Allgemein

Theaterhaus Jena 14. Februar 2015: Bekenntnisse

Eine Lehrerin, die am letzten Tag des Schuljahres verkündet, dass sie ab sofort nicht mehr in der Schule für diese Klasse arbeiten werde, der Mord an ihrer Tochter Jana im Schulschwimmbecken, den die Polizei für einen Unfall hält… das ist die Ausgangssituation beim neuen Stück „Bekenntnisse“ , eine Produktion des Jugendtheaterclubs teenpark am Theaterhaus Jena. Die Lehrerin  mit Namen Raha verkündet, dass sie in alle Milchpäckchen der SchülerInnen Blut mit Aidsviren, das von ihrem Lebensgefährten stammt, versetzt hat. Die Schüler, die sie für die Mörder ihrer Tochter Jana hält, bezeichnet sie als „Schüler A“ und „Schülerin B.“ Diese Anonymisierung zeigt, dass jeder und jede einen Mord begehen könnte. Die Schüler und Schülerinnen sind erst mal geschockt, das ist klar. Die Verseuchung der Trinkmilch ist erst der Anfang eines perfiden Rachefeldzugs.

Doch der Reihe nach.

Wie konnte es zu dem Mord an Jana kommen? Warum wurde eines der schwächsten Mitglieder dieser Schul-Gesellschaft ermordet? Ist die Rache von Lehrerin Raha gerecht?

Matthias Pick, der Regisseur des Stücks „Bekenntnisse“ sagte mir im Interview mit Radio Lotte Weimar, dass das Stück „Bekenntnisse“ bei dem angesiedelt sein soll, was die Schüler und Schülerinnen aus  Jena schon kennen: eben die Schule. Und es sind Themen, die auch eben das Zusammenleben in der Schule betreffen: Enttäuschungen, Mobbing, Verachtung für den Lehrer, Wut, Haß. Einen Mord zu verüben, weil man enttäuscht ist, das ist schon extrem, das kommt in der Realität nicht unbedingt vor. Einige der Schauspieler nennen die Geschichte zu „Bekenntnisse auch „krass.“ Wie die Schüler_innen als Schauspielerinnen mit diesem harten Stoff umgegangen sind, das hatte ich Matthias Pick auch gefragt.

Interview mit Regisseur Matthias Pick:

https://www.dropbox.com/sh/3afqmf716infqz7/AAD48xtTpaz0ep6f42KaEE7ea?n=391610019

Die Bühne, das ist eine Sporthalle. Auf dem Boden ein pinkes Feld mit bunten Linien, wie für verschiedene Ballspiele gemacht, um Felder, z. B. das Feld um ein Tor, abzugrenzen. in der Mitte steht ein Hochsitz wie beim Tennis. Die verschiedenen Figuren stehen zeitweise auf dem Hochsitz, wenn sie reden – und wenn es gerade um hervorgehobene Monologe geht.

Meist sind es Monologe, seltener Dialoge, die auf der Bühne vorgetragen werden. Wie im antiken Theater stehen die Schauspieler_innen dort, mit Blick auf´s Publikum.Manchmal sprechen sie auch im Chor. Dennoch wird es nicht langweilig… dafür sorgt die Geschichte selbst, bei der nach und nach immer mehr Hintergründe zum Vorschein kommen; warum gerade die 4jährige Tochter Jana der Lehrerin Raha sterben mußte, wieso „Schüler A“, Jakob, einerseits intelligent und Preisgewinner bei einem Forschungswettbewerb sein und gleichzeitig so grausam sein kann, indem er mit seiner Erfindung streunende Katzen quält und tötet. Musik ist auch dabei, und dabei recht gute! Meine Freundin D. hörte u. a. Nirvana heraus 😀 Ich hätte glatt mittanzen mögen, als der Abschlußball der Schule imitiert wurde. Der Schauspieler des Jakob schaffte es sogar, auf dem Hochsitz abzurocken ohne runterzufallen ;-)))

Die Kritik der OTZ, der örtlichen Lokalzeitung („Ostthüringer Zeitung“) ist mal wieder grottenschlecht, weil der Autor vieles nicht beachtet. Da fragt man sich wirklich, ob und was die in der Birne haben! Nur oberflächliches Gelaber, so unter dem Motto „toll was die Jugendlichen dort machen, dann hängen sie nicht auf der Straße rum und sind nicht kriminell. Ach ja, um ein Beziehungsgeflecht und Rache geht es. Ach nee….Um Beziehungsgeflechte geht es IMMER im Theater! Sonst hat man nichts zu erzählen! Aber  nicht nur. Es geht auch um die Hintergründe. Und die sind verdammt wichtig! Denn die wenigsten Menschen töten aus Spaß am Töten.  Und wenn man schon von einem „Beziehungsgeflecht“ schreibt, dann sollte man auch was anderes noch bedenken: warum das Zusammenleben in dieser Schule nicht wirklich funktioniert hat und durch den Mord an der 4jährigen Jana immer mehr zerfällt.

