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„Der Freischütz“ , Oper von Carl Maria von Weber , dargeboten vom Universitätschor und -orchester Jena

Jeden Sommer gibt Universitätsmusikdirektor Sebastian Krahnert mit seiner Mannschaft, der Akademischen Orchestervereinigung und dem Universitätschor eine Oper  zum Besten – im Innenhof des UHG. Dort sitzt es sich schön  – wenn bei der Opernaufführung auch recht eng und kuschelig.

Danke an G,, der im Orchester die tiefen Streicher unterstützt und gleichzeitig in einem anderen Chor mein Sangesbruder ist. Er hat mich noch aufmerksamer gemacht und ich habe mir rechtzeitig eine Karte gekauft, um dann auch hinzugehen. Baldige Planung und ein dicker Vermerk im (analogen) Kalender : dann klappt es auch im stressigen Unialltag mit dem Opernbesuch!

„Der Freischütz“ ist meine absolute Lieblingsoper. Viele Hits sind darin enthalten von denen ich mir wünsche, sie mal selbst singen zu dürfen… aus vollem Halse „Victoria“ singen, das wäre es mal! Allerdings war ich zu Beginn gespannt, wie die Inszenierung aussehen würde. Großartiges erwartete ich nicht, denn auch wenn einige Profis mit dabei waren so konnte es keine professionelle Bühne sein.

Im Hintergrund: Schattenbilder von Bäumen, die auf den Wald hindeuten. Die Säulen der Arcaden im Universitätshauptgebäude = UHG (die alte Uni, das ehem. Fürstenschloß in Jena) ist im Sommer immer mit Wein bewachsen – das paßt gut zum Bühnenbild. Die künstlichen Baumstämme am Bühnenrand wirken eher grotesk: ein paar Mal stoßen die Sängerinnen und Sänger dagegen und die Plastikbäume biegen sich… fast schon wieder lustig (fast ein Gummibaum-Wald 😉

Bei der Ouvertüre schon fällt auf, wie gut die Musiker_innen drauf sind. Und das bei der Hitze. Wow! Das schöne Klangbild setzt sich die ganze Oper hindurch fort. Da sitzen nicht nur Profis drin und sie klingen viel, viel besser als das Profiorchester, das ich vor Jahren bei „Manou Lescaut“ in Gera gehört hatte! Großes Plus für die instrumentale Musik. Beim Gesungenen nicht immer…

Am Anfang kommen alle auf die Bühne gelaufen, um den siegreichen Schützen mit dem Lied „Victoria“ zu feiern. So schön wie es klang: das Lied hätte noch freudiger ausfallen können, am Ende wären ein paar laute Jubelrufe schön gewesen. Der Sieger beim Schießen ist dann auch seltsamerweise ein US-Soldat, der großspurig in seiner Uniform auftritt und dem nicht viel außer „Fucking Germans“ einfällt. Das allein wäre noch ok, aber warum muß er einen angedeuteten Hitler-Gruß machen und blöd lachen dabei?? Der Hitler-Gruß ist auch im Theater nicht lustig! Dass er mit einer der Damen anbandelt… na das kennt man ja. Also diese Figur hätte man getrost rauslassen können!

Damit aber nciht genug mit Gotesken in dieser Oper.

Die Jäger sind von Anfang an nur in Anzüge gekleidet. Keine Jagdkleidung, kaum Waffen, keine Hüte…Anfangs ist das noch erträglich, aber WARUM muß bei der Hochzeitsfeier der Jägerchor aus – oh Schock einem Heer aus häßlich braun, braun-grünen Anzügen mit roten Krawatten bestehen?? Diese häßlichen furchtbaren Anzüge würden – ohne rote Krawatte – übrigens auch zu einem reaktionären CDU-Parteitag in den 1950er Jahren im Westen passen.  Noch dazu hat der Jägerchor einen Pseudo-Chorleiter, der vom Förster angewiesen wird, mit dem Chor das Singen anzufangen. Das muß schief gehen – und so klang es dann leider auch. Gerade einer meiner Hits dieser Oper ist so mißlungen: die Höhen stimmten nicht, das Tempo mit dem Orchester auch nicht. Fast wirkte es so, als sollte es so sein, als sollte dieses Lied lächerlich gemacht werden. Grundsätzlich ist sowas in Ordnung – aber nicht beim Freischütz!

Die Damen sitzen bei der Hochzeitsfeier getrennt, so wie sich das für eine traditionelle Gesellschaft gehört. Sie tragen immer noch die Kleiderschürzen, Schürzen und Kopftücher vom Anfang. Ännchen, die Freundin der Braut Agathe, trägt ein rosa Kleid, das aber ob der dazu getragenen Kampfstiefel nicht niedlich wirkt.  Keine Festkleidung bei den weiblichen Gästen? Nur die Braut in Weiß gekleidet, aber ohne schöne Frisur? Warum das so ist, wird klar, als der Tisch oberhalb der sitzenden Frauen mit einem roten Tuch gedeckt und im Hintergrund an die Wand der  leicht lädierte aber noch lesbare Schriftzug „Nie wieder Krieg“ hingehängt wird.

