicher Besichtigungstermin in letzter Zeit: https://www.youtube.com/watch?v=TLxGQcEAlzI ), hat die Stadt Jena einen Veranstaltungsort daraus gemacht. Besser als leerstehend und verfallend, ja. Aber von der einstigen möglicherweise kühlen und frischen Atmosphäre ist nichts mehr zu spüren. Daran können auch die schönen muschelförmigen Ornamente am Eingang nichts ändern.

Kaum ist man oben, spürt man die Wärme. im Veranstaltungsraum, der ehemaligen Bade-Halle, ist das Becken mit einem glatten Metallboden belegt. Kein gutes Gefühl, das erinnert irgendwie an Schlachthaus. Aber weil die Stühle darauf stehen, fällt es nicht so auf. Der silbern glänzende Metallboden ist das einzig kühle im ganzen Raum (sieht man von den hochpreisigen Getränken an der Bar ab). Zunächst ist die Wärme aber egal, ich setze mich hin und freue mich auf das, was kommen wird. Hier und da begrüßen Chormitglieder Leute aus dem Publikum; das ist eben Jena, da kennen viele sich und als Chorsänger_in freut man sich ja auch, wenn Freunde, Kollegen oder eventuell auch Verwandte kommen. Das ist schön zu beobachten, auch schön, es selbst zu erleben (denn über die meisten Gäste freut man sich ja.

Die Sängerinnen und Sänger treten auf. Sie bleiben im Halbkreis um das Publikum herum stehen, die Bühne ist noch dunkel. „Evening Rise“ gibt es zur Eröffnung – ein schöner Anfang für ein Konzert. Als der Chor auf die Bühne tritt, fällt mir auf, dass die Sänger und Sängerinnen ihr Outfit geändert haben: ich kenne die Damen noch mit bunten , um Hals oder Körper geschwungenen Tüchern, die Herren mit Krawatte… heute trägt nur der Chorleiter eine rote Krawatte, die Herren tragen einfarbige Fliegen in verschiedenen Farben. Die Damen haben bunte Blumen im Haar oder an der Jacke. Das ist grundsätzlich eine tolle Idee, das für Musiker_innen übliche Schwarz aufzuhellen, schöner zu machen, weniger trist. Das ist grundsätzlich eine tolle Idee, das für Musiker_innen übliche Schwarz aufzuhellen, schöner zu machen, weniger trist. Allerdings: zwei verschiedene Farben hätten gereicht. So wird es etwas arg bunt.

Bunt ist auch die Musikmischung, die der Psycho-Chor Jena bei seinem Sommerkonzert „Träum vom Meer“ bringt. Pop, ein Stück jüdische Musik, ein Stück Renaissance, Gospels… fast zuviel des Guten. Spaß macht das Zuhören allemal, allerdings blieben ein paar Wünsche offen.

Das Thema Sehnsucht nach dem Meer kann nur wirklich der Song „Westerland“ vo Farin Urlaub ansprechen. Wär ich doch auch gern bald wieder am Meer, an der Nordsee!  Bei „Stand by me“ von B.E. King wundert man sich, warum die Sängerin nur bei einer Strophe ein Solo singen darf – die Stimme war so schön, dass man erwartet hätte, sie würde öfter allein singen. Ein großes Lob muß der Rhythmusgruppe (meist die Tenöre und die Bässe) ausgesprochen werden! Trotz minimaler Unsicherheiten haben sie fast immer durchgehalten…und der Rhythmus ist für jeden guten Song wichtig. Mit dem Kontrast von „Stand by me“ zu einem deutschen Volkslied wie „von den zwei Hasen“ ist man zunächst überrascht; der Überraschungsmoment zum Ende des Stücks gelingt jedoch. „Deutscher Meister“, im Original von den Wise Guys, na das ist eben was für Fußballfans. Für dieses Lied gab es den meisten Applaus. So populär ist Fußball, auch wenn es nur die 4. Liga ist….