Nach dem Weggang der Lehrerin Raha kommt ein neuer Lehrer in diese Klasse. Schon bevor er den Mund aufmacht weiß jeder im Zuschauerraum, was für eine Tröte der ist… ein totaler Idealist, geblendet von zuviel Gutmenschentum, zuviel von dem sogenannten „Positivem Denken.“ Solche Menschen nerven gewaltig, genauso wie die Gegenstücke dazu, die  Dauer-Grantler. Doch seine Naivität, die so nervt und eine Schülerin, die mit für den Mord verantwortlich ist, genannt „Schülerin B“, fast in den Tod treibt, hat noch eine andere Ursache:

Die Sprachlosigkeit, die Nicht-Kommunikation.

Man merkt, dass niemand, erst recht nicht das Lehrerkollegium, den neuen Lehrer über die Vorgänge vom vergangenen Schuljahr informiert hat. Absolut realistisch. Es wird nicht über Probleme, Verletzungen gesprochen, nicht zwischen Lehrern und Lehrern, nicht zwischen Lehrer-Schüler, Lehrern und Eltern; erst wenn das Unheil, wie ein Mord passiert ist, dann werden Briefe an den „lieben Sohn“ z. B. geschrieben. Sehr traurig. Und auch irgendwie ein Armutszeugnis für diese Gesellschaft, die offensichtlich denkt, durch Verschweigen würden sich Probleme in Luft auflösen. Die nach einfachen Lösungen sucht, wo es keine gibt (Sündenböcke haben ist sooo praktisch!) . Oder die Schuldigen laufen vor ihrer Verantwortung davon (z. B. vor der Verantwortung, ein Kind groß zu ziehen und zu erkennen, dass es nichts für die Tatsache, dass seine Mutter ihren Beruf aufgeben mußte, kann) Und dann tatenlos zuschaut, wenn schlimme Dinge passieren oder Vorverurteilungen trifft ohne hinter die Fassade zu schauen.

Schüler-Gruppen sind oft für Außenstehende schwer zu durchschauen, erst recht für Lehrer_innen. Ihnen gleich totale Bosheit zu unterstellen, wie es die Lehrerin Raha macht… naja. Jugendliche sind eben noch keine Erwachsene, deshalb kann man ihnen wohl nicht die volle Schuld an ihren Taten geben.

Der Hintergrund zum Leben von „Schüler A“ hat mich besonders interessiert.

Der Frust seiner Mutter über die abgebrochene Berufstätigkeit ist verständlich – aber das eigene Kind ist doch nicht schuld daran! Es sind die Verhältnisse, die eine Frau beruflich abhängen, wenn sie sich für ein Kind entscheidet.

Das hat der – sonst so intelligente Jakob – wohl nicht durchschauen können mit seinen vielleicht 13 Jahren….. Keine Anerkennung von der Frau, die einen geboren hat zu bekommen, das ist wirklich bitter. Schade, dass man im Stück nichts von Jakobs Vater erfährt; der ist ihm wohl „zu gewöhnlcih“ , einer von diesen „Idioten“, weshalb er ihn bald vergißt. Manchmal könnte man auch in der Realität zu dem Schluß kommen dass man es auf dieser Welt nur aushält, wenn man eine gewisse Verachtung den Mitmenschen gegenüber hat.Ich habe den Eindruck, dass man das Verhalten von „Jakob“ – so krass es auch ist –  nur nachvollziehen kann, wenn man selbst kaum oder keine Anerkennung von seiner Mutter hat.

Doch so einsam dieser Schüler ist, so unnahbar ist er. Und die Wahrheit über sein Tun, über das, was er wirklich will, die erträgt er leider gar nicht; auch wenn seine Mitschülerin ihm das freundlich sagt….  es endet tragisch, ähnlich wie bei Shakespeare.

Gute Idee übrigens, vorher Milchpackungen ans Publikum zu verteilen… war witzig und unheimlich zugleich 😉

Gut, dass es ein Jugendtheater gibt! Die Spielfreude war allen Mitgliedern anzumerken. Und auch wenn es ein harter Stoff ist, geht man als Zuschauer-/in angeregt, aber nicht völlig depressiv und gefrustet aus dem Theater.

Wie es ist, Rollen zu spielen, die man selbst nicht so einfach nachfühlen kann (weil man schlicht und einfach zu jung ist dafür), dazu gibt es ein Interview mit einer Schauspielerin und einem Schauspieler.

https://www.dropbox.com/sh/gwntxvoiexzj68k/AAClGYbek0VjYoO_l3sv0tB5a?n=391610019

Nächste Vorstellungen „Bekenntnisse“ des Jugendtheaterclubs teenpark:

– Dienstag 25.02.2015 20 Uhr Theaterhaus Jena

– Mittwoch 26.02. 20 Uhr Theaterhaus Jena

Pardon für die schlechte Fotoqualität… als Radiomensch vergißt man gern eine Kamera und dann muß das „freundliche Telefon“ mit seiner Kamera herhalten….

WP_000056

???????

Da der Charakter der Lehrerin Raha so vielschichtig ist, wird die Lehrerin von 3 Schauspielerinnen dargestellt.

??????????????h  ?????????????b

Die beiden Figuren des Stücks, die als Mörder gelten: Clara, von Lehrerin Raha „Schülerin B“ und Jakob, „Schüler A“ genannt.

A.St. -14.02.2015

Advertisements
Standard

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s