Oh nein Leute, das ist jetzt nicht Euer Ernst, die Hochzeit im „Freischütz“ als SED-Parteitag (oder eben eine sozialistische Veranstaltung) zu inszenieren??? Sozialismus-Verarschung? Die Damen und Herren des „Festkommitees“ sind natürlich alle feiner angezogen, aber sehr zurückhaltend im Stil, nichts auffälliges. Anfangs dachte ich noch, ganz rechts am Tisch sitzt eine Vertreterin des sozialistischen Bruderlandes aus dem fernen China.

Jetzt ging mir auch auf, warum die weiblichen Hochzeitsgäste immer noch ihre Kittelschürzen anhaben. Das ist ARbeitskleidung, in deren Taschen sie immer ein Gartengerät, eine Schere oder sonst ein kleineres Werkzeug haben, allzeit bereit, den Sozialismus weiter aufzubauen. So gehört sich das als ordentliche DDR-Staatsbürgerin. Genauso wie die Katholikin immer schön brav zuhause Mann, Kind und Haus zu versorgen hat. Meine CSU-wählende weibliche Verwandtschaft trug auch diese häßlichen Kittelschürzen.

Zu den Sänger und Sängerinnen:

Leider versteht man Ännchens Text nciht so gut – aber die Einzelstimmen klingen wunderbar! Die Höhen stimmen, ich hörte gern zu. Ännchen ist auch etwas frech zu Max, spöttisch… nun, sie hat es leichter, denn sie ist ja nciht in ihn verliebt!  Eine sympatische Rolle. Der asiatische Sänger als Max: tolle Stimme! Dass man bei den Sprechtexten den Akzent hört, ist unwichtig. Total witzig ist der Jungfernchor, weil die Sängerinnen eben so unbeholfen auf die Bühne kommen. Das sorgt für ein paar Lacher im sonst stillen Publikum (huch, die neben mir war auch grad laut – ooooh!) Toll gemacht!

Der Sänger des „Kaspar“ hat einen tollen Baß: tief und voll klingt seine Stimme. Allerdings muß man als Zuschauer_in fast Mitleid haben, wenn man diesen dicken Mantel sieht, in dem er steckte.. Schön die Inszenierung in der „Wolfsschlucht“, als die Freikugeln gegossen werden sollen: Im Zwischenraum der verschiedenen Bühnenebenen sieht man den Chor, als Untote verkleidet im roten, nebeligen Licht. Das sorgt für den richtigen Grusel. Allerdings könnte die Nebelmaschine leiser sein…. Guter Einfall war auch , Samiel mit einer Schauspielerin zu besetzen. Im hochgeschlitzten, eng anliegenden glanzenden Lackkleid, langen Handschuhen und hochhackigen Pumps (hui, dass die nciht gestolpert ist bei den verschiedenen Bühnenebenen!) tritt sie auf und lacht Kaspar aus. Sie hat die Macht und alle Gewalt über die Anwesenden. Es bleibt jedoch rätselhaft, warum sie zu Anfang und Ende des Stücks als eine Art Engel mit schmutzig-weißem Kleid und einer schwarz-rot-goldenen Borte um den Körper auftreten muß….als die dumpfe Ahnung, als ein Zukunftsgespinst, als Prophezeiungsengel für das Ende des Sozialismus und dem Anschluß an die BRD (und somit auch an die „soziale Marktwirtschaft“ bzw. dem Kapitalismus)?

Und der am Tisch des „Festkommitees“ stocksteif sitzende, zuerst schweigende, in grauer, kragenloser Jacke bis oben hin zugeknöpfter Mensch, der aussah wie der Klischee-Kommunist selbst (immer grantig blicken, langweilige, militärartige Kleidung tragen, höheren Posten in der Partei haben), der soll dann zum Schluß der Eremit sein, der das Paar Agathe und Max erlöst?? Also nee!

Der gesungene Text ist nunmal auf die Kirche, auf den Eremiten, der ein christlicher Geistlicher ist, zugeschnitten! Um die Kirche kommt man in dieser Oper nciht herum, es gibt nur Gut und Böse, keine Schattierungen. Dafür ist es eben eine romantische Oper, die ich an sich gern habe. Es ist klar, dass jede(r) sein Hirn bezüglich moderner, gerechter Geschlechterverhältnisse u.a. vorher ausschalten muß. Dafür ist es eine Oper. Grundsätzlich finde ich auch moderne Inszenierungen gut; so hat es vor Jahren am Stadttheater Fürth  HÄndels „Acis und Galatea“ sehr gut getan, „The Plains“ (die Weiden mit Schafen) in eine Nachtbar zu verlegen.

Aber bitte: nicht beim Freischütz. Wenn das mit dem Eremiten, der als strenger Parteivorsitzender daherkommt (warum mußte ich an so Kröten wie Honnecker oder Breschnev denken?) Satire sein soll… oder versteckte Kirchenkritik ums Eck… hm. Bitte nicht beim Freischütz! Mein Traum ist noch nicht wahr geworden. Ich möchte den „Freischütz“ mal auf der Freilichtbühne Wunsiedel sehen. Mit Felsen, mit Wald… und hoffentlich „richtigen “ Jägern und Frauen, die auch Festkleidung tragen dürfen.

Die Musik war meist sehr schön. Aber bei der Inszenierung vergebe ich einige Minuspunkte.

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DER FREISCHÜTZ, Oper von Carl Maria von Weber,

noch zu sehen am Samstag, den 4. Juli um 21 Uhr im Innenhof des UHG in Jena.

http://aov.mleo.net/index.php?option=com_content&task=view&id=11&Itemid=28

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