Der Psycho-Chor ist bekannt dafür, dass sein Repertoire hauptsächlich im Bereich der sogenannten Unterhaltungsmusik liegt (Rock, Pop, Gospels u. ä.) Das merkte man auch bei diesem Konzert: Stücke wie „Weep, o mine eyes“ von John Bennet klingen leider recht matt und gleichförmig. Der Chor scheint sich mit derartigen Stücken aus der Renaissance auch nicht wirklich wohl zu fühlen; beim nach Bennet folgendem „ye followers of the Lamb“ singen die Musiker_innen mit mehr Einsatz, die Musik ist überhaupt nicht mehr langweilig.  Als ich „Here comes the sun“ von George Harrison im Programm las, freute ich mich schon sehr auf den Song. Warum „Here comes the sun“ aber von einem kleinen Frauenchor gesungen wird, der noch dazu im Dunkeln steht (WHERE is THE SUN?), der noch dazu recht matt klingt, so als ob man beim Spazierengehen aus einer spontanen Laune heraus das Trällern anfängt… das ist rätselhaft. Der Groove, die Lebendigkeit des Originals kommen bei der Interpretation von „Here comes the sun“ vom Psycho-Chor Jena überhaupt nicht rüber – schade. Das Sonnenschild zum Schluß in der hinteren Chorreihe.. also das hätte wirklich nicht sein müssen. Das wirkt behelfsmäßig so in der Art: tschuldigung, besser können wir es nicht. Eine Wonne hingegen das „Fields of gold“ von Gordon Matthew Summer (Sting)… da möchte man, dass der Chor nicht so schnell aufhört zu singen, so schön kann man bei dem Klang träumen – und das Licht stimmt dabei.

Großen Spaß dürften die Sänger beim Dschungelbuch-Medley gehabt haben… so eine witzige Performance als Affen, Elefanten und was es sonst noch an Tieren im Dschungel gibt… ! Und nein, sie machen sich nicht zum Affen. Der Chor ist immer in Bewegung, so scheint es, steht nicht starr in Wachs gegossen da. Das paßt auch zu den meisten Liedern, zu unruhig wird es nicht. Der Wechsel in andere Tonarten bei einer Wiederholung des Refrains gelingt ohne Schwierigkeiten – sehr angenehm fürs Zuschauer_innenohr.

Auch wenn man das Lied schon kennt, ist „Probier´s mal mit ´nem Baß“ ein Spaß zum Zuhören – und wohl auch zum singen. Die Gruppe von nur wenigen Männern schafft einen guten Groove, der Solist wirkt etwas aufgeregt, er singt nicht ganz frei – dennoch Respekt und Applaus für´s Baß-Solo.  Ob es so „all night long“ weitergeht, wie Lionel Ritchie sang? Die Interpretation dieses Songs hat mir sehr gut gefallen: zuerst das Intro mit Rausch- und Rhythmusgeräuschen (gemacht durch die Herren im Chor) und eine tolle schöne Solostimme. Aber bitte, lieber Psycho-Chor, müßt Ihr am Ende Eurer Konzerte immer die Kitschschublade aufmachen??? So gut und schön wie Eure Popsong-Interpretationen sind… dieses kitschige „Engel“ von Richard Z. Kruspe u. a. hätt es wirklich nicht gebraucht. Es stößt auch sauer auf, wenn gerade die Frauen „wir sind allein und fürchten uns“ als Engel singen müssen – bitte Schluß mit diesem Sexismus, mit diesem Unsinn, Frauen seien immer schwach und Männer stark. Diese Kathegorisierung hilft weder den Frauen noch den Männern. Man kann es auch andersherum betrachten: der Psycho-Chor Jena hat keine Angst vor seichten Stolperfallen. Hoho. Bei dem einen Konzert im Winter in Alt-Lobeda habe ich ebenfalls ein furchtbares „Lied“ in Erinnerung…

Nach einem langen Abend geht das Sommerkonzert mit „Träum vom Meer“ von Daniel Dickopf (Wise Guys) zu Ende (Liedzeile: „Es war ein langer Tag…“). Das „Royals“ von Joel Litile u. a. hätte es danach nicht mehr gebraucht – aber witzig war es allemal.  Die freche und lebendige Moderation von einem Sänger, dessen Name leider im Programm unerwähnt bleibt, ergänzte gut den Abend… mangels Programmhefttext ist eine gute Moderation auch notwendig.

Fazit: vom Schwung und der Lockerheit, die der Psycho-Chor Jena hat, kann sich manch anderer Studentenchor in Jena eine große Scheibe abschneiden, weil er in letzter Zeit gern zu steif und fast schon prüde wirkt. Allerdings würde man sich vom Psycho-Chor mehr Ernsthaftigkeit wünschen, wenn sie Stücke aus der Renaissance singen. Da hilft es nichts, wenn man nur auf die Dynamik (laut/leise) achtet.

Beschwingt mit Musik im Ohr – v. a. mit Farin Urlaubs „Westerland“ – radel ich nachher nach Hause. Wie kühl es draußen plötzlich wirkt…  dabei sind die angekündigten Unwetter (Gewitter und Starkregen) ausgeblieben. Nur auf dem letzten Kilometer fängt es zu regnen an.

Wettertechnisch ist Jena sowas von langweilig.